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Moskaus Schlag gegen Baku

Die Pogromstimmung in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku richtet sich jetzt gegen die Russen. Die Aseri eröffnen den Partisanenkrieg, sie trachten nach Unabhängigkeit und Vereinigung mit den iranischen Glaubensbrüdern jenseits der Grenze. Radikale drängen gar zum Aufstand aller sowjetischen Moslems.
aus DER SPIEGEL 5/1990

Das mögliche Ende der Perestroika begann in einem fernen Winkel, dort wo Europa aufhört und Asien anfängt.

Wie überall in jenem Lager, das sich einmal sozialistisch nannte, versammelten sich in der Hauptstadt Aserbaidschans Zehntausende Demonstranten auf dem Lenin-Platz, bildeten eine Menschenkette um die Zentrale der Staatspartei und riefen nach dem Sturz der Spitzen-Kommunisten. Hier, wie anderswo in der Sowjetunion, verlangten sie den Austritt ihres Bundeslandes aus der UdSSR.

Diesmal reagierte Moskau nicht mit Rückzug, Dialog oder Verweigerung des Schießbefehls. In Baku am Kaspischen Meer begann die Wende der Wende: Panzer und Schützenpanzer rollten an, die Macht der Monopolpartei zu retten.

Sie hatten bis nach Mitternacht gewartet, am vorletzten Freitag. Da beschloß das Präsidium des Obersten Sowjet in Moskau - Vorsitzender: Michail Gorbatschow -, den fünf Tage zuvor über die Minderheitenprovinz Karabach verhängten Ausnahmezustand auf Baku auszudehnen. Das Gremium beschloß den Einsatz der regulären Armee gegen die eigenen Bürger.

Augenzeuge Andrej Kraini, Korrespondent der Moskauer Komsomolskaja prawda, berichtete seiner Zeitung (die das nicht druckte): »Aus der Menge ergoß sich ein Steinregen über die Soldaten. Als Antwort war das Geräusch von MP-Feuer zu hören. Eine exakte Zahl der Toten ist noch nicht bekannt, sie geht in die Hunderte. Es gibt keinen Zweifel daran, daß vorsätzlich auf friedliche Menschen geschossen wurde.«

Solch ein Massaker an unbewaffneten Zivilisten in Tiflis (offiziell 20 Tote) im vorigen April hatte Moskau die Loyalität der Georgier gekostet. Doch die Kreml-Führung scheute diesmal nicht die Folgen - die Truppen schossen, weil die Aseri bereits dabei waren, sich von der sowjetischen Union loszusagen.

Der Militäreinsatz galt nicht mehr dem Schutz der armenischen Minderheit in Baku, die eine Woche zuvor einem Pogrom ausgesetzt war - da hatte die Armee Gewehr bei Fuß gestanden, kein Uniformierter sich dem Pöbel entgegengestellt.

»Extremisten« hätten »offen das Ziel vertreten, die Macht an sich zu reißen«, begründete vielmehr Partei- und Staatschef Gorbatschow im Fernsehen die gewaltsame Intervention. »Verantwortungslose Hasardeure forderten die Abtrennung der Republik von der Sowjetunion und ein islamisches Aserbaidschan.«

Vize-Außenminister Alexander Bessmertnych ortete ein Hauptquartier von Radikalen, das versucht habe, »die legitimen Staatsorgane aus der Macht« zu drängen und die »eigene Machtergreifung« zu betreiben, Verteidigungsminister Dmitrij Jasow sprach von einem »Putschversuch«.

Das hätte die aserbaidschanische Volksfront, die Ende 1988 gegen die Partei, aber »zur Unterstützung der Perestroika« gegründet wurde, am bequemsten in Wahlen erreicht, die zu verlieren die Staatspartei auch in Aserbaidschan befürchten mußte. Doch anders als in allen anderen Bundesländern der UdSSR sind in Aserbaidschan und Armenien keine Regionalwahlen angesetzt.

Die von Intellektuellen geleitete Volksfront ist ein Sammelverband unterschiedlicher Kräfte, von Liberalen und Sozialdemokraten bis zu Moslem-Fanatikern der Gruppe »Sangesur«. Außerhalb von Baku kontrolliert sie bereits 18 der 28 Verwaltungsbezirke, Parteiorgane und Sowjetbehörden sind kampflos abgetreten. Eine mit MG und Raketen ausgerüstete Landeswehr mit 100 000 Freiwilligen nach eigenen Angaben, rund 40 000 laut Jasow, ist »so mächtig geworden, daß es keine wirkliche Sowjetmacht dort mehr gibt«, stellte Tass-Generaldirektor Leonid Krawtschenko fest.

