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USA Mord im Neonregen

Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 21/1995

Alle fiebern an diesem sonnigen Oktobernachmittag in der Gallagher Hall von New Orleans dem Neubeginn entgegen. Bürgermeister Marc Morial löst ein Wahlkampfversprechen ein. Er präsentiert einen neuen Polizeichef: Richard J. Pennington, einen vielfach ausgezeichneten Cop aus Washington, eine imposante Figur.

Pennington, verheißt Morial, werde den Sumpf im lebenslustigen »Big Easy« endlich trockenlegen. Lange Jahre galt hier die Maxime: Laisser-faire! Doch mittlerweile wirkt sich das schlecht aufs Touristengeschäft aus. New Orleans hat eine der höchsten Mordraten der Nation und gleichzeitig die korrupteste Polizei.

Während sein neuer Chef vereidigt wird, bleibt Police Officer Len Davis nicht untätig. Auch er arbeitet an der Lösung eines Problems. Davis, der unter den Barbesitzern im Vieux Carre, der Altstadt, genauso wie in den Ghettogegenden als brutalster aller Cops gilt, hat einen Teenager zusammengeschlagen. Die Passantin Kim Groves beobachtete ihn dabei und zeigte ihn beim Büro für »Internal Affairs« an.

Eigentlich keine Seltenheit in New Orleans, wo Beschwerden über polizeiliche Brutalität und sonstige Amtsvergehen 50mal so häufig sind wie in New York. Doch Davis ist schon des öfteren suspendiert worden, und diese Zeugin, das weiß er, würde ihn ernstlich in Schwierigkeiten bringen. Nicht, daß er um sein schmales Polizistengehalt bangte. Nein, es geht um Profite aus dem Kokainhandel, den er mit seinem Partner Sammie Williams aufgezogen hat.

Das Ding ist so groß, daß er es sich leisten kann, Kollegen in Uniform zu bezahlen, um das Gebäude, in dem der Stoff lagert, zu bewachen. Das alles soll nun wegen einer dämlichen Disziplinarsache in Gefahr geraten?

In der Gallagher Hall lächelt Pennington im Glanz seiner Orden. Die Stadt setzt auf ihn. Len Davis indessen setzt auf Paul »Cool« Hardy, einen Dealer und Profikiller. »P soll die Nutte erledigen«, sagt er zu Williams.

Da Davis schon seit geraumer Zeit vom FBI überwacht wurde, gibt es lückenlose Protokolle seiner Telefongespräche. Sie lesen sich wie Dialoge aus dem Gangsterstreifen »Pulp Fiction«.

In seinem Streifenwagen späht Davis sein Opfer aus und beschreibt es dem Killer. »Schwarzes Top, 'ne verfickte verwaschene Jeans, hellbraune Augen.« Doch es kommt zu unerwarteten Verzögerungen. Zunächst ist »Cool« Hardy ohne Auto. Seine Freundin ist schuld: »Die blöde Fotze ist mit dem Maxima unterwegs.«

Als gegen Abend die Transportfrage gelöst ist, gibt es weitere Hindernisse. Wieder ist es das Familienleben. _____« Davis: Ihr habt eure Ärsche immer noch nicht in » _____« Bewegung gesetzt und die Sache erledigt. » _____« Hardy: Ich habe gerade erst die Kids nach Hause gebracht » _____« . . . Aber jetzt kümmere ich mich um die Nutte. Davis: » _____« Also, ihr macht euch jetzt auf den Weg? Hardy: Klar, ich » _____« mußte nur die Kinder nach Hause bringen. »

Endlich, kurz nach 23 Uhr, kann Davis aufatmen. Triumphierend ruft er seinen Partner und Kollegen Williams an: _____« Davis: Code . . . eh . . . NAT. (Abkürzung für: » _____« »necessary action taken« = notwendige Maßnahme » _____« vollzogen). Williams: Was für'n Code? Davis: Code 30 » _____« (Kennziffer für Mord). NAT. Williams (ungläubig): Wann » _____« kam es durch? (Polizeifunk im Hintergrund). »

