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»Moskaus Ambitionen auf Weltherrschaft«

Der Bonner Regierungssprecher Lothar Ruehl über die expansive Weltmachtpolitik der Sowjet-Union Einen »nationalen Instinkt für Eroberung und Unterwerfung« glaubt der Militärexperte Lothar Ruehl in der russischen Seele gefunden zu haben. Politische Komplikationen um sein fertiggestelltes Buch »Rußlands Weg zur Weltmacht« sah Ruehl voraus, als er am Jahresanfang zum Sprecher der Bundesregierung avancierte. Doch als er seine Bedenken Außenminister Genscher vortrug, hatte der keine Anstände. Das Angebot des Autors, auf das Regierungsamt zu verzichten, beantwortete Genscher mit dem Hinweis, es gebe »Meinungsfreiheit«. Auszüge: 1981 Econ Verlag, Düsseldorf. Auszug aus dem Buch von Lothar Ruehl, das unter dem Titel »Rußlands Weg zur Weltmacht« (712 Seiten, 64 Mark) im Mai erscheint.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Der überdimensionale Umfang der sowjetischen Militärmacht in Europa ist politisch begründet, und zwar unabhängig von den militärischen Bedürfnissen. Die militärischen Gründe für die Aufstellung einer Streitmacht, die ausreicht, um ganz Europa in Schach zu halten und mit Angriffskrieg zu bedrohen, wiegen nach den russischen Erfahrungen allerdings schwer genug. Die große Zahl hat die russische Armee im Kriege oft vor irreparablen Niederlagen bewahrt; die Lehre aus der Kriegsgeschichte wurde in Moskau konsequent gezogen: Im Konflikt entscheiden zu Beginn die Zahl der sofort verfügbaren, kriegsbereiten Truppen, die Aufstellung und Beweglichkeit der eigenen Kräfte.

Je länger ein Krieg dauert, desto mehr Truppen und Waffen werden gebraucht, um den Feind niederzuringen oder um die eigenen Siege zu nutzen. Verschleiß und Verluste müssen schnell ausgeglichen werden; deshalb bringen die verfügbaren Reserven die Entscheidung. Die Anhäufung von Kriegsgerät soll einem Bedarf dienen, der im Kriege sofort hochschnellt, wenn die Kämpfe einmal begonnen haben.

Die großen Reserven an Truppen sind die traditionelle Stärke der russischen Armee -- je wirksamer die Waffen des Gegners, desto höher die eigenen Verluste und desto größer der Bedarf an Reserven. Die russische Kriegskunst in Angriff und Verteidigung hat stets auf eine starke Überlegenheit des Angreifers über den Verteidiger gesetzt, um den Durchbruch zu erzwingen.

Da die russische Doktrin im Kriege die rasche und möglichst vollkommene Niederwerfung des Gegners sucht, muß die Armee unabhängig von der Lage bei Kriegsbeginn schnell die Initiative zur Offensive auf dem Kriegsschauplatz ergreifen. Auch aus diesem Grunde bedarf sie großer zahlenmäßiger Überlegenheit an Truppen und Waffen.

In einer Zweifrontenkriegslage zwischen China im Osten und Europa im Westen mit der amerikanischen Weltmacht als erdumspannende Bedrohung muß der Schwerpunkt der sowjetischen Militärmacht im Westen bleiben: China ist zu einem Angriff von den für eine Eroberung Sibiriens oder Zentralasiens nötigen Ausmaßen weder militärisch S.193 noch ökonomisch fähig. In Asien kann die Sowjet-Union zudem Raum gegen Zeit tauschen, das heißt zur Not einen hinhaltenden Abwehrkrieg führen, dabei auch mit gezielten Schlägen ihrer weit überlegenen Raketen- und Luftstreitkräfte Chinas Kriegsfähigkeit lähmen.

Im Westen liegt das europäische Festland, auf dem die militärische Entscheidung in einem begrenzten Krieg um Europa fallen müßte. Westeuropa ist zugleich der Einsatz des politischen Konflikts mit dem Westen, sofern dieser nicht um außereuropäische Gewinne geführt würde. Selbst in einem Konflikt, dessen erster Einsatz außerhalb Europas läge -- etwa im Mittleren Osten --, würde eine eindrucksvolle militärische Bedrohung Westeuropas das beste Druckmittel auf die Westmächte sein, nachzugeben.

