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MOSKAU VERTRAULICH

Ein geflohener Sowjet-Diplomat berichtet (III) / Von Arkadij Nikolajewitsch Schewtschenko _(1985 by Arkady Shevchenko. Übersetzung ) _(aus »Breaking with Moscow« mit ) _(Genehmigung von Alfred A. Knopf Inc. ) *
aus DER SPIEGEL 8/1985

Nach 1970 hatte Leonid Breschnew sich im Politbüro durchgesetzt und seine Stellung als erster Mann der Sowjet-Union gefestigt. Doch anders als Stalin oder Chruschtschow mußte er dem Politbüro mehr Einfluß auf den politischen Entscheidungsprozeß zugestehen. Aber als Generalsekretär des Zentralkomitees hatte er wiederum den größten Einfluß auf die Zusammensetzung und die Aufgaben des Politbüros. Vorsichtig wie immer entfernte er jene Mitglieder, die er im Verdacht hatte, seine innen- und außenpolitischen Pläne zu durchkreuzen. Breschnew ersetzte sie durch Gromyko, den inzwischen verstorbenen Verteidigungsminister Andrej Gretschko, den ZK-Sekretär Konstantin Tschernenko, den KGB-Chef Jurij Andropow, Gretschkos Nachfolger Dmitrij Ustinow und den Ministerpräsidenten Nikolai Tichonow, Kossygins Nachfolger.

Breschnew konnte sicher sein, daß diese Männer seine Politik unterstützen, aber zusätzlich richtete er es so ein, daß sein Sekretariat die Arbeit der Abteilungen des Zentralkomitees und diverser Ministerien steuern konnte. Dieses Sekretariat leitete sein alter Kamerad Georgij Zukanow. Ihm standen Andrej Alexandrow-Agentow, Anatolij Blatow und andere zur Seite.

Alexandrow-Agentow und Blatow erzählten mir ganz offen, daß sie Breschnew oft außenpolitische Ideen lieferten, ohne diese mit dem Außenministerium abzustimmen. Breschnew sprach häufig persönlich mit Gromyko. Genauso übergingen die beiden in inneren Angelegenheiten die zuständigen Abteilungen des ZK. Breschnews Sekretariat war ein wertvolles Werkzeug, um seine Macht zu festigen. Mit seiner Hilfe konnte er in wichtigen Angelegenheiten - etwa der Vorbereitung seiner Auslandsreisen oder seiner großen Grundsatzreden - am Politbüro vorbei handeln.

Während meiner drei Jahre als Gromykos Berater galt ZK-Sekretär Andrej Kirilenko als der designierte Nachfolger Breschnews. Aber er wurde krank, Tschernenko und Andropow schoben sich in den Vordergrund.

Ich muß noch betonen, daß Mitglieder des Politbüros, die längere Zeit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden, nicht unbedingt in Ungnade gefallen sein oder auf der Abschußliste stehen müssen, wie oft im Westen angenommen wird. Meist ist das nur organisatorisch bedingt. Als Gromyko Anfang der 70er Jahre in einer Sitzung einen Ohnmachtsanfall erlitt, verordnete das Politbüro allen seinen Mitgliedern zweimal im Jahr einen Monat Zwangsurlaub.

Alle dem Politbüro eingereichten Papiere müssen vorher den bürokratischen Apparat des Zentralkomitees passieren. Eine Schlüsselposition dort teilte Breschnew einem seiner zuverlässigsten Kampfgefährten zu: Konstantin Ustinowitsch Tschernenko. Er leitete jahrelang die Allgemeine Abteilung des Zentralkomitees und das Sekretariat des Politbüros, bevor er selbst zum Mitglied des Politbüros aufstieg.

Tschernenko ist der Sohn eines sibirischen Bauern und seit seinem zwanzigsten Lebensjahr Parteimitglied. Er rückte _(Beim Besuch einer Uno-Delegation in ) _(Moskau 1977, mit Breschnew, ) _(Außenminister Gromyko, Berater ) _(Alexandrow-Agentow, ) _(Uno-Vize-Generalsekretär Guyer und ) _(Uno-Generalsekretär Waldheim. )

langsam aus der Provinz an die Spitze in Moskau vor. Dort war er zunächst Breschnews Assistent und dann sein Alter ego. Ich lernte ihn 1964 kennen und konnte mich mit ihm in Moskau und auch in New York unterhalten.

Tschernenko ist von untersetzter Figur mit hängenden Schultern, und er leidet an einem Lungenemphysem, das sich in letzter Zeit offenkundig verschlimmert hat. Er besitzt keinen überragenden Intellekt, ist eher ein vernünftiger, pragmatisch eingestellter Mann, der aber genau weiß, was er will. Er ist anspruchsvoll, rücksichtslos, autoritär, arrogant und von einem ungeheuren Selbstvertrauen erfüllt. Er wirkte so langweilig in der Öffentlichkeit, daß über ihn keine der sonst üblichen Witze und Anekdoten im Sowjetvolk kursierten. Er und Breschnew nahmen in ihren jüngeren Jahren oft an ausgedehnten Trinkgelagen teil. Die weniger lebenslustigen Sowjetführer Suslow, Kossygin und Gromyko waren dafür nicht zu haben.

Tschernenko ist im allgemeinen mundfaul, wenn er spricht, äußert er sich in kurzen, abgehackten Sätzen. Er unterbricht gern die anderen und verbreitet Angst und Schrecken unter seinen Untergebenen. Als er Mitte der 70er Jahre New York besuchte, führte der für seine Arroganz bekannte sowjetische Uno-Botschafter Malik sich wie eine quiekende Maus vor ihm auf. In Moskau konnte ich beobachten, wie Gromykos Assistent Wassilij Makarow am Telephon entnervt Tschernenko zuhörte und immer nur ja sagte.

Während meiner Amtszeit als Uno-Sekretär kam Tschernenko nach New York, um sich die Arbeit in der Uno anzusehen. Er interessierte sich am Rande für die technischen Einrichtungen, aber überhaupt nicht für die politischen Debatten oder die Akteure oder die Weltstadt New York.

Tschernenko stieg so schnell zum Vollmitglied des Politbüros auf, daß er den Unwillen seiner Kollegen erregte. Führende Mitglieder wie Michail Suslow und Alexej Kossygin betrachteten ihn als einen Parvenü, als nicht qualifiziert, um ihr Kollege, geschweige denn ihr Vorgesetzter zu sein. Formell hatten sie recht damit. Lange Jahre hindurch mußte Tschernenko sich in der Partei hauptsächlich um »Agitprop« kümmern - die politische Indoktrination.

Tschernenko hatte nie als Erster Sekretär einer regionalen Parteiorganisation amtiert und war im Zweiten Weltkrieg auch nicht Soldat gewesen. Er ist seit Lenin der erste sowjetische Partei- und Staatschef ohne echte militärische Erfahrungen. Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Technischer Sekretär des Politbüros betrachteten die älteren Mitglieder ihn als eine Art Büroleiter, aber keinesfalls als Kollegen.

Gegen Ende seiner Amtszeit verließ der langsam dahinsiechende Breschnew sich immer mehr auf Tschernenko. Wie üblich, charakterisierte ein Witz die Situation am besten: »Breschnew ist schon lange tot, aber Tschernenko hat es ihm noch nicht gesagt.«

Tschernenko ist ein kompromißloser Befürworter der Kontrolle aller Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens durch die Partei. Er gehört der Parteielite an, der wahren herrschenden Klasse der UdSSR. Da er ihr Blutsbruder ist, wird diese Elite ihm mehr vertrauen als einem, der sich nicht in der Partei hochgedient hat.

Bevor Tschernenko Generalsekretär wurde, konnte er nur sehr wenig Erfahrungen auf wirtschaftlichem oder außenpolitischem Gebiet sammeln. Deshalb äußerte er sich auf den Sitzungen des Politbüros nur selten selbst zu diesen Fragen und vertrat meistens den Standpunkt Breschnews.

Viele westliche Beobachter meinen, daß Andropow überschätzt wurde und daß es jetzt gefährlich sei, Tschernenko zu unterschätzen. Doch solche Spekulationen sind meistens auf Sand gebaut. Die wahre Statur eines beliebigen sowjetischen Staats- und Parteichefs ist eine Gleichung mit so vielen Unbekannten, daß auch die einflußreichsten Männer im Kreml öfter falsch als richtig liegen, wenn sie die Bedeutung ihres gerade avancierten Kollegen einschätzen sollen. Zu Anfang wurden Stalin, Chruschtschow und Breschnew unterschätzt, Malenkow wurde überschätzt.

