Zur Ausgabe
Artikel 55 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

TERRORISMUS Mord nach Masterplan

Die Attentate von Mombasa gehen offenbar auf das Konto des Qaida-Netzwerks. Der Doppelschlag in Kenia gegen den internationalen Tourismus zeugt von einer neuen Stufe der Eskalation: Erstmals wurden Boden-Luft-Raketen gegen Zivilisten eingesetzt, erstmals traf es gezielt Israelis im Ausland.
Von Rüdiger Falksohn, Annette Großbongardt und Georg Mascolo
aus DER SPIEGEL 49/2002

Die stolze Elefanten-Statue hinter dem Eingang des Hotel »Paradise«, das an einem langen weißen Strand liegt, war durchlöchert und verkohlt. Die Glut hatte auch Bäume geschwärzt und das Gras verbrannt. Den Totalschaden hatten drei arabische Selbstmordattentäter mit einem Mitsubishi Pajero voller Sprengstoff angerichtet: die eingestürzte Hotelfront, den rauchenden Schutt, den tiefen Krater, das Blut.

Am Donnerstagmorgen, Ortszeit 8.30 Uhr, hatte die Internationale des Terrors wieder zugeschlagen, diesmal in Mombasa. Fünf Minuten zuvor war ein parallel operierendes Kommando gescheitert, das mit tragbaren russischen »Strela«-Boden-Luft-Raketen einer Chartermaschine der israelischen Gesellschaft Arkia beim Start aufgelauert hatte. Die beiden abgefeuerten Raketen verfehlten knapp ihr Ziel, der Flieger wurde nur leicht erschüttert.

So entgingen Kenia und auch Israel einer Katastrophe weit größeren Ausmaßes: Im Paradise hatten gerade Dutzende Gäste eingecheckt und das Foyer bereits verlassen, als sich die Attentäter in die Luft sprengten. Und die 261 Passagiere des Arkia-Fluges IZ 582 landeten gegen Mittag, mit Nervenflattern, aber unversehrt, unter dem Geleitschutz von Kampfjets in Tel Aviv.

16 Tote und mindestens 40 Verwundete registrierten die Behörden schließlich. Sechs Mitglieder einer Tanzgruppe waren ums Leben gekommen, aber auch drei Israelis. Der Ferienkomplex gehört nämlich einem israelischen Besitzer und war deshalb beliebt bei Urlaubern aus dem Gelobten Land.

Die Frage nach den Tätern schien sich fast von selbst zu beantworten. Es barsten Bomben, es traf Ahnungslose, die Aktionen waren professionell, auch wenn die Raketen danebengingen - alles in allem dieselbe Handschrift wie bei den anderen Massenmorden an Touristen dieses Jahr.

Der als Sympathisant Osama Bin Ladens geltende Londoner Prediger Abu Hamza al-Masri zum Beispiel ist »definitiv« überzeugt, dass al-Qaida die Regie geführt hat. Israelis seien schwer zu erwischen, erklärte er, hätten aber als Zielscheiben »Priorität«.

Vorvergangene Woche hatten militante Gruppen, die al-Qaida zugerechnet werden, im Internet auf bevorstehende Aktionen in Kenia hingewiesen, und sie erwähnten Israelis. »Wenn es demnächst ein Ereignis mit Anti-Flugzeug-Raketen gibt, denkt daran, wo ihr es zuerst gelesen habt«, orakelte ein Chatter namens »Aramco«.

Am Abend des blutigen Donnerstags meldete sich dann ein »Government of Universal Palestine in Exile - The Army of Palestine« aus Beirut. Per Fax bekannten sich die Unbekannten zur Tat. Sie sei bewusst am 55. Jahrestag des Uno-Teilungsplans für Palästina erfolgt, welcher der Gründung Israels vorausging.

Wer also war''s?

Deutsche Sicherheitsbehörden glauben, dass al-Qaida hinter den Anschlägen steckt. Bereits in der Vergangenheit hatten die Bin-Laden-Terroristen immer wieder irreführende Gruppennamen benutzt. Das eigentliche Bekenntnis blieb dann dem Terror-Guru Bin Laden selbst vorbehalten. Auch gehört es seit Jahren zur Strategie der Terroristen, sich als Vorkämpfer der Palästinenser zu gerieren.