Davis ist nun wie jemand, der sich die sechs Treffer auf seinem Lottoschein immer wieder vorlesen muß, bis er selber daran glauben kann. Um 23.11 Uhr kann sich Davis vom Killer bestätigen lassen, daß er seine Sorgen vorläufig los ist: _____« Davis: Was 'n los? Hardy: Peng! (kichert in den » _____« Hörer). Davis: In . . . eh . . . ich höre gerade . . . eh » _____« . . . es ist definitiv eine 30, ja? Hardy: Peng! »

Noch sechs Monate später bleibt vor allem eine Frage ungeklärt: Warum hat das FBI nicht eingegriffen? Hat es tatsächlich eine »unmittelbare Gefahr« nicht erkennen können? Oder wurde, wie andere öffentlich behaupten, Kim Groves absichtlich geopfert, um Davis einen Mord anhängen zu können? Und letztlich: Wußte Chief Pennington, der an diesem Tag im letzten Oktober seinen Amtseid ablegte, tatsächlich, auf was er sich einließ?

Schon seit Stunden regnet es tintig unter einem schwarzen Himmel. Der Regen verwandelt die Straßen in schlierige, reißende Bäche, als ob er allen Schmutz, der sich über Jahre hier angesammelt hat, in einer großen Flut hinwegschwemmen wollte.

Ein Wetter, in dem Lieutenant Dave Robicheaux in seinem verbeulten Chevy durch die Straßen pflügt, Blind Lemon Jefferson im Radio seine eigene Beerdigung besingt. Robicheaux, der trockene Alkoholiker, der einsame Wolf mit der angeschlagenen Moral, ist eine Fiktion - er ist der Held aus James Lee Burkes ultraharten, populären New-Orleans-Krimis. Er hat einen korrupten Partner. Er hat Mühe, Gute und Böse auseinanderzuhalten. Er ist eine realistische Figur.

Das Hauptquartier des New Orleans Police Department (NOPD) erhebt sich düstere zehn Stockwerke hoch über dem angrenzenden Gefängnis, ein grauer Glaskasten, der von Bretterbuden umlagert ist, in denen gegen Wucherzinsen Kautionsgelder geliehen werden. Hinter den Fahrstühlen, neben dem Referat für Kindesmißhandlungen, stauben in einer Vitrine alte Polizeipokale vor sich hin.

Die kleinen Männchen, welche die Trophäen für »heldenhaften Einsatz« schmücken, stellen allesamt weiße Polizisten dar, Dick-Tracy-Typen aus einer Ära, in der Farbige noch getrennte Toiletten zu benutzen hatten.

Die Internal-Affairs-Abteilung ist ausgelagert worden: eine Maßnahme des neuen Chefs. Wie im Fall der Kim Groves waren beschwerdeführende Bürger an die beschuldigten Cops verpfiffen worden. Viele ließen sich von vornherein durch die Lokalität abschrecken. Wer begibt sich schon in die Höhle von Löwen, um sich über Löwenbisse zu beschweren?

Als alter und neuer Chef der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit fungiert Lieutenant Sam Fradella, ein Typ mit einem Gesicht aus Stein. Seine Dienstwaffe trägt er am Fußgelenk unter einer grauen Flanellhose. Fradella hat Karriere als Unterhändler bei Geiselnahmen gemacht. Seine Spezialität: Aussitzen, reden statt Türen eintreten.

Er hat bereits unter neun verschiedenen Polizeichefs gedient, ein vorsichtiger Bürokrat, der selbst in Stalins Kreml überdauert hätte. In Penningtons rot ausgelegter Suite läßt er sich diskret auf dem Sofa an der Fensterfront nieder und macht sich Notizen.

