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Mosambik am Abgrund

Nach dem Tod von Präsident Samora Machel verschärft sich die Krise im Süden Afrikas: Die von Pretoria unterstützte Rebellenbewegung Renamo greift nach der Macht in dem führungslosen, heruntergewirtschafteten Land. *
aus DER SPIEGEL 44/1986

Die Passagiere im zweistrahligen sowjetischen Kurzstreckenjet Tupolew 134 B hatten sich soeben zur Landung angeschnallt. Einige schauten nervös aus den Fenstern auf ein tosendes Unwetter. Da erschütterte ein explosionsartiger Knall die rot-weiße Maschine. Das Geräusch, »wie von vielen Schüssen, die auf einmal losgingen«, hörte ein Kralbewohner, kurz bevor das Flugzeug aufschlug und in viele Teile zerbrach.

»Ich habe meinen Führer verloren« schrie ein Überlebender der Katastrophe, der blutüberströmt in ein nahes Strohhüttendorf taumelte. Einer heraneilenden Krankenschwester bot sich »ein grausiges Bild« in der Nacht zum vorigen Montag »Überall zerfetzte Menschen und gespenstische Stille.«

Unter den 34 Toten war der Staatspräsident der Volksrepublik Mosambik, Samora Machel, sowie sein engster Beraterstab. Zu den zehn Überlebenden der auf südafrikanischem Territorium im Grenzgebiet zwischen Mosambik und Swasiland abgestürzten Präsidentenmaschine gehörte der sowjetische Pilot, der - mit Schock, Gehirnerschütterung und Verletzungen - in einem Militärkrankenhaus in Pretoria »eine Explosion« als Unfallursache genannt haben soll.

Dagegen vermuten südafrikanische Flugsicherheitsbehörden, aber auch ortskundige Piloten einen folgenschweren Navigationsfehler: Der Russe habe den Funkstrahl und andere Kennzeichen des Flughafens in der südafrikanischen Grenzstadt Komatipoort mit seinem Zielort, Mosambiks Hauptstadt Maputo, verwechselt. Der explosionsartige »Knall«, so die Unfallthese, sei entstanden, als die Maschine mit heruntergelassenem Fahrwerk erst auf eine Hügelkuppe aufschlug, dann etliche Baumwipfel streifte und schließlich zerschellte.

Hektisch bemühte sich die Regierung in Pretoria, den zunächst naheliegenden Verdacht zu entkräften, sie habe den Chef des Nachbarstaates abgeschossen.

Obwohl der Kap-Staat seit drei Jahrzehnten keine diplomatischen Beziehungen zu den Sowjets unterhält, durfte die Ehefrau des Piloten, begleitet vom Zweiten Sekretär der UdSSR-Botschaft in Maputo, einen Besuch am Krankenbett ihres Mannes machen. Außenminister Roelof Botha empfing das Paar, das durch einen Hintereingang ins Unionsgebäude, den burischen Regierungssitz auf einem Hügel über Pretoria, geschleust wurde. An der offiziellen Unfalluntersuchung dürfen Mosambikaner und sowjetische Experten teilnehmen.

Doch trotz Kooperationswillens und umgehender Beileidsbeteuerungen (Botha: »Er war ein Freund") reagierten die meisten afrikanischen Staaten mit Erbitterung, als sei Südafrikas Schuld erwiesen. Hatte Pretorias säbelrasselnder Verteidigungsminister Magnus Malan nicht unlängst noch dem Nachbarn mit »Verderben« gedroht? Tränenreich erklärte Sambias Präsident Kenneth Kaunda die Führer des letzten von einer weißen Minderheit regierten Landes auf dem Schwarzen Kontinent für schuldig.

In Harare, der Hauptstadt Simbabwes, randalierten einige tausend Studenten auf der Straße. Verschreckt versteckten sich Weiße, deren Autos zertrümmert wurden, in ihren Häusern. Seit der Unabhängigkeit vor sechs Jahren hatte die verschlafene Stadt solche Exzesse nicht mehr erlebt. Voll Wut und Trauer zerstörte der jugendliche Mob das Büro von South African Airways und die Räume der Fluglinie des schwarzen, aber mit Südafrika liierten Nachbarstaates Malawi. Schließlich stürmten sie - »Warum immer wir?« so ein US-Sprecher

- gegen die amerikanische Botschaft an.