Dass Kenia auf ihrer Hitliste ganz weit oben steht, vermuteten die Deutschen seit Monaten. Australiens Regierung riet am 12. November sogar konkret von »nicht notwendigen Reisen nach Mombasa« ab. Verhaftete Qaida-Kämpfer hatten immer wieder von Plänen berichtet, die Kenia betrafen. Sogar Orte wurden genannt - aber das Hotel Paradise stand auf keiner Liste.

Das Auswärtige Amt nahm die Signale immerhin so ernst, dass es eine für vorvergangene Woche in Nairobi geplante Konferenz der deutschen Botschafter in Ostafrika kurzerhand absagte.

Selbst konkrete Hinweise auf den geplanten Abschuss von Flugzeugen hatte es gegeben. Ein Amateurfunker in Kenia hatte ein Gespräch zwischen zwei Männern, die sich Tabba und Hamsa nannten, mitgeschnitten. Der Dialog wurde in einem wilden Gemisch aus Englisch, Hocharabisch und Ägyptisch geführt.

Hamsa: »Die Hitzeentwicklung der Triebwerke ist so groß beim Anflug, dass man das Flugzeug mit einer Wärmesensorkamera nicht verfehlen kann.«

Tabba: »Die Idee ist alt und schon öfter angewendet worden. Interessant ist die Lage der Flugschneisen und die Möglichkeit, sofort zu verschwinden. Im Hotel siehst du dann im Fernsehen, ob du Erfolg hattest.«

Hamsa: »Ich freue mich schon. Ich habe Langeweile hier.«

Weil die beiden auch über Deutschland redeten, galt zunächst ein Anschlag in der Bundesrepublik als wahrscheinlich. Jetzt wird geprüft, ob das Gespräch womöglich die Ouvertüre für Mombasa war. Die veralteten russischen Raketen jedenfalls sind schon lange im al-Qaida-Arsenal. Und in beschlagnahmten Handbüchern der Organisation fanden sich zahlreiche Anleitungen für ihren Gebrauch. Im Mai scheiterte in Saudi-Arabien der Abschuss einer amerikanischen Militärmaschine. Zurück blieb ein Raketen-Startgerät.

Offenkundig ist: Handlungsmuster und Motive des Anschlags von Mombasa passen exakt zur Qaida. Es sind dieselben Methoden, wie sie ihr Chefideologe Aiman al-Sawahiri in Bezug auf touristische Ziele vorgegeben hat. Es ist derselbe Masterplan.

Die Terroristen wollen

* den größtmöglichen Wirtschaftsschaden bei sämtlichen Betroffenen bewirken;

* den größtmöglichen Personenschaden unter Bürgern westlicher Staaten anrichten, deren Regierungen eine nicht genehme Nahost-Politik betreiben;

* sich zur allgegenwärtigen Gefahr stilisieren, indem sie punktuell und unberechenbar angreifen, neuerdings bevorzugt »weiche« Ziele;

* Dritte-Welt-Nationen, die mit vermeintlich sittenlosen Sonnenfreunden ungeniert Geschäfte machen, eine Lehre erteilen;

* die Weltöffentlichkeit mobilisieren, besonders die Muslime, auf dass sie sich vereinen und die Ungläubigen zum Teufel jagen in einer heroischen gemeinsamen Anstrengung - für die es jederzeit auch lohnt zu sterben.

Am 11. April traf es deutsche Urlauber auf der tunesischen Sonneninsel Djerba. Ein Lastwagen explodierte vor der Ghriba-Synagoge, außer dem Selbstmordfahrer kamen 20 Menschen, darunter 14 Touristen aus der Bundesrepublik, ums Leben.

Fast genau ein halbes Jahr später, am 12. Oktober, verwandelte wohl die Jemaah Islamiah, der indonesische Arm des Terrorkraken, die Nachtclubs Sari und Paddy''s auf Bali in ein Trümmerfeld und tötete rund 200 Menschen, mehrheitlich australische Urlauber. Auch hier explodierte eine in einem Kleinbus versteckte Bombe. Auch hier schlugen die Täter synchron an zwei verschiedenen Orten zu, in Denpasar und Kuta Beach.