»Ich habe keine Geheimnisse vor ihm«, sagt Richard Pennington fahrig. Hinter seinem Schreibtisch aus Mahagoni wirkt er wie ein stolzer General, der in Gefangenschaft geraten ist. Ordensgeschmückte Brust hinter Wimpeln. Vor ihm Teile eines Geschenckorbs aus der Mardi-Gras-Parade: Totenköpfe, Zulu-Nüsse und Fetische - Voodoo-Grüße aus der neuen Heimat, hier unten am Delta, wo die Leute vom Rest der Nation als »denen da oben« sprechen. Genau da kommt Pennington her.

Ein halbes Jahr nach Amtsantritt ist seine Zuversicht gewichen. Müde spricht er von den Widerstandsnestern und Sabotage in den eigenen Reihen. Er weiß immer noch nicht, wem er trauen kann. Als persönliche Leibgarde hat er sich zwei FBI-Agenten von außerhalb ausbedungen.

Er hat blutige zehn Tage hinter sich: 21 Morde, eine neue Rekordmarke. Erst nach Amtsantritt erfuhr er von der Sache mit Len Davis. Ob er überrascht war? »Nur darüber, wie viele meiner Leute tatsächlich verwickelt waren.« Vier seiner Leute sind 1994 wegen Mordes angeklagt worden.

Zur Zeit überprüft Pennington sämtliche Neueinstellungen der letzten Jahre. »Es gab Rekruten, die hinter Gitter gehört hätten«, sagt er, Polizeianfänger, die wegen Vergewaltigung oder Drogenbesitzes angeklagt und nur aus technischen Gründen freigesprochen wurden. Viele bewarben sich nur um Uniform und Dienstrevolver, um bei krummen Touren absahnen zu können.

Während Fradella aufmerksam mitschreibt, spricht Pennington von gezielten »Sting«-Operationen, mit denen er die eigenen Reihen testet. Da sind getürkte Kokaindeals, um jene Cops herauszufischen, die in die eigene Tasche wirtschaften. »Es wird Jahre dauern.«

Vorläufig hat er seinen Uniformierten die sogenannten »details« beschnitten, die lukrativen Nebenjobs, bei denen sich Polizisten als Wachmänner für Banken und Supermärkte verdingen.

Arbeit für ABOs, Lokale mit Alkohol-Lizenzen, ist ab sofort verboten. Das macht ihn nicht populär bei seinen Leuten. Doch Pennington hat gute Gründe.

Einer davon ist die Polizistin Antoinette Frank, 23, die sich krank schreiben ließ, um länger für ein vietnamesisches Restaurant arbeiten zu können. Vor zwei Monaten jedoch überfiel sie das Lokal, erschoß die Besitzer und einen Polizeikollegen kaltblütig, machte sich mit den Tageseinnahmen davon. Kurze Zeit später erschien sie als Polizistin am Tatort, um das Verbrechen aufzuklären. Ihr Pech: Sie war gesehen worden. Aber sie bestreitet die Tat.

Antoinette Frank wäre die erste Copkillerin, die es in New Orleans lebend auf eine Anklagebank schaffte - alle anderen Polizistenmörder in den vergangenen Jahrzehnten starben bei Fluchtversuchen oder rätselhaften Stürzen auf den Kopf, bei denen nie geklärt werden konnte, wie etwa Stiefelabdrücke auf die zerbrochenen Schädeldecken kamen. Gegen einen Copkiller wurde der Mordaufruf einst über Polizeifunk durchgegeben.

Die verhexte Stadt im Mississippi-Delta, die für ihren Mardi Gras berühmt ist und den Jazz erfand, diesen Seelenrhythmus von Balladen über verlassene Lieben und Tod, hat sich an seine Polizei gewöhnt wie an die regelmäßigen Wolkenbrüche, die den Himmel verdunkeln.

Die Geschäftsleute im Vieux Carre jedenfalls sehen Penningtons Reformen mittlerweile als Schattenboxen. Er ist der vierte Chief in vier Jahren. »Nichts wird sich ändern«, sagt der grauhaarige Pat Monaghan in seiner »Molly's«-Bar in der Decatur Street, einer Tränke für TV-Journalisten. Auch er hat Polizisten bezahlt, 60 Dollar am Abend. Aber die Geschäfte laufen auch ohne sie.

