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MÜDE IN DEN KNAST

Gut ein Jahr lang wurde er gejagt, nun trägt er in Florida Anstaltskleidung: Der Immobilienspekulant Jürgen Schneider, der in Deutschland Milliardenschulden hinterließ, wurde zusammen mit seiner Frau von US-Bundespolizisten verhaftet. Seine Flucht hatte Schneider, wie sich jetzt zeigt, offenbar sorgfältig vorbereitet.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Luigi Poletti hat''s vermasselt. Hat er denn nicht bemerkt, daß ständig diese unauffälligen Herren hinter ihm her waren?

Der Italiener war einer der Männer, die der geflüchtete Bauspekulant Jürgen Schneider für seine Kontakte nach Europa benutzte. Er arbeitete eng zusammen mit dem Ägypter Mostafa El Kastaui, alias M. K. Moss. Kastaui ist ein Freund Schneiders und - ähnlich wie der - ein begabter Hochstapler.

In der vergangenen Woche war Luigi wieder einmal in Sachen Schneider unterwegs. Er flog von Genf über Frankfurt nach Miami, Florida. Er wurde beschattet, wie seit längerem schon. Beamte des Bundeskriminalamtes hatten im Juni 1994 erfahren, daß Kastaui für den geflüchteten Schneider tätig war (SPIEGEL 23/1994) und ihn seitdem beobachtet. So stießen sie auch auf Poletti.

In Miami stieg Luigi in einem Apartment ab, dann mietete er einen Wagen. Tags darauf, am Donnerstag der vergangenen Woche, fuhr er mit einem anderen Herrn einkaufen - Obst und Alkohol. Der andere Herr war Jürgen Schneider, der Alkohol für die Gattin.

Der nächste Weg führte die beiden zur Bank, der Millionär auf der Flucht brauchte frisches Geld. Vor der Capital Bank stieg Poletti aus. Schneider, in karierten Shorts und Freizeithemd, inzwischen ohne Toupet und mit flottem Schnurrbart, blieb im Wagen sitzen. Das war gegen 15.30 Uhr.

Während Poletti in der Bank noch das Geld zählte, schlenderten zwei Beamte der amerikanischen Bundespolizei FBI an das Auto, beugten sich zu dem Mann im Wagen. Sie stellten ihm ein paar Fragen - auf Englisch, der Mann schüttelte den Kopf.

Die FBI-Leute winkten einen Dritten herbei, und der - ein Mann vom Bundeskriminalamt - fragte in der Schneider vertrauten Sprache: »Sind Sie Herr Schneider?« Verblüfft, aber doch sehr schnell antwortete der: »Ja.«

Luigi Poletti hat''s vermasselt. Weil er nicht aufgepaßt hat, wird Schneider, 61, verhaftet. Seine Frau Claudia, 49, wurde wenig später in Hallandale aus ihrer Wohnung geholt und ebenfalls in Handschellen abgeführt.

Miami war für die Flüchtlinge aus Frankfurt das Ende einer langen Reise. Für den Immobilienspekulanten schloß das vorerst letzte Kapitel seiner Karriere mit einer Pleite.

Mit der Festnahme Schneiders wurde ein Haftbefehl des Amtsgerichts Frankfurt am Main vom 25. 4. 1994 vollstreckt, der Schneider verdächtigt, »in einem besonders schweren Fall in der Absicht, sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt zu haben, daß er durch Vorspiegelung von Tatsachen einen Irrtum erregte«. Überdies wurde Schneider Urkundenfälschung vorgehalten.

In einem Gebäude des FBI mußte der Festgenommene sich anschließend der üblichen Prozedur unterziehen. Er wurde fotografiert, en face und im Profil, Fingerabdrücke wurden genommen. Um 20.30 Uhr landete der Langgesuchte im Federal Detention Center in Miami.

Der Mann ist hinter Gittern, der Fall noch längst nicht geklärt, der Schaden nicht behoben. Schneider hat Dutzende von angefangenen und halbfertigen Bauprojekten hinterlassen, über seine Firmen wurde der Konkurs eröffnet. Die Banken, allen voran die Deutsche als größter Gläubiger, werden noch Mühe haben, die Schneider-Flecken von ihrem Bild zu tilgen; allzu leichtfertig hatten viele Institute dem Luxussanierer Hunderte von Millionen überlassen.