Trotz solch struktureller Parallelen weicht Kenia aber auch vom Schema ab. Nach Deutschen und Australiern wurden jetzt Israelis getroffen, Bürger der vermeintlich am besten gesicherten Nation. Und erstmals kamen tragbare Raketen zum Einsatz, die Fluglinien und Flughäfen jetzt vor neue Probleme stellen. Es reicht nicht mehr, die Cockpits abzuschotten und Passagiere zu filzen.

Niemand soll sich irgendwo mehr sicher fühlen. Die Anschläge gingen weiter, hat Bin Laden in einer Videobotschaft gedroht, »bis Palästina ein freier und selbständiger Staat ist«.

Dass Ostafrika zur Terrorbühne wurde, überrascht wenig. Armut, innere Unruhen, poröse Grenzen, lasche Finanzsysteme und schwache Sicherheitsvorkehrungen begünstigen Guerrillas jeder Art.

1992 verlegte Osama Bin Laden sein Hauptquartier für einige Zeit in den Sudan und weitete al-Qaida auf Ostafrika aus. Unter anderem trainierten seine Araber die somalische Fundamentalistengruppe al-Ittihad al-Islami, die von den USA neben al-Qaida als Hauptverdächtige des Mombasa-Anschlags bezeichnet wird.

1994 gründete al-Qaida Stützpunkte in Nairobi und Mombasa. Deren prominenteste Köpfe waren zeitweise der im November 2001 in Afghanistan ums Leben gekommene Militärchef Mohammed Atif sowie der Oberkundschafter Ali Mohammed.

Am 7. August 1998 detonierten fast zeitgleich Autobomben vor den US-Botschaften von Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) und töteten 224 Menschen. Der Tansania-Attentäter, al-Qaida-Mann Mohammed Sadik Odeh, lebte in Mombasa; ein anderer Rädelsführer, Khalfan Khamis Mohammed, besuchte die Stadt mindestens dreimal. Die Verantwortung aber übernahm eine unbekannte »Armee zur Befreiung der islamischen Heiligtümer«.

Drei Top-Terroristen leiten heute die Qaida-Aktivitäten in Afrika. Bis zu 5000 geschulte Kämpfer sollen aus Afghanistan eingesickert sein, in kleinen Einheiten organisierte Schläfer. Und während das Fußvolk, maximal 15 000 Leute, aus Indien, Pakistan oder Bangladesch stammt, besteht der etwa 150-köpfige Führungszirkel aus Arabern.

Fest steht: Al-Qaida globalisiert den Kampf weiter. Erstmals haben das Netzwerk und seine Sympathisanten jetzt demonstriert, dass auch Israelis im Ausland nicht mehr sicher sind. »Mit Israel trifft man den Brückenkopf der westlichen Welt im Nahen Osten«, sagt der Israeli Boaz Ganor vom Anti-Terror-Zentrum in Herzlija, »man heizt die arabischen Straßen auf und kann gleichzeitig noch so tun, als engagiere man sich für den Kampf der Palästinenser.«

Ob ein weiteres Kalkül aufgeht, nämlich Reisende und ihre Gastgeber dauerhaft einzuschüchtern, ist jedoch zweifelhaft. Die deutschen Reiseveranstalter TUI und Thomas Cook sahen Ende voriger Woche noch keinen triftigen Grund, ihre Kenia-Programme abzusagen. Die Inflation des Schreckens, so hofft die Branche insgeheim, könnte einen Aufmerksamkeitsschwund bewirken. Touristen haben sich schon oft als Meister im Verdrängen erwiesen. Krisengebiete gelten schnell wieder als sichere Sonnenbank.

In Ägypten zum Beispiel ging der Besucherstrom dreimal drastisch zurück: nach der Ermordung von Präsident Anwar al-Sadat 1981, nach Plünderungen nahe den Pyramiden 1986 und zuletzt vor fünf Jahren, als am Hatschepsut-Tempel bei Luxor 58 Touristen, darunter viele Schweizer, abgeschlachtet und eine Serie von Überfällen auf Reisebusse gemeldet wurden. »Tourismus ist verabscheuungswürdig«, verkündeten 1997 die in Afghanistan trainierten radikalislamischen Attentäter der Untergrundorganisation Gamaa islamija, »ein Trick jüdischer Frauen, Prostitution und Aids zu verbreiten.«

Doch jedes Mal erholte sich das Land wieder von den Ereignissen, ähnlich wie die Türkei, deren Gastgewerbe 1993 und 1994 durch PKK-Attentate kurzfristig auf null ging. Die Risiken waren bald vergessen - und vorigen Sommer wichen ängstliche Tunesien-Kunden in Scharen an die türkische Riviera aus.

