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ENGLAND / DISKONT-ERHÖHUNG Montags nie

aus DER SPIEGEL 49/1964

Peter Daniell war am Montag der vergangenen Woche im Londoner Börsensaal zunächst völlig unbeachtet geblieben. Denn mit einer einzigen Ausnahme hatte das britische Kabinett den Regierungsmakler immer nur donnerstags zur Börse geschickt, um eine Änderung des amtlichen Diskontsatzes, das heißt des Wechselzinses der Bank von England, zu verkünden.

Erst als am Montag das Diskont -Leuchtzeichen von fünf auf sieben umgeschaltet wurde, erkannte das Börsenpublikum, daß die Labour-Regierung mit der Tradition gebrochen hatte. Premier Harold Wilson sah sich dazu gezwungen, um das englische Pfund - es ist immer noch Grundlage für ein Drittel aller Welthandelsgeschäfte - nicht ausbluten zu lassen.

Trotz der Erhöhung der Importzölle um 15 Prozent (SPIEGEL 45/1964), mit der die Regierung Englands schwindsüchtige Zahlungsbilanz aufbessern wollte, war das Vertrauen in die Pfundwährung nach dem Wahlsieg Wilsons rapide geschwunden. Da Englands Industrieprodukte ständig teurer und mithin auf dem Weltmarkt weniger konkurrenzfähig wurden, rechneten die internationalen Bankiers mit einer baldigen Abwertung.

Vor allem deutsche und französische Spekulanten verkauften am Freitag vorletzter Woche etwa 30 bis 40 Millionen Pfund an den Devisenbörsen, ohne das Geld parat zu haben. Durchweg müssen die Pfundnoten bei solchen Geschäften erst zwei Tage nach dem Verkauf geliefert werden. Die Spekulanten hofften, die Pfunde am Liefertag zu erneut gesunkenem Kurs einkaufen und mithin einen Profit machen zu können. Die Zeitspanne von Freitag bis Mittwoch erschien ihnen absolut gefahrlos.

Unter dem Druck von Spekulation und Kapitalflucht fiel der Pfundkurs am Freitag vorletzter Woche in Frankfurt auf den niedrigsten Stand des Jahres: 11,05 Mark. 20 Millionen Pfund Sterling wendete die Bank von England allein an diesem Tage auf, um durch Stützungskäufe ein weiteres Absinken zu verhindern.

Als Harold Wilson am Wochenende sein Kabinett auf dem Premier-Landsitz Chequers zu Beratungen über die britische Wehrpolitik zusammenrief, hatten die Zahlen der Notenbank trotzdem ein alarmierendes Ausmaß erreicht. Anstatt über wehrpolitische Fragen diskutierten die Minister deshalb plötzlich über Kurse und Zinsen.

Schatzkanzler Callaghan warnte davor, mit dem Diskontsignal bis Donnerstag zu warten: Drei weitere Tage Spekulation und Kapitalflucht würde das geschwächte Pfund nicht aushalten. Die 20 Millionen Pfund, die im September bei den westlichen Notenbanken, dem sogenannten Baseler Club, als kurzfristiger Kredit aufgenommen worden waren, seien ohnehin verbraucht.

Wilson selbst hielt die scharfe Zinsverteuerung nicht zuletzt deshalb für unumgänglich, »um den Ausländern zu zeigen, daß auch wir selbst leiden« ("Financial Times").

Die sieben Prozent Zinsen, zu denen die Bank von England nunmehr Wechsel diskontiert, sollen die Nachfrage auf dem Binnenmarkt ebenso bremsen wie Kredite britischer Außenhandelsfirmen für den Warenimport. Da beispielsweise Hypothekenzinsen und die Zinssätze im Ratengeschäft meist mit dem amtlichen Diskontsatz gekoppelt sind, trifft die Kreditverteuerung nicht nur die Industrie, sondern auch die Durchschnittsverbraucher.

Der Geldabfluß ins Ausland wurde jedoch erst gestoppt, als der Baseler Club den Briten mit einem Kredit von einer Milliarde Pfund beisprang. Am Freitag vergangener Woche hatte sich daraufhin das Pfund in Frankfurt wieder auf 11,09 Mark erholt, und die ersten Millionen Fluchtpfunde kehrten auf die inzwischen höher verzinsten Konten der Londoner City zurück.

Während die deutschen und französischen Baisse-Spekulanten schätzungsweise 16 Millionen Mark einbüßten (Callaghan: »Die haben sich die Finger verbrannt"), hielten sogar vagabundierende Gelder in Mark, Franken, Gulden und Dollar in den Safes an der Themse Einzug. Englands Diskonterhöhung hob das gesamte Zinsniveau auf den zur Zeit höchsten Stand aller Industrienationen.

»Sieben Prozent«, so philosophierte die »New York Times« vergangene Woche, »ein solcher Zinssatz würde selbst vom Mond Geld anlocken.«

Londoner Börse*: Durch hohe Zinsen Geld vom Mond

* Im Bild rechts oben zeigt eine Leuchttafel den neuen Diskontsatz von sieben Prozent an.

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