Bei Tschernenko ist es jedoch leichter, zu einer einigermaßen zuverlässigen Aussage zu kommen. Zumindest sein Alter macht ihn zu einer Übergangsfigur, und schon in den ersten Monaten seiner Amtszeit stellten sich Zeichen des körperlichen Verfalls ein. Sicher ist, daß - im Gegensatz zu Breschnew, Chruschtschow und Stalin - nicht alle Fäden der Macht in seiner Hand zusammenlaufen. Er kann sich nur dem kollektiven Willen des kleinen internen Kreises im Politbüro fügen, der seit Ende der 70er Jahre, als Breschnew handlungsunfähig wurde, in Wahrheit die Macht in der Sowjet-Union ausübt.

Die Wahl dieser Männer fiel auf Tschernenko, weil er in ihre Pläne paßte. Die alten Herren im Politbüro und im Parteiapparat sahen in ihm einfach die Gelegenheit, noch ein wenig länger an der Macht zu bleiben, bevor eine jüngere Spitzengarde ihre Plätze einnimmt.

Tschernenko ist jedoch nicht nur der älteste Mann, der in der sowjetischen Geschichte zum Generalsekretär der Partei aufstieg - er wird sich wohl auch als der schwächste Staatsmann erweisen, der je im Kreml regierte.

Vor meinem Bruch mit dem Sowjetsystem erfuhr ich von Freunden und Bekannten im Zentralkomitee und im Außenministerium, daß maßgebliche Leute in Partei und Regierung allmählich einsahen, daß man der inzwischen völlig verkalkten Greisenversammlung an der Spitze frisches, jüngeres Blut zuführen müsse. Vor dem Parteitag im Februar und März 1981 war endlich entschieden worden, auch einmal jüngere Männer heranzuziehen, und so wurde der 49jährige Michail Gorbatschow zum Vollmitglied des Politbüros ernannt. Er war seit 1978 einer der Sekretäre des Zentralkomitees und davor Erster Sekretär des

regionalen Parteikomitees im kaukasischen Stawropol.

In dieser Region liegt der Kurort Kislowodsk, und 1977 hörte ich dort in einem Urlaub mit meiner Frau Lina zum erstenmal von Gorbatschow. Damals lernte ich ihn auch persönlich kennen.

Gorbatschow ist intelligent, gebildet und wohlerzogen. Er besitzt ein Diplom der juristischen Fakultät der Moskauer Universität und hat Landwirtschaft an einem Institut in Stawropol studiert. Im Kaukasus hatte er sich als ein energischer Parteiorganisator und Manager und als ein kompetenter Agrarexperte profiliert. Er trat nicht so arrogant auf wie die meisten Berufsapparatschiki und hörte sich auch die Sorgen der Menschen in seiner Region an.

Noch bedeutsamer für ihn war der Umstand, daß seine Region immer auf Wohlwollen und Geld aus Moskau hoffen konnte, weil hier die berühmten kaukasischen Mineralbäder lagen, in denen die Elite sich so gern erholte. So förderte das Mineralwasser nicht nur die Gesundheit der Parteigrößen und Regierungsmitglieder, sondern auch die Karriere des aufgehenden Politsterns Gorbatschow. Kossygin, Andropow und andere fanden sich hier regelmäßig zu Kur und Erholung ein, und so hatte der örtliche Parteichef Gorbatschow oft Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen und, wie es im Russischen heißt, »pokasat towar lizom« - sich von seiner besten Seite zu zeigen.

Gorbatschow hat begriffen, daß die Wirtschaft und speziell die Landwirtschaft neue Antriebe brauchten. Er hatte sowjetische Wirtschaftswissenschaftler aufgefordert, ihm die Reformprojekte von Pjotr Stolypin, dem fortschrittlichen Premierminister unter Zar Nikolaus II., zu erläutern. Stolypin wollte die aus der Leibeigenschaft entlassenen Bauern zu Eigenverantwortlichkeit erziehen.

Es hieß auch, daß Gorbatschow sich über Lenins »Neue ökonomische Politik« der zwanziger Jahre informieren ließ. Lenin ließ damals, in den harten Jahren nach den Zerstörungen durch Bürgerkrieg und Revolution, die unternehmerische Freiheit in bescheidenem Maße wiederaufleben.

Gorbatschow hat jetzt eine mächtige Position inne - er ist zugleich Vollmitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees und kontrolliert damit die Tagesarbeit der Parteispitze. Beide Posten zusammen stellen ihn klar als einen Anwärter auf die Krone des Generalsekretärs heraus, obwohl die alten Partei- und Kremlbosse ihn vielleicht noch für zu jung halten. Mit seinen 53 Jahren ist er das jüngste Politbüro-Mitglied, und im Zentralkomitee wird er manchmal »der Hänfling« genannt. Neben

Gorbatschow haben sich noch zwei Provinzgrößen, beide etwa sieben Jahre älter als er, in den letzten Jahren des Breschnew-Regimes hervorgetan und unter Andropow weiter profiliert. Sie heißen Grigorij Romanow und Gejdar Alijew. Romanow war Parteichef in Leningrad, bevor er als Sekretär in die Zentrale nach Moskau ging. Alijew, einst KGB-Chef und dann Parteichef von Aserbaidschan, wurde ebenfalls zum Vollmitglied des Politbüros und außerdem zum Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt.

Verglichen mit Gorbatschow tritt Romanow ziemlich dogmatisch und anmaßend auf, aber er hat sich in seiner straff geführten politischen Basis Leningrad als guter Partei- und Wirtschaftsmanager bewährt. Romanow ist Schiffbauingenieur und hat auch im Konstruktionsbüro gearbeitet, aber die meiste Zeit seines Lebens hat er als Parteiapparatschik zugebracht.

Es hat viel Gerede über Romanow gegeben - nicht zuletzt wegen seines Familiennamens, der zufällig mit dem der Zarendynastie übereinstimmt, und auch in seinem Benehmen entdeckten einige Leute kaiserliche Allüren. So wird berichtet, daß Romanow zur Hochzeit seiner Tochter ein einmaliges, eigens für Katharina die Große angefertigtes Sevres-Porzellanservice aus dem Leningrader Eremitage-Museum requirieren ließ. Während der Feier sind dann einige der unersetzlichen Stücke durch die Unachtsamkeit der betrunkenen Gäste zu Bruch gegangen. Dem Vernehmen nach war es besonders der damalige KGB-Chef Andropow, der diese Geschichte überall verbreitete, um seinen Rivalen Romanow im Kampf um die Macht zu diskreditieren.

Romanow gab sich auch eine Blöße, als er 1978 in einem Gespräch mit dem demokratischen US-Senator Abraham Ribicoff seine Unkenntnis westlicher Politik bewies. Als der Amerikaner Zweifel äußerte, ob seine Fraktionskollegen im Senat für die Ratifizierung des Salt-II-Abkommens stimmen würden, unterbrach ihn Romanow naiv: »Warum bringen Sie die nicht auf Vordermann?«

Trotzdem besteht kein Zweifel, daß der 61jährige Romanow einen Machtfaktor in Moskau darstellt. Wie Gorbatschow vereint er in seiner Hand die Funktion des Politbüro-Vollmitglieds mit der eines Parteisekretärs. Als Verantwortlicher für die sowjetische Rüstungsindustrie genießt er das Vertrauen der Militärs - kein zu unterschätzender Faktor, wenn ein neuer Staats- und Parteichef gewählt wird.

Ein weiterer relativ junger Akteur auf der Moskauer politischen Szene ist der 59jährige Witalij Worotnikow, der auch

erst vor kurzem ins Politbüro aufrückte. Er ist ebenfalls eine Kreuzung aus Partei- und Verwaltungsapparatschik, garniert mit diplomatischer Erfahrung als ehemaliger Botschafter auf Kuba.

Man kann künftig wohl mehr von ihm erwarten als auf seinem jetzigen Posten als Ministerpräsident der Russischen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik, der größten und einflußreichsten aller Republiken, aus denen sich die Sowjet-Union konstituiert. Eine Zeitlang hat auch Worotnikow, wie Gorbatschow, Romanow und Alijew, als Erster Parteisekretär in der Provinz gedient.

