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Korea Monster mit Hörnern

Nach innen bleibt Nordkorea unter Verschluß. Doch die Industrie des Südens lobt den neuen Herrscher Kim Jong Il.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Wie eine Pompadour im Mao-Look, die Haare zur Tolle toupiert, den Spitzbauch in eine hochgeschlossene Joppe gezwängt, erwies der Sohn des Diktators dem aufgebahrten Vater die letzte Ehre. Es war der erste öffentliche Auftritt des 52 Jahre _(* Kim Jong Il (3. v. r.). ) alten Kim Jong Il seit dem Tod des von seinem Volk vergötterten nordkoreanischen Alleinherrschers Kim Il Sung.

Die Totenwache war mit Bedacht inszeniert. Flankiert vom Verteidigungsminister und vom Premier des letzten stalinistischen Regimes, nahm der jüngere Kim Beileidsbekundungen im Präsidentenpalast zu Pjöngjang entgegen.

Rund 200 Kilometer weiter südlich, im verfeindeten kapitalistischen Bruderstaat, fanden die Bilder der Trauergemeinde weit mehr Beachtung als der Leichnam des verstorbenen Staatschefs. Würde der von Kim Il Sung noch zu Lebzeiten als sein Nachfolger auserkorene Sohn, der »geliebte Führer«, so unangefochten und uneingeschränkt herrschen können wie sein Vater?

Der Seouler Sender SBS fesselte seine Zuschauer mit Standbildern des vom Norden freigegebenen Filmmaterials: Köpfe wurden rot umkringelt und mit Namen versehen, Daten zur Partei- und Militärkarriere folgten. Aus der protokollarischen Rangfolge am Sarg des Despoten suchten die Moderatoren abzuleiten, wer in Zukunft zu den Mächtigen jenseits der demilitarisierten Zone zählen würde.

Diese Kaffeesatzleserei ist für südkoreanische Nordkorea-Experten und ihre westlichen Berater eine lang geübte Notwendigkeit. Denn in 46 Jahren totalitärer Herrschaft hatte Kim Il Sung die an China und Rußland grenzende nördliche Hälfte der Halbinsel gegen Einblicke und systemgefährdende Einflüsse abgeschirmt.

Nach Satellitenaufnahmen gibt es im Land Gefängnisanlagen für bis zu 150 000 Häftlinge. Menschenrechtsorganisationen berichten von einer Drei-Klassen-Gesellschaft - unterteilt in »Kerngruppe«, »Unzuverlässige« und »Feindselige«. Presseerzeugnisse aus dem Westen sind verboten, mit Radio- und Fernsehgeräten lassen sich nur Staatsprogramme empfangen. Die abgeschottete Bevölkerung glaube tatsächlich, so ein bis 1989 in Nordkorea stationierter DDR-Diplomat, die Südkoreaner würden sich noch »aus Mülltonnen ernähren«.

Mit allen Anzeichen der Verzweiflung strömten Zehntausende auf den großen Platz vor dem Revolutionsmuseum von Pjöngjang. Vor dem überlebensgroßen bronzenen Abbild des Mannes, der sich so lange wie kein anderer zeitgenössischer Diktator an der Macht behauptet hat, fielen sie schluchzend auf die Knie. Den Eindruck vom götzenhaft verehrten, hysterisch betrauerten Übervater konterte das südkoreanische Fernsehen mit der Unterzeile: »Diese Bilder sendet Pjöngjang zu Propagandazwecken.«

Seit der im stalinistischen Rußland ausgebildete Partisan Kim Il Sung 1950 vergebens versucht hatte, das von Amerikanern und Sowjets nach dem Zweiten Weltkrieg geteilte Land gewaltsam zu vereinigen, trennt ein Graben aus Minen, Stacheldraht und Mißtrauen die beiden Koreas. Daß der omnipotente Herrscher noch im Alter von 82 Jahren staatstragendes Charisma hatte, müssen selbst konservative Leichenfledderer eingestehen.

Der designierte Nachfolger Kim Jong Il dagegen ist so unberechenbar wie ausgelaufenes Quecksilber. Das Vorhaben der CIA, ein Persönlichkeitsprofil mit Hilfe von Stimmanalysen anzufertigen, scheiterte an mangelndem Bandmaterial. Bisher ist nur ein einziger, anläßlich einer Militärparade 1992 geäußerter Halbsatz des Erben aufgenommen worden.

Amerikanische und südkoreanische Geheimdienstberichte porträtieren ihn als Lebemann, Kinonarr und Terroristen. Sein Bild vom Rest der Welt soll Kim Jong Il im wesentlichen aus seiner 20 000 Bänder umfassenden Videothek beziehen. Da er nicht gedient hat, ist sein Rückhalt im Militär gering. Obwohl seit 1991 Oberbefehlshaber der nordkoreanischen Streitkräfte, war er nie in Panmunjom, dem Waffenstillstandsdorf an der mit 1,8 Millionen Soldaten bestbewehrten Grenze der Welt.

