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USA »Moralischer Zwerg«

Kraftprobe zwischen Fidel Castro und der Exil-Opposition in Miami: Wer bekommt das Flüchtlingskind Elián? Washington signalisiert Einlenken.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Das Haus Nummer 2319 an der Second Street ist ein schlichter Flachbau im Nordwesten Miamis. Der Rasen ist kurz geschnitten, Farbeimer glänzen als Pflanzenkübel. Vor dem Eingang steht neben der meterhohen Mickey Mouse ein Weihnachtsmann aus Plastik.

Derzeit wird die elektrische Lichterkette an der Hausfront von Halogenleuchten überstrahlt. Zwischen den bescheidenen Bungalows der Nachbarn ragen Satellitenmasten lokaler Fernsehstationen in den Himmel. Die Aufmerksamkeit von zwei Dutzend Kamerateams gilt einem schmächtigen Sechsjährigen.

Eingezwängt zwischen Onkel und Tanten, am Hals seiner Lieblingskusine hängend, spricht er nach gutem Zureden endlich jene Worte, die jeder Exilkubaner hören wollte: »Ich will bleiben«, murmelt Elián González leise und blickt zu Boden.

Der inszenierte Auftritt am vergangenen Mittwoch gehörte zu einer Propagandaschlacht, die seit mehr als zwei Wochen um den Verbleib des kleinen Kubaners geführt wird: Soll Elián bei seinen Verwandten in Miami bleiben, oder wird er zu seinem Vater nach Kuba zurückkehren?

Längst ist der Kampf um das Sorgerecht zum Showdown zwischen der Regierung in Havanna und ihren Erzfeinden in Miami eskaliert. Nicht nur für Fidel Castro, auch für die Exilkubaner ist Eliáns Schicksal mit politischem Prestige verbunden: Wer immer den Jungen schließlich erhält, darf einen Etappensieg im fast 40-jährigen Kalten Krieg zwischen Kuba und dem mächtigen Nachbarn im Norden verbuchen.

Der Konflikt begann als menschliche Tragödie: Elián gehörte zu einer Gruppe von 13 Kubanern, deren Boot beim Versuch, über die 90 Seemeilen breite Straße von Florida zu fliehen, kenterte und sank. Zehn Menschen starben, darunter Eliáns Stiefvater und seine Mutter Elizabet Rodríguez, 28.

Er selbst überlebte. Mehr als 24 Stunden trieb Elián auf dem Schlauch eines Autoreifens, bis ihn Fischer vor der Küste von Fort Lauderdale bargen; nach einem Tag im Krankenhaus brachte die US-Einwanderungsbehörde INS den Jungen bei Verwandten in Miami unter.

Die benachrichtigten umgehend Eliáns leiblichen Vater, der in Kuba zurückgeblieben war - nach ihrer Scheidung hatten sich beide Elternteile einvernehmlich um das Kind gekümmert. Zunächst, so die Angehörigen in Miami, war der dankbare Vater dafür, Elián in Florida großziehen zu lassen; zwei Tage später erst bestand Juan Miguel González auf der Rückkehr seines Sohns.

Eliáns Rettung, landesweit als »Wunder vom Erntedankfest« gefeiert, geriet schnell in Vergessenheit. Dafür stürzte der Junge in ein Mühlwerk von Machtinteressen und Intrigen. Um zu beweisen, wie gut er es in seiner neuen Heimat habe, wurde Elián zu seinem sechsten Geburtstag mit Spielsachen überhäuft. Eine kubanisch-amerikanische Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses überreichte - vor laufenden Kameras - eine riesige US-Flagge.

Auf Kuba erschien der Máximo Líder persönlich, um Eliáns Vater zum Geburtstag seines Sohnes zu beglückwünschen. »Ich kann mich an keinen Fall von Aggression erinnern, der so abscheulich, grausam, absurd und kriminell ist wie dieser«, empörte sich der Revolutionsführer und versprach, er werde »Himmel und Erde in Bewegung setzen«, um den Jungen in seine Heimat zurückzubringen.