Die Israelis allerdings trafen die Nachrichten aus Kenia zunächst ins Mark. Wer sich vom Stress der Intifada im Ausland erholen will, so lautet die Lehre, ist auch dort kaum noch sicher. »Man weiß nicht mehr, wo man noch hin soll«, klagte Jossi Malka, einer der Überlebenden, nach seiner Rückkehr, »es ist eine Katastrophe.«

Dabei hatten auch israelische Geheimdienste seit Monaten vor Anschlägen auf Landsleute im Ausland gewarnt. Doch obwohl der Mossad sogar ein Büro in Nairobi unterhält, das die Kontakte für ganz Ostafrika führt, entgingen ihm die Vorbereitungen für die Aktionen quasi vor der Haustür.

»Wir wussten, dass Kenia ein problematisches Gebiet für uns ist«, bestätigt ein Sprecher des israelischen Außenministeriums, »aber es gab keine spezifische Warnung.«

Die Sicherheitskräfte, die das Flugfeld und die Umgebung des Flughafens vor dem Start der Arkia-Boeing 757 routinemäßig untersuchten, schöpften keinen Verdacht. Alle israelischen Maschinen werden von speziell ausgebildeten Sicherheitskräften ge-

schützt, auch auf fremdem Territorium. Anderthalb Minuten nach dem Start, als die Piloten den Angriff gemeldet hatten, schwärmten Wachleute erneut aus, um das Gelände zu durchkämmen. Zu spät, sie sahen nur noch einen Fluchtwagen und fanden die Raketenstarter.

Die »Strela«-Geschosse versagten, so kenianische Ermittler, aus einem simplen Grund: Das Flugzeug muss mindestens 50 Meter hoch fliegen, sonst funktioniert der Zielmechanismus nicht. Die Attentäter drückten offenbar zu früh ab.

Unmittelbar nach dem Desaster von Mombasa schwor Premier Ariel Scharon: »Unser langer Arm wird die feigen Attentäter treffen und die, die sie geschickt haben.« Kenia öffnete den Sonderermittlern vom Mossad sofort alle Türen. Gemeinsam mit amerikanischen Forensikern, die schon 1998 nach den Bomben von Nairobi und Daressalam im Einsatz waren, übernahmen die Israelis die Ermittlungen. Selbst ihr eigenes Absperrband brachten sie mit.

Die Mossad-Agenten forschen außer nach al-Qaida-Hintermännern auch nach einer möglichen Verwicklung der Hisbollah-Miliz. Israels libanesischer Erzfeind hat Geheimdienstangaben zufolge auch in Afrika eine Terror-Infrastruktur aufgebaut und unterhält Kontakte zu al-Qaida.

Der Schutz der israelischen Botschaften wurde weltweit verschärft. Nach Terrorwarnungen wurden die Missionen in Pretoria und auf den Philippinen am Donnerstag ganz geschlossen. Kenia, Äthiopien, Eritrea, Südafrika, Ägypten und die Philippinen sollen von Israelis möglichst gemieden werden: »Verschieben Sie Ihre Reise.« Generell sei es geboten, »nicht als Israeli aufzufallen«.

Tourismusminister Jizchak Lewi riet, lieber »zu Hause am See Genezareth, auf den Golanhöhen oder am Toten Meer zu entspannen, da ist es sicherer, und das Essen ist besser«. Doch viele seiner Landsleute, vom Dauerterror daheim genervt, wollen einfach raus.

Beim Tel Aviver Reiseunternehmer »Paradise Geografic«, der auch Pauschaltrips nach Mombasa organisiert, habe jedenfalls bislang »noch keiner eine Mombasa-Tour storniert«, so ein Sprecher. »Die Leute rufen eher an, um sich zu vergewissern, dass ihre Tour noch steht.« RÜDIGER FALKSOHN,

ANNETTE GROßBONGARDT, GEORG MASCOLO

* Links: von den Terroristen am Flughafen Mombasazurückgelassenes Exemplar; rechts: Flug IZ 582 beim Anflug auf TelAviv am vorigen Donnerstag.

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.