Informationen wie diese erweckten zunächst Skepsis, ob Kim Jong Il durchsetzungsfähig genug sein würde, das Vermächtnis des Vaters anzutreten. Zumal dessen Tod 17 Tage vor einem geplanten Gipfeltreffen zwischen den Staatschefs beider Länder zu Spekulationen über ein mögliches Mordkomplott Anlaß gab.

Der Aufmarsch der Trauergemeinde zerstreute die Zweifel: Geschlossen hinter dem Sohn standen am Sarg des Vaters sämtliche Militärs, alle wichtigen Größen aus Partei und Verwaltung. Selbst die ambitiöse Stiefmutter war dabei, deren Konterfei Kim Jong Il einst aus offiziellen Gruppenfotos herausretuschieren ließ.

»Es besteht kein Zweifel mehr, Kim Jong Il wird die Nachfolge seines Vaters antreten«, faßte Südkoreas Außenminister die Ergebnisse der Videoanalyse zusammen. Einen Tag später bestätigte die Wortwahl von Radio Pjöngjang: Die Kim-Dynastie war installiert.

Planmäßig und über Jahrzehnte hinweg hatte der Vater seinen Sohn zum Nachfolger aufgebaut. Die Legenden, die Kim Il Sung um seinen Erstgeborenen weben ließ, sollten ihm die fehlende Aura des Halbgotts ersetzen. Bei der Geburt sei »ein leuchtender Stern« aufgestiegen, heißt es in der offiziellen Biographie Kim Jong Ils. Als Geburtsort ist eine Partisanenblockhütte auf dem Paiktu-Berg, dem mythologischen Gründungsort Koreas, ausgewiesen. Tatsächlich kam der jüngere Kim ganz profan bei Chabarowsk zur Welt, wo er unter dem russischen Namen Jura ins Geburtsregister eingetragen ist.

Seit Ende der siebziger Jahre propagiert die Staatspresse ihn als »Fortsetzer des Werks von Kim Il Sung und der koreanischen Revolution«. In Quizsendungen glänzen junge Pioniere durch ihr Wissen um seine Taten und Worte. Ihre Ovationen nimmt er mit der ausdruckslosen Herablassung eines Mannes entgegen, für den Bewunderung selbstverständlich ist.

Nachgesagt wird ihm ein Hang zur Gigantomanie. Sie schlägt sich in architektonischen Projekten wie dem Weiden-Hotel nieder, an dem seit mehr als fünf Jahren gebaut wird: Die Beleuchtung des 105 Stockwerke hohen Gebäudes würde ganz Pjöngjang den Strom entziehen. Daß Kim Jong Il gern größer scheinen möchte, als er ist, darauf deuten die Plateausohlen hin, die er für gewöhnlich trägt. Doch bei allem, was man über ihn weiß oder zu wissen vorgibt: Der Mann bleibt ein Mysterium.

Sechs Monate werde der neue Herrscher im Norden brauchen, um seine Macht zu konsolidieren, mutmaßen die Auguren in Seoul. Der gefürchtete Geheimdienst sei ihm zwar treu ergeben, auch die Militärs habe er durch gezielte Beförderungen auf seine Seite gebracht.

Doch ob der Kim-Erbe sich endgültig Respekt verschaffen kann, wird zum einen davon abhängen, welche Konzessionen er den Amerikanern in der Nuklearfrage abringen kann. Zum andern, ob es ihm gelingt, das Land ausländischen Investoren zu öffnen, ohne das System zu gefährden. Denn das angebliche Paradies auf Erden ist ein Armenhaus.

»Nicht einmal ein Hochzeitskleid können sie sich leisten. Und ihren Reis tauschen sie in China gegen Mais ein; für einen Laster Reis gibt es drei voller Mais«, erzählt Kim Hyun Shin. Vor vier Jahren erreichte die Südkoreanerin ein erstes Lebenszeichen ihres im Norden lebenden Bruders.

Kim, 69, war während des Koreakriegs in den Süden geflohen. Seither hatte sie nichts mehr von ihren zurückgebliebenen Familienangehörigen gehört. Erst nachdem Südkorea diplomatische Beziehungen mit China aufgenommen hatte, gelang die Kontaktaufnahme über eine Kusine in der Mandschurei.