Zunächst einmal mobilisierte er das eigene Volk. Hunderttausende von Kubanern zogen bei Protestaufmärschen vor die US-Interessenvertretung in Havanna. In Cárdenas, der Heimatstadt Eliáns, versammelten sich seine Schulfreunde weinend um das verwaiste Pult ihres Klassenkameraden, und ein Lehrer schluchzte: »Elián, komm heim.«

»Hier und nicht drüben in den USA sind sein Leben, seine Schule, seine Familie«, versicherte Eliáns Vater unter einem Bild des Revolutionshelden Ché Guevara, »es wird ihm an nichts fehlen.« Die Mutter habe Elián ohne sein Wissen gekidnappt, klagte der 31-Jährige: »Es macht mich wütend zu sehen, dass mein Junge für politische Zwecke missbraucht wird.«

Doch solcher Missbrauch kennzeichnet beide Seiten in dem Familiendrama. Während sein Eintreten für Eliáns Rückkehr dem kubanischen Staatschef eine letzthin kaum gekannte Welle von Sympathie eingebracht hat, bestehen die Exilkubaner auf ihrer alten Maxime: Wer das gelobte Land erreicht hat, muss auch bleiben. Seit 1966 garantiert der »Cuban Adjustment Act« jedem Flüchtling die Aufenthaltsgenehmigung in den USA.

In Miami haben die Castro-Gegner ihre Chance genutzt. Ihr Fleiß machte sie zur erfolgreichsten Einwanderungsgruppe unter den 30 Millionen Hispanics in den USA: Sie erzielen das höchste Durchschnittseinkommen, verzeichnen die niedrigste Arbeitslosigkeit und verfügen über die beste Ausbildung.

Doch mehrere Flüchtlingswellen zwangen die USA, sich mit der Regierung in Havanna über eine Ausreiseregelung am Verhandlungstisch zu verständigen. Seit 1994 erlaubt ein Abkommen jährlich rund 20 000 Kubanern die legale Einreise. Für alle Flüchtlinge gilt seither die Devise »Nasse Füße, trockene Füße": Wer auf See abgefangen wird, den bringt die US-Küstenwache nach Kuba zurück; wer es bis aufs amerikanische Festland schafft, darf bleiben.

Nun könnte Eliáns Schicksal den ohnehin kaum lösbaren Konflikt zwischen Havanna und Washington weiter vertiefen, denn der kubanischen Regierung gilt Eliáns Aufenthalt in Miami als Bruch des Auswanderungsabkommens. »Wenn eine bilaterale Vereinbarung nur von einer Seite befolgt wird«, so Ricardo Alarcón, Präsident der Nationalversammlung, »ist das der Tod solch eines Abkommens.«

Juristen in Miami stimmen Kubas wichtigstem Unterhändler mit den USA zu: »Wir müssen das Recht des Vaters respektieren, sein Kind großzuziehen«, sagt Bernard Perlmutter, Chef der Kinder- und Jugendabteilung an der juristischen Fakultät der Universität Miami.

Auch im US-Justizministerium scheinen die Beamten vom Konfrontationskurs abzurücken. Inspektoren der Einwanderungsbehörde sollen jetzt in Kuba die Ansprüche des Vaters prüfen, US-Präsident Bill Clinton erklärte versöhnlich: »Politik hat in diesem Fall nichts verloren.«

Den kubanischen Aktivisten in Miami gilt schon dieser Satz als eine »Kapitulation vor Castros Erpressung«. Clinton, so schimpfen sie, sei ein »moralischer Zwerg«.

Zusammen mit Eliáns Verwandten haben die Exilkubaner ein hochkarätiges Anwaltsteam angeheuert, das eine Rückkehr des Jungen nach Kuba gerichtlich unterbinden soll. Die Juristen wollen den Fall bis in die höchsten Instanzen durchfechten - ohne Rücksicht auf ihren jungen Mandanten.

Denn für seine Angehörigen im Exil und ihre politischen Unterstützer ist der Junge bereits zu einer Freiheitsikone avanciert. Ihr Anwalt Spencer Eig glaubt, »im Kampf gegen den Totalitarismus« sei Elián »vielleicht der letzte Held des 20. Jahrhunderts«. STEFAN SIMONS

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