Pennington? Don Weaver, Inhaber der Sports Art Gallery in der Decatur Street, schreit auf. »Noch 'n korrupter Nigger!« Über Weavers Kopf hängen Schlangenhäute und scharfzahnige Alligatorenmäuler und Zauberzeug, das er an Touristen verhökert.

»Es gibt nur zwei Gesetze, die in New Orleans zählen«, sagt Weaver, »eines ist das hier.« Er kramt ein Bündel Dollarnoten aus der Tasche. Gesetz Nummer zwei? Weaver reißt ein Schnellfeuergewehr hinter der Ladentheke hervor. »Verlaß dich auf niemanden«, grinst er, »am allerwenigsten auf die Polizei.«

Es ist eine ruhige Nacht. Schräge Regenschnüre stehen vor den dekorativen Balkongittern, an denen noch die falschgoldenen Perlenketten aus der Mardi-Gras-Parade hängen. Der Regen treibt die Touristen in die Striplokale der Bourbon Street oder an die feinen Tische von »Arnaud's«, wo sich untersetzte Mafiatypen mit ihren langbeinigen Blondinen über Gumbo-Suppe und Louisiana-Wachtel hermachen.

Das Polizeirevier in der Royal Street, fürs French Quarter zuständig, ist eine hell erleuchtete ehemalige Bank mit imposanten Säulen und Broschüren des Fremdenverkehrsamts, die für die Kasino-Schiffe auf dem Mississippi werben, für Voodoo-Touren und »New Orleans bei Nacht.« Eine Vorzeigestation.

Lieutenant Susan Graham hat die Dienststelle im Zeichen der Reformen erst vor drei Wochen übernommen. Ihre Einsatzbefehle werden von Police Officer Pat Conaghan mißgelaunt zur Kenntnis genommen, ganz Clint Eastwood in »Dirty Harry«. Eine Frau als Boß! Schließlich prescht er los in seinem Streifenwagen. »Immerhin haben sie die neuen Ford angeschafft«, murmelt er. »Die Chevy vom letzten Jahr waren echter Schrott.«

Auf dem blauweißen Farbanstrich des Fahrzeugs steht der Spruch »To serve and protect«. Ob er nicht glaube, daß das NOPD diesen Spruch zur Karikatur gemacht hat? »Alles Mediengerede«, sagt Conaghan. Sie seien hier nicht schlechter als in anderen Städten. Sie würden nur schlechter bezahlt. Seit Pennington Bars verboten hat, sind ihm nur zwei Nebenjobs bei Banken geblieben.

Über Mary Howell, die Bürgerrechtsanwältin, welche die Familie der Kim Groves und viele andere Polizeiopfer vertritt, sagt er geringschätzig: »She's a dirtbag.« Was darf man als Cop überhaupt noch, fragt er in die Regennacht hinaus, mehr zu sich selbst. Du hast es als Cop mit dem Abschaum zu tun, mit Irren und Killern. Das Land versinkt in Schmutz. Keiner sorgt mehr für Disziplin. Aber die Politiker oben machen immer ihren Reibach.

Plötzlich schnarrt das Funkgerät. Schreie, eine hektische Standortbestimmung. Conaghan gibt Gas. Zwei Minuten später, nach einer Jagd durchs nächtliche Vieux Carre, haben fünf Polizeiautos mit blinkenden Lichtern einen Verdächtigen eingekreist.

Sein Gesicht ist grau wie Griesbrei. Während ihm die Handschellen angelegt werden, breiten die Polizisten seine Habe auf einem Kotflügel aus: Eine Baseballmütze, drei Dollarscheine. Ein armes Schwein, das seine Bewährungsauflagen nicht erfüllt hat. Später sitzt er schlotternd und angekettet auf der Bank im Revier und wartet auf den Gefängnistransporter.

Auch für Sergeant Mork Mornay, der mit seinem Kollegen die Mitternachtsschicht fährt, ist der Wechsel an der Spitze des Departments nichts als Politik, und zu Politik will er sich nicht äußern. Aber dann hält er vor einer Bar und deutet auf das Plakat, das im Fenster hängt und vom Neon grün und rot beleuchtet wird.

