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SCHWEDEN Mord aus Ehre

aus DER SPIEGEL 5/2002

Die Ermordung einer 26-jährigen Kurdin durch den eigenen Vater hat in Schweden eine heftige Debatte über die Ausländerpolitik und die Forderung nach schärferen Gesetzen ausgelöst. Ministerpräsident Göran Persson sprach von einer Tragödie, warnte aber zugleich vor falschen »Generalisierungen gegenüber einer ganzen Bevölkerungsgruppe«.

Nach langem Familienstreit hatte Rahmi Sahindal, 56, seit 1999 schwedischer Staatsbürger, vorige Woche in Uppsala seine Tochter Fadime, 26, erschossen. Die junge Frau hatte sich beharrlich ihrer Zwangsverheiratung widersetzt und öffentlich für die Gleichberechtigung junger muslimischer Frauen geworben. Das brachte ihr quasi einen Kultstatus in der schwedischen Frauenbewegung ein, aber auch massive Drohungen und Misshandlungen von männlichen Familienmitgliedern, die sich in ihrer Ehre verletzt glaubten.

Mit »schrecklicher Trauer und viel Wut« reagierte Integrationsministerin Mona Sahlin auf den Vorfall. Die Sozialdemokratin machte männliche Fundamentalisten aus dem Familienumfeld mitverantwortlich, die den Vater »aufgehetzt« hätten, kritisierte aber zugleich die eigenen Integrationsbemühungen: »Wir haben die Probleme nicht ernst genommen« - vor allem beim Schutz junger Frauen vor tradierten Moralvorstellungen. »Es gibt keinen Zweifel, dass die Probleme früher hätten erkannt werden können«, räumte Justizminister Thomas Bodstroem ein.

Ausgerechnet Migrantenorganisationen und kurdische Intellektuelle werfen den traditionell liberalen Schweden nun »naiven Respekt gegenüber Kultur und Religion von Einwanderern« vor. In einer Erklärung fordern sie rigide Konsequenzen gegen »religiöse Zwangsjacken« - zum Beispiel ein Schleierverbot für Mädchen unter 16, den Stopp der Beschneidung von Jungen und das Ende von Religionsschulen.

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