Zur Ausgabe
Artikel 42 / 83

MEXIKO Mousse au chocolat

Schwere Fehler haben verhindert, daß der Ölausbruch im Golf von Mexiko unter Kontrolle gebracht wurde.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Haben Sie schon einmal ein solches Durcheinander, eine solche Sauordnung gesehen?« fragte Red Adair vorige Woche den New Yorker SPIEGEL-Korrespondenten. Die Ant-Wort gab sich der wohl erfolgreichste und prominenteste Bekämpfer von Ölbränden und Ölausbrüchen selbst: »Ich nicht. Und ich mache den Job schon ein paar Jahre.«

In der Tat: Die Art, wie die Experten der staatlichen mexikanischen Ölgesellschaft Pemex mit der wohl größten Ölkatastrophe der Geschichte umgehen, scheint beispiellos. Beinahe zwei Monate nach der Explosion der Ölquelle unter der Bohrinsel Ixtoc 1 brodeln Tag über Tag 20 000 bis 30 000 Barrel (beinahe fünf Millionen Liter) schmutzig graubraunen Rohöls in die einst weithin glasklaren Gewässer des Golfs von Mexiko.

Rund 600 Kilometer ist dieser für das Meeresgetier, für Seevögel und Fische, für Krabben und Muscheln tödliche Ölteppich bereits lang.

Tag für Tag kommen ein paar Kilometer dazu: Im günstigsten, aber ziemlich unwahrscheinlichen Fall werden Entlastungsbohrungen frühestens Ende August niedergebracht sein, vielleicht aber quillt das Öl noch Monate. Die Bohrungen sollen den bisher ungeminderten Druck des Gas-Öl-Gemisches 3600 Meter unter dem Meeresboden senken, der ein Verschließen des Rohrloches bislang verhindert hat. Erst wenn der Druck nachläßt, kann die eigentliche Abdichtungsarbeit mit Aussicht auf Erfolg beginnen.

Von Eile oder Anspannung ist im Pemex-Krisenstab von Ciudad del Carmen nichts zu spüren. Energisch werden die Pemex-Manager allenfalls, wenn man sie fragt, ob sie denn nicht zusätzliche Hilfe bräuchten: »Damit

* Im Hafen von Ciudad del Carmen.

werden wir schon selbst fertig«, behauptet etwa Firmensprecher Gustavo Schmidt.

Von Red Adair will Schmidt schon gar nichts wissen. »Der war die ganze Woche nicht da«, meinte er vorletztes Wochenende, keine zwei Stunden nachdem Adair vom benachbarten Flugplatz aus zu einer Plattform in der Nähe der brennenden Öl-Gas-Fontäne geflogen war.

Konfusion auch im Hafen des einst blühenden Fischerstädtchens Ciudad del Carmen, der Heimat von 600 der 1800 mexikanischen Krabbenfangboote, die meisten anderen kommen aus dem rund 100 Kilometer entfernten Campeche. Riesige Lastwagen mit Stahltrossen und Bohrköpfen, Zement und Treibstoff verstopfen die Zufahrtstraßen, ein viel zu schwacher Kran hievt die Fracht auf Schuten oder Küstenschiffe.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich hier soll«, resignierte ein aus Singapur eingeflogener Ölchemiker und Umweltingenieur, der im Auftrag der Exxon Rat und Tat anbieten sollte. Nach sieben Tagen Wartens und einem von der Pemex arrangierten Sightseeing-Flug über das Katastrophengebiet reiste er entmutigt wieder ab.

Verdrossen und verbissen sitzen die Piloten und Techniker der kanadischen Conair Aviation Ltd. herum, die eigentlich mit ihren viermotorigen, rund 30 Jahre alten DC-6-Maschinen aus 15 Meter Höhe Chemikalien auf den Ölteppich sprühen sollten. »Manchmal fehlt der Sprit,

manchmal schaffen sie die Chemikalien nicht ran«, schimpft Bob Robinson aus Abbotsford in British Columbia, dessen Maschine schon seit Tagen auf dem Flugfeld herumsteht.