Es ist ein Vergleich der Städte New Orleans und Boston, wo die Mordrate wesentlich niedriger ist. Die Polizisten dort verdienen besser. Schlampige Arbeit - eine Gehaltsfrage? Werden NOPD-Cops zum Stehlen gezwungen? Und überhaupt: Muß man zum »bad cop« werden, um ein »good cop« zu sein? Sergeant Mornay schweigt sich dazu aus.

Wenn Pennington das Symbol für den Neuanfang ist, verkörpert Captain Antoine Saacks den Mann der alten Garde. Als er noch Streife ging, nannte man ihn und seinen Partner »Assault & Battery« - tätlicher Angriff & Mißhandlung. Letztes Jahr wurde er, nach einer kometenhaften Karriere und einem gescheiterten Versuch, selbst oberster Polizeichef zu werden, vom Dienst suspendiert. Der Grund: illegale Nebengeschäfte. Ein Treffen mit Vertretern eines Glückspielsyndikats aus Las Vegas war heimlich aufgezeichnet worden.

»Fradella, die Schlange, hat mich ans Messer geliefert«, vermutet Saacks - und verspricht, wiederzukommen. In einer ersten Anhörung ist er von allen Beschuldigungen freigesprochen worden. Er konnte belegen, daß alle seine Nebengeschäfte von seinen Vorgesetzten, die ihrerseits nebenbei verdienten, ordnungsgemäß abgezeichnet wurden.

Saacks lebt im feinen Metairie draußen am Pontchartrain-See. Hinten im Osten hat Burkes Krimiheld Robicheaux sein Hausboot, wo an den Ufern Alligatoren unter tropfenden Bananenblättern dösen.

Vor Saacks' Doppelhaus ist ein brandneues Oldsmobile »Aurora« geparkt. Daß er als Cop zum Millionär wurde, verhehlt er selbst am wenigsten: »Als ich den Amtseid leistete, habe ich kein Armutsgelübde abgelegt.« Altgrünes Ledersofa vor Marmorkamin, dunkle, wuchtige Antiquitäten aus der Plantagenzeit, nackte Bronzegöttinnen auf gedrechselten Säulen, dahinter ein Großbild-TV, am Kühlschrank der Spruch »Wo Liebe ist, ist Gott« - bei einem wie Saacks, der aus einfachen Verhältnissen stammt, sieht es so aus, wenn er es geschafft hat. Saacks ist Sammler. Im Keller ein Weinschrank, in dem vor allem deutsche Tropfen lagern. Auslesen von der Mosel und aus dem Badischen, darunter ein Ruländer von 1976 - »einer der besten Jahrgänge«. Im Raum nebenan eine andere Sammlung: rund 300 Revolver, Pistolen und Schnellfeuergewehre. »Hier, eine vernickelte Luger von 1913.«

Im gleichen Karton die 44er Magnum, die Dirty-Harry-Special. Saacks' Lieblingspistole ist die Beretta mit dem 16-Schuß-Magazin. Noch besser wäre die belgische High-power-Browning, die das Department allerdings nicht als Dienstwaffe zuläßt. An der Wand lehnt das M-16, mit dem er seinen spektakulärsten »Abschuß« schaffte.

Das war vor über 20 Jahren, als sich ein ausgerasteter Ex-Marineinfanterist auf dem Dach eines Innenstadt-Hotels verbarrikadierte und sieben Leute tötete. Saacks meldete sich als Freiwilliger für den Einsatz und erlegte den Killer schließlich in James-Bond-Manier, aus einem Helikopter heraushängend.

Er kramt in einer Kiste mit Fotos. »Hier, so sah er danach aus.« Faustgroße Fleischstücke sind aus dem Körper herausgerissen. Einige Bananenclips, meint Saacks, habe er wohl in ihn hineingepumpt. Dann, ohne jeden Übergang: »Hier, das bin ich mit Don Johnson.« Cop und Hollywoodstar, Arm in Arm. Die Krönung eines narzißtischen Heldentraums: Kinofigur zu sein, überlebensgroß.

