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ERHARD Montags hart

aus DER SPIEGEL 30/1964

Im Vollbewußtsein seiner Macht als Champion der CDU/CSU bei den nächsten Bundestagswahlen und gestärkt durch das tosende Rede - Duell mit Franz-Josef Strauß auf dem CSU-Parteitag in München (siehe Seite 18), diktierte Bundeskanzler Erhard letzte Woche, daß eine vom CDU-Parteivorsitzenden Adenauer für Mittwoch anberaumte Präsidiumssitzung der CDU nicht stattzufinden habe.

Die Partei-Fronde der Bonner Gaullisten kuschte und fand sich mit einer dürftigen Zwischenlösung ab, die Erhard mit dem amtierenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Barzel verabredet hatte. Die kleineuropäischen Wünsche der Fronde sollen, so bestimmte der Kanzler, in dem routinemäßig zusammenkommenden Montagskreis erörtert werden, in dem sich Erhard, Westrick, Barzel und gelegentlich auch Strauß zu einem Gespräch zwischen Regierung und Fraktion zu treffen pflegen.

Einzige Konzession Erhards: Diesmal, am Montag, dem 20. Juli, solle - neben Außenminister Schröder - auch Altkanzler Adenauer teilnehmen dürfen.

Nur Franz-Josef Strauß und anonyme CSU-Politiker versuchten - wenn auch vorsichtig - gegen »Erhard triumphans« aufzumucken. Dienstag letzter Woche ließ Strauß verbreiten, die CSU sei dafür, »daß über die Europapolitik mit allen für die politische Führung der Union Verantwortlichen gesprochen wird«, und die Presse erfuhr, die CSU: Spitze wünsche, daß am Montag auch Bundesminister Krone, der geschäftsführende CDU-Vorsitzende Dufhues, Bundestagspräsident Gerstenmaier und der CSU-Ur-Gaullist von Guttenberg hinzugezogen würden.

Indes, Erhard hatte an der eigenen Stärke Geschmack gefunden. Er befand, daß die Methode lancierter Zeitungsmeldungen »unmöglich« sei, und entschied kategorisch: keine Vergrößerung des Montagskreises.

Während der Bonner CSU-Prominente Leo Wagner sofort spürte, daß Erhard nicht mit sich handeln lassen werde, und sich deshalb von seinem rauflustigen Münchner Parteichef absetzte - »Nur in einem kleinen Kreis kann über die Meinungsverschiedenheiten konkret gesprochen werden« -, ließ Strauß unvorsichtig verbreiten, er werde dem Montagsgespräch fernbleiben, wenn Erhard nicht seinem Wunsche entspreche.

Erhard war trotzdem nur bereit, über eine Ausnahme mit sich reden zu lassen: über die Teilnahme des geschäftsführenden CDU-Vorsitzenden Dufhues.

Am Freitagmorgen wollte Erhard mit Dufhues frühstücken und Versöhnung in einem gerade acht Tage alten Streit feiern. Doch die beiden Kontrahenten konnten sich über die Versöhnungsmodalitäten nicht einig werden. Das Liebesmahl kam nicht zustande, und Dufhues verzichtete dickschädelig auf die Montagsgesellschaft.

Der Zank, der zu diesem Eklat Anlaß gab, hatte am Mittwoch vorletzter Woche begonnen. Dufhues hatte zusammen mit Heinrich Krone an einer von Adenauer und Strauß veranstalteten Viererkonferenz teilgenommen, auf der beschlossen worden war, den Kanzler von seinem atlantischen Kurs in französische Gewässer zu zwingen.

Besonders ärgerte den Kanzler der Vorschlag von Dufhues, einen deutschfranzösischen Arbeitsausschuß zu bilden, der die Freundschaft zwischen Paris und Bonn wieder beleben sollte. Erhard sah darin einen Versuch, ihm die außenpolitische Initiative zu entwinden.

