Zur Ausgabe
Artikel 23 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FAHNENFLUCHT Monokel und Melone

aus DER SPIEGEL 8/1968

Sie waren Gefreite in Göttingen und suchten die Freiheit in Stockholm. Sie sind noch Deutsche und wollen Schweden werden. Drei Deserteure, bis vor kurzem sogar ihren Kameraden daheim nicht aufgefallen, genießen jetzt fern der Heimat vor Fernsehkameras und Mikrophonen den Ruhm der Fahnenflucht:

> Helmut Guttzeit, 21, aus Immichenheim (Oberhessen), Abiturient des Albert-Schweitzer-Gymnasipms in Alsfeld;

> Peter Liesske, 22, aus Wuppertal-Barmen, Oberschüler ohne Abschluß;

> Hans-Joachim Willems, 21, aus Wetter (Ruhr), Abiturient des dortigen Gymnasiums.

Sie dienten 13 Monate lang in der 3. Kompanie des Göttinger Panzergrenadierbataillons 41. Sie fuhren vor drei Wochen in einem Opel Kadett (Eigentümer: Vater Willems) über die dänische Grenze gen Schweden. Doch erst am vorletzten Wochenende wurden sie in ihrem Vaterland als vermißt gemeldet: Zwölf Tage lang war die Ausreise der Göttinger drei das gemeinsame Geheimnis der Bundeswehr und einer privaten Sammelstelle für Deserteure in Schweden.

In Stockholm suchten sie nachts eine Bleibe: Erst schliefen sie für 6,50 Mark pro Kopf in Herbergs-Betten des Christlichen Vereins Junger Männer. Dann nächtigten sie auf den Sitzen ihres Kadetts. Schließlich fanden die Obdachlosen Unterschlupf bei linken Schweden.

Und tagsüber versuchten die Twens in der Fremde und die von ihnen verlassene Einheit daheim, die Motive der Flucht zu erklären.

Ein Reporter des sozialdemokratischen Stockholmer »Aftonbladet«, dem die drei Deutschen ein Interview gaben, schrieb, sie hätten »alten Nazi-Offizieren nicht gehorchen« wollen. Flugs dementierte das Trio den Dienstgrad: Sie seien nicht wegen der Offiziere, sondern wegen »neonazistischer Unteroffiziere« geflohen. Über Sätze wie »Die Fahne ist mir heilig« und Befehle wie »Dreißigmal um den Lkw, marsch, marsch!« hätten sie sich empört.

Und vor allem über uniformierte Anhänger von Thaddens und Thielickes hätten sie sich entrüstet. Die Ex-Grenadiere wollen in ihrer Göttinger Kaserne von einem Unteroffizier die Losung gehört haben: »Nächstes Mal wählen wir Nationaldemokraten.« Und der Versuch des Hamburger Predigers Professor Thielicke, sich und den Gottesdienst in Hamburgs St.-Michaelis-Kirche ("Michel") von Bundeswehroffizieren in Zivil vor linken Studenten schützen zu lassen, »kennzeichnet die ganze Richtung« (Guttzeit).

Hauptmann von Falkenhayn, 29, Kompaniechef der Schwedenfahrer, und Oberstleutnant Meise, ihr Bataillonskommandeur, können sich den Vorfall bis heute nicht erklären. Die drei Gefreiten seien -- so der Hauptmann über seine Helden -- »keine Sorgenkinder« gewesen. Nur Willems habe einmal seine Patronen vergessen und 20 Mark Strafe zahlen müssen.

Daß in der Ziethen-Kaserne Soldaten irgendwann dreißigmal um einen Lkw laufen mußten, hält von Falkenhayn, der seine Kompanie »gut zu kennen« glaubt, für »unmöglich«. Daß gelegentlich ein Unteroffizier für die NPD Reklame gemacht hat, hält Hauptmann von Falkenhayn hingegen für »denkbar«.

Aus Schweden können die Offiziere über ihre Entlaufenen kaum Aufschluß erhalten: Für Stockholms Ausländerpolizei gelten die Deserteure -- die keinen Paß, nur ihren Bundespersonalausweis hatten -- noch neun Wochen lang als Touristen, die nicht einvernommen werden. Die Deutsche Botschaft bat deshalb die Ausländerpolizei vergebens um Auskunft.

Betreut werden die drei von dem Stockholmer Journalisten James de Gaalitzi, 52. Der elegant gekleidete, mit Monokel und Melone ausgerüstete Zivilist ist in der NS-Zeit nach Schweden emigriert und mit einer Schwedin verheiratet. Er entscheidet darüber, ob und wem seine drei Musketiere Interviews geben.

Gaalitzis Schützlinge gehören in Stockholm zu einer internationalen Brigade von Fahnenflüchtigen, die sich dort seit dem vergangenen Jahr gesammelt hat. Vor den drei Deutschen waren schon 23 Amerikaner gekommen, die meisten aus US-Garnisonen in der Bundesrepublik. Anfang Februar gesellte sich ein ägyptischer Oberst dazu.

13 von 23 Amerikanern haben mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Dazu verhalf ihnen der prominente Stockholmer Rechtsanwalt Hans Göran Franck, der sich jetzt auch um schwedische Papiere für die Deutschen bemühen wird. Wer sie besitzt, erhält vom Staat Not-Kronen: 82 (umgerechnet 64 Mark) pro Woche.

Nach sieben Jahren Aufenthalt kann die schwedische Staatsbürgerschaft beantragt werden. Die drei Deutschen, erst drei Wochen im Lande, träumen schon davon. Sie haben auch schon feste Studienpläne. Willems möchte Soziologie, Liesske Sprachen und Guttzeit an der Stockholmer Kunstakademie studieren.

Freilich: Ob sie in neun Wochen, wenn sie nicht mehr als Touristen gelten, überhaupt Asyl erhalten werden, ist noch nicht sicher. Und falls sie nicht seßhaft werden dürfen, wissen sie nicht, was sie tun werden. Sie wissen nur, was sie nicht tun werden: Sie wollen nicht in die Bundesrepublik zurück, wo sie mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren rechnen müßten; und sie wollen nicht in die DDR übersiedeln, obschon sie -- laut Helmut Guttzeit -- »alle Marxisten« sind.

Inzwischen haben die Eltern und die älteren Kameraden ausgerechnet, wann die drei Wahl-Schweden die jetzt im Norden gewonnene Freiheit auch daheim hätten haben können.

Für Willems wäre schon im April der Militärdienst vorzeitig zu Ende gewesen, weil er sich an der Ruhr-Universität Bochum immatrikulieren lassen wollte. Liesske wäre nur bis Juni Soldat geblieben, und Guttzeit nur bis Dezember: Er hatte seinen Dienst freiwillig um sechs Monate verlängert und wäre demnächst Cheffahrer beim Hauptmann geworden.

Fahren kann er auch in Schweden: Mit-Deserteur Willems hofft, daß ihm sein Vater das Flucht-Auto läßt.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.