Zu diesem Zweck sind starke Angriffsstreitkräfte und einsatzbereite Truppenreserven nötig. Die Aufstellung einer zweiten strategischen Staffel der sowjetischen Landstreitkräfte in der westlichen Sowjet-Union rückte das Ziel, im Konflikt sechzig russische Divisionen binnen dreißig Tagen nach Mobilmachung in Europa (insgesamt hundert des Warschauer Pakts) zum Einsatz zu bringen, in greifbare Nähe. Die Verstärkung der Truppen in Mitteleuropa um gepanzerte Angriffsverbände, die Vermehrung der Luft- und Raketenstreitkräfte des sowjetischen Westheeres seit 1976 weisen auf dieselbe Ziellinie.

Im Konfliktfall würde Europa nicht eine vom Weltgeschehen ausgesparte Insel des Friedens und der Entspannung sein, sondern im Gegenteil das natürliche Spannungsfeld, auf dem die unmittelbare Bedrohung des Westens die mittelbare Stärke und alle westlichen Kräfte binden könnte, die außerhalb Europas gebraucht würden, um gefährdete westliche Interessen zu schützen.

Der geostrategische Zusammenhang zwischen Europa, dem Mittelmeerraum und dem Mittleren Osten war, von Moskau aus betrachtet, stets augenfällig. Die Erdölabhängigkeit des Westens vom Orient wertet diese geopolitischstrategische Einheit kritisch auf. Dabei steht die russische Militärmacht in zentraler Position auf breiter Front von Afghanistan bis nach Norwegen.

Der lange Weg von der »Sammlung der russischen Erde« durch die Moskauer Großfürsten über die Schlachtfelder Asiens und Europas durch vier Jahrhunderte führte Rußland schließlich auf den Höhepunkt seiner Laufbahn: in den Rang einer Weltmacht. Dieser Rang wurde in einer Zeit großer Umwälzungen und atemberaubender Veränderungen erreicht.

Spanien, Portugal, Frankreich, England waren Weltmächte nur in dem Sinne gewesen, daß es ihnen gelungen war, mit verhältnismäßig geringen Mitteln ihren Einfluß weltweit auszubreiten und in Übersee riesige Kolonialreiche zu erobern. Sie vermochten dies dank der Überlegenheit des europäischen Geistes und seiner Erfindung seit der Renaissance-Epoche.

Diese historische Ausnahmesituation war von dem Krieg beendet worden, der Rußland die Chance zum Durchbruch in der Welt eröffnete: dem Zweiten Weltkrieg. Es war die Herausforderung durch den machtvollen deutschen Eroberungswillen, die in einem innerlich noch geschwächten Rußland die Kräfte der Selbstbehauptung für einen Kampf um Sein oder Nichtsein zu einer Anstrengung ohne Beispiel mobilisierte. Im totalen Krieg gelang Rußland ein totaler Sieg.

Die Eroberung Osteuropas war der Preis des Sieges. Als die Waffen schwiegen, fand die Sowjet-Union sich neben Amerika an der Spitze der Nationen. Im Unterschied zu allen früheren Großmächten hatte Rußland dafür einen furchtbaren Blutzoll entrichten müssen. Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten für ihren Aufstieg nicht viel mehr als ein Menschenalter gebraucht; Rußland hatte sich vierhundert Jahre geplagt. Sein Aufstieg war stetig, schwierig und stets gefährdet.

Der Weg war reich an Rückschlägen und Niederlagen, an Entbehrungen und Opfern. Er führte über einen Kontinent an die Küsten der Weltmeere und schließlich auf fremde Erdteile. Folgten diejenigen, die ihn beschritten, einer Vision? Waren sie von einem Missionsbewußtsein oder von einer großen Ambition bewegt?