Über den vermeintlichen Abfall seines Vasallen war Erhard damals so tief enttäuscht, daß er noch in seiner Münchner Rede beiläufig eine Zurechtweisung an die Adresse von Dufhues einstreute. Dem CDU-Parteigeschäftsführer, murrte der Kanzler, biete sich in der Bundes- und Länder-Politik »ein weites Betätigungsfeld«. Manchen Beobachtern schien es, als ob der Kanzler dem CDU-Genossen Dufhues mehr gram war als dem CSU-Chef Strauß. Beide Bayern saßen, Zigarren paffend, nebeneinander. Straußens »Bayern-Kurier": »Der Vorgang ist von Bismarckischer Bedeutungsschwere: Zigarre um Zigarre, Symbol um Symbol...«

Dufhues war danach mehr als verstimmt und fühlte sich von dem undankbaren Schicksal des Vermittlers getroffen, über den alle Streitenden herfallen, wenn sie sachlichen Erwägungen nicht mehr zugänglich sind.

Während des Münchner CSU-Parteitags versuchte, er zu erläutern, warum er eine Woche zuvor die Bildung eines deutsch-französischen Arbeitsausschusses vorgeschlagen hatte: Der Vorschlag hätte einen »Strohballen« bilden sollen, um die Kleinsteuropa-Pläne des Franz -Josef Strauß zu bremsen.

Aber Erhard wollte dies nicht glauben, auch nicht, als ihm Dufhues noch am Abend des ersten Tages der CSU -Landesversammlung seine Motive erläuterte. Noch mißtrauischer wurde der Kanzler, als ihm Dufhues riet, sich in seiner Rede vor den CSU-Delegierten jeder persönlichen Herausforderung Straußens zu enthalten.

Tatsächlich war Erhard durch die Nachrichten über die Verschwörung Adenauers und Straußens, die ihm das Kanzleramt nach Dänemark geschickt hatte, derart alarmiert worden, daß er nach Beratungen mit Außenminister Schröder und seinem Kanzlei-Minister Westrick beschloß, das Verschwörer -Nest frontal anzugehen. Doch ließ er darüber Dufhues im unklaren.

So kam es daß sich Dufhues, als der Kanzler auch ihn in der Donner-Rede vor dem Parteitag attackierte, hintergangen und getäuscht fühlte. Grollend aber Erhards mächtige Position als Wahl-Lok der CDU/CSU respektierend

- beugte er sich dem Diktat des Kanzlers, die von Adenauer einberufene Präsidiumssitzung abzusagen und nur in der Montagsgesellschaft zu debattieren.

Nur einer, der meistbetroffene Außenminister Gerhard Schröder, tat in der letzten Woche in Bonn so, als gehe ihn der Tanz, den Salome Strauß vor Herodes Erhard mit der Bitte um seinen, Schröders, Kopf aufführte, überhaupt nichts an. In der Kabinettssitzung am vergangenen Mittwoch legte er noch einmal seine Politik dar, ohne freilich die Frondeure bei Namen zu nennen. Er ließ jedoch keinen Zweifel daran, daß er die Sitzung des Montagskreises für höchst überflüssig hielt und keinen Anlaß sah, über seine und Erhards Außenpolitik zu diskutieren.

Insbesondere die Zweier-Union ist nach Schröders Meinung mit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag schon gebildet worden. Es gelte jetzt nur, dieses Instrument einer gemeinsamen Politik nutzbar zu machen. Doch sollte sich auch Frankreich um Gemeinsamkeit bemühen.

Schröder konnte sich schließlich nicht verkneifen, dem Durcheinander der außenpolitischen Fronten in christdemokratischen Lager noch eine ironische Pointe aufzusetzen. Er eröffnete seinen Kabinettskollegen, daß nicht Adenauer, sondern er selbst, Schröder, der eigentliche Vater des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages vom Januar 1963 (Elysée-Vertrag) sei.

Adenauer habe seinerzeit der Freundschaft zwischen Bonn und Paris keine Vertragsform geben wollen, weil er gefürchtet habe, dafür im Bundestag keine Mehrheit zu finden. Erst nach langem Drängen sei es ihm, Schröder, gelungen, Adenauer davon zu überzeugen, daß die Mehrheit zu bekommen sei.

Schröders hochmütige Behandlung der

Adenauer-Strauß-Fronde erfüllt selbst seine Freunde gelegentlich mit Bangen: Erhards Schutz, so fürchten sie, könnte sich am Tag nach den Bundestagswahlen als unzureichend erweisen.

Parteitagsredner Strauß, Erhard: »Zigarre um Zigarre, Symbol um Symbol«

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