Der Posten des Ersten Parteisekretärs einer Region, eines Gebietes oder einer Unionsrepublik kann durchaus mit dem des Gouverneurs einer Kolonie verglichen werden. Er muß natürlich das ihm anvertraute Gebiet gut verwalten können, aber wichtiger noch ist für ihn sein Talent als Gastgeber, wenn hohe Würdenträger aus Moskau kommen. Aus dieser Sicht war Gorbatschows Weg zu Macht und Einfluß typisch für eine Karriere in der Sowjet-Union - und wohl nicht nur dort. Männer wie er, Romanow, Alijew und Worotnikow bilden das Rückgrat der politischen Macht in der Sowjet-Union.

Es ist Tradition, daß die Kandidaten des Politbüros sich aus den Sekretären der Parteikomitees in den Republiken und Gebieten der UdSSR rekrutieren. Das sind für gewöhnlich Männer mittleren Alters mit passablen Wirtschafts- und Agrarkenntnissen. Sie besitzen - nach sowjetischen Verhältnissen - einiges Organisationstalent und sind geschickte Propagandisten und ideologische Indoktrinatoren.

Was den meisten von ihnen vor allem fehlt, sind objektive Kenntnisse aus den Bereichen Geschichte, Länderkunde und Außenpolitik. Hier sind sie faktisch Gefängnisinsassen der Sowjetpropaganda und wissen nicht viel mehr, als was man in der »Prawda« oder der Zeitschrift »Kommunist« lesen kann. Deshalb haben alle, die in das Politbüro kommen, eine Menge an außenpolitischen Kenntnissen und Erfahrungen nachzuholen.

Das Außenministerium nimmt eine Sonderstellung in der sowjetischen Machtstruktur ein. In den meisten Angelegenheiten ist das Außenministerium, im Gegensatz zu anderen Ministerien, dem Politbüro direkt verantwortlich. Allerdings hat sich der eigene Einfluß des Ministeriums auf Formulierung und Ausführung der sowjetischen Außenpolitik im Lauf der Zeit gewandelt.

Zwischen 1939 und 1949 sowie zwischen 1953 und 1956, also unter Wjatscheslaw Molotow, hatte das Ministerium mehr zu sagen als unter Wyschinsky in den letzten Jahren der Herrschaft Stalins oder unter Schepilow. Chruschtschow schätzte zwar Gromykos Erfahrung und den Sachverstand seiner Beamten, aber er schloß die Diplomaten oft kurz und übertrug seinem inneren Zirkel einzelne außenpolitische Aufgaben. Ich habe mit angehört, wie Chruschtschow damit prahlte, daß er sein eigener Außenminister sei. Doch unter Breschnew konnte das Außenministerium viel von seiner alten Macht zurückgewinnen.

Die Entwürfe des Ministeriums zur Außenpolitik werden dem Politbüro in der Form einer »Sapiska«, einer an das Zentralkomitee gerichteten Notiz unterbreitet. Diese Reihenfolge wird eigentlich immer eingehalten - außer in den seltenen Fällen, wo das Politbüro dem Außenministerium eine Anweisung erteilt. In der Zeit, als ich unter Gromyko arbeitete, hat das Politbüro nie einer Vorlage des Ministeriums seine Zustimmung verweigert.

Das Außenministerium sammelt und kontrolliert den Schrift- und Telegrammverkehr zwischen Moskau und den Botschaften im Ausland, vor allem mit Hilfe seines Chiffrier-Direktorats. Nicht einmal das Zentralkomitee besitzt eine eigene Chiffrierabteilung für den Informationsaustausch mit den kommunistischen Parteien im Ausland. Es leitet seine Mitteilungen über das Außenministerium oder das Netz des KGB.

Das Ministerium entscheidet, an wen in Moskau die verschlüsselten Telegramme _(Bei einem Besuch in London 1984. )

von den Botschaften im Ausland weitergeleitet werden. Überdies gehen die wichtigsten Informationen nicht an alle Mitglieder des Politbüros - nicht einmal an alle in Moskau ansässigen. Zum Beispiel bekamen oft nur Breschnew und Gromyko Telegramme von Botschafter Dobrynin aus Washington zu sehen.

So kann das Außenministerium weitgehend selbst festlegen, welche Fragen dem Politbüro zur Beschlußfassung vorgelegt werden, und einen bestimmenden Einfluß auf die Formulierung der Außenpolitik ausüben. Das Außenministerium darf auch selbständig den Sowjetbotschaftern Anweisungen erteilen, wenn sie den Rahmen der allgemeinen außenpolitischen Richtlinien nicht sprengen.

Das Außenministerium verfaßt die meisten Texte der Regierungserklärungen, Tass-Verlautbarungen und Äußerungen führender Persönlichkeiten zur Außenpolitik, die dann natürlich vom Politbüro abgesegnet werden müssen.

Nach 1970 trug Breschnew sich mit dem Gedanken, Gromyko zum ZK-Sekretär zu ernennen und ihm auf diesem Posten die Koordinierung der sowjetischen Außenpolitik zu übertragen. Doch Gromyko lehnte ab, weil er kein General ohne Armee werden wollte. Er zog es vor, das politische Machtinstrument des Außenministeriums unter seiner direkten Kontrolle zu behalten. Bezeichnend ist auch, daß Gromykos Einfluß kaum zunahm, als er nach Breschnews Tod zum Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt wurde. Nicht der Ministerrat fällt die bedeutenden außen- und innenpolitischen Entscheidungen, sondern das Politbüro.

Die Zuständigkeiten der Partei und des diplomatischen Dienstes sind nur selten klar abgegrenzt. Da sorgt schon die politische Geographie für Überschneidungen. Mehrere Abteilungen des Zentralkomitees haben Aufgaben, mit denen sie dem Außenministerium ins Gehege kommen. So sind die Beziehungen mit den osteuropäischen Bruderstaaten, mit Vietnam, der Mongolei und Kuba eher eine Sache der Partei als der Diplomaten. Diese Kontakte pflegt die Abteilung des Zentralkomitees für die Beziehungen zu den kommunistischen und Arbeiterparteien der sozialistischen Länder. Sie wird seit 16 Jahren von Konstantin Russakow geleitet.

Die Internationale Abteilung, eine der wichtigsten des Zentralkomitees, untersteht Boris Ponomarjow, ZK-Sekretär seit 1961 und Kandidat des Politbüros seit 1972. Diese Abteilung führt und unterstützt die kommunistischen Parteien im nichtkommunistischen Ausland und Tarnorganisationen wie den Weltfriedensrat. Sie steuert zudem diverse moskauhörige Befreiungsbewegungen und Aktionsgruppen in der Dritten Welt, um die sich auch das Außenministerium kümmert.

Die Abteilung für Auslandskader des Zentralkomitees siebt die Anwärter des Außenministeriums für den diplomatischen Dienst aus, indem sie ihre Personalakten mit den Unterlagen des KGB vergleicht. Ohne die Erlaubnis dieser Abteilung darf das Ministerium keine Diplomaten ins Ausland schicken.

Die 1978 wiedereingerichtete ZK-Abteilung für Internationale Information ist weit aktiver als das Außenministerium auf einem seiner angestammten Territorien, dem der Nachrichten für das Ausland. Leiter dieser Abteilung ist der erfahrene Diplomat und ehemalige Tass-Generaldirektor Leonid Samjatin. Doch auch hier macht sich Gromykos wachsende Macht bemerkbar. Das Außenministerium veranstaltet jetzt fast regelmäßig Pressekonferenzen für die ausländische Presse, um den bedrohlich zunehmenden Einfluß der Abteilung für Internationale Information einzudämmen.

Meistens allerdings werden die Spannungen, die sich aus den Kompetenzüberschneidungen zwischen den Diplomaten und den ZK-Ideologen ergeben, durch Kompromisse gemildert, bevor sie in einen offenen Konflikt ausarten können, der dann vom Politbüro geschlichtet werden muß. Boris Ponomarjow ist ein gelehriger Schüler des orthodoxen Ideologen Michail Suslow und als Leiter der Internationalen Abteilung des ZK natürlich ein Rivale Gromykos in der Außenpolitik, aber mit deutlich weniger Einfluß. Er ist klein und unauffällig, hat einen wachen Intellekt, gibt sich aber knochentrocken.