Gorbatschow sprach von der »Pflicht« zur Wiederherstellung der Sicherheit, es klang wie ein innerstaatlich reduziertes Echo der Breschnew-Doktrin von einer »internationalen Pflicht« zur Intervention in Bruderstaaten. Doch auch der Baku-Schlag des großen Innovators ist präzedenzlos: Nie zuvor in der Sowjetgeschichte haben Truppen die Hauptstadt einer Unionsrepublik pazifiziert.

Jetzt lieferte der Einmarsch jenes - vom Fernsehen nicht verbreitete - Bild, das die Interventionen in Ost-Berlin 1953 (25 Tote), in Budapest 1956 (2700 Tote), in Prag 1968 (ohne Opfer) oder in Kabul 1979 (etwa 400 Tote) boten, diesmal aber innerhalb der Sowjetgrenzen.

Stadtkommandant General Wladimir Dubinjak wollte nur von 69 getöteten Aserbaidschanern wissen. Radio Baku verbreitete, das Militär habe »Hunderte von Kindern, Frauen, Studenten und Arbeitern umgebracht und verletzt«.

Die Vertretung der aserbaidschanischen Unionsrepublik in Moskau (die deshalb vorigen Freitag von Sowjetpolizisten verwüstet wurde) behauptete, 3700 Menschen seien umgekommen. Ein Trauerzug Hunderttausender folgte vorigen Dienstag - dem Kriegsrecht zuwider - 119 Särgen zur Beisetzung gemäß den Riten des Islam.

Nur noch mit Gewalt läßt sich offenbar die berstende Union zusammenhalten, jenes »künstlich geschaffene Monstrum«, dem der Moskauer Historiker und Volksdeputierte Jurij Afanasjew Valet sagte. Doch die Invasion bewirkte, was sie hatte verhindern sollen: Aserbaidschans Oberster Sowjet übernahm das Programm der Volksfront, forderte den Truppenabzug und drohte mit dem Austritt aus der Union, den das ebenfalls von Aseri bewohnte autonome Gebiet Nachitschewan bereits vollzog.

Die Nachrichtensprecherinnen des Fernsehsenders von Nachitschewan banden sich »zum Gedenken an die Opfer des Blutbads von Baku« schwarze Kopftücher um und zitierten aus dem Koran. Der Rat der zweitgrößten Stadt Aserbaidschans, Gjandscha (Kirowabad), forderte einen Volksentscheid über das Ausscheiden aus der UdSSR.

Die Präsidentin der aserbaidschanischen Republik, Elmira Kafarowa, beschuldigte Gorbatschow, die aserbaidschanische »Souveränität« verletzt zu haben, und: »Das Volk der Aseri wird niemals vergessen, auf welch tragische Weise seine Söhne und Töchter getötet wurden.«

Die Volksfront, populärer denn je, rief ihre Landsleute zum zivilen Ungehorsam auf. Baku flaggte Schwarz. Die Arbeiter traten in den Generalstreik. Der Fernsehsender Baku fiel nach einer Explosion aus, im Untergrund sendet eine Rundfunkstation »Asadlyk« (Freiheit).

Viele Polizisten der Stadt sagten sich von ihrer Unterstellung unter das Moskauer Innenministerium los und entfernten die Sowjetsterne von ihren Dienstmützen. An die hunderttausend Genossen, 25 Prozent aller Kommunisten, zerrissen oder verbrannten ihr Parteibuch. Die Volksfront, die schon in widerstreitende Fraktionen zerfiel, einigte sich im Widerstand gegen die Invasoren.

Von Dächern beschossen Guerrilleros die Soldaten, sie warfen nachts Molotowcocktails auf Panzer und verschwanden dann auf Motorrädern. Die Moskauer Iswestija berichtete über Zustände wie in einem »Partisanenkrieg«.

