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MORD AM STRAND

Der Zionist Chaim Arlosoroff war Magda Goebbels' Jugendliebe - und starb 1933 bei einem Attentat in Tel Aviv.
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 39/2001

Der Bus aus Jerusalem verlässt die Autobahn und erreicht sein Ziel: Arlosoroff Station, Tel Aviv. Von da ist es nicht weit zur Wohnung von Schaul Arlosoroff, 71, Israels bekanntestem Bewässerungsexperten. Der Bahnhof jedoch ist nicht nach ihm benannt, sondern nach seinem Vater.

Schaul war kaum drei Jahre alt, als Chaim Arlosoroff, damals 34, beim Abendspaziergang am Strand von Tel Aviv von zwei Männern angehalten wurde. Sie fragten ihn nach der Uhrzeit, dann krachte ein Schuss; an der Seite seiner Frau brach Arlosoroff zusammen. Wenige Stunden später starb er im Hospital, in der Sabbat-Nacht, am 16. Juni 1933.

Chaim Arlosoroff, geboren 1899 in der Ukraine, aufgewachsen in Deutschland und in Berlin zum Volkswirt promoviert, war 1924 mit seiner Familie nach Palästina ausgewandert. Er gehörte zu den Gründern der Arbeitspartei und war - Organisator, Wirtschaftsplaner und Diplomat in einer Person - rastlos zwischen Palästina, den USA und Europa unterwegs.

Mit 26 avancierte Arlosoroff zum Delegierten beim Völkerbund, wurde zur rechten Hand des späteren Staatsgründers Chaim Weizmann und 1931 Leiter der Politischen Abteilung der Jewish Agency: Damit war er praktisch der Außenminister in der Regierung eines künftigen Israel.

»Sie nannten ihn ''Chaim II.'', weil er Charisma und Autorität wie Weizmann ausstrahlte - mehr als die anderen politischen Figuren zusammen«, erinnert sich der Historiker Jaakov Goram, der in den dreißiger Jahren aus Breslau einwanderte und einmal Grüntal hieß: »Arlosoroff war außergewöhnlich, ein unbestechlicher Kopf und doch beliebt.« Er soll als Erster öffentlich ein binationales Zusammenleben mit den Palästinensern erwogen haben.

Arlosoroff war es auch, der am 8. April 1933 das - damals unerhörte - »King-David-Essen« veranstaltete, bei dem er Weizmann und die Spitzen der Jewish Agency mit transjordanischen Scheichs zusammenbrachte. Für Fanatiker auf jüdischer wie auf muslimischer Seite war dieser Dialog schon Frevel genug, um Arlosoroff einen unnatürlichen Tod zu wünschen.

Unter den Juden, ob Labour-Anhänger oder rechte Nationalisten, gab es ein noch stärkeres Motiv, Arlosoroff nach dem Leben zu trachten: Er galt als führender Kopf der Verhandlungen, die 1933 zwischen den Zionisten und dem neuen Nazi-Regime in Berlin geführt wurden. Das Ziel: deutschen Juden die Emigration nach Palästina dadurch attraktiv zu machen, dass sie einen Teil ihres Eigentums mitnehmen durften, in Waren und Devisen.

Der Pakt mit den Nazis setzte die jüdischen Führer Palästinas einer seelischen Zerreißprobe aus. Das »Ha''avara"(Transfer)-Abkommen stellte einen flagranten Bruch des Deutschland-Boykotts dar, zu dem jüdische Organisationen weltweit, vor allem in den USA, aufgerufen hatten. Der Pakt trug dazu bei, den Boykott scheitern zu lassen: Wer sollte ihn noch befolgen, wenn die Juden selbst dagegen verstießen?

Das von Arlosoroff angestrebte Abkommen blieb von 1933 bis nach Kriegs-

ausbruch in Kraft: In sieben Jahren wanderten rund 60 000 deutsche Juden nach Palästina aus, und bedeutende Investitionen von jüdischem Kapital gelangen aus Deutschland ins Gelobte Land. Welch ein Paradox: Rohre, Pumpen und Zementmischer aus dem Nazi-Reich leisteten einen frühen Beitrag zum Aufbau Israels.

»Sieh, was man mir angetan hat«, konnte der sterbende Arlosoroff noch zum Tel Aviver Bürgermeister sagen. Er hatte nicht geglaubt, dass Juden ihm nach dem Leben trachten könnten, und manche Israelis glauben es bis heute nicht. Alle paar Jahre berichtet eine Zeitung, dass Joseph Goebbels die Mörder gedungen habe; Hitlers Chefpropagandist und lautester Antisemit habe damals die Spuren der »jüdischen« Vergangenheit seiner Frau Magda löschen wollen.

»Alles verrückte Spekulationen!«, ruft Schaul Arlosoroff, der Sohn, mit ärgerlicher Geste. Damit meint er aber nicht nur diese allzu abenteuerliche Mordtheorie: Seine emotionale Ablehnung gilt der bloßen Erwähnung einer zeitweiligen »engen Freundschaft« zwischen Magda und seinem Vater - auf die selbst der Holocaust-Historiker Yehuda Bauer hingewiesen hat.

»Für die Kinder und Enkel des großen Mannes ist der Gedanke an jenes Verhältnis schwer erträglich«, meint Therese Flesch im Dr. Pinchas Rosen Altenheim von Tel Aviv. Die alte Berlinerin, deren verstorbener Mann dasselbe Gymnasium wie Arlosoroff besuchte, war mit dessen Schwester Lisa Steinberg befreundet, die bis in die siebziger Jahre lebte, und von Lisa will sie auch erfahren haben, was Chaim gegenüber seiner eigenen Frau bestritten hatte: dass er im Mai 1933, während einer kurzen Erkundungstour in Berlin, telefonisch den Kontakt zur Frau Reichsminister gesucht habe - wohl durch ihre Vermittlung auf einen hochrangigen Gesprächspartner aus der Nazi-Führung hoffend.

Im Berlin der Hakenkreuzfahnen und braunen Uniformen, der Bücherverbrennung und der abgehörten Telefone aber durfte es kein Wiedersehen geben. Ein Anruf von Chaim konnte nur nacktes Entsetzen hervorrufen: »Es geht hier um meine Existenz«, soll Magda gejammert haben, bevor sie auflegte. CARLOS WIDMANN

* In den USA (um 1930).

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