Ich kannte Ponomarjow als einen ehrfürchtigen Marx- und Lenin-Exegeten, der sich 1961 mit 56 Jahren zum Parteisekretär im ZK hochgedient hatte. Er galt als kompromißlos gläubig. Er konnte nicht nur seine Idole Marx und Lenin seitenweise herunterbeten, sondern verwandte auch viel Mühe darauf, das kommunistische Dogma auf Parteiversammlungen im Inland und Tagungen »fortschrittlicher« oder »Arbeiterbewegungen« im Ausland zu verkünden.

Lernt man Ponomarjow näher kennen, tut sich ein eklatanter Widerspruch auf. Er ist zwar ein gebildeter, belesener Mann mit weitgefächerten Interessen, aber er schreibt in einem leblosen Parteichinesisch. »Wenn wir ihm einen Entwurf einreichen«, sagte mir einer seiner Assistenten, »drücken wir die Daumen, daß er den Text nicht um einige Seiten aus seiner Feder bereichert.«

Ponomarjows Karriere ist hinter seinen Ambitionen zurückgeblieben. Suslow förderte, Breschnew respektierte ihn, und trotzdem blieb ihm die Vollmitgliedschaft im Politbüro versagt. Hier hat sich wohl der lange Arm Gromykos bemerkbar gemacht - er kann Ponomarjow nicht ausstehen. Als wir einmal über ihn und seine ZK-Abteilung sprachen, _(1981 mit Außenminister Genscher in Bonn, ) _(hinten: Dolmetscher. )

sagte Gromyko mit spürbarem Ärger, daß die Außenpolitik doppelgleisig betrieben werde.

Eine der Schwächen der Internationalen Abteilung des ZK war ihr dürftiges Netz zur Beschaffung von Informationen im Ausland. Sie hatte ihre Vertrauensleute nur in einige wenige Botschaften entsenden können. Ponomarjow arbeitet nun unablässig daran, dieses Netz durch verstärkte Kontakte mit den kommunistischen Parteien und politischen Bewegungen der Dritten Welt auszubauen und gleichzeitig eine breitere Basis für die Verbreitung seiner eigenen Informationen zu gewinnen.

Die Internationale Abteilung hält überall in der Welt den militanten Glauben an den Endsieg des Kommunismus wach und rechtfertigt dadurch den sowjetischen Expansionsdrang.

Einer von Ponomarjows fähigsten Mitarbeitern ist Wadim Sagladin, ein vergleichsweise junger Mann auf einem wichtigen Posten. Sagladin wählte vor dreißig Jahren die Parteiarbeit als seinen eigenen Weg an die Macht. Er hat es seitdem weit gebracht, nicht nur mit Hilfe der Autorität, die Ponomarjow an ihn delegierte, sondern auch durch seine beeindruckenden Fähigkeiten.

Ich lernte Sagladin zu meiner Zeit am Institut für Internationale Beziehungen kennen und beobachte seitdem seinen Aufstieg mit einer Mischung aus Bewunderung und Abscheu. Als Chruschtschow 1956 Stalin demontierte, begeisterte er sich, wie viele unter uns, für die neuen Möglichkeiten, all das im politischen und im alltäglichen Leben der Sowjet-Union zu verändern, was sich als überholt erwiesen hatte.

Eine Welle des Idealismus erfaßte die jungen Intellektuellen dieser Jahre nach Stalin und führte auch Sagladin zur Parteiarbeit. Was jedoch als Kreuzzug begann, wurde bald zur bloßen Karriere.

Kurz vor 1960 wurde Sagladin Chef einer kleinen Gruppe von Sachbearbeitern in der Internationalen Abteilung des ZK und baute diese Position zu einer Bastion seiner persönlichen Macht aus. Diese sieben oder acht Leute arbeiteten Reden und Analysen für das Zentralkomitee aus. Sie verfaßten Artikel und Ansprachen für die Parteibosse einschließlich Leonid Breschnew, Hintergrundberichte über weltpolitische Fragen. Sie beurteilten außerdem Funktionäre und Machtverhältnisse in auswärtigen kommunistischen Parteien, und so wurden diese Sachbearbeiter allmählich zu einflußreichen politischen Ratgebern.

Während meiner Zeit als Gromykos Berater hatte ich einmal eine heftige Diskussion mit Sagladin. Wir sprachen über Afrika, und ich äußerte mich etwas abfällig über den Unsinn, »sich mit kleinen ''Befreiungskomitees'' einzulassen, die über Nacht entstehen und in wenigen Monaten wieder verschwinden«.

Sagladins Antwort war bezeichnend. »Sie reden schon wie Ihr Chef«, sagte er. »Gromyko hat kein Gespür für die ideologische Komponente. Er ist zu pragmatisch - wie Sie. Ihr habt in eurem Ministerium keine Ahnung von der Macht der kommunistischen Idee und wißt nicht, wie man sie einsetzt, um unseren Einfluß in der Welt zu verstärken.«

Nach seiner Meinung wurde die Internationale Abteilung des ZK nicht nur besser mit der Realität und der jeweiligen Situation fertig, sondern war auch personell besser gerüstet, um die sowjetische Außenpolitik optimal umzusetzen.

Ich war noch in New York, kurz bevor ich Gromykos Berater in Moskau wurde, da erzählte Botschafter Anatolij Dobrynin dem Uno-Botschafter Jakow Malik und mir von seiner Serie vertraulicher Gespräche mit Außenminister Henry Kissinger, die später als der »Umgehungskanal« bekannt wurde. Ich freute mich über dieses Zeichen einer Verständigung zwischen den Supermächten.

Offiziell durfte weder Malik noch sonst irgend jemand in der Uno-Botschaft etwas von diesem Umgehungskanal wissen - das war das Vorrecht des Politbüros, der Parteisekretäre im ZK und einiger hochrangiger Bürokraten. Die Geheimhaltung ging so weit, daß nur Breschnew, Gromyko und ihre engsten Mitarbeiter erfuhren, was in einigen Mitteilungen stand, die aus dem Umgehungskanal stammten.

Diese direkten Gespräche unter vier Augen zwischen Dobrynin und Kissinger kamen der sowjetischen Vorliebe für Geheimniskrämerei ebenso entgegen wie dem von Richard Nixon und seinem obersten außenpolitischen Berater gepflegten politischen Stil.

Als Berater an der Seite Gromykos merkte ich dann, wie unersetzlich dieser Kanal für die Behandlung der delikatesten Fragen zwischen Moskau und Washington wurde. Seit dem Zweiten Weltkrieg war kein so umfangreicher Problemkatalog so sachlich, ohne Polemik und Propaganda, abgehandelt worden. Die auf beiden Seiten fest verankerten Vorurteile und Fehleinschätzungen konnten diesmal nicht verhindern, daß echte Fortschritte erzielt wurden. Seit _(Anläßlich eines SPIEGEL-Gesprächs im ) _(Brüsseler SPIEGEL-Büro 1979, mit dem ) _(sowjetischen Bonn-Botschafter Falin. )

1962 war Anatolij Dobrynin der wichtigste Ansprechpartner für die Amerikaner auf sowjetischer Seite. Wenige Sowjetdiplomaten waren auf diese Rolle so gut vorbereitet wie er. Ganz wenige hätten sich dieser Aufgabe so elegant entledigt. Dobrynin ist nicht nur durch seine lange Amtszeit in Washington oder durch seine Verbindungen und seinen Einfluß in den höchsten politischen Kreisen in Moskau so ein hervorragender Diplomat.

Seine Persönlichkeit erhebt ihn über das Gros der Sowjetdiplomaten, die gewöhnlich alle Instruktionen blind befolgen und vor allem um ihre Karriere besorgt sind. Dobrynin hat Geschichte und Flugzeugbau studiert. Im Krieg arbeitete er in der Rüstungsindustrie. Dann wurde er Berufsdiplomat.

Von 1952 bis 1955 arbeitete Dobrynin als Botschaftsrat in Washington. Später übernahm er die Leitung der Amerika-Abteilung im Außenministerium und kehrte 1962 als Botschafter nach Washington zurück. Ich lernte ihn 1958 in New York kennen. Er war damals Vizegeneralsekretär der Uno. Wir waren seitdem befreundet.

Dobrynin ist eine hochgewachsene, eindrucksvolle Erscheinung. Ich lernte ihn gleich als umgänglichen Mann schätzen. Er verbindet natürliche Lebhaftigkeit und Neugier mit wacher Intelligenz. Zu Untergebenen ist er großzügig, herzlich, und er spricht manchmal mit erfrischender Unbefangenheit zu Vorgesetzten, insbesondere Gromyko, dessen Assistent er von 1955 bis 1957 war.

