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»Moskaus Kuba am Horn von Afrika«

Mitglieder von Somalias Revolutionsregime wollten die Russen aus ihrem Land hinauskomplimentieren -- so wie Ägyptens Sadat es tat. Saudi-Arabien und Amerika sollten dabei helfen. Aber Kissingers State Department zeigte kein Interesse -- Somalia wird zum wichtigsten Stützpunkt der Sowjet-Union in Afrika ausgebaut.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Im Garten der Villa von Hadschi Osman Farah, dem saudiarabischen Botschafter in Mogadischu, überraschte Somalias Außenminister Arteh Ghalib anwesende Diplomaten mit einer brisanten Enthüllung:

Mitglieder des in der ganzen Welt als links-extrem geltenden regierenden Revolutionsrates wollten die Russen ähnlich wie Ägyptens Sadat aus dem Lande hinauskomplimentieren. Man müsse die politische und militärische sowjetische Präsenz in Somalia drastisch verringern. Saudi-Diplomat Farah berichtete sofort nach der Party seiner Regierung nach Dschidda.

Dort prüften schon besorgte Beamte Photos von sowjetischen Militäranlagen, die amerikanische Spionage-Satelliten über Somalia aufgenommen hatten. Dann überlegten sie, wie sie helfen könnten, die moslemischen Brüder jenseits des Golfs von Aden aus dem roten Griff freizubekommen.

Saudi-Arabien, so ihr diplomatisches Planspiel. könnte Somalia die von der Sowjet-Union zugesagte Wirtschaftshilfe anbieten. In Moskau bestellte Waffen müßte Amerika den Somalis liefern, zahlen wollten auch dafür die Saudis. James E. Akins, damals US-Botschafter in Saudi-Arabien, gab den Plan nach Washington weiter -- und erhielt nie eine Antwort.

Jetzt, nach einem Jahr, berichtete Akins dem US-Senat von der verpaßten Chance, das Vordringen der russischen Rivalen auf dem Schwarzen Kontinent zu kontern. Der nach Differenzen mit seinem obersten Chef Henry Kissinger aus dem auswärtigen Dienst geschiedene Karriere-Diplomat erfährt späte Genugtuung: Senator Dick Clark, Vorsitzender des US-Senatsunterausschusses für afrikanische Angelegenheiten, verlangt von Kissinger eine Erklärung dafür, weshalb er den saudischen Somalia-Plan ignorierte.

Denn die Somalia-Episode paßt in das traurige Bild von Kissingers Afrika-Politik, die von Unwissenheit. Untätigkeit oder falschen Entscheidungen geprägt war, die in Angola ihre schlimmste Schlappe erlitt und die wahrscheinlich auch durch Kissingers verspätete Blitz-Safari nicht mehr zu retten ist.

Somalia, der strategisch wichtige Nomaden-Staat am Horn von Afrika (drei Millionen Einwohner:

Hauptausfuhrprodukte: Felle, Bananen), war von vornherein nicht im Reiseplan des Amerikaners. Auf Kosten des auf Blockfreiheit bedachten Außenministers Arteh, der inzwischen seinen Posten verlor, hat dort der pro-sowjetische Verteidigungsminister Mohammed Ah Samantar an Einfluß gewonnen. Staatspräsident Siad Barre sprach im März als prominenter Gast auf dem Parteitag der KPdSU in Moskau. Und in Somalia sind die Russen heute stärker denn je vertreten.

Sie waren seit 1963 in die einstige Kolonie der Italiener und Engländer gekommen. Damals waren westliche Länder nicht bereit, Somalia Waffen zu liefern. Denn das Halbwüstenland beansprucht anrainende Gebiete von Äthiopien und Kenia, mit einer den Somalis verwandten Bevölkerung und vermuteten Ölvorkommen, sowie Frankreichs letzte Afrika-Kolonie Dschibuti.

Die Russen gaben den Somalis Waffen für 30 Millionen Dollar und wollten dafür bei der Hafenstadt Berbera einen Gegenpol zu westlichen Brückenköpfen in Äthiopien und Dschibuti errichten. Berbera wurde nach dem Rausschmiß aus Ägypten und der Wiedereröffnung des Suez-Kanals für Moskau noch wichtiger. »Wenn endgültig fertiggestellt«, so der US-Abgeordnete Stratton, der das Projekt im vorigen Jahr besuchte, »wird es die umfassendste Ausrüstungsanlage für die Sowjet-Marine außerhalb der Heimat sein, Kuba inbegriffen.«

Das strategische Ziel der Russen: Von Berbera und dem gegenüberliegenden Aden. in dem die Rote Flotte einen Stützpunkt hat, kann die Sowjet-Union den Golf von Aden. das Rote Meer und damit den Suezkanal sowie den westlichen Teil des Indischen Ozeans kontrollieren.

Die Arbeiten am Komplex Berbera-Hargeisa sind weit fortgeschritten: Öltanks mit einer Kapazität von 50 Millionen Litern sind zum großen Teil fertig, ebenso Lagerhallen im Hafen. Bei Hargeisa entstanden Pisten, auf denen schwer beladene Langstreckenbomber landen können. Das Radarnetz ist bereits in Betrieb. Fertig ist auch ein Bunkersystem mit etwa zwanzig 100 Meter langen Bunkern, die sowohl auf Lastwagen installierte Mittelstreckenraketen wie auch Interkontinentalraketen aufnehmen können.

Die Somalis erhielten von ihren sowjetischen Freunden 250 Panzer, 400 gepanzerte Fahrzeuge, 60 Mig-Düsenbomber und ein Sam-Luftabwehrsystem und sind damit die bestgerüstetete Macht im östlichen Afrika. Rund 3000 Russen kümmern sieh um Somalias 17 000-Mann-Armee und die Projekte, die Somalias Regierung keineswegs als »Sowjet-Basen« sehen will. Berbera-Besucher Stratton: »Basis oder Anlage, das ist eine semantische Frage.«

Äthiopiens Militärregime, in seinen Deklarationen so links wie die Somalis. fürchtet, daß der dank Moskaus Hilfe zur Militärmacht aufgestiegene Nachbar »unverzüglich gegen Äthiopien in den Krieg ziehen« könnte. In einer Denkschrift dokumentiert Addis Abeba Dutzende von Grenzverletzungen und Provokationen der Somalis seit dem vergangenen Dezember.

Ein Krieg zwischen den beiden ostafrikanischen Staaten aber wäre -- wie vor Monaten der Machtkampf in Angola -- wieder eine Konfrontation zwischen Washington und Moskau. Denn Äthiopiens Armee ist amerikanisch gerüstet und wird noch immer von Amerikanern beraten.

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