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Moskau - von allen im Stich gelassen

In der Außenpolitik mußte die Sowjet-Union schwere Niederlagen hinnehmen -- dies ist die Bilanz ihres Jubiläumsjahres 1977. Mit keiner wichtigen Macht sind die Russen heute verbündet, ihre Nahost-Politik ist gescheitert. Für die Fehler seines diplomatischen Apparats fand der Kreml einen bewährten Sündenbock: die Deutschen.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Rußland als Vormacht in Europa und Asien anerkannt, mit China und Indien verbündet, alle Anliegerstaaten des Mittelmeers von kommunistischen Parteien regiert, sowjetische Militärbasen an den Küsten Afrikas bis hin zum Kap der Guten Hoffnung, die USA und Westdeutschland isoliert -- so ungefähr mögen sich einige Planer im Kreml die Welt im 60. Jahr des Sowjetstaats gewünscht haben.

Auch dieser Plan wurde nicht erfüllt. Aus freien Stücken, nämlich ohne militärische Nachhilfe von außen, hat noch kein einziges Land das Muster der Ok-toberrevolution nachvollzogen. Die außenpolitische Bilanz der UdSSR am Ende des Sowjet-Jubiläumsjahrs 1977 sieht, entgegen der gewaltigen sowjetischen Flotten-Präsenz auf allen Meeren, böse aus.

Während der eigene Block in Osteuropa eine Krise nach der anderen durchmacht, sitzt in Westeuropa noch nirgendwo ein Kommunist in einer Regierung -- wenn je, dann wohl nur nach strikter Distanzierung von der UdSSR.

Die sieht sich selbst und den Block bedroht von den Ideen der westlichen »Eurokommunisten«. Auf der Belgrader KSZE-Nachfolgekonferenz sitzen die Sowjets als Angeklagte wegen Menschenrechtsverletzungen, und am Mittelmeer wurde kein Staat rot -- trotz des Machtwechsels in Portugal, Spanien und Griechenland.

Auch die ersehnte Annäherung an das über die USA verärgerte Nato-Mitglied Türkei gelang dem Kreml nicht. Sowjetpremier Kossygin, sprungbereit zu einem Freundschaftsbesuch, wurde dreimal wieder ausgeladen.

Emsig hatte der Beiruter Sowjetbotschafter Soldatow (der schon von Kuba aus in Südamerika erfolglos aktiv geworden war) den Bürgerkrieg im Libanon geschürt -- aber ihn gewann nicht die Palästinenser-Organisation PLO, Moskaus letzter Bundesgenosse an der Front gegen Israel.

Es siegte Syrien, das heute russische Flotteneinheiten nicht mehr im Hafen Tartus bunkern läßt und sich -- wie der Irak -- kommerziell derzeit stärker nach Westen wendet.

Den schlimmsten Schlag für Moskau führte dann vor vier Wochen der volkreichste Nahost-Staat, Ägypten: Direkt-Kontakt zwischen dem abtrünnigen Sowjetfreund Sadat und dem Sowjetfeind Israel -- unter anderem zu dem Zweck, die Russen im Nahen Osten auszuschalten, wo Washington die Moskowiter mit Blick auf die weltpolitische Verständigung der beiden Großen wieder einführen wollte.

Ein historisches Kapitel sowjetischer Orient-Politik geht damit zu Ende. Es kostete Milliarden Rubel und brachte der Sowjet-Union so gut wie nichts ein.

Bei der wichtigsten arabischen Macht, den Saudis, ist nach wie vor kein diplomatischer Vertreter der UdSSR akkreditiert -- seit 40 Jahren nicht. Mit Israel hat die Sowjet-Union seit zehn Jahren keinerlei offiziellen Kontakt mehr. In grandioser Verkennung der kommenden Ereignisse bat Sowjet-Außenminister Gromyko im Juni noch Kairo um Vermittlung zum Sudan, als der sich von Moskau lossagte.

Im Oktober erklärte Sudan-Chef Numeiri, Sowjet-Präsenz beruhe stets auf brutaler Unterdrückung: »Wir rufen der Sowjet-Union und ihren Verbündeten zu: Hände weg von Afrika!«

Der Ruf ertönt inzwischen auch andernorts in Afrika: Weil das große Äthiopien billig zu haben war, verlor Moskau dessen Erbfeind, das kleinere, aber strategisch viel wichtigere Somalia. Von den drei Staaten Afrikas, mit denen Moskau einen »Freundschaftsvertrag« geschlossen hatte, bleibt ihm nach Ägyptens und Somalias Abfall nur Angola.