Dobrynin ist mit reichlich Selbstvertrauen gesegnet, trotzdem tritt er nicht arrogant auf. Er hat Phantasie und Überzeugungskraft und ein instinktives Gespür dafür, was seine Mitmenschen bewegt - die klassischen Voraussetzungen für einen Spitzendiplomaten. Als wir uns besser kannten, gab er mir Ratschläge für mein Benehmen in der Uno - gleichmütig, ruhig, immer lächelnd. Er verabscheute Temperamentsausbrüche und machte mir klar, daß einer, der zu Temperamentsausbrüchen neigt, selten erreicht, was er will. Dobrynin hat sich mit der geschickten Befolgung dieser Regeln das Vertrauen vieler Amerikaner auf offizieller und privater Ebene erworben.

Henry Kissinger war von ihm begeistert. Bewundernd schilderte er, mit welch »unnachahmlicher Eleganz« Dobrynin sich in den höchsten Kreisen Washingtons bewegte, und er gab zu, »daß sein persönliches Wirken sicherlich die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen verbessert hat«. Dennoch glaube ich, Kissinger übertreibt, wenn er Dobrynins »entscheidenden Beitrag« zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Moskau und Washington betont.

Als realistischer Befürworter der Verständigung mit den USA hat Dobrynin sich Gromyko in doppelter Hinsicht nützlich gemacht - einmal als sein vertrauenswürdiger Emissär in Washington, zum anderen als sein sachkundiger Gefolgsmann vor dem Politbüro.

Besonders in der Zeit vor dem Nixon-Breschnew-Gipfel vom Mai 1972 kam Dobrynin oft nach Moskau, nicht nur um mit dem Außenminister zu konferieren, sondern auch, um in Gromykos Auftrag die Skeptiker in der sowjetischen Führung zu beruhigen. Er hielt sich peinlich genau in den Grenzen kommunistischer Orthodoxie, während er mit dem in Amerika bewährten Charme vor den Mitgliedern des Politbüros sprach.

Der wahre Dobrynin ist ein treuer und unbeugsamer Anhänger des Sowjetsystems und des Regimes. Er genießt den Umgang mit den Amerikanern ebenso wie seine Rolle als geschätzte Figur auf dem internationalen Schachbrett. Aber sein Gegner heißt Amerika, und er will gewinnen. Ich konnte oft genug heimlich beobachten, wie seine Augen haßerfüllt blitzen, wenn er sich über etwas ärgert, was die Amerikaner wieder einmal angestellt haben.

Wer mit ihm verhandelt hat, kennt seine Meisterschaft im Ausnutzen amerikanischer Schwächen.

Kein Wunder, daß amerikanische Journalisten, die ihn seit Jahren kennen, die mit ihm gebechert und diskutiert haben - über Vogelzug, Filmkunst oder Abrüstung -, zugeben, sie wüßten immer noch nicht, ob er tief in seinem Herzen ein Liberaler oder ein Hardliner ist. Sein geschmeidiges Agieren auf der internationalen Bühne macht ihn zu einer wirksamen Waffe der Sowjets. Er ist ihre Trumpfkarte in Washington, weil er genau weiß, wen er ansprechen, wen er hofieren und welche Knöpfe er drücken muß, um den Entscheidungsprozeß zu beeinflussen.

Es sei daran erinnert, daß viele wichtige amerikanische Verhandlungen von US-Botschaftern in Moskau wie W. Averell Harriman, Charles E. Bohlen und Llewellyn E. Thompson geführt wurden. Sie waren dort hoch angesehen. Seit dem Dobrynin-Kissinger-Kanal hat sich der Verhandlungsschwerpunkt von Moskau nach Washington verlagert.

Dobrynin findet in Washington mehr offene Türen als die amerikanischen Botschafter in Moskau. Was sich an amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen auf das Viertel zwischen der Sechzehnten Straße und der Pennsylvania Avenue konzentriert, geht den US-Diplomaten in Moskau an Bewegungsfreiheit verloren.

»Wir haben Dobrynin in Washington«, bemerkte Gromyko einmal achselzuckend. »Was wollen die Amerikaner noch?« So erklärt sich auch seine Abneigung, mit den amerikanischen Botschaftern in Moskau zu sprechen. Sie sehen Gromyko nur selten und die anderen Sowjetführer so gut wie gar nicht. Aus dieser Sicht wird verständlich, daß Botschafter Malcolm Toon sich einmal beschwerte, die US-Regierung habe sich zu sehr auf Dobrynin verlassen und ihre eigenen Diplomaten in Moskau nicht genügend eingeschaltet, um ihren Standpunkt dem Kreml zu verdeutlichen. Ebenso bezeichnend ist die Verlegenheit, in die Botschafter Jacob E. Beam geriet, als er nicht einmal von dem Geheimbesuch Kissingers im April 1972 in Moskau informiert wurde.

Für die Sowjets springen beträchtliche verfahrenstechnische Vorteile dabei heraus.

Will der Kreml sich eine bereits gegebene Zusage noch einmal überlegen, nutzt er den Umstand aus, daß er sich gegenüber keinem Amerikaner in Moskau offiziell festgelegt hat. Dann wird Dobrynin beispielsweise von Moskau »korrigiert« - mit der Erklärung, er habe die sowjetische Position nicht richtig dargestellt. Dobrynin kann seinerseits alle Antworten auf Vorschläge hinauszögern - mit der Begründung, er warte noch auf Instruktionen vom Politbüro.

Dobrynins häufige Reisen nach Moskau sind ein weiterer Vorwand, Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Kissinger erkennt an, daß der Botschafter diese Taktik erfolgreich anwandte.

Es ist angenehm, mit Dobrynin zusammenzuarbeiten, weil er sehr genau weiß, was er der Sowjetführung zumuten kann. Seine Berichte sind frei von dem Bestreben der meisten Sowjetbotschafter, vor allem das nach Moskau zu melden, was mit den Vorurteilen der sowjetischen Führung übereinstimmt.

Dobrynins Telegramme finden immer Beachtung; Gromyko liest sie morgens als erstes durch. Dobrynin ist sehr fleißig; er schreibt den Text seiner Telegramme oft selbst nieder. Sein Stil zeichnet sich nicht nur durch Genauigkeit und Klarheit aus, sondern auch durch farbige Schilderung der Gespräche und der Charaktere seiner Verhandlungspartner.

Er hat ein erstaunliches Gedächtnis. Oft gibt er seine Gespräche mit Amerikanern im Wortlaut wieder und vermittelt damit der Sowjetführung einen ungeschminkten Eindruck von der zuweilen scharfen Kritik an ihrer Haltung und ihren Maßnahmen.

Als diplomatischer Korrespondent im buchstäblichen Sinn liefert Dobrynin den Kremlgewaltigen ein lehrreiches Gegenstück zu den faden Routineberichten von Tass, sowjetischen Journalisten im Ausland und Karrierediplomaten. Mit Energie und Disziplin schafft er ein gewaltiges Arbeitspensum, obwohl er angeblich seit langem an Krebs leidet.

Dobrynin ist es hauptsächlich zu verdanken, daß sich die Qualität der Informationen aus Washington seit den 50er und 60er Jahren entscheidend verbessert hat. Sein Vorgänger Michail Menschikow ("Smiling Mike") glänzte vor allem durch Tölpelhaftigkeit bei dem Versuch, das Image der Sowjet-Union zu heben. Geschick bewies er nur beim Verdrehen der Fakten in seinen Berichten nach Moskau.

Um sich bei Chruschtschow anzubiedern, war Menschikow bemüht, alle Rekorde der Falschinformation zu brechen. So kabelte er einmal nach Moskau, die amerikanische Öffentlichkeit verurteile Präsident Eisenhower fast einmütig wegen der Entsendung der U-2-Spionageflugzeuge in den sowjetischen Luftraum und des dadurch provozierten Scheiterns der Pariser Viermächte-Gipfelkonferenz vom Mai 1960.

Anatolij Dobrynin überlegt immer genau, was er als seine persönliche Einschätzung der politischen Lage in Amerika nach Moskau schickt. Laut Kissinger hat er immer »scharf, ja sogar klug« beobachtet. Kissinger ist sicher, daß der Kreml dadurch ein differenziertes Bild der Verhältnisse in den USA bekommt und somit die »Gefahr einer groben Fehleinschätzung durch die UdSSR« verringert wird.