Auch an der liberalen Universität von Kapstadt protestierten junge Leute. Sie verkauften T-Shirts mit der Aufschrift: »Samora Machel hamba khale« (Alles Gute Samora Machel). Auf Handzetteln der »Asanischen Studentenorganisation« (Asania ist der schwarznationale Name für Südafrika) wurde behauptet, Machels Tod sei »ein sorgfältig geplantes Komplott in Vorbereitung für eine totale Machtübernahme der MNR-Banditen in Mosambik« gewesen.

MNR (vom englischen »Mozambique National Resistance") oder Renamo (so das portugiesische Kürzel) heißt die von Südafrika gestützte Rebellenbewegung in der einstmals portugiesischen Ostafrika-Kolonie.

Die Freischärlertruppe war 1976, ein Jahr nach der überstürzten Machtübergabe der Portugiesen an die schwarze Befreiungsbewegung Frelimo, von den weißen Machthabern des früheren Rhodesien gegründet worden - Mosambik unterstützte damals den Befreiungskampf der Schwarzen gegen Rhodesiens weißen Herrn Ian Smith.

Mit Bomben gegen Brücken und Eisenbahnlinien bekämpfte in Mosambik die kleine, aber schlagkräftige Untergrundtruppe den radikal-sozialistischen Kurs Samora Machels und verlangte freie Wahlen. Mit der Wirtschaft Mosambiks ging es rapide bergab, wenige Jahre nach der Befreiung war der schon immer arme Küstenstaat ein einziges Hungerlager. Die von den weißen Farmern verlassenen Plantagen verkamen, in den wenigen Industriewerken befanden sich die Arbeiter im Dauerstreik. Statt Bezahlung mit wertlosem Geld verlangten die verbliebenen Händler Tauschware.

Das Transportwesen brach völlig zusammen. Hunderte von DDR-Lastwagen rosteten im Hafen von Maputo vor sich hin: Es fehlten die Vergaser für die brüderliche Hilfsgabe aus Ostdeutschland. Die Tiefseehäfen an der Küste des Indischen Ozeans wurden von immer weniger Schiffen angelaufen die Eisenbahngleise nach Beira von den Rebellen immer wieder unterbrochen.

Die Sowjet-Union schloß einen Freundschafts- und Hilfspakt mit den Frelimo-Machthabern - dafür durfte sie in Mosambiks reichen Fischgründen ihre Netze auswerfen. So wenig hatte das Land am Ende zu bieten, daß der Ostblock Mosambiks Aufnahme in das Comecon ablehnte.

Aus Fehlern klug geworden, wandelte sich Machel ("Wir können uns unsere Nachbarn nicht aussuchen") vom marxistischen Ideologen zum pragmatischen Politiker - die Notlage seines Landes ließ ihm keine andere Wahl.

So kam es 1984 zum Abschluß des Vertrages von Nkomati: In einer pompösen Zeremonie an der Grenze mit Mosambik, ganz in der Nähe der Absturzstelle, unterzeichneten Machel (in weißer Galauniform) und Präsident Pieter Botha (im schwarzen Buren-Look mit Hut) einen Nichtangriffspakt - das linke Mosambik schied aus dem Kampf der schwarzen Frontstaaten gegen Südafrika aus.

Machel verwies vereinbarungsgemäß die Befreiungskämpfer vom militanten südafrikanischen »African National Congress« (ANC) des Landes. Doch als Botha nun seinerseits die Aktivitäten der Renamo ausschalten sollte, beschuldigten die Guerillakämpfer den Buren öffentlich des Ausverkaufs an einen Marxisten - wohl der übelste Vorwurf, den man einem Regierungschef von Südafrika machen kann. Südafrika fühlte sich zudem so stark, daß es nicht daran dachte, die Renamo fallenzulassen, wozu es sich doch verpflichtet hatte.

Die Renamo-Kämpfer durften weiterbomben und morden. Südafrika stellte nur scheinbar seine Hilfsleistungen ein. So meldete sich Renamo nicht mehr aus Pretoria, sondern aus Lissabon zu Wort. Militärische Güter wurden nicht mehr direkt, sondern über die befreundeten Komoren-Inseln im Indischen Ozean geliefert.

Außerdem erhielt Renamo statt in Osttransvaal Stützpunkte und Trainingslager im Malawi des greisen Präsidenten Kamuzu Banda, der sein Land zu einem wirtschaftlich abhängigen Vasallenstaat der Buren gemacht hat.

