Zur Ausgabe
Artikel 30 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

UNGARN / NAGY Mord im Schloß

aus DER SPIEGEL 4/1966

Frühmorgens funkte die sowjetische Agentur Tass die Todesnachricht in die Welt. An den Mauern der Bonner Sowjet-Botschaft in Rolandseck zerbarsten daraufhin Tintenfässer, in allen Erdteilen demonstrierten Hunderttausende vor den roten Missionen. Nationalkommunist Tito protestierte bei den Genossen im Kreml und in Budapest. Es war am 17. Juni 1958.

Imre Nagy, nationalkommunistischer Revolutions-Regierungschef in Ungarn während des Aufstandes vom Oktober 1956, sei - so hatte Tass berichtet wegen konterrevolutionärer Aktivität und Landesverrat zum Tode verurteilt und zusammen mit drei Komplicen hingerichtet worden.

Ungarns offizielle Agentur MTI betete Tass erst Stunden später nach. Die Welt erfuhr nie, wo und wann das Verfahren gegen Nagy und seine Mitarbeiter Pál Maleter, Miklos Gimes und Joszef Szilagyi stattgefunden hatte. Die Namen der Staatsanwälte, Richter und Verteidiger wurden nie genannt.

»Aus Gründen des Staatsinteresses«, erklärte Ungarns Generalstaatsanwalt Géza Szénási zwei Tage nach der MTI -Meldung vor Journalisten, hätten die ungarischen Behörden den Prozeß geheim geführt. Szénási: »Vollendete Tatsachen üben immer einen beruhigenden Einfluß auf das Volk aus.«

Erst jetzt, sechseinhalb Jahre später, enthüllte ein Flüchtling, der bis Herbst 1965 hochstehender Funktionär in Budapest war, daß Imre Nagys Tod schon längst vor Szénásis Erzählungen »vollendete Tatsache« war*:

Nagy, zweimaliger Regierungschef Ungarns, wurde Ende Januar 1957 im Keller des einstigen königlichen Lustschlosses in Sinaia, Rumänien, von einem Sonderkommando der ungarischen Geheimpolizei AVH wie zu Zeiten des schlimmsten Stalinschen GPU-Terrors ohne Urteil liquidiert.

Schon im Frühjahr 1965 hatte der sozialdemokratische Ex-Präsident Ungarns, Árpád Szakasits, Freunden anvertraut, daß Nagy nie vor Gericht gestanden habe: »Er wurde Anfang 1957 erschossen.« Auch diese Aussage blieb im Westen bisher unbekannt.

Bei seinem Tod durch die Hand der Genossen war Nagy 59 Jahre alt und 36 Jahre lang Kommunist gewesen. 1944 mit der Armee Marschall Tolbuchins aus dem Sowjet-Exil nach Ungarn zurückgekehrt, wurde er ins Politbüro der KPU gewählt und war nacheinander Landwirtschaftsminister, Innenminister, Parlamentspräsident und Vizepremier.

1953 schwemmte ihn die weiche Welle nach Stalins Tod auf den Sessel des Regierungschefs. Nagys Ideen von einem »nationalen und menschlichen Kommunismus«, seine Erleichterungen für die Bauern machten ihn populär. Nach dem Fall des Stalin-Nachfolgers Malenkow in Moskau stürzte jedoch auch Nagy in Budapest. Wegen »Rechtsabweichung« wurde er aller Ämter enthoben und aus der Partei ausgeschlossen.

Als aber im Oktober 1956 der Kommunistenhaß der Ungarn mit magyarischer Leidenschaft explodierte, schien Nagy der einzige Mann, der noch etwas retten konnte. Er wurde wieder Premier. Doch unter dem Druck der aufständischen Massen wich der Nationalkommunist von Tag zu Tag weiter nach rechts. Er ließ die bürgerlichen Parteien wieder zu, nahm sie in eine Koalitionsregierung auf, protestierte bei der Uno gegen die Intervention der Sowjettruppen, kündigte schließlich Ungarns Mitgliedschaft beim Warschauer Pakt und erklärte die Neutralität des Landes.