Die Frage, ob Rußland zur Weltmacht strebte, ob die Sowjet-Union im 20. Jahrhundert eine Weltherrschaft zum Ziel hätte, kann in der russischen Geschichte keine einfache, klare und bündige Antwort finden. Eine geistige Kontinuität zwischen dem alten und dem neuen Rußland ist ohne Zweifel nachweisbar; eine Kontinuität des Eroberungswillens über so viele Generationen hinweg müßte jedoch deutlicher ausgeprägt sein, wenn sie die russische Nation bestimmt hätte.

Gelegenheit und Zwang zum Handeln, aus der Defensive oder angesichts einladender Schwäche der Nachbarn, haben das russische Vorwärtsstreben über die eigenen Grenzen hinaus immer wieder angetrieben; ihre Wirkung genügte, um die Bewegung in Gang zu halten und die Russen zu immer neuen Horizonten zu führen. Schon deshalb ist es meist schwierig, den Übergang von der fremden Herausforderung zur S.195 eigenen Versuchung, von der Verteidigung zur Eroberung zu erkennen, das Umschlagen von defensiver Politik in expansive nachzuweisen, zum Beispiel für die Kriege Katharinas der Großen oder für Alexanders I. Krieg von 1812 bis 1814.

Dennoch wird in den vierhundert Jahren seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in Moskau ein nationaler Instinkt für Machtentfaltung über die eigenen Grenzen, Ausweitung des russischen Herrschaftsbereichs, Eroberung fremder Länder, Unterwerfung fremder Völker deutlich. Die Herrscher Rußlands sahen stets über ihre eigenen Länder hinaus, waren immer auf Besitzmehrung bedacht -- und dies nicht nur um den Gewinn neuer Untertanen und Einnahmen wie andere Fürsten Europas oder Asiens, sondern in dem Bewußtsein, daß Macht ihnen Geltung und Einfluß verschaffen würde.

Nach den Chruschtschowschen Wanderjahren des sowjetrussischen Imperialismus mußte es das Ziel der Nachfolger in Moskau sein, das Imperium zu erhalten und die Macht zu festigen. Doch gerade zu diesem Zweck mußten sie in der Welt politischen Spielraum durch militärische Bewegungsfreiheit gewinnen. Ein Rückzug Rußlands auf sich selber wie in der Vergangenheit, eine Selbsteinschließung in der Großmachtfestung des Sowjetsozialismus, die Stalin gebaut hatte, war nun nicht mehr möglich.

Die nuklearen Fernwaffen und eine große, weltweit einsetzbare Flotte konnten die russische Kontinentalmacht abschirmen und auch die raumgreifenden Bewegungen russischer Machtmittel für eine globale Politik decken. Eine Weltmacht »erster Klasse« sein, die eigenen Interessen auch gegen Druck und Drohung fördern, Konflikte ohne Existenzrisiko entscheiden und in Krisensituationen überall auf der Welt eingreifen zu können, mußte das Ziel der Sowjetführer für die nahe Zukunft sein. Die technischindustrielle Zivilisation des Nordens und Westens war nicht nur an der Oberfläche universal geworden, sondern durch die ersten Vorstöße in den Weltraum auch planetarisch mit einer kosmonautischen Spitze ins All.

Die sowjetische Vorrangentscheidung für Rüstung und Militärmacht wirkte sich zum Vorteil für die Entwicklung und Entfaltung dieser ideologisch-politisch symbolträchtigen Technologien aus, die als direkte Propagandamittel im Dienste des »wissenschaftlichen Sozialismus« und des »neuen Menschen« dienen konnten. Chruschtschow hatte eine futuristische Kulisse errichtet, eine Potemkinsche Fassade »Zivilisationsmacht Sowjet-Union«.

Doch bei allen Erfolgen in Rüstung und Raumfahrt stieß Rußland auf der hohen Ebene der Macht an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Je sichtbarer der Weltmachtrang, je exponierter die globale Machtstellung, desto deutlicher wurden die Unterschiede zu Amerika. Die Rivalität zwischen den beiden Weltmächten, die Konkurrenz ihrer »Systeme«, die Alternative, die beide repräsentierten, erzwangen einen fortgesetzten Vergleich: Sowjetrußland, die »sozialistische« Weltmacht, wurde an den USA, der »kapitalistischen«, gemessen.