Kuba aber, von dem Moskau möglicherweise erst in das Afrika-Abenteuer hineingezogen wurde, beginnt sich vorsichtig auf seinen natürlichen Nachbarn USA hin zu orientieren: In fünf Jahren will Fidel Castro, so sagt er, selbst Amerika besuchen.

Den Russen war der Mann im Battledress immer unheimlich. Ein Sowjetbotschafter in Havana, der Vorgänger des Aufwieglers Soldatow, hatte ihn schlicht einen »Verrückten« genannt.

Gewiß ist, daß Havana als Sowjet-Bastion inzwischen wenig taugt, wohl aber immer noch viel kostet: Seit dem Militärputsch in Chile und dem Rechtsruck der Generale in Peru bieten sich einer sowjetischen Expansion in Südamerika kaum noch Chancen.

Sogar in Asien, wo »drei Viertel des Territoriums der Sowjet-Union liegen« ("Prawda"), verfügt die Sowjet-Union über keinen Alliierten mehr. Das befreite Vietnam will offenbar zwischen Moskau und Peking neutral bleiben und sich Hilfe von beiden sichern, Kambodscha neigt zu Peking, nur das unbedeutende Laos vielleicht mehr zu Muskau.

Die neu erworbene Freundschaft zu Indien endete mit Indira Gandhis Sturz. Als Privatgast auf der Oktoberrevolutions-Feier der Sowjetbotschaft in Neu-Delhi fiel die Sowjetfreundin kaum noch jemandem auf. Aus der Regierung von Sri Lanka sind die Kommunisten ausgeschieden.

In Japan erlitten die dort ohnehin nicht mehr nach Moskau orientierten KP-Genossen eine vernichtende Wahlniederlage. Die japanische Regierung aber läßt sich kaum noch davon abhalten, mit der Volksrepublik China einen Vertrag zu schließen, den Moskau fast als feindseligen Akt ansieht. Japan beginnt, nach dem Abzug der Amerikaner das südostasiatische Vakuum zu füllen -- nicht Rußland. Breschnews Vorschlag für einen asiatischen Sicherheitspakt ist schon vergessen.

Eine dunkle Andeutung des sowjetischen Parteichefs im November, der Antisowjetismus Chinas in der Nach-Mao-Ära könne sich rasch ändern, wurde vor wenigen Tagen von der Sowjet-Agentur »Tass« abgemildert: China sei mit der Nato eng verbunden, von der es nunmehr Militärhilfe erhalte -- eine »befremdend wirkende Union zwischen einem Land, das sich ein sozialistisches Etikett gibt, und einem imperialistischen Block«.

Jugoslawiens Tito, der sich nach einem säuerlichen Empfang in Moskau zwei Wochen später in Peking hatte bejubeln lassen, kehrte mit einer düsteren Vorahnung zurück: Nach seinen Informationen aus den beiden kommunistischen Hauptstädten, so ließ er bei seinem Besuch in Paris verlauten, sei er zu dem Schluß gelangt, daß der Krieg zwischen Rußland und China nicht mehr zu vermeiden sei.

Ein derart existenzbedrohender Kraftakt ist den Bürokraten im Moskauer Außenministerium, einer Zuckerbäcker-Burg von 26 Stockwerken -- mit einem Türmchen 171 Meter hoch

freilich kaum noch zuzutrauen. In den muffigen Amtsräumen ohne Klimaanlage, aber mit grünem Filz auf den Schreibtischen, werden die Aktenschränke abends mit Klebestreifen und Stempel versiegelt und morgens wieder entsiegelt.

Hier gebietet seit 20 Jahren Andrej Gromyko, 68, über eine anachronistisch gegliederte Verwaltung: 17 geographisch geordnete Abteilungen, von denen allein sechs für Europa zuständig sind; die »Zweite Europäische Abteilung« für England schließt noch Südafrika ein, die »Dritte« umfaßt die Bundesrepublik, die DDR und Österreich. Nachgedacht wird in Instituten, so eines für die USA und Kanada (Chef: Georgij Arbatow), eines für Afrika (Chef: Gromyko-Sohn Anatolij, vorher Botschaftsrat in Ost-Berlin).

Repräsentiert wird in blauen Uniformen mit viel goldenem Eichenlaub -- die trägt auch schon der »Zweite Sekretär zweiter Klasse« im diplomatischen Dienst.

Neuerdings zeigen Moskaus Außen-Beamte mitunter unberechenbare Nervosität. Verständlich -- oder gespielt -mochte noch sein, daß Chef Gromyko auf seiner ersten Pressekonferenz am 1. April dieses Jahres über die Abrüstungsvorschläge seines amerikanischen Kollegen Vance in Zorn geriet und dabei einen Bleistift zerbrach: Die Vorschläge seien ein »zweifelhafter, um nicht zu sagen billiger Trick«.