Saacks ist gut 1,95 Meter groß und hat einen Oberkörper aus Stahl. Er ist ein Gesundheitsfreak. Nie hat er eine Droge angerührt. Das könnten nicht viele Cops von sich behaupten, meint er. »Wenn man heute eine Drogenkontrolle bei den 1500 Officers des NOPD machte, wären 100 positiv.«

Saacks packt aus, denn er macht Wahlkampf. Er kandidiert für den Job des Lieutenant Governor. Sein Programm: »Law and Order«. Schlagworte, die sich in nichts von denen anderer Politiker unterscheiden. Ein korrupter Cop als oberster Ordnungshüter? Warum nicht: Unlängst haben sich ehemalige Gangmitglieder in Chicago um einen Sitz im Stadtrat beworben.

An diesem Morgen hat sich Saacks mit Jungs von der alten Garde zum Frühstück getroffen. Sie lieben ihn noch immer beim NOPD. Einer wie Saacks würde ihnen die Barjobs nicht wegnehmen. Und er würde auch keine Schwarzen an ihnen vorbeibefördern, nur weil die Quote es so will.

Scott Craig, ein anderer Saacks-Bewunderer, ist Inhaber der Parkway Tavern, gleich gegenüber vom Greenwood-Friedhof, auf dem bemooste Engel über verwitterten Gräbern träumen. Seit die Bullen keine Kneipenwachen mehr schieben dürften, sagt er, gehe alles drunter und drüber. Kürzlich sei sein Freund Ted Alexander erschossen worden, dort hinten an der Ecke.

Als Alexander seinen Wagen bestieg, wurde er von einem 14jährigen regelrecht hingerichtet. Mit seinen beiden Partnern, 15 und 25 Jahre alt, wurde der Täter kurz darauf geschnappt. Ob ein Polizist als bezahlter Wachmann vor der Bar das mörderische Carjacking in der ruhigen Seitenstraße verhindert hätte? Craig zuckt mit den Schultern, auf denen der Kopf sitzt wie aufgeklebt. Er ist Bodybuilder wie Saacks, und seine Stimme hat der Captain sicher.

An diesem Tag sind die Zeitungen voll von dem Alexander-Fall. Es ist keine Seltenheit, daß Gangs ihr jüngstes Mitglied töten lassen. Alexanders Killer bekannte sich schuldig und wird sieben Jahre in einer Jugendstrafanstalt absitzen. Mit 21 wird er sich auf die Straße zurückmelden, durchtrainiert, kalt und mit all den nützlichen Fertigkeiten ausgestattet, die man hinter Gittern lernt.

Ob Saacks politische Chancen habe? »Na sicher«, sagt Sergeant Cynthia Paterson, die mit umgeschnallter 357er Magnum an der üppigen Hüfte zum Dienstauto schlendert. »Um in New Orleans als Politiker Erfolg zu haben, brauchst du zwei Dinge: einen schlechten Ruf und eine hübsche zweite Frau - und Saacks hat beides.« Sie lacht. Würde sie ihn wählen? »Und ob.«

Saacks, meint sie, war ein Cops' Cop. Ein Bulle für Bullen. Vielleicht unorthodox, vielleicht brutal. Aber stets hat er seinen Job erledigt, so gefährlich und schmutzig der auch immer war - »und man sieht eine Menge Schmutz als NOPD-Cop.«

Sie ist auf dem Weg zu den Projects, den Sozialbausiedlungen, wo Pennington seinen ersten nennenswerten Erfolg verbuchen konnte. Seit der Chief hier eine »Housing Police« einrichtete, ist die Mordrate dramatisch gesunken. »Letztes Jahr«, sagt Cynthia, »herrschte hier regelrechter Krieg. Sieben Morde in sechs Wochen.«

Der Regen steht als silbernes Sprühen vor den Flutlichtern, die die Grasflächen zwischen den dunklen zweistöckigen Baracken des »Desire«-Projects ausleuchten wie Zuchthaushöfe. Desire, Sehnsucht - welcher Witzbold hat sich nur diesen Namen ausgedacht?