Käufer russischer Nationalität werden in den Staatsläden von Baku nicht mehr bedient. Wenige Stunden vor der Entscheidung zur Intervention hatten die Obristen Saweljew und Russakow von der Militärakademie Baku ihrem Oberbefehlshaber Gorbatschow telegrafiert, ein Eingreifen der Armee werde nur die Aseri gegen die Soldaten und überhaupt gegen die Russen aufbringen. Die beiden Afghanistan-Veteranen warnten, eine Intervention führe zu einem »völligen Bruch der Beziehungen« und bringe ihre Familien »in Gefahr«.

So kam es. Die Pogromstimmung, der eine Woche zuvor ein halbes Hundert Armenier zum Opfer gefallen war, kehrt sich nun gegen die Russen, von denen 100 000 in der 1,7-Millionen-Stadt Baku leben. Viele Obdachlose im sowjetischen Armenhaus Aserbaidschan holen sich gewaltsam Wohnraum; jeder dritte Aseri lebt unter der Armutsgrenze von 220 Mark im Monat, fast jeder zweite männliche Einwohner ist arbeitslos, die Kindersterblichkeit doppelt so hoch wie der Durchschnitt der Union. Auch am Kaspischen Meer gedeiht im Zorn der alleingelassenen Besitzlosen Faschismus.

Nach der eiligen Evakuierung von 24 000 Armeniern innerhalb eines Tages brachte die Armee ihre Familienangehörigen in Sicherheit, ein Konvoi wurde beschossen (drei Tote). Den Juden in Baku versicherten Aseri, man habe nichts gegen sie, »ihr wollt uns nicht das Land wegnehmen« - anders als Armenier und Russen. Doch an den Hauswänden erschienen Aufschriften: »Den Armeniern geben wir ein Jahr, den Russen drei Jahre, den Juden fünf.« Schon wurden drei jüdische Sowjetbürger gelyncht.

Verfolgte fanden Unterschlupf auch in den Büros der Volksfront und in Moscheen. Um Spielraum für Verhandlungen zu gewinnen, zeigte ein Polizeigeneral mit dem Namen eines berühmten russischen Anarchisten des vorigen Jahrhunderts, Netschajew, Entgegenkommen: Er unterschied die Volksfront von den »individuellen Terroristen«, die für die meisten Bluttaten verantwortlich seien. Innenminister Wadim Bakatin entdeckte in der Volksfront die einst von Breschnew in der Prager KP beschworenen »gesunden Kräfte«.

Doch Sowjetarmisten durchsuchten (und verwüsteten) die Geschäftsstelle der Volksfront, konfiszierten Akten und Telefone, Medikamente und Bargeld. Der Leiter des Verteidigungsrates der Volksfront, Machmed Ali Sade, wurde verhaftet, dazu weitere 152 Personen. Vervielfältigungsapparate, überall die gefährlichste Waffe der Sowjetgegner, wurden beschlagnahmt, zwei Zeitungen verboten.

Die Stasi von Aserbaidschan, das KGB, trat aus dem gewohnten Dunkel und erklärte öffentlich: »Aserbaidschan befindet sich am Rande des Abgrunds, danach folgen Chaos und Anarchie.«

Stunden nach dem Truppeneinmarsch stürzte die Partei ihren erst vor anderthalb Jahren eingesetzten Chef Abdul Rachman Wesirow, 59, wegen seiner Mitverantwortung für den Gewaltakt.

Er war ein alter Gegenspieler des aserbaidschanischen Drahtziehers Gejdar Alijew, den Gorbatschow 1987 aus dem Politbüro geworfen hatte. Wesirow, der Gorbatschow aus gemeinsamer Zeit als Jugendführer im Kaukasus kennt, hatte als Stadtparteichef von Kirowabad und ZK-Abteilungsleiter in Baku so viel Ärger mit dem damaligen aserbaidschanischen Parteichef Alijew, daß er sich als Generalkonsul nach Kalkutta zurückzog, danach als Botschafter nach Nepal und Pakistan, von wo ihn Gorbatschow direkt nach Baku schickte.

Nach einer Nachtsitzung wurde er am Donnerstag morgen auch noch aus der Partei ausgeschlossen und verhaftet - als erster von 225 Landes- und Bezirksparteichefs der KPdSU, die unter dem Generalsekretär Gorbatschow ihr Amt erhielten.