Das Foto, das der Bruder mitschickte und das ihn vor einer reich gedeckten Geburtstagstafel zeigt, suggeriert Überfluß. An den eingefallenen Wangen aber erkannte Kim Hyun Shin, daß er weder genug zu essen hat noch Zähne, um zu beißen. Diskret und ohne Angabe des Spenders ließ sie ihm über die Kusine Geld für den Zahnarzt zukommen. Doch seit der Lebensstandard in der Mandschurei steigt, ist selbst dieser Grenzverkehr nur noch eingeschränkt möglich.

Mißernten, veraltete Technik - die Dreschmaschinen stammen noch aus den vierziger Jahren - und der Zusammenbruch des einst wichtigsten Handelspartners UdSSR haben Nordkorea an den Rand des Ruins gebracht. Weil Devisen zum Kauf von Öl fehlen, werden Laster mit Gas aus Maiskolben betrieben.

Und während der Süden Automobile und Computer in den Westen exportiert, sind im Norden selbst Textilien und Haushaltswaren rationiert.

Ausgerechnet der vermeintliche Psychopath und Playboy Kim Jong Il soll das Land bisher vor dem Schlimmsten bewahrt haben: Er war es, der seit Jahren den Mangel verwaltete.

Südkoreanische Industrielle preisen ihn als Wegbereiter für Wirtschaftsreformen. »Unter seiner Ägide wurde eine Freihandelszone im Norden Nordkoreas eingerichtet. Er entschied, die Leichtindustrie stärker zu fördern. Er war der Architekt eines 1992 verabschiedeten Investitionsgesetzes. Mit Kim Jong Il werden wir über kurz oder lang kooperieren«, sagt Kim Do Kyoung, Leiter des Wirtschaftsplanungszentrums des zweitgrößten südkoreanischen Elektronikkonzerns.

Unter Kim Jong Ils Regentschaft hoffen Firmeneigner und Manager im Süden, sich gleich nebenan ein Entwicklungsland erschließen zu können, in dem die Löhne niedrig sind und die Sprache die eigene ist. Die Pläne für den Aufbau »Nord« sind lange fertig: Danach sollen zunächst Nähereien und Schuhfabriken eröffnet werden, dann Zulieferbetriebe für die Elektronikindustrie und in ferner Zukunft Chemiewerke und Ölraffinerien entstehen.

Vergessen sind die Kinderzeichnungen, die den Herrscher des Nordens als Monster mit Hörnern dämonisierten; verdrängt ist der Anschlag auf den südkoreanischen Präsidenten in Rangun und das Bombenattentat auf Korean-Air-Flug 858, das niemand der 115 Passagiere überlebte. Beide Male soll Kim Jong Il als Drahtzieher gewirkt haben.

Auch den Plutoniumpoker hat der Liebhaber von Spionage- und Actionfilmen angeblich selbst inszeniert - und damit alle Kooperationspläne südkoreanischer Investoren durchkreuzt.

Mit dem Streit um Nordkoreas Nuklearprogramm versuchte Kim, Zeit zu gewinnen, die er nicht hat. Die Strategie, die das Überleben des abgeschotteten Staates sicherstellen sollte, erweist sich immer mehr als Fehlkalkulation: Solange der Atomwaffendisput _(* Am Grenzzaun zu Nordkorea. ) nicht geklärt ist, wird es keine Wirtschaftshilfe für Nordkorea geben. Am Donnerstag kündigte Pjöngjang deshalb seine Bereitschaft zur Wiederaufnahme des Nukleardialogs mit den USA an.

Wollte der Vater noch die Wiedervereinigung mit dem Süden durch Waffengewalt erzwingen, droht dem Sohn die Annexion mangels Finanzen. Bleibt der Fortschritt aus, werde sein Regime stürzen, läßt er ihn ins Land, stürze es auch, glaubt Kim Do Kyoung. »Denn die Menschen werden merken, daß sie ein Leben lang betrogen worden sind.«

Insgeheim trifft Südkoreas Regierung Vorbereitungen für den Tag X. Offiziell hält Seoul auch nach dem Machtwechsel an einer Politik der Annäherung und dem allmählichen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen fest. Sollte dennoch eine plötzliche Übernahme notwendig werden, würde das gesamte Kim-Reich zum Umerziehungslager.

Wirtschaftsflüchtlinge sollen dann an der demilitarisierten Zone abgefangen und zurückgewiesen werden, heißt es in den zuständigen Ministerien. Äcker und Reisfelder würden reprivatisiert, um das Überleben der Kasernierten zu sichern. Zunächst aber müßten 22 Millionen Götzenanbeter lernen, so die Planer im Katastrophenstab, »was Demokratie bedeutet, was Menschenrechte sind und wie man seine Führer wählt«. Y

Lastwagen mit Gas aus Maiskolben betrieben

* Kim Jong Il (3. v. r.).* Am Grenzzaun zu Nordkorea.

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