Manchmal fiel allerdings auch Dobrynin seinem eigenen Wunschdenken zum Opfer. Im Gegensatz zu seinen präzisen Gesprächswiedergaben enthielten viele seiner politischen Analysen eine Prise Propaganda. Das ist zunächst einmal der Preis dafür, daß er beständig seine Treue zu dem Sowjetsystem beweist und wahrscheinlich auch notwendig, um Anschuldigungen abzuwehren, er »amerikanisiere« sich, wie gelegentlich von Neidern im Zentralkomitee und im Außenministerium behauptet wird.

Dobrynin findet sich zwar im amerikanischen Regierungssystem gut zurecht, aber selbst, als die Sowjetführung an den für sie verwirrenden Zuständigkeiten im Watergate-Skandal herumrätselte, widerstand er der Versuchung, eine Analyse der Machtverteilung zwischen Exekutive und Legislative zu liefern. Er hielt sich lieber bedeckt und überließ diese Aufgabe seinen Mitarbeitern.

Dobrynin ist bei weitem der bestinformierte aller Sowjetbotschafter. Er bekommt größere Packen Dokumente mit Geheimstempel als jeder andere Sowjetdiplomat im Ausland. Sogar die Kremlbürokraten sind überzeugt, daß für Dobrynin eine Ausnahme von der üblichen Geheimniskrämerei gemacht werden muß, damit er bestens auf jeden Eventualfall vorbereitet ist.

Abgesehen von einigen abfälligen Bemerkungen und dem Klatsch der Neider ist Dobrynin in Moskau sehr angesehen, und er verfügt über gute, wenn auch kühle Beziehungen zu allen, die etwas zum sowjetisch-amerikanischen Verhältnis zu sagen haben.

Dobrynins Frau Irina ist eine kluge Frau und charmante Gastgeberin. Sie drängte ihren Mann immer wieder, nach Moskau zurückzukehren und eine Geschichtsprofessur zu übernehmen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß er so bald zurückkehrt, und vor allem nicht, daß er sich mit einer solchen Position zufriedengeben würde. Abgesehen von dem Problem, einen Nachfolger für ihn in Washington zu finden, hätte Gromyko Mühe, einen hochrangigen Posten für ihn im Außenministerium zu finden, ohne einen anderen Spitzenbeamten beiseite zu schieben oder Dobrynin gar als seinen Nachfolger heranzuzüchten.

Gromyko muß darauf bedacht sein, sich Dobrynin als einen möglichen Rivalen vom Leibe zu halten. Neben seiner glänzenden Diplomatenkarriere besitzt Dobrynin die Weihen eines Mitglieds der Parteiführung.

Bereits 1971, nach fünf Jahren als Kandidat, wurde Dobrynin Vollmitglied des Zentralkomitees der Partei. Er nimmt nicht nur häufig an den Sitzungen des Politbüros teil. Im Gegensatz zu anderen Spitzenbeamten, die nur ihren Minister begleiten, hält Dobrynin den maßgeblichen Mitgliedern selbst und manchmal ausführlich Vortrag. Gromyko ist also gut beraten, wenn er Dobrynin in Washington läßt. Trotzdem verstehen sich die beiden gut. Der Außenminister redet die meisten seiner Mitarbeiter mit dem Nachnamen an - sein Botschafter in Washington ist für ihn jedoch Anatolij Fjodorowitsch.

In Washington ist Dobrynin zu einer Institution geworden - geachtet, kompetent, Doyen des diplomatischen Korps. Doch einmal, kurz nach seinem Amtsantritt, sah es hier nicht gut für ihn aus. Er lief Gefahr, als Lügner dazustehen.

Damals, im Oktober 1962, am Vorabend der Krise um die sowjetischen Raketen auf Kuba, versicherte Dobrynin den Amerikanern wiederholt, die Sowjet-Union habe keine Atomraketen auf Kuba stationiert und habe das nicht vor.

Ich bezweifle sehr, daß er wußte, was wirklich gespielt wurde. Chruschtschow benutzte seinen jungen Botschafter nur, um Zeit zu gewinnen - indem er ihm die Wahrheit vorenthielt.

Dobrynin mühte sich, seine Glaubhaftigkeit wiederherzustellen, und es gelang ihm - glänzend sogar, wie Henry Kissinger findet. Im Gegensatz zu Dobrynin hatte Henry Kissinger, sein späterer Partner im Umgehungskanal, mehr Manövrierfreiheit und schon kraft seines Amtes mehr politische Macht. Kissinger besaß auch mehr Einfluß im Weißen Haus als Dobrynin im Kreml.

Als Kissinger im Juli 1971 seine Dreiecksdiplomatie mit einem Geheimbesuch in Peking begann, war die Sowjetführung geschockt. Gromyko trug wochenlang eine finstere Miene zur Schau.

Nach Nixons Chinareise im Februar 1972 und der Veröffentlichung des Schanghaier Kommuniques gab es eine erregte Debatte im Politbüro. Ein paar Monate vorher war China in die Vereinten Nationen aufgenommen worden. Um der Kontinuität willen hatte die Sowjet-Union den chinesischen Antrag auch in den letzten Jahren unterstützt, und nun hatte sie sich einen Pyrrhussieg eingehandelt. Zur gleichen Zeit, als Jakow Malik die Uno-Delegation der Volksrepublik China willkommen hieß, wurde er aus Moskau über Pekings »Komplizenschaft mit dem Imperialismus« informiert.

Besonders wütend waren die Sowjets über die Passage in der Schanghaier Erklärung, nach der beide Seiten sich verpflichteten, »keine Vorherrschaft im asiatischpazifischen Raum anzustreben und sich gegen alle Maßnahmen irgendeines anderen Staates zu wenden, die auf die Errichtung so einer Vorherrschaft abzielen«. Es war klar, an wessen Adresse diese Warnung sich richtete.

Henry Kissinger bestätigte später, daß der Kreml das Kommunique richtig verstanden hatte. »Beide Seiten«, so schrieb er, »richteten ihr Augenmerk auf das Ziel, das zu verhindern, was in dem Kommunique ''Vorherrschaft'' genannt wurde. Einfacher ausgedrückt hieß das, die USA und China wollten alle sowjetischen Versuche vereiteln, das globale Gleichgewicht der Kräfte zu stören.«

In der Öffentlichkeit erklärten die Sowjetführer, es sei »nur natürlich«, daß die beiden Nationen ihre Beziehungen wiederherstellten. In Wirklichkeit waren sie der Verzweiflung nahe. Gromyko sagte uns, Nixon und die USA insgesamt würden sich bei ihrem Umgang mit Peking noch »die Finger verbrennen« - wie wir vor ihnen. Wassilij Makarow wußte zu berichten, Breschnew habe Gromyko heruntergeputzt, weil er die amerikanisch-chinesische Annäherung nicht vorhergesehen hatte.

Doch bald konnte ich feststellen, daß unsere Spitzenleute ihr Selbstvertrauen zurückgewannen. Nach den vielen Schwierigkeiten der 60er Jahre - Berlin, Tschechoslowakei, der Versuch, im Rüstungswettlauf mit den USA gleichzuziehen - hatte die Sowjet-Union wieder Tritt gefaßt.

Moskau machte eine Bestandsaufnahme der internationalen Lage und begann damit, unsere Außenpolitik umzuorientieren. Ich machte mir wieder mehr Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren, obwohl meine Erfahrungen mit unserer

Politik gegenüber der Uno und in der Abrüstungsfrage dagegen sprachen.

Jedenfalls beteiligte ich mich voller Zuversicht an den Vorbereitungen zu der geplanten Gipfelkonferenz, und es lag mir am Herzen, daß sie zu greifbaren Ergebnissen führte. Der Schlüssel dazu war, die festgefahrenen Salt-Verhandlungen wieder flottzubekommen. Auf meinem Posten konnte ich die Verhandlungsakrobatik meiner Landsleute in der ersten Gesprächsrunde über die Beschränkung strategischer Waffen beobachten. Jetzt in Moskau war ich direkt an Salt beteiligt.

In den 60er Jahren hatte die Sowjet-Union Moskau mit einem Gürtel von »Galosch«-Abwehrraketen umgeben. Sie sollten die Hauptstadt gegen westliche Angriffsraketen verteidigen und nach offizieller Lesart vor allem Menschenleben schützen. Als Ministerpräsident Kossygin 1967 Präsident Lyndon B. Johnson in Glassboro besuchte, war er davon ausgegangen, daß die Vereinigten Staaten nur über die Abwehrraketen verhandeln wollten, während die Sowjet-Union mit den offensiven strategischen Atomraketen anfangen wollte.