Als Nagy seine beiden letzten Erklärungen abgab, rollten bereits 2000 Russenpanzer auf Budapest, um dem - in Moskauer Sicht - konterrevolutionären Spuk ein Ende zu machen. Nagys Vize János Kádár bildete eine Gegenregierung. Die kommunistischen Mitglieder der Regierung Nagy flüchteten in die Jugoslawische Botschaft.

Knapp drei Wochen verbrachten die Flüchtlinge - insgesamt elf Männer, 15 Frauen und 17 Kinder - unter der Obhut des Tito-Botschafters Soldatic. Dann, am 23. November, erklärte das Belgrader Außenministerium, Nagy und Gefährten hätten »aus eigener Initiative« die Botschaft am 22. November um 18.30 Uhr verlassen, um »sich in ihre Wohnungen zu begeben«.

Zuvor hatte das Kabinett Kádár der Belgrader Regierung schriftlich freies Geleit für Nagy und Genossen zugesichert und in einer Note versprochen, »gegen kein Mitglied der Gruppe Nagy jemals wegen ihrer Taten in der Vergangenheit legale Aktionen zu unternehmen«.

Nagy kam nie in seiner Wohnung an. 300 Meter vom Tor der Tito-Botschaft entfernt stoppten Sowjetsoldaten den Bus. Zwei jugoslawische Begleit-Diplomaten wurden herauszitiert, ein Sowjet-Offizier stieg zu. Von zwei Russenpanzern eskortiert, rollte der Bus zum sowjetischen Hauptquartier.

Tito protestierte wütend. Die ungarische Regierung antwortete, Nagy sei auf eigenen Wunsch nach Rumänien ausgereist. Kádár: »Wenn Nagy und Gefährten in Budapest geblieben wären, hätten sie einem Attentat zum Opfer fallen können, für das Ungarn verantwortlich gemacht worden wäre.«

Das Attentat erreichte Nagy im rumänischen Sinaia. Hier lokalisierte ihn der amerikanische Geheimdienst CIA, verlor aber dann die Spur. Die minder prominenten Mitglieder der Flüchtlingsgruppe, darunter alle Frauen und Kinder, waren in der letzten Januarwoche aus Sinaia in Ferienvillen des Urlaubsortes Snagov bei Bukarest verfrachtet worden. Sie durften später nach Ungarn zurückkehren.

Imre Nagy, Miklos Gimes und Joszef Szilagyi verblieben unter schärfster Bewachung in Sinaia. Am 28. oder 29. Januar wurden sie von einem Sonderkommando der ungarischen- Geheimpolizei, das aus Budapest angereist war, liquidiert.

Am 30. Januar fuhr das Mordkommando in zwei Abteilen eines Kurswagens Bukarest-Budapest von Predeal aus nach Ungarn zurück. Die Abteile waren vom Bukarester Innenministerium für die Ungarn reserviert worden. Die rumänischen Grenzbehörden hatten Befehl, jegliche Paß- und Zollkontrolle der Reisegruppe zu unterlassen, die in Metallkästen Maschinenpistolen mit sich führte. Im Zug belauschte der jetzt geflohene Funktionär Bruchstücke der Unterhaltung der Geheimpolizisten:

»Feris Hand zitterte, ich habe es genau gesehen.«

»Er wurde nervös, als der Alte ihn so ruhig anglotzte. Deshalb schlug er ihm auch die Brille herunter. Aber mir hat der Nagy Imre imponiert.«

»Quatsch! Der glaubte nicht, daß es Ernst wird. Der Alte war ein großer Schauspieler.«

»Der kleine Szilagyi aber war mehr als lächerlich. Hast du gesehen, wie er Lajos' Knie umklammerte. Der wäre am liebsten in seine Mutter zurückgekrochen.«

In Budapest wurde das AVH-Kommando von einem Oberst, zwei großen Limousinen und einem Jeep abgeholt. Der erste Wagen, den der Führer der Gruppe bestieg, trug die Nummer A 127. Es war ein Wagen der Generalstaatsanwaltschaft.

* Der Name des Flüchtlings ist dem SPIEGEL bekannt.

Sowjet-Panzer in Budapest (1956)

Aus dem Asyl in der Botschaft ...

. . . freies Geleit in den Tod: Ungarn-Premier Nagy bei einem Bauernfest

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.