Das dialektische Prinzip von These und Antithese spiegelte sich von nun an im Gegensatz der Systeme wider, S.198 und die kulturelle, wissenschaftliche, technische, industrielle, volkswirtschaftliche, soziale und politische Leistung Amerikas stand der Rußlands gegenüber. Außer im militärischen Bereich der Rüstung und Streitkräfte, in dem ein ungefährer Gleichstand erkennbar wurde, fiel der Vergleich nicht zum russischen Vorteil aus.

Die alten Schwächen Rußlands traten in der weltweiten Beleuchtung der Machtstellung deutlicher denn je hervor: Die schroffe Silhouette des russischen Staates über der total beherrschten Bevölkerung warf einen scharfen Schatten.

Die Leistungsschwäche der Volkswirtschaft, die krassen Rentabilitätsmängel von Arbeitskraft und Investition, die Steuerungsfehler des bürokratischen Apparats in der zentralen Planung und Lenkung der Wirtschaft, die Unbeweglichkeit der Verwaltung, die geistige Dürre der ideokratischen Autorität und die Erstarrung der lizenzierten, reglementierten, kontrollierten Kultur, die Verödung des gesellschaftlichen Verkehrs, die Unterdrückung von Individualität, privater Initiative, persönlicher Risikobereitschaft, um eine Erfindung, eine Entdeckung, eine Verbesserung zu wagen -- all dies war russische Tradition seit Mitte des 16. Jahrhunderts, seit Iwan dem Schrecklichen.

Die bemerkenswerten Ausnahmen stachen von dem grauen Hintergrund der verordneten Mediokrität, von der Uniformität der großen Massen ab, doch sie blieben selten und erschienen mehr als Geschöpfe des Zufalls denn Konsequenzen einer Reform. Mit der absinkenden Geburtenrate im europäischen Teil der Sowjet-Union wurde auch im Bevölkerungsreservoir der Überschuß an nutzbarer Kraft von Jahr zu Jahr geringer.

Die persönliche Leistung konnte diesen Rückgang nicht ausgleichen, denn persönliche Leistung wurde vom Sowjetsystem nur ausnahmsweise und punktuell für ausgewählte Vorrangzwecke gefördert. Circensische Talente, Artisten und Athleten, konnten Karriere machen -- schon bei den Musikern setzte wie bei den Schriftstellern die ideologische Kritik der totalitären Kulturautorität der Staatspartei an, um denkbare Abweichungen von der im Kreml gezogenen Linie abzuschrecken.

Die hohe Behörde der Gesinnungsprüfung und Gewissenserforschung unterdrückt mit einer Erziehungsdiktatur nach den »Gesetzen des wissenschaftlichen Sozialismus«, die außerhalb ihrer Hierarchie nicht nachprüfbar sind, die freie Entfaltung der Persönlichkeit von Künstlern und Wissenschaftlern, Schriftstellern und Gelehrten. Die Folgen liegen in den krassen Mängeln an Spontaneität und Innovationskraft, an kreativer Phantasie und an freiwilliger persönlicher Leistung im ganzen Land zutage. Unter solchem Zwang gedeiht am ehesten das, was sich verordnen und beaufsichtigen, in der Disziplin von Befehl und Gehorsam pflegen und verwalten läßt: Armee und Flotte, Polizei und Geheimdienst, die Grundschule und die Vermittlung technischen Wissens der einfachen Art, genormte Produktion und bürokratische Aufsicht funktionieren in der Sowjet-Union so wie zu Zeiten Peters I. oder Alexanders III.

Militär-, Polizei- und Bergwerkstaat mit Zwangsarbeit in Zechen und Gruben, an Straßen und Kanälen, in Eis und Wüste mit Großförderung von Erdöl und Erzen, Kohle und Asphalt, mit Großfertigung von Stahl und Eisen, Steinen und Erden, groben Maschinen und Zement, hat sich Sowjetrußland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei großer Verschwendung und hohem Verschleiß von Kräften im Machtwettbewerb gehalten.