Im vergangenen Jahr wurde Südafrikas doppeltes Spiel plötzlich vor aller Öffentlichkeit entlarvt. Als Frelimo-Soldaten das Renamo-Hauptquartier in Zentral-Mosambik eroberten, ließen die fliehenden Aufständischen geheime Aufzeichnungen zurück.

Peinlich für Pretoria: Daraus ging hervor, daß der heutige Informationschef Louis Nel, damals stellvertretender Außenminister, ohne Wissen seines Chefs Roelof Botha bei einer nächtlichen Mission Renamo-Vertreter in Zentral-Mosambik getroffen hatte.

Hohe burische Offiziere hatten den terroristischen Untergrundkämpfern freimütig über »Schwierigkeiten mit unseren Politikern, besonders im Außenministerium« berichtet. Die Guerilleros könnten sich jedoch auf die Militärs verlassen.

»Die schleichende Machtergreifung der Militärs« in Südafrika, so Johannesburgs »Star« im letzten Jahr, wurde somit aktenkundig. Klar war seitdem auch, daß die Buren-Politik gegenüber den schwarzen Nachbarstaaten in den Sog interner Richtungskämpfe geraten war. Während vor allem das Außenministerium für einen behutsamen Ausgleich mit den Frontstaaten plädierte, setzten Rechte und Militärs auf Destabilisierung.

Meist behielten die Ultras die Oberhand. Alle schwarzen Nachbarstaaten wurden von Pretoria, je nach Wohlverhalten, immer wieder bedroht oder gar angegriffen: *___Das winzige Königreich Swasiland hat sich mit einem ____Knebelvertrag die bevormundende Freundschaft der weißen ____Machthaber erworben. *___Der gänzlich von Südafrika um schlossene Binnenstaat ____Lesotho wur de im Januar durch eine totale Wirt ____schaftsblockade zur Kapitulation ge zwungen. Binnen ____Tagen stürzte Häuptling Leabua Jonathan, die

nachfolgende Militärregierung ist den Buren gefügig. *___Das apartheidkritische Botswana, eine der wenigen ____Demokratien west lichen Zuschnitts in Afrika, wurde von ____Strafexpeditionskorps aus Süd afrika überfallen. *___In Angola unterstützt der Apartheid staat die ____Rebellengruppe Unita von Jonas Savimbi. Nur ihre ____Öleinnah men haben die linke Regierung in Luanda ____bislang vor dem Zusam menbruch bewahrt.

Zuletzt nahm die Supermacht im südlichen Afrika das marode Mosambik aufs Korn. »Renamos Zerstörungskrieg hat Mosambik zu einer geographischen Bezeichnung reduziert«, urteilte jüngst Südafrikas »Weekly Mail«.

Krieg, Dürre und Machels sozialistische Experimente forderten viele zehntausend Todesopfer. Der Flüchtlingsstrom der letzten Jahre, vor allen Dingen nach Malawi, Simbabwe und Südafrika, schwoll stetig an. Ende September bat die Machel-Regierung die Welt um Hilfe, weil Millionen vom Hungertod bedroht seien.

»Es ist völlig klar, daß Mosambik an der Schwelle des Zusammenbruchs steht«, urteilte unlängst einer, der es wissen muß, Südafrikas Verteidigungsminister Magnus Malan. Dennoch ließ die Kap-Regierung nicht locker. 60000 Minenarbeiter aus dem Hungerstaat sollen in den nächsten Monaten abgeschoben werden.

Südafrika verhängte seine Sanktionen, nachdem die Mosambikaner wieder ANC-Kader ins Land gelassen hatten - als Antwort auf den von Südafrika verletzten Nkomati-Vertrag. »Sie sollten sich für den Frieden entscheiden, bevor es zu spät ist«, grollte Malan.

Jetzt könnten die Südafrikaner versucht sein, von Machels Tod zu profitieren, indem sie ihre Renamo-Freunde in Maputo an die Macht bringen und aus Mosambik einen Klientel-Staat machen - das wiederum könnte den großen Krieg Schwarzafrikas gegen die Buren einläuten.

[Grafiktext]

ZAIRE SAMBIA TANSANIA MOSAMBIK Lusaka MALAWI Harare SIMBABWE Beira BOTSWANA Pretoria Johannesburg Absturzstelle Maputo SWASILAND Durban INDISCHER OZEAN LESOTHO SÜDAFRIKA Port Elizabeth

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