Auch in dieser Polizeistation keine außergewöhnlichen Vorkommnisse - der Regen kühlt die Gemüter selbst in den Projects. Irgendwann fliegt die Tür zur Wachstube auf, drei barfüßige Jungens laufen zu einem Candy-Automaten im Nebenzimmer. Danach hängen sie sich gelangweilt über die Diensthabenden und deren Computer.

Ob sie später mal Cops werden wollen? Sie schütteln die Köpfe. Footballstar wäre besser. Einer wie O. J. Simpson. Sie glauben nicht, daß Simpson schuldig ist. »Wer reich ist, hat keinen Grund zu töten.« Ihre Mutter Annette bewohnt mit ihnen und drei weiteren Kindern das Apartment direkt über der Wache. Sie lebt von der Wohlfahrt; ihr Mann hat sich schon lange nicht mehr blicken lassen. Ihr bleiben dieses geblümte und geplüschte Wohnzimmer, drei laufende Fernseher in den angrenzenden Räumen und ein üppig vergoldetes, großes Kruzifix in der Küche.

Ihre 15jährige Tochter hält India, einen schmalen unterernährten Wurm, auf dem Arm. Vor zwei Wochen hat das Kind das Baby zur Welt gebracht und damit die Qualifikationen für eine eigene Wohnung und den Wohlfahrtsscheck erfüllt. Was ihr Freund treibt? Sie zuckt mit den Schultern. Aber daß er zurückkommen wird, das weiß sie ganz sicher. Schließlich hat sie sich seinen Namen auf die Wade tätowieren lassen: »Ich & Chris«, umrahmt von einem Herzen.

Ob die Mutter sich nun sicherer fühlt, da die Polizei im Haus ist? Annette schaut düster auf die Uniformierten in der Tür. Ihre violettschwarzen Lippen bewegen sich wie welke Blätter. »Die sollen besser auf sich selbst aufpassen«, sagt sie. »Wenn sie hier sind, fehlen sie woanders.« Doch ihr liegt etwas ganz anderes auf der Seele. Schließlich bricht es aus ihr heraus. »Satan regiert«, flüstert sie mit angstgeweiteten Augen. »Seht ihr das denn nicht?« Der Kampf gegen das Böse ist hier mit irdischen Mitteln nicht mehr zu gewinnen.

In den Projects leben Wohlfahrtsmütter und Kinder. Männer kommen nur als gelegentliche Problemfälle vor. Irgendwann nachts rennt die 40jährige Mona weinend zur Wache, weil ihr Bruder sie erschlagen will. Als die uniformierte Truppe in die Wohnung eindringt, liegt da ein Mann mit braunem Hut auf dem schmuddeligen Bett und brüllt. Er ist schizophren und hat seine Medizin nicht genommen. Aus dem TV gellen Pistolenschüsse. Die Polizisten geben dem Kliniktransporter die Adresse durch: 3606 Pleasure Street - die Straße des Vergnügens. Wo soll man verrückt werden, wenn nicht hier?

Für Bürgermeister Marc Morial, 37, sind die Project-Polizisten ein Zeichen für den Wandel. Nur ein Mord dort in den letzten drei Monaten! Daß rund 50 Prozent der Farbigen unterhalb der Armutsgrenze leben, dafür kann Morial nichts. Aber mit Penningtons Hilfe kann er verhindern, daß sie sich gegenseitig an die Kehle gehen, oder noch schlimmer: den weißen Touristen, von denen die Stadt lebt.

In seiner Suite im zweiten Stock des Rathauses hat der jungenhafte Politik-Darsteller Drehpause. Morial tritt in einem »Motivations«-Film für Stadtangestellte auf, als Yuppie mit blauem Hemd und roten Hosenträgern. In der Ecke stehen Hanteln. Er legt Wert auf ein gesundes, dynamisches Image - die Gerüchte um eine Noteinlieferung ins Krankenhaus wegen einer Kokain-Überdosis flackern immer wieder auf.