Als Floskel erweist es sich, den Bruderkuß mit Gorbatschow getauscht zu haben. Die ausländischen Genossen Stoph und Schiwkoff, Ceausescu (mit letalem Ausgang) und 31 Mitglieder seines Politbüros wurden verhaftet, die meisten anderen entmachtet - Honecker und Krenz, Grosz (Ungarn), Husak und Jakes (CSSR).

Zwar war die Entmachtung der alten Garde in Osteuropa auch ein Sieg des Umstürzlers Gorbatschow. Jetzt aber schlägt die vom Moskauer Wandel ausgelöste Welle der Befreiung in den sowjetischen Machtbereich zurück, und da ist Sturm angesagt.

Im obersten Führungskreis - das Politbüro tagte erst am Montag nach der Besetzung Bakus, zum erstenmal seit dem 23. November - soll in einer heftigen Kontroverse Gorbatschow mit seinem Wunsch, weiter abzuwarten und nach politischen Lösungen zu suchen, unterlegen sein. Zur militärischen Alternative in Baku drängten zwei Männer aus der Sowjetführung, die laut Untersuchungsausschuß des Obersten Sowjet auch die Verantwortung für den Tiflis-Massenmord vom vorigen April ("Verbrechen gegen die Menschlichkeit") tragen: ZK-Sekretär Jegor Ligatschow, der sich demonstrativ selbst um die Neubesetzung der Führung in Baku kümmern sollte, und Verteidigungsminister Jasow, dem es nun an Streitkräften mangelt.

Der Armeegeneral bestätigte, daß es »hier in Transkaukasien keine Einheiten oder Truppenteile gibt, die man für die Beseitigung der Unruhen einsetzen könnte«. Seit vorigen Oktober werden in Aserbaidschan keine Rekruten mehr ausgehoben. Allerorts wehrt sich schon die Sowjetjugend dagegen, den Wehrdienst in Kasernen abzuleisten, die mehr als 300 Kilometer von zu Hause entfernt sind. Gemäß Gorbatschows Plan, 500 000 Mann abzurüsten, wurden das Afghanistan-Kontingent sowie 170 000 Studenten aus der Armee entlassen.

Der Bürgerkrieg im Kaukasus gefährdet aber hochsensible Militäranlagen: Spezialisten der 8. Verwaltung des KGB betreiben grenznahe Abhörstationen zur Auslandsaufklärung, »Terroristen« sind laut Tass in Flugabwehrstellungen eingedrungen - dort lagern wahrscheinlich auch Atomwaffen.

Jasow: »Die Reservisten werden aus anliegenden Gebieten eingezogen.« Das mißlang. In den angrenzenden Bezirken Rostow, Krasnodar und Stawropol - der Heimat Gorbatschows - weigerten sich die Mütter, ihre Jungen für einen sinnlosen Krieg herzugeben, ermutigt durch ihren Sieg über den Afghanistan-Feldzug, der ähnlich wie der US-Vietnamkrieg unter dem Druck der öffentlichen Meinung beendet worden war.

»Kein zweites Afghanistan«, »Laßt Uno-Truppen kommen«, stand auf Plakaten Tausender Demonstranten. Im südrussischen Schachty versuchten laut Komsomolskaja prawda »Verwandte von Rekruten mit Gewalt die Mobilisierungen zu verhindern«. 15 Musterungsbüros sollen zerstört worden sein. Kriegsherr Jasow nahm die Einberufungsbefehle zurück.

Sein Einsatzkommandeur für Baku, der Befehlshaber der sowjetischen Landstreitkräfte Armeegeneral Walentin Warennikow - er hatte den Rückzug aus Afghanistan organisiert -, spielte seine Operation herunter: Es handele sich nicht um Krieg, sondern nur um die Rettung von Soldaten, die von Extremisten in ihren Kasernen eingeschlossen worden seien. Erst auf deren Salven sei zurückgeschossen worden, im übrigen habe man nur Barrikaden fortgeräumt.

Es war Krieg. Als auf der Suche nach Vermißten das Gerücht aufkam, die Evakuierungs-Fähren brächten Leichen fort, blockierten Frachter den Hafen von Baku. Am Mittwoch wollte eine Barkasse der Sowjetmarine die Sperre durchbrechen, sie wurde beschossen. Schiffsartillerie und Panzerkanonen (von der Uferpromenade aus) nahmen 40 Minuten lang die Blockadeschiffe unter Feuer, mehrere Tanker wurden versenkt.