Als ich Gromykos Berater wurde, hatte Moskau seine Position um 180 Grad gedreht und wollte nun als erstes die Zahl der Abwehrraketen beschränken. Diese Kehrtwendung entsprang dem sowjetischen Wunsch, die Aufstellung des amerikanischen »Safeguard«-Raketen-Abwehr-Systems als Antwort auf die »Galosch«-Raketen, um Moskau zu stoppen. »Galosch« war nämlich nicht so wirksam, wie ursprünglich erhofft.

Die Sowjet-Union hatte ein echtes Interesse daran, daß die Salt-Vereinbarung zustande kam. Der Kreml wollte auf keinen Fall hinter den USA zurückstehen. Aber die Unsicherheit im Politbüro darüber, wer am Ende der Rüstungsspirale die Nase vorn haben werde, wurde verstärkt von den Sorgen um die wachsenden Kosten der Rüstung.

Sowjetische Wirtschaftsexperten wiesen mit Nachdruck darauf hin, daß es zu ernsthaften Engpässen auf den Konsumgüter- und Nahrungsmittelsektoren kommen werde, wenn die Rüstungsausgaben im bisherigen Tempo weiter stiegen. Zudem waren angesichts der unbestrittenen amerikanischen Überlegenheit in der Computertechnik neue Befürchtungen in der Sowjet-Union laut geworden, daß die USA einen ungebremsten Rüstungswettlauf gewinnen könnten.

Breschnew meinte, daß die Salt-Verhandlungen sich auch ohne einen Abschluß günstig für Moskau auswirken würden: Sie könnten den immer vorhandenen Druck auf den US-Kongreß in Richtung auf eine Beschneidung bestimmter Rüstungsvorhaben verstärken. Man könnte die Verhandlungen auch ausnutzen, um den Eindruck einer heimlichen sowjetisch-amerikanischen Zusammenarbeit gegen China zu erwecken und um das Mißtrauen der Nato-Partner zu schüren. Hauptsächlich deshalb waren die Sowjets jetzt für streng vertrauliche Gespräche ohne Bericht an die Vereinten Nationen, während sie vorher immer für offene Verhandlungen über Abrüstungsfragen eintraten.

Eine ernsthafte Teilnahme an den Salt-Verhandlungen war eine schwere Geburt für die Sowjets und besonders für das militärische Establishment. Nach Jahrzehnten rigoroser Geheimhaltung auch der winzigsten militärischen Details war es unvorstellbar, dem Feind auch nur die Namen der sowjetischen Waffensysteme zu verraten.

Es klingt lächerlich, aber die Sowjets konnten es einfach nicht über sich bringen, in den Verhandlungen ihre eigene Nomenklatur zu benutzen. Sie übernahmen lieber die von der Nato eingeführten Bezeichnungen ihrer Waffen.

Verteidigungsminister Gretschko war während der Salt-Verhandlungen immer in Panik. Wir alle wußten, wie sehr er gegen diese Gespräche war, und sein unheilvolles Mißtrauen verdarb auch unseren realistischer und weniger schematisch denkenden Politikern und Generalen die Stimmung. Gretschko erging sich in immer neuen Belehrungen über die aggressive Einstellung des Imperialismus, die sich nie ändern werde. Es gebe keine Garantie gegen einen neuen Weltkrieg außer dem zügigen Ausbau der bewaffneten Sowjetmacht.

Gretschko galt in Moskau als Querkopf. Er verdankte seinen Aufstieg nicht nur der Unterstützung durch die in Ehren ergrauten Militärs, sondern auch seiner aus dem Zweiten Weltkrieg datierenden Freundschaft mit Leonid Breschnew. Beide hielten engen Kontakt miteinander, und Gretschko nutzte seinen freien Zugang zu dem Parteichef, um ihn von der Notwendigkeit einer kontinuierlichen Aufrüstung der UdSSR zu überzeugen.

Auf Anweisung von oben stimmte Gretschko widerwillig der Eröffnung der Salt-Gespräche zu, aber er begann gleich darauf mit einer Kampagne im sowjetischen Lager, die dazu beitrug, daß die Verhandlungen ins Stocken gerieten. Er ließ seine Experten überwachen und verbot ihnen, mit dem Außenministerium zusammenzuarbeiten.

Während Nikolai Ogarkow und andere Offiziere zu Anfang noch ziemlich frei sprechen konnten, ordnete Gretschko jetzt an, daß ihm alle beabsichtigten Äußerungen von militärischer Seite in Schriftform zur Genehmigung vorgelegt werden sollten.

Dieser Maulkorberlaß war eine schwere Belastung für die interne Diskussion der Salt-Probleme in unserem Lager. Die Beziehungen zwischen Gretschko und Gromyko waren nie gut gewesen, aber jetzt verschlechterten sie sich so, _(Bei einem Manöver mit dem ) _(Armee-Politchef General Jepischew (2. v. ) _(r.). )

daß die beiden Minister überhaupt nicht mehr miteinander sprachen.

Die gegenseitigen Angriffe machten auch vor Beamten in beiden Ministerien nicht halt. Gretschkos Haltung stand zudem im Gegensatz zu der seiner führenden Delegationsmitglieder. Ogarkow sagte zum Beispiel: »Unter uns sind einige, die überalterten Denkweisen anhängen. Sie sind immer noch dabei, die Lehren aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen. Sie verstehen die heutigen militärischen Probleme nicht immer.« Ogarkow hatte keinen Namen genannt, aber es war klar, daß er damit auch auf Gretschko gezielt hatte.

So war es vor allem während der Salt-Verhandlungen, daß Dobrynin sich als Kontaktmann zum Weißen Haus unentbehrlich machte. Breschnew und Gromyko trauten - ähnlich wie Nixon und Kissinger - der Sowjetbürokratie nicht zu, wirksam für einen Salt-Abschluß zu arbeiten und ihn auch zu erreichen.

Zu Beginn hatte Gromyko versucht, die Offiziere aktiv an den Verhandlungen zu beteiligen. Er wollte damit sichergehen, daß er und sein Außenministerium nicht als alleinige Befürworter der Rüstungskontrolle in der UdSSR dastanden. Er hoffte außerdem, die Spitzenmilitärs so an den Gedanken der Rüstungsbeschränkung anstelle der unbegrenzten Weiterrüstung zu gewöhnen.

»Es ist nicht leicht, über dieses Thema mit Soldaten zu reden«, sagte Gromyko zu mir. »Aber je mehr sie zu wissen bekommen, je mehr Umgang sie mit den Amerikanern haben, um so leichter wird es sein, aus unseren Offizieren mehr als bloße Exerziermeister zu machen.«

Zu der Zeit, als Gromyko diese Bemerkung machte, war sein Versuch, die Spitze der sowjetischen Salt-Delegation mit Offizieren zu besetzen, bereits gescheitert. Gretschko hatte das kategorisch abgelehnt. Dies war das Signal für den Stellvertretenden Außenminister Wladimir Semjonow, der als sowjetischer Chefdelegierter im November 1969 die Salt-Gespräche mit der amerikanischen Delegation unter Gerard Smith eröffnete.

Smith war nicht davon erbaut, daß einige der wichtigsten Fragen aus den Verhandlungen zwischen ihm und Semjonow ausgeklammert worden waren und über den Umgehungskanal besprochen wurden. Deshalb nannte Smith die Salt-Verhandlungen das »doppelzüngige Palaver«. Aber ohne die Bedeutung der offiziellen Salt-Verhandlungen zu schmälern, kann man sagen, daß es ohne den direkten Geheimkontakt zwischen den Staatschefs der USA und der UdSSR unmöglich gewesen wäre, dringend benötigte Fortschritte zu erzielen.

Zur sowjetischen Delegation gehörten diesmal mehrere Offiziere mit echtem Fachwissen auf dem Gebiet der strategischen Waffen und, was ebenso wichtig war, guten Beförderungsaussichten. Bisher saßen bei Abrüstungsverhandlungen auf sowjetischer Seite fast immer relativ uninformierte Militärs im Pensionsalter.

Gromyko tat ein übriges und veranlaßte das Politbüro, die Unterzeichnung aller nach Moskau gekabelten Berichte und Empfehlungen durch alle sieben Delegierten vorzuschreiben. Dadurch, daß die Unterschriften der Offiziere einträchtig neben denen der Diplomaten standen, beabsichtigte Gromyko, die Querschüsse des militärischen Establishments im eigenen Lager zu neutralisieren. Jedenfalls waren die Telegramme mit sieben Unterschriften ein seltsamer Anblick und sicher einmalig in der Geschichte der Sowjetdiplomatie.

