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Moskaus Selbstmordmaschine

Weltuntergangs-Szenario im sowjetischen Regierungsblatt Walentin Falin, politischer Kolumnist der sowjetischen Regierungszeitung »Iswestija« und Moskaus Botschafter in Bonn zwischen 1971 und 1978, machte sich Mitte Dezember in einem Artikel Gedanken darüber, wie die Sowjet-Union den »Star Wars«-Vorsprung der USA wettmachen könnte. Seine Spekulationen gipfelten in der Drohung mit dem apokalyptischen Endknall. Die Explosion einer größeren Menge von Atomwaffen - im Fall eines amerikanischen Nuklearangriffes auf eigenem Territorium gezündet - würde der Welt den atomaren Winter, eine neue Eiszeit bescheren. Ein ähnlicher Plan für eine Weltuntergangsmaschine - vorgesehen war ein atomarer 1000-Megatonnen-Explosionskörper - war Ende der 50er Jahre in einem Think Tank der U.S. Air Force entwickelt und verworfen worden. Auszüge aus Falins Artikel: *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Es ist nicht schwer, sich Raketenstützpunkte auf dem Mond vorzustellen. Bis zu unserem Erdbegleiter sind es drei Flugtage. Wenn sich die Amerikaner, geschützt durch den »kosmischen Abwehr-Schirm« (des Star-Wars-Systems), entscheiden sollten, ihre nuklearen Erstschlagwaffen einzusetzen, so werden sie drei Tage danach unsere Geschenke vom Mond in Empfang nehmen müssen. Sollten sie es vorziehen, unsere Stützpunkte auf dem Mond präventiv anzugreifen, flögen ihren Raketen unsere Vergeltungswaffen unterwegs entgegen, ohne daß die Amerikaner etwas daran ändern könnten.

Es gibt noch andere strategisch mögliche Varianten - da wären zum Beispiel Raketen in stationärer Umlaufbahn, die abschreckend wirken könnten.

Die Versuchung zum Erstschlag könnten auch superschwere Raketen mindern, die auf dem Boden der Meere stationiert wären. Ebenfalls entmutigend wären Waffen, die im Ernstfall Kommunikations- und Kontrollsysteme des Angreifers im All, in der Luft und im Wasser lähmen könnten.

Wem auch immer mit einer »unangreifbaren«, weil durch Antiraketensystemen geschützten Erstschlagwaffe gedroht wird, der ist gut beraten, die ausländische Tölpelhaftigkeit nicht nachzuahmen. Vielmehr sollte der Bedrohte sich darauf konzentrieren, sein Abschreckungsarsenal zu verstärken. Es kommt darauf an, daß nicht nur zehn Prozent der Sprengköpfe durch einen Antiraketenschirm dringen - zehn Prozent gelten in Washington offenbar als zugelassenes Risiko -, sondern daß 30 oder 50 Prozent der Vergeltungswaffen durchkommen, womit die Bedrohung der amerikanischen Waffe der ersten Reihe ausgeglichen wird.

Schließlich könnte keine einzige Variante einer geplanten Raketenabwehr etwas daran ändern, daß die gleichzeitige Explosion einer bekannten Anzahl von Kernwaffen auf eigenem Territorium unumkehrbare globale Folgen hätte.

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