In solcher Zwangslage mußten die Machtmittel nach innen und außen, Militär und Polizei, auf der Waage der Risiken die Schwergewichte der Sicherheit sein. Die siebziger Jahre sahen nicht nur den Aufstieg Rußlands zu einer kolossalen Militärmacht mit einem breit aufgeschlagenen Fächer von Streitkräften für globale Machtentfaltung, sondern auch den Aufstieg Leonid Breschnews an der Spitze der Partei zu einer Art Erstem Konsul auf Lebenszeit und seine äußere Verwandlung in eine Militärperson mit allen Würden der obersten Befehlsgewalt. Dieser außergewöhnliche und spektakuläre Vorgang, den Malcolm MacIntosh »die Militarisierung Breschnews« genannt hat, konnte nichts anderes bedeuten als einen Versuch, die sowjetischen Streitkräfte in der Person des alternden und kränkelnden Generalsekretärs der Partei demonstrativ mit dieser zu verbinden, eine formale Integration der Führungsspitze von Partei, Staat und Wehrmacht in einer Person, die zudem auch noch zum Präsidenten der Union gewählt worden war.

Nicht nur der Marschallstab der Armee und die Kriegswürde eines »Helden der Sowjetunion«, sonst im Frieden nur für persönlichen Heroismus vergeben, sondern auch die seltene und dreißig Jahre nach Kriegsende exotisch wirkende Auszeichnung mit dem 1945 von Stalin gestifteten »Siegesorden« wiesen auf den Identifikationscharakter der protokollarischen Ehrungen für den ersten Mann im Staat. Gedenkfeier zum sechzigsten Jahr des Sowjetstaates, S.200 Rückbesinnung auf die Stunde des nationalen Triumphes, in der die Kremltürme heller strahlen als je in der Geschichte Moskaus, heimlicher, aber offenkundiger Schwur auf die Erhaltung der gemeinsam geschaffenen Macht in einer ungewissen, von schweren Gefahren verdunkelten Zukunft?

Die hohe politische und symbolische Bedeutung des Staatsaktes auf der Schwelle zur Nachfolge des Sowjetführers, dessen Wille noch gilt und der im Gegensatz zum großen Stalin weder Diktator noch Generalissimus ist, sondern als Verkörperung eines Kollektivs alter Machthaber auftritt, war für die Welt wie für Rußland offenkundig. Die Demonstration der Einheit gegen die Unsicherheit, der Verteidigung des Bestehenden gegen Veränderung unter Druck, stand in einer merkwürdigen Harmonie zum Eingriff in das benachbarte und tatsächlich schon seit längerer Zeit von Moskau abhängige Afghanistan, wo die Sowjetarmee eine dem Lande durch Staatsstreich und Waffengewalt aufgezwungene Führung ohne Mehrheit schützen sollte.

Vor dem verhangenen Horizont der Unsicherheit erschien zu Beginn des 1980er Jahrzehnts die sowjetrussische Militärmacht als die Garantie der staatlichen Sicherheit und Ordnung, als die nationale Institution zur Erhaltung der sowjetrussischen Reichs- und Staatseinheit in einer Zeit der Auflösung hergebrachter Fremdherrschaft in Asien und des nationalen Selbständigkeitstrebens an den russischen Grenzen. Den Nachfolgern die mächtigste, die stärkste, die von Gewaltmitteln am besten gesicherte Sowjet-Union zu übergeben oder zu hinterlassen, schien die Hauptsorge der von der Zukunft überschatteten Staatsführung.

Überversicherung in militärische Stärke zählt zu den Charaktereigenschaften Rußlands seit Peter dem Großen -- obwohl dessen unmittelbare Nachfolger Armee und Flotte, Rüstung und Kriegskasse leichtfertig vernachlässigten, und obwohl auch im weiteren Verlauf der russischen Geschichte immer wieder Verschwendung bei Hofe auf Kosten des Militärs geübt wurde.