Sein Vater war der erste schwarze Bürgermeister der Stadt. Damals hatte Antoine Saacks bei den Barbesitzern im French Quarter Wahlkampfgelder für den Gegenkandidaten gesammelt. So etwas vergißt ein Morial nicht. Saacks' Suspendierung, so läßt er immer wieder verlauten, werde mit allen Mitteln aufrechterhalten.

Schon »Dutch« Morial, der vor drei Jahren starb, hatte mit einer korrupten Polizei zu kämpfen. Warum glaubt der Sohn, daß ihm gelingt, was der Vater nicht schaffte? »Ich habe den richtigen Mann«, sagt Morial, »und einen Plan.«

Der Mann heißt Pennington, und der Plan ist Kasino-Glücksspiel, aus dessen Profiten er Gehaltserhöhungen für Stadtangestellte finanzieren wird. »Wir räumen auf«, sagt er. Er spricht vom historischen Kampf gegen das Verbrechen. So wie die Amerikaner einst in den Krieg gegen die Nazis gezogen seien, so müßten sie jetzt gegen Mord und Korruption zu Felde ziehen.

Dann springt er auf und kehrt zurück in den angrenzenden Raum. Ein paar Tupfer Make-up, ein paar Späße mit der Kamera-Crew, dann ist der Mayor so weit. Eindringlich liest er vom Teleprompter ab: »Wir stehen am Beginn einer neuen Ära.« Seine Stimme wird einen Augenblick lang weich: »Ich weiß, daß ihr mißtrauisch seid, weil auch meine Vorgänger alles mögliche versprochen haben.« Nun ist sie wieder wie Metall. »Aber ich brauche jeden von euch. Wir haben eine Aufgabe.«

Fleckenlose Politrhetorik in der öffentlichen Arena. Aufrüttelnd schaut der Bürgermeister in die Kamera. Allerdings hat er dieser Tage eine ziemlich schlechte Presse. Gerade ist er mit Freunden von einem Oscar-Party-Trip aus Hollywood zurückgekehrt, der eine halbe Million Dollar gekostet hat.

In den blauen Teppich der Bürgermeistersuite ist das Wappen von New Orleans gewebt. Ein Indianerpärchen unter Sternenhimmel und darunter, als graubärtiger Greis, der Old Man River. Er sieht müde aus, als habe er es aufgegeben, die Guten und die Bösen auseinanderzuhalten. Als sei er resigniert von all den Neuanfängen und Kampfslogans und Hinterzimmerintrigen, die es schon gab, als die Subtropensiedlung mit Hilfe des Piraten Jean Lafitte gegen die Engländer gehalten wurde. Er wird sie nicht retten, diese verhexte Voodoo-Stadt mit dem düsteren, hämmernden Regen, der nie abzureißen scheint.

In Burkes Krimi »Neonregen« überführt Lieutenant Robicheaux am Ende seinen Partner des Mordes. Dann quittiert er den Dienst und zieht mit seinem Hausboot den Mississippi aufwärts. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Gangster in Uniform *

gehören zu New Orleans wie Mardi Gras und Jazz. Doch noch nie gab es so viel Korruption, so viel Sumpf wie heute. Zahlreiche Polizisten sind in Cliquen organisiert, die erpressen, dealen - und morden. Lebensnotwendige Einnahmen aus dem Fremdenverkehr sind gefährdet. Nun will der Bürgermeister der Mississippi-Metropole durchgreifen. Ein neuer Polizeichef soll die schwarzen Schafe unter den rund 1500 schlecht bezahlten Ordnungshütern herausfinden und ausmustern. Höchste Zeit: Beschwerden über Polizei-Verfehlungen erfolgen hier 50mal häufiger als in New York; erstmals wird nun eine Streifenbeamtin wegen Mordes an einem Kollegen angeklagt.

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