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FRANKREICH Morgen Wut

Martinique und Guadeloupe - in den Resten des französischen Kolonialreichs bomben Guerillakämpfer für die Unabhängigkeit, neuerdings sogar in Paris.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Um Mitternacht, so lautete die Drohung, werde die Frist ablaufen, danach würden die Franzosen als »Feinde betrachtet und als solche behandelt«.

Die Verfasser des Ultimatums: eine Befreiungsfront der französischen Karibik-Insel Guadeloupe, die vorletzten Sonntag ihren Krieg um 7000 Kilometer ostwärts verlegte. Eine Sieben-Kilo-Bombe verwüstete die Glitzerräume von Coco Chanel, einer der Wertmarken französischer (Mode-)Weltgeltung.

Ein Anrufer bei der Nachrichtenagentur AFP, der sich als Sprecher der »Groupe de liberation armee de la Guadeloupe« (GLA) ausgab, verkündete: »Auch auf dem Boden des Kontinents wird jetzt für die nationale Unabhängigkeit gekämpft.«

Auf der Nachbar-Insel Martinique in der Karibik kämpfen Einheimische für dasselbe Ziel: Nach einem Anschlag brannte das Justizgebäude teilweise aus. In der Guadeloupe-Hauptstadt Pointe-a-Pitre zerstörte eine Fünf-Kilo-Sprengladung die Ankunftshalle des Flugplatzes Raizet, Stunden nur bevor Weihnachtsurlauber Valery Giscard d'Estaing von dort zu einem Beauch der französischen Jet-set-Insel Saint-Barthelemy startete.

Der Ruf nach Autonomie oder Unabhängigkeit von Frankreich ist unüberhörbar geworden. Der sozialistische Abgeordnete von Martinique, der Dichter Aime Cesaire, wie auch die kommunistische Partei von Guadeloupe, haben ihn längst erhoben.

Womöglich sind es nur Dutzende von Aktivisten, die jetzt schießen und bomben, und dennoch werden die Attentate in Paris als »beunruhigendes Phänomen« ("L'Express") gewertet.

Denn Guadeloupe und Martinique sind für Frankreichs Politiker Departements, als ob sie an der Loire oder der Marne und nicht in der Karibik lägen, »unwiderruflich« Teil Frankreichs, so der für die Übersee-Gebiete zuständige Staatssekretär Paul Dijoud.

Sollten die Guerillas ihren Krieg in diesen Monaten vor den Präsidentschaftswahlen weiter verschärfen, muß Präsident Giscard d'Estaing, in Umfragen seit voriger Woche erstmals im S.98 Rückstand gegenüber seinem Rivalen Francois Mitterrand, mit Stimmenverlusten unter seinen Wählern auf den Inseln rechnen, die ihn bereits jetzt der Nachsicht gegenüber dem Terror bezichtigen.

Viel ist es nicht gerade, was von dem einst prächtigen französischen Kolonialreich übrigblieb. Aber in den Resten, den sogenannten fünf »Departements d'outre-mer« wie Guadeloupe und Martinique, und den »Territoires d'outre-mer« wie Polynesien, leben rund 1,8 Millionen Staatsbürger, die im Pariser Parlament immerhin von 25 Abgeordneten und Senatoren vertreten werden.

Theoretisch ist Paris bereit, den als »Territorien« qualifizierten Besitzungen wie Neukaledonien (östlich von Australien) die Unabhängigkeit zu gewähren, vorausgesetzt, daß diese von einer Mehrheit gefordert wird. Die Departements hingegen, so ein Minister, »sind Frankreich und bleiben Frankreich, gleich was passiert«. Zu diesen Departements zählen neben Martinique und Guadeloupe:

* das südamerikanische Französisch-Guayana, Startplatz von Europas Weltraumrakete »Ariane«, verrucht, seit Alfred Dreyfus auf der Teufelsinsel schmachtete, bekannt seit Papillons Buch; Entfernung zu Paris: über 7000 Kilometer.

* Saint-Pierre-et-Miquelon, eine östlich von Kanada gelegene Insel, auf der 6000 Menschen leben; Entfernung zur Hauptstadt: 4750 Kilometer.

* die Insel Reunion (500 000 Einwohner) im Indischen Ozean, Geburtsort von Premierminister Raymond Barre.

Wenn Wirbelstürme die Bananenernten auf Guadeloupe zerfetzen oder auf Reunion die Dächer des Club Mediterranee abtragen, französische Atomtechniker im Pazifik eine Bombe zünden, Vulkane aktiv werden oder -- wie in den letzten Wochen -- die Terroristen schießen, »nur wenn sich Dramen ereignen« (so der Reunion-Abgeordnete Jean Fontaine) nehmen die Franzosen im Mutterland Notiz von diesem entrückten Frankreich in der Sonne, einem Paradies eben für Postkarten-Sammler oder Tiefseetaucher.

Für die Einheimischen hingegen -zumal wenn sie Farbige sind -- verbirgt sich hinter den Kokospalmen oftmals eine andere Realität: Wohnungsmisere, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit.

16 000 Arbeitslose, 25 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, zählt Guadeloupe. In Papeete, der größten Stadt Tahitis, suchen Tausende von Schulabgängern Jobs; in 20 Jahren wuchs die Bevölkerung Tahitis um 88 Prozent.

Die Lebenshaltungskosten in den überseeischen Gebieten sind höher, die Sozialleistungen und Mindesteinkommen niedriger als im französischen Mutterland. Der Beamten-Apparat wächst, das Landvolk verläßt die Felder und zieht in die Stadt.

Weder Martinique noch Reunion, Polynesien oder Guadeloupe haben eigene Energiequellen. Die weiten Wege verteuern die Einfuhren.

Die Export-Erträge der Karibik-Inseln decken eben 20 Prozent der Importe, in Guayana nur sieben Prozent. Allein dank Milliarden-Hilfe aus Paris sind die überseeischen Gebiete existenzfähig. Im letzten Jahr steckte die Regierung 9,6 Milliarden Franc, mit Krediten insgesamt 12 Milliarden Franc, in die Kolonialreste. Allein Reunion erhielt 1978 an Staatszuschüssen den neunfachen Wert seiner gesamten Zucker-Erträge.

400 000 Antillen-Franzosen emigrierten bisher nach Frankreich. Die Zurückgebliebenen fragen vergebens in Luxushotels und Villen der weißen Siedler nach Arbeit, hausen teilweise in Wellblechhütten und verfallen dem Alkohol. »Heute empfinden sie Enttäuschung«, weiß Maxim Mariani, einer der Abgeordneten von Guadeloupe, »morgen ist es Wut.«

Die Jungen vor allem -- 60 Prozent der Einwohner Guadeloupes und Martiniques sind jünger als 20 Jahre -- suchen nach einer Identität, die allenfalls die Kinder der winzigen Oberschicht in Paris sehen. Sehnsucht nach Erlösung von ihren Frustrationen durch Guerilla-Kampf und Kuba-Modell stellen sich da schnell ein.

Für Aime Cesaire ist die Unabhängigkeit Martiniques oder Guadeloupes nur eine Frage der Zeit. Der Parlamentarier warnte die Pariser Regierung: »Sie können diese historische Entwicklung nicht aufhalten.«

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