Für den Sowjetstaat ist Militärmacht wie Polizeigewalt ein selbstverständliches Mittel zur Regierung wie zur Sicherung der Außenpolitik. Die Rote Armee war von 1918 an neben der kommunistischen Partei die zweite Säule des Sowjetstaates. Als Instrument zur Krisenbeherrschung wurde sie in der Krise die einzige wirksame Staatsgewalt. Wenn alle anderen Mittel der sowjetischen Staatspolitik versagen, bleibt sie die »ultima ratio regis« Rußlands.

Die Weltmachtstellung Rußlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gründet auf der militärischen Macht. Die Fähigkeit, weit vor den eigenen Grenzen und Küsten in Konflikte einzugreifen -- wie in Angola oder Äthiopien -- und diese für die politischen Klienten Moskaus zu entscheiden, ist an die russische Militärmacht gebunden, so schwach diese über große Distanz und fern vom eigenen Land auch noch immer sein mochte. Die Fähigkeit, die Vorfelder um die Sowjet-Union militärisch zu beherrschen und jeder fremden Macht dort den Eingriff oder dauernden politischen Einfluß zu verbieten, ruht auf den stärkeren Bataillonen der Sowjetarmee.

Die Weltmachtpolitik der Sowjet-Union war auf Mitwirken an der Regelung internationaler Streitfragen zur Wahrung oder Förderung russischer Interessen gerichtet, solange die eigenen Machtmittel nicht zur Entscheidung von Konflikten ausreichten. Ein so friedfertiger und behutsamer Mann wie Maxim Litwinow vertrat schon zu Beginn der dreißiger Jahre den Anspruch der Sowjets, als Großmacht anerkannt zu werden, mit dem für dieses Ebenbürtigkeitsbegehren kennzeichnenden Wort, die Sowjet-Union verlange, »als eine Großmacht behandelt zu werden und nicht wie das kleine Mexiko«.

Doch diese natürliche und legitime Prätention hat mit Weltmachtrivalität, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg zu Amerika entstand, mit Vorherrschaft über Europa oder den Orient, mit globaler Weltmachtstellung und Eingriffen in andere Länder, mit dem Besitz apokalyptischer Vernichtungsgewalt und 50 000 Panzern wenig gemein. Der bedrohliche Schatten sowjetrussischer Militärmacht über Eurasien und Afrika mochte auch 1980 noch ungleich größer sein als die wirkliche Angriffskraft -- er wurde nicht von antiquierten Truppen oder Museumsstücken im Moskauer Arsenal geworfen, sondern von der größten aller modernen Armeen und mit einer Reichweite jenseits des unmittelbaren Glacis der Festung Rußland.

Die Frage nach Ambitionen auf Weltherrschaft war mit fortgesetzter Anhäufung von Angriffsmacht unabweislich gestellt. Doch solche Weltherrschaft im 20. Jahrhundert war auch für das mächtige Rußland unerreichbar, und die Auseinandersetzung in Moskau mit den Fragen der weltweiten Strategie, der Allianzen und Koalitionen während der Ära Breschnews machte deutlich, daß die Sowjets die Grenzen ihrer Möglichkeiten sahen. Alle anderen Fragen nach Absichten konnten gegensätzliche Antworten hervorrufen. Doch vom Moskauer Kreml aus gesehen bot sich dem russischen Auge zu Beginn des 1980er Jahrzehnts eine weltweite Szenerie der Bedrohung von allen Seiten.

Zwar war Rußland in seiner ganzen Geschichte gegenüber äußeren Gefahren nie so stark und in so fester Position gewesen wie zu dieser Zeit, aber die Aussicht auf die Möglichkeit einer Koalition zwischen einem schwer berechenbaren Amerika, einem in seiner Existenzgrundlage gefährdeten Westeuropa und Japan, einem feindlichen und zwar noch schwachen, aber aufstrebenden China konnte das russische Sicherheitsdenken mit Gefahrenmomenten beeindrucken.

Wie meist in der Geschichte Rußlands lag wieder neben der Gefahr die günstige Gelegenheit, wesentliche Vorteile auf Kosten anderer zu gewinnen. Die Mittel dazu waren geschaffen.

S.195Sojus 36 vor dem Start in Baikonur.*S.200Deutschstämmige Bürger fordern im April 1980 auf dem Roten Platz dieAusreise in den Westen.*

Lothar Ruehl
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