Gromyko kam der Wechsel zu einer neuen Generation geistig beweglicher Offiziere an der Spitze unserer Streitkräfte sehr gelegen. Zu den ausgelaugten, engstirnigen Haudegen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die kurz nach 1970 ihre Positionen räumen mußten, gehörte auch Generalstabschef Marschall Matwej Sacharow. Er schlief buchstäblich an seinem Schreibtisch ein. Unter den aufgeschlossenen neuen Generalstäblern ragte besonders General Ogarkow heraus.

Ich lernte Ogarkow als ranghöchsten Vertreter des Verteidigungsministeriums in der sowjetischen Salt-Delegation kennen. Er beeindruckte mich mit seiner offenen Antwort auf eine Frage, der seine Kameraden gern aus dem Wege gingen. Er war zwar ein kompromißloser Verfechter verstärkter Rüstungsanstrengungen, aber als ich ihn fragte, ob er die Salt-Verhandlungen für notwendig hielte, antwortete er mit Ja - solange gewisse Voraussetzungen erfüllt seien.

Auf den Besprechungen der Delegation konnte ich immer wieder feststellen, daß Ogarkow diese knappe, klare Aussage ernst gemeint hatte. Immer wenn die Diskussion sich auf komplizierte Nebenaspekte

verlagerte, erinnerte er die Teilnehmer mit einer präzisen Formulierung der zentralen Fragen an das, worum es wirklich ging. Man sah, daß er das angestrebte Salt-Abkommen als Teil einer umfassenderen politischen Übereinkunft auffaßte, und daß er es für möglich hielt, einen Vertrag abzuschließen, der der Sowjet-Union mehr Sicherheit gab.

General Nikolai Alexejew, Ogarkow und die anderen geistig aufgeschlossenen Offiziere betrachteten Salt als ein Mittel, um durch Verhandlungen zu erreichen, was sie mit dem Rüstungswettlauf nicht bewirken konnten - die Amerikaner daran zu hindern, ihren wirtschaftlichen und technischen Vorsprung in militärische Überlegenheit umzumünzen und der Sowjet-Union eine Atempause zu verschaffen, in der sie ihren Rückstand verringern konnte.

Unser Delegationschef Wladimir Semjonow war zwar ein kompetenter Diplomat, aber ein Karrierist, der nicht viel von Prinzipientreue hielt. Er war so geschickt und geschmeidig, daß er sich aus jeder kompromittierenden oder gefährlichen Situation herauswinden konnte. Semjonows Faulheit und seine Neigung, sich oft zur Kur zu begeben, irritierten den arbeitssüchtigen Gromyko. Aber sein unleugbares Verhandlungsgeschick qualifizierte Semjonow doch als Leiter unserer Salt-Delegation.

Gromyko störte es auch nicht, wenn sein Stellvertreter sich in dem Gestrüpp der komplizierten technischen Details der Abrüstung verhedderte. Der Außenminister betrachtete die offiziellen Verhandlungen nur als einen Nebenschauplatz. »Der beste Weg zu einer Übereinkunft«, sagte er mit Nachdruck zu mir, »ist immer der direkte.« Für Gromyko führte dieser Weg über Dobrynin zu Kissinger und Nixon.

Gromyko verfuhr so unorthodox, weil er die Salt-Verhandlungen als Vehikel zu einer weitreichenden politischen Übereinkunft benutzen wollte. Sein von Breschnew gutgeheißenes und von Dobrynin angesteuertes Ziel war eine breite Palette von Vereinbarungen mit den USA, wobei die Rüstungskontrolle nur das Kernstück bilden sollte.

Semjonow war in diesen Plänen nur eine Statistenrolle zugedacht. Er bekam nur selten neue Instruktionen und Informationen. Ob in Helsinki oder Wien, der Strom der Depeschen aus dem Außenministerium ging zum großen Teil an Semjonow vorbei.

Als Stellvertretender Außenminister war Semjonow offiziell für eine Reihe problematischer Bereiche, darunter auch Deutschland, zuständig. Da er nur noch wenig Informationen bekam, flog er öfter nach Moskau, den neuesten Stand der Dinge von mir oder anderen Assistenten des Ministers zu erfahren. Über den echten Stand der Salt-Gespräche ließ Gromyko ihn oft im dunkeln tappen. Semjonow wußte zwar, daß es den Dobrynin-Kissinger-Kanal gab, aber er erfuhr meistens erst lange hinterher, was auf Gromykos »direktem« Weg besprochen oder beschlossen worden war.

Die veränderte sowjetische Position hinsichtlich der U-Boot-gestützten Raketen, die den Vertragsabschluß ermöglichte, stellte einen großen Sieg Gromykos über Marschall Gretschko dar. Gretschko hatte bis zuletzt hinhaltenden _(Links: US-Delegierter Smith; rechts: ) _(Sowjetdelegierte Semjonow und Ogarkow. )

Widerstand geleistet. Ich konnte mehrere hitzige Debatten zu diesem Thema in der Militärindustriellen Kommission verfolgen. Den Vorsitz führte Dmitrij Ustinow - damals noch ZK-Sekretär - für den abwesenden Breschnew. Gromyko legte sich - gestützt auf Breschnews Plazet - mit Gretschko an. Ustinow versuchte zwischen beiden zu vermitteln, was Gretschko noch mehr aufbrachte.

Den größten Auftrieb erhielt das Selbstbewußtsein der Sowjets mit der Anerkennung des gleichen Status für die Sowjet-Union durch die USA, die in der »Erklärung über die Grundprinzipien der Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und den Vereinigten Staaten« festgestellt wurde. Nichts klang schöner in den Ohren der Sowjetführung, die seit Jahren an einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber den USA litt.

Doch im Gegensatz zu der Erklärung über die Grundprinzipien, einer schnell zusammengemixten Beruhigungspille für die Nörgler im Politbüro, war das gemeinsame Abschlußkommunique eine delikate Angelegenheit. Es befaßte sich mit konkreten Problemen, zu denen die USA und die UdSSR stark voneinander abweichende Meinungen hatten.

Als die ausgehandelten Entwürfe zu den Grundprinzipien der Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und den Vereinigten Staaten und zu dem gemeinsamen Kommunique an die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros verteilt waren, versuchte Boris Ponomarjow noch einige Textänderungen durchzusetzen. Er ließ mir seine Wünsche telephonisch von seinem Stellvertreter Wadim Sagladin mitteilen.

»So geht das nicht, Arkadij.« In Sagladins Stimme schwang ein leicht drohender Unterton mit. »Das gemeinsame Kommunique betont nur ungenügend unsere Unterstützung für den Kampf der nationalen Befreiungsbewegungen in den Entwicklungsländern. Der Text ist ideologisch zu schwach. Die kommunistischen Parteien im Ausland werden nicht begreifen, warum wir eine so nichtssagende Erklärung mit den Amerikanern herausgeben.«

Ich wußte genau, was Sagladin Kopfschmerzen machte. Gromyko hatte uns nämlich aufgetragen, die üblichen Parolen über den westlichen Imperialismus und die sowjetische Überlegenheit im Wettstreit der Ideen aus unserem Entwurf herauszulassen. »Wedeln Sie nicht mit dem roten Tuch vor der Nase des Stiers«, lautete seine Anweisung.

Im nächsten Heft

Zur Spionage überredet - Mikrofilm im Rasierapparat - Kreuzfahrt mit Chruschtschow - Flucht in der Nacht

Beim Besuch einer Uno-Delegation in Moskau 1977, mit Breschnew,Außenminister Gromyko, Berater Alexandrow-Agentow,Uno-Vize-Generalsekretär Guyer und Uno-Generalsekretär Waldheim.Bei einem Besuch in London 1984.1981 mit Außenminister Genscher in Bonn, hinten: Dolmetscher.Anläßlich eines SPIEGEL-Gesprächs im Brüsseler SPIEGEL-Büro 1979,mit dem sowjetischen Bonn-Botschafter Falin.Bei einem Manöver mit dem Armee-Politchef General Jepischew (2. v.r.).Links: US-Delegierter Smith; rechts: Sowjetdelegierte Semjonow undOgarkow.

Arkadij Schewtschenko
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