Gromykos Vorgesetzter Kossygin schimpfte vorletzte Woche den norwegischen Premier Nordli im Beisein aller nordischen Kollegen wegen angeblicher Bundeswehr-Präsenz in Norwegen aus und ließ sich auch vom dänischen Premier Jorgensen ("Kossygin war für meinen Geschmack zu erregt") nicht bremsen.

Das gelang eben noch bei einem der Gromyko-Untergebenen, dem Botschafter Sergei Bogomolow in Madrid. Zur Unterrichtung über einen Beschluß des Warschauer Paktes, die Zahl der Mitglieder solle ebensowenig wie die der Nato vergrößert werden, ließ Bogomolow seinen Handels-Attaché um drei Uhr morgens in der Residenz von Premier Suarez anrufen und eine Audienz fordern. Mit Mühe nur ließ sich der Sowjetdiplomat auf acht Uhr vertrösten.

Dieser rauh gewordene Ton scheint den Eklat, den Gast Willy Brandt und Egon Bahr kurz vor Ankunft in Moskau wieder auszuladen, zu relativieren (siehe Seite 26), und das macht den offiziellen Grund -- eine Erkrankung Leonid Breschnews -- plausibel, auch wenn der Generalsekretär am Tag zuvor noch eine Drei-Stunden-Rede im ZK hielt. Im Obersten Sowjet fehlte er -- 1975 nahm er auch nur eine halbe Stunde lang an der Eröffnung teil.

Zu den Deutschen sind die Sowjets bereits seit einiger Zeit nicht mehr sehr freundlich. So schubste im vorigen Jahr ein Sowjetdiplomat den Bonner Staatssekretär Rohwedder auf der Industrie-Ausstellung in Berlin beiseite; Sowjet-Jeeps behindern Staatsgäste des Senats, und Sowjet-Soldaten notieren demonstrativ Autonummern.

Fast scheint es, als habe eine Art Platzangst die Verwalter der sowjetischen Außenpolitik befallen: Von allen im Stich gelassen, fürchten sie wohl, eine weltweite Koalition könne sich gegen sie zusammenbrauen.

In der Tat ist es ihnen mißlungen, auch nur eine wichtige Macht als Verbündeten zu gewinnen -- anders als Stalin, der sich nacheinander mit Hitler-Deutschland, Japan, England, Amerika und dem China Tschiang Kai-scheks wie Maos zu verbünden wußte.

Dabei wäre es relativ leicht, Freunde zu gewinnen: Den Japanern brauchten die Russen nur zwei 1945 annektierte Südkurilen-Inseln zurückzugeben, für eine Generalamnestie in der UdSSR würde US-Präsident Carter viele Konzessionen machen, Bonn für eine unzweideutige Anerkennung der Realitäten in Berlin durch die Sowjets gewiß wirtschaftlich manches springen lassen. Nach den Worten eines hohen Sowjetdiplomaten ist Deutschland Rußlands »Traum-Verbündeter«. Doch für Leser der Sowjetpresse sieht die Bundesrepublik derzeit so aus, wie Baader/ Meinhofs RAF sie sah: ein imperialistisches Bollwerk, kurz vor der Machtübernahme durch Faschisten und Revanchisten ("Iswestija).

Allerlei Schauermärchen müssen dafür herhalten: SS-Leute marschieren angeblich durch die Straßen, schwarz Uniformierte schützen auch das Kappler-Haus in Soltau ("Literaturzeitung"), die Bundeswehrführung verordnet der Truppe den Nazi-Rudel als leuchtendes Vorbild ("Roter Stern").

Ein Besuch Breschnews in Bonn, auch nur ein Empfang Brandts in Moskau, könnte dieses Bild womöglich zerstören -- aber Moskau braucht es derzeit wieder, wohl um für den eigenen außenpolitischen Mißerfolg einen Sündenbock vorzuweisen.

Als Beweis für die angebliche Nato-Allianz mit Peking diente der Agentur »Tass« der Ausflug pensionierter Bundeswehr-Generäle zur Großen Mauer. Bonner Atom-Waffenbrüderschaft mit Israel, Südafrika und Brasilien entdeckte die gesamte Sowjetpresse; Bonns Raketen-Testgelände, »größer als die Bundesrepublik« ("Prawda"), liegt angeblich in Zentralafrika.

Von Moskaus neuem Haßobjekt Sadat, zu Weihnachten Gastgeber des Kanzlers auf dem vom Kreml bezahlten Assuan-Stausee, kolportierte das sowjetische Parteiorgan »Prawda« vorige Woche das Zitat: »Meine Bewunderung für den deutschen Militarismus läßt sich gar nicht beschreiben.«

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