Es ist ein Krieg, der sich längst nicht mehr gegen den Nationalitätenkonflikt zwischen Armeniern und Aseri richtet - auch der armenische Oberste Sowjet protestierte gegen die Verletzung der Souveränität des Erbfeindes durch die Militäraktion. Generalmajor Michail Surkow, Politkommissar der Baku-Garnison, im armenischen Leninakan zum Volksdeputierten gewählt ("Ich bin ein Bauer aus Kaluga"), brachte die aserbaidschanische Volksfront und ihren Widerpart, die »Armenische Gesamtnationale Bewegung«, im Grenzgebiet von Nachitschewan rasch zu einem Waffenstillstand. Freischärler begannen, ihre Waffen - auch die der Armee gestohlenen - den Militärs auszuhändigen, Geiseln wurden ausgetauscht.

Es ist ein Krieg, von dem die unabhängige Moskauer Zeitung Glasnost schreibt, er trage »antiislamischen und antidemokratischen Charakter«. Und er kann noch sehr lange währen - zwei Drittel des vorigen Jahrhunderts brauchte das Zaren-Rußland, um die Bergvölker des Kaukasus zu kalmieren.

Die Aseri sind erfahren im Umgang mit Besatzern. Zum erstenmal marschierten die Russen vor 320 Jahren unter dem Kosakenführer Stenka Rasin ein und wichen wieder, dann kamen sie 1723 unter Zar Peter dem Großen höchstselbst in die Stadt Baku, den »Schlüssel für unser Gesamtunternehmen« in Richtung Orient, so Peter. Nach zwölf Jahren zogen sie sich zurück.

1806 hatten sie dauerhafteren Erfolg, doch der Zarengouverneur wurde dabei ermordet. 1918 rückten die Türken ein, dann 27 Kommissare der Bolschewiki (darunter nur zwei Aseri). Von ihnen blieb lediglich einer, der spätere Staatschef Anastas Mikojan, am Leben, als die Engländer einmarschierten.

1920 unterwarf die Rote Armee die unabhängige, von der nationalistischen Partei »Mussawat« (Gleichheit) regierte Aseri-Republik. Doch erst 15 Jahre später konnte Stalin seiner im Kaukasus fechtenden 11. Armee den Status eines regulären Wehrkreises verleihen.

Als 1942 die Deutschen zum Baku-Öl drängten, zeigten sich ganze Völkerschaften derart illoyal gegenüber der Sowjetmacht, daß sie hernach kollektiv zwangsumgesiedelt wurden. Gorbatschow hat die Deportationen als Kind beobachten können.

An Stalins Rezept der Massenvertreibung erinnern jetzt Radikale in Baku - um es zu übernehmen: Sie empfehlen zur Lösung des Völkerstreits im Kaukasus eine »beiderseitige nationale Säuberung«, die Umsiedlung der jeweiligen Minderheiten mittels psychologischem und körperlichem Terror, bis in den gemischt besiedelten Territorien nur noch eine Nationalität wohnt. So hätten es die Armenier im Februar 1988 mit der Vertreibung von 200 000 Aseri aus ihrer Republik getan.

An einen Sonderweg der turksprachigen Aseri denkt ihr Volksfrontführer Abdaf Abdullahow: Die Zukunft liege in einer »unabhängigen, freien, türkischen Republik«.

Volksfront-Ideologe Hamid Cherischi vom Literatur-Institut Baku rät, alle sowjetischen Moslems zusammenzuschließen und ihre Position innerhalb der UdSSR - jedes zweite Neugeborene kommt dort schon von ihnen - zu stärken: »Aserbaidschan, Kirgisien, Kasachstan, Baschkirien, das Wolgagebiet, Tatarien, Jakutien, Turkmenistan, die Krim, der nördliche Kaukasus - das ist alles türkische Erde.«

Unterstützung erhielt er aus der Türkei. Minister Konukma, zuständig für die Bulgarien-Flüchtlinge: »In den kommenden Jahren werden sich die Türken der Sowjetunion, Chinas und der Nachbarländer erheben, ihre Unabhängigkeit gewinnen und Staaten unter den türkischen Farben bilden.« 20 000 aserische Türken riefen am Donnerstag in Igdir: »Türkische Armee nach Baku!«

Der Sowjet-Schlag auf Baku hat leichtfertig eine Pandora-Büchse geöffnet, mit noch unbekanntem Inhalt: den unübersehbaren, unbeherrschbaren Konflikten des Nahen Ostens.