Jeden Morgen fährt einer aus der Crew mit dem klapprigen Hertz-Toyota raus, »um ein paar Schrauben nachzuziehen«. Danach geht es an den Strand. »Aber da ist es viel zu heiß, mindestens 35 oder 40 Grad«, stöhnt Robinsons Landsmann Brock, der wie seine Kollegen eigentlich auf die Bekämpfung von Waldbränden spezialisiert ist.

Die von der Pemex nicht eingesetzten Piloten und Techniker, Chemiker und Umweltforscher aus Europa, Asien und vor allem aus Amerika sitzen zumeist schon am späten Nachmittag, rechtzeitig vor den abendlichen Wolkenbrüchen, im klimatisierten Hotel und tauschen Gerüchte aus.

Die Ölflut werde frühestens in einem halben Jahr gestoppt, meint der eine, ein Ingenieur aus Louisiana. Sein Freund glaubt, Red Adair aus Houston in Texas sei längst von den Mexikanern gefeuert worden. Ein anderer will den texanischen Ölbrand-Bekämpfer gesehen haben, als er mit einigen eingeflogenen Pemex-Bossen gesprochen habe.

Tatsächlich hatte Adair mit der Pemex gesprochen, und zwar nach eigenen Worten »sehr deutlich«. Der Texaner, inzwischen 64 Lebens- und 40 Berufsjahre alt, erklärt bündig, daß seine mexikanischen Geschäftspartner die Hauptschuld an dem Desaster trifft, dessen Umweltfolgen nicht einmal zuverlässig geschätzt werden können.

Als er im Juni die »Sache vier Stunden lang unter Kontrolle hatte«, seien die Mexikaner mit unsinnigen Manövern dazwischengekommen. Wenig später seien die Ventile dann wieder geplatzt, die Ölflut habe ihren Lauf genommen.

Adair selbst kümmert sich seither nicht mehr um den eigentlichen Öl-Ausbruch: »Wir machen nur die beiden Entlastungsbohrungen, und die sind schwierig genug. Wir müssen neues, zum Teil neu entwickeltes Gerät einsetzen, um es zu schaffen.« An der Ölfontäne selber will er sich nicht mehr schmutzig machen. »Das sollen die mal machen. Ich hab' von dem Durcheinander genug.«

Vergebens versuchen die Mexikaner seither, das Bohrloch mit Schlamm und Zement zu schließen. Den unverdrossen verbreiteten Erfolgsmeldungen der Pemex mag keiner so recht glauben. »Die sagen, sie hätten die ausfließende Menge um 30 Prozent vermindert«, meint ein Exxon-Experte, »aber wer will das kontrollieren?«

Wissenschaftler aus mexikanischen Universitätsinstituten sperrte Pemex-Präsident Diaz Serrano vorsichtshalber aus. Er will nur noch die sofort unter Verschluß genommenen Analysen ausländischer Experten, die er zu äußerster Diskretion verpflichten ließ.

Das Herunterspielen der Ölaffäre gelang nach Wunsch: Der vielleicht größte Umweltskandal der Geschichte blieb in den angrenzenden Vereinigten Staaten weitgehend unbeachtet. Obwohl die Golfküsten der US-Bundesstaaten Texas, Louisiana, vielleicht sogar Mississippi, Alabama und Florida von einer beispiellosen Ölpest bedroht sind, versteckten die Medien die Schreckensmeldungen aus dem Golf unter »Vermischtes«. Die »New York Times« etwa hatte vorigen Mittwoch ganze zwei Spalten in der Sektion »Business Day« für die Ölpest übrig.

Ausführlich kommt darin ein Dr. Jerry Galt zu Wort, der sich als Ozeanograph der Nationalen Ozeanischen und Atmosphärischen Verwaltung eine Woche auf dem Küstenwachboot »Valiant« des Problems angenommen hatte. Die riesigen Ölflecke, berichtete Galt danach, glichen »warmer Schokoladensauce« oder auch »mousse au chocolat«.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.