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Mr. Smith will Präsident werden

Ein US-Demoskop erfand den idealen Kandidaten *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Patrick H. Caddell, 33 Jahre alt, Meinungsforscher, hat als »informeller Berater« Gary Hart zum politischen Durchbruch verholfen.

Seit gut zehn Jahren bewegt sich der genialische Jung-Experte im Schlachtengetümmel amerikanischer Wahlkämpfe. Mit seinem Gespür für fast noch zukünftige Stimmungen unter den Wählern hat Caddell dabei Siege errungen, die an Wunder grenzen - aber auch Niederlagen erlebt, von denen sich weniger originelle Köpfe nicht erholt hätten.

1972 hatte Gary Hart, der damals den Wahlkampf des demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern leitete, die frühreife Politbegabung Pat Caddell - frisch von der Harvard-Universität - als Meinungsforscher in seine Mannschaft geholt. Doch Caddells Talente konnten sich nicht mehr richtig entfalten. McGovern verlor wie kaum ein anderer Präsidentschaftskandidat.

1976 aber zählte Caddell - inzwischen 25 Jahre alt - neben dem 32jährigen Hamilton und dem 33jährigen Jody Powell zum kleinen Trupp politischer Frühstarter, die Jimmy Carter, dem unbekannten Gouverneur aus dem Bundesstaat Georgia, den Weg ins Weiße Haus ebneten. Wie Sherpas schleppten sie ihren Mann über die Gebirge der Vorwahlen zum Gipfel.

Caddells Ziel war es, auch in der Präsidentschaftsschlacht von 1984 mitzumischen. Er hat es erreicht. Die Durststrecke zwischen Carters Abgang und heute überwand er als einer der 15 000 »Konsulenten«, der politischen Berater, die zum Politik-Betrieb Washingtons gehören.

Beeindruckt, aber nicht entmutigt von der Popularität Ronald Reagans, entwarf der Umfrage-Künstler im vorigen Herbst einen synthetischen Kandidaten, der in seinen Computer-Spielen zunächst die demokratische Präsidentschaftskandidatur erringen und dann den republikanischen Amtsinhaber entthronen sollte.

»Senator Smith« nannte Caddell seine demoskopische Kunstfigur.

Das war ein jüngerer Mann in den Vierzigern, seit zehn Jahren im Senat, ein gemäßigter Liberaler. Sein politisches Anliegen: die Forderung nach einer neuen, dynamischen Führungsgeneration, die das Wohl der ganzen Nation über die Sonderinteressen von Gruppen und Cliquen stellen würde, ein Mann mit Visionen.

Immer dann, wenn Caddell die Computer-Erfindung in Umfragen gegen Mondale oder Glenn, die damaligen Favoriten, auftreten ließ, gewann sein synthetischer Senator Smith haushoch.

Nun mußte Caddell nur noch den realen Mann auftreiben, der seiner Erfindung ähnlich sah, das Produkt gewissermaßen, für das es die Käufer offensichtlich schon gab.

Senator Josef Biden aus Delaware, moderater Liberaler, seit zehn Jahren im Senat, winkte ab: Pat Caddells Idee war ihm zu riskant. Auch der prominente Liberale Dale Bumpers, Arkansas, konnte sich nicht entschließen, »Mr. Smith« zu werden.

Blieb Gary Hart. Auch der hatte Bedenken, sich dem zuweilen hochfahrenden und dominierenden Pat Caddell auszuliefern. Doch Ende des vergangenen Jahres schienen seine Aussichten, die demokratische Präsidentschaftskandidatur zu erringen, auf ein Minimum gesunken, und so lud der Senator am Silvesterabend seinen Meinungsforscher von ehedem zu sich.

Pat Caddell erschien mit einem Memorandum, in dem er ausführte, wie ein Demokrat, der aber eben nicht wie Mondale aussehen dürfte, Reagan die Präsidentschaft doch abjagen könnte. Mr. Smith wurde Mr. Hart - oder umgekehrt.

Der Rest ist amerikanische Wahlkampfgeschichte in all ihrer Kurzlebigkeit: heute siegreich, morgen - vielleicht - schon wieder verschrottet.

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