Haschemi Rafsandschani, der Präsident des Iran, wo insgesamt zwölf Millionen Aseri einer Vereinigung mit den Stammesbrüdern im Norden zuneigen, möchte mit dem Kreml kooperieren; im Juni vereinbarte er in Moskau ein wirtschaftliches Milliardenprogramm. In Baku wurde er ausgepfiffen.

Sein Außenministerium versprach jetzt Nichteinmischung und protestierte zugleich gegen die Gewalttat in Baku. Der geistliche Führer des Iran, Ajatollah Chamenei, führte Klage, in der UdSSR würden die Moslems von den Gottlosen verfolgt.

Ex-Innenminister Natek-Nouri befand, die moslemische Menschenmilliarde auf der Welt könne gegenüber dem Massaker nicht gleichgültig bleiben. Rafsandschanis radikaler Gegenspieler, der Ex-Innenminister Mohtaschemi - jetzt Vizepräsident des Parlaments -, sprach von einer unerhörten Herausforderung der Religion Allahs: »Jetzt wissen wir, was wir von Gorbatschow zu halten haben«, und begab sich zur Organisation von Gegenmaßnahmen nach Täbris.

Der Blutrichter Chalchali, Abgeordneter des ideologischen Zentrums Ghom, stimmte bei: »Gorbatschow, mach Schluß mit der Sowjetherrschaft über die Moslems.« Einflußreiche Aseri in Teheran reden schon von einer Wiedervereinigung mit den Sowjet-Aseri im Rahmen des persischen Staatsgefüges. Mehr als die Hälfte der Freiwilligen in der iranischen Armee sind Aseri.

Hunderte Revolutions-Gardisten kommen den Aseri in der UdSSR bereits zu Hilfe, während die Volksfront die Taktik des Ajatollah Chomeini erlernt, der einst den Schah per Massendemos stürzte.

Tausende Aseri kamen über die Grenze in die iranische Stadt Bilehsawar zum Freitagsgebet und empfingen zur Begrüßung den Koran und Chomeini-Bilder. In Nachitschewan bauen sie unter den Augen der protestierenden Sowjet-Grenztruppen eine Brücke über den Grenzfluß Araks.

Längst gibt es einen Handelspfad iranischer Kaufleute (mit arabischen Finanziers) von Dubai per Schiff zum Iran, von dort mit Lkw bis 200 Kilometer vor die sowjetische Grenze und weiter mit Kamelen zum Kaukasus und nach Tadschikistan, zum Transport rarer Güter wie Fernsehapparate und Kühlschränke. Jetzt werden über diesen Weg Waffen angeliefert.

»Manche Führer spielen mit dem Feuer«, warnte Radio Moskau auf Farsi, der iranischen Amtssprache: »Der Vielvölkerstaat Iran steckt selbst in größten ethnischen und nationalen Schwierigkeiten. Es wäre besser für Teheran, nicht zu versuchen, die Probleme seiner Nachbarn für sich auszunutzen.«

Denn auch der Nationalitätenhader im Iran, wo eine Million Armenier leben, läßt sich von außen schüren. In der nordwestiranischen Stadt Urmia und Umgebung leben 200 000 von ihnen zusammen mit Iranern, die Farsi sprechen. Dort hat die Polizei ihre Präsenz verstärkt, um - so triumphierte die Moskauer Iswestija - Zusammenstößen zwischen armenischen Christen und Muselmanen vorzubeugen.

Hilfe für den Aufstand der sowjetischen Aseri nannte Scharfmacher Mohtaschemi »das beste Beispiel für den Erfolg des Exports einer islamischen Revolution«. Doch dieser Export ist ein zweiseitiges Geschäft. Auch die Sowjets hatten schon die Revolution im Angebot:

»Hier ist die lebensvolle Quelle jenes Lichts, das den Iran, Arabien, Afghanistan umfluten wird«, ließ der aserische Sowjetdichter Samed Wurgun sein Idol Stalin in einem Theaterstück über dessen Aufenthalt in Baku 1907 sagen.

Weiter: »Das Morgenrot, das deinem Land entspringt, es wird dem Orient die Zukunft leuchten.«

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