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EUROPA / CHALFONT Monopol auf gemein

aus DER SPIEGEL 46/1967

»Ihr Herren Engländer, laßt das Schießen sein«, riet de Gaulles Hausblatt »La Nation« vorletzte Woche den nach Europa drängenden Briten. Denn: »Wir leben nicht mehr in der Zeit von Fontenoy.«

Bei Fontenoy in Flandern hatte der französische Marschall Moritz Graf von Sachsen 1745 unter den Augen seines Herrn Ludwig XV. die Engländer besiegt. Jetzt schossen die Briten entgegen der »Nation«-Warnung weiter -- und besiegten sich selbst.

In Zimmer 109 des Hotels »Beau Rivage« zu Lausanne empfing Englands Europa-Minister Lord Chalfont, 47, neun Korrespondenten Londoner Morgenzeitungen zu einem vertraulichen Informationsgespräch.

Kurz zuvor hatte de Gaulles Außenminister Couve de Murville den Kampf gegen Englands EWG-Beitritt eskaliert: Der General spricht den Briten derzeit nicht nur die Beitrittsreife, sondern sogar die Verhandlungsreife ab. Englands Europa-Lord, der zur Efta-Konferenz nach Lausanne gekommen war, mußte entgegnen.

Die Franzosen dürften nicht ein »Monopol der Gemeinheit« genießen, eröffnete Chalfont den Journalisten. Es klang wie: Wir Briten können auch gemein sein.

Im nachfolgenden Gespräch deutete Chalfont derartige »Gemeinheiten« für den Fall an, daß de Gaulle die Engländer endgültig vom Gemeinsamen Markt aussperre. Die Briten könnten dann

> ihre Rheinarmee zurückziehen,

> die Berlin-Frage neu durchdenken,

> ihre übrigen Natoverpflichtungen revidieren und

> anglo-französische Gemeinschaftsprojekte einstellen.

Chalfont sprach etwa eine Stunde lang. Als die Runde zum kalten Büfett schritt, das die Schweizer Regierung im Speisesaal des »Beau Rivage« anbot, begriff Chalfont: Die Reporter empfanden seine Bemerkungen als Sensation und entwarfen bereits Schlagzeilen.

Der Minister hatte sich zwar gewünscht, daß seine »Gemeinheiten« publik werden sollten, aber nicht in Form von Nachrichten, sondern als Anregungen für Leitartikel.

Unheil ahnend, bat er die neun Presseleute um 23.30 Uhr noch einmal hinauf ins Zimmer 109. Er betonte, er habe zuvor nur seine eigenen Gedanken und nicht Perspektiven der Regierungspolitik dargelegt. Je mehr er jedoch dementierte, um so mehr stieg der Argwohn der Journalisten. Einer sagte: »Dahinter steckt Wilson.« Am übernächsten Tag ereignete sich, was Ex-Journalist Chalfont

bis 1964 war er unter seinem bürgerlichen Namen Alun Gwynne Jones Militär-Experte der »Times«, dann wurde er Minister und geadelt -- befürchtet hatte. Die Londoner Zeitungen druckten. spaltenlange Berichte über den bevorstehenden Rückzug Englands vom Kontinent.

Einige Korrespondenten reicherten Chalfonts »Gemeinheiten« noch an, indem sie die Anerkennung von Oder-Neiße-Grenze und DDR durch London, einen Sondervertrag mit Rußland, kompletten Auszug aus Berlin und der Nato vorhersagten -- wovon Chalfont nicht gesprochen hatte.

Obwohl die Zeitungen ihre Quelle nicht nannten, wurde sie wenige Stunden nach der Veröffentlichung bekannt. Premier Wilson dementierte, das Foreign Office dementierte, Chalfont bot seinen Rücktritt an, doch der Sturm war nicht mehr aufzuhalten. Die Opposition klagte die Regierung an, sie habe England blamiert und den Franzosen Material für ihre Behauptung geliefert, auf die Briten sei kein Verlaß.

In der Tat mußten Chalfonts Lausanne-Gespräche um so mehr Verwirrung stiften, je genauer man sie las. Der Minister hatte unter anderem gesagt: England könne seine Fähigkeit, gemein zu sein, als »Abschreckungsmittel, nicht als Waffe« benützen, um ein erneutes französisches Veto zu verhindern.

Doch die -- hypothetisch angedrohten Maßnahmen würden in erster Linie Bonn treffen -- das Englands Beitritt zur EWG befürwortet -, aber den eigentlichen Briten-Gegner, General de Gaulle, kaum beeindrucken.

Allenfalls hätte Chalfont beabsichtigen können, Bonn -- unter Strafdrohung -- zu einer energischen Geste gegen de Gaulle und für Englands Beitritt zu veranlassen. Schon berichtete die »Times« über »wachsenden Verdacht« der Deutschen, Wilson könne durch Chalfonts Mund wirklich eine Pression beabsichtigt haben.

Chalfont rief deshalb Bonns Vize-Sprecher Conrad Ahlers an, mit dem er befreundet ist: Der Engländer, ehemals aktiver Oberstleutnant, hatte sich als Militärexperte der »Times« in der SPIEGEL-Affäre bereit erklärt zu gutachten, ob der damalige SPIEGEL-Redakteur Ahlers militärische Geheimnisse veröffentlicht habe.

Jetzt dementierte Chalfont gegenüber Ahlers am Telephon jede Pressionsabsicht der Briten, und Ahlers-Chef Hase dementierte, daß Wilson während des vorausgegangenen Kiesinger-Besuchs in London auch nur den geringsten Druck auf den Kanzler ausgeübt habe.

Nur in Paris wurde Lord Chalfonts Mißgeschick mit Genugtuung quittiert. Der gaullistische Parteisekretär Fanton sprach von »vulgärer und niedriger Erpressung« und machte deutlich: Wer so etwas tue, sei nicht europareif.

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