Am Gründonnerstag des vergangenen Jahres hatte sich Schneider gut gelaunt von seinen Mitarbeitern verabschiedet. Angeblich wollte er ein paar Tage über Ostern in der Toskana entspannen.

In Wahrheit, so rekonstruierte das BKA, war das Ehepaar Schneider am 6. April erst nach Genf und dann über Washington nach Miami geflogen. Bis Washington reisten die Schneiders als Schneider, danach unter falschem Namen. Mostafa El Kastaui flog mit ihnen. Seitdem war Schneider verschwunden.

Offenbar hat der Ägypter Kastaui, dem gute Kontakte in den Iran sowie zu Waffen- und Drogenhändlern nachgesagt werden, dem Flüchtling aus Frankfurt ständig gute Dienste geleistet. Er hat offensichtlich die Flucht der Schneiders nach Amerika organisiert, neue Pässe besorgt, und er hat von Genf aus ständigen Kontakt zu ihnen gehalten.

Die Flugtickets für die Schneiders hatte Kastauis Frau besorgt, die Schweizerin Myrta Kaegi. Sie arbeitete früher als Hostess bei der Swissair auf dem Genfer Flughafen. Warum ausgerechnet Florida? Andere Wirtschaftsflüchtlinge ließen sich gern auf den Bahamas nieder oder in Staaten, die eine Auslieferung schwermachen (siehe Kasten Seite 98).

Kastaui hatte offenbar Verbindungen nach Miami. Eine andere Bekanntschaft der Schneiders wies ebenfalls auf Florida hin. Dort wohnt der Norweger Jan Hedberg, ein alter Studienfreund Schneiders. Der sprachgewandte Hedberg hatte ebenfalls an der TH Darmstadt studiert.

Den Kontakt zu Hedberg hat Schneider nie abgebrochen. Vier Monate vor Schneiders Flucht besuchte Michael Zacharias, Halbbruder von Ehefrau Claudia, den Norweger in Florida. Zacharias flog später noch mehrfach nach Miami. Außerdem schickte er codierte Fax-Botschaften nach Florida.

Auch Schneiders Tochter Ysabel buchte Tickets nach Miami. Ebenso wie Zacharias ist sie den Fahndern freilich entwischt. Es sei praktisch kaum möglich, eine Person zu verfolgen, erklärt Zielfahnder Hans Schmid, die von der Beschattung weiß.

Nach Schneiders Festnahme zeigte sich die Deutsche Bank, größter Gläubiger des Verhafteten, erleichtert. Vorstandssprecher Hilmar Kopper hatte nie Zweifel, daß die Fahnder »diesen Betrüger« fassen würden. »Die kriegen den, da bin ich sicher«, sagte der Banker noch vor wenigen Wochen.

Der Erfolg der Fahnder beendet eine Posse, die monatelang die Öffentlichkeit amüsierte. Niemand wußte, wo der geflüchtete Immobilienspekulant sich aufhielt, aber Woche für Woche meldeten findige Journalisten eine ganz heiße Spur: Mal war Schneider im Iran oder in Paraguay, mal auf Teneriffa, dann wieder in Genf oder Südafrika (siehe Grafik Seite 94). Wichtigtuer sahen ihn an irgendeiner Bar, Witzbolde schleppten Journalisten quer durch Europa, immer auf dem Weg zu Schneider.

Zeitweilig schien es, als würde der Flüchtige zu einer Art Volksheld: Der Mann hat die Banken aufs Kreuz gelegt und ist entkommen. Aber Schadenfreude und Bewunderung hielten nicht lange an, Schneider taugte nicht zum deutschen Robin Hood. Er ist wohl doch, so scheint es jetzt, nur ein gewöhnlicher Abstauber, der allzu lange seine Gesprächspartner blenden konnte.

Der »Frankfurter Bub«, wie Schneider sich selbst gern nannte, gilt als knallharter und gerissener Geschäftsmann mit üblen Launen. Seinen Charme setzte er eher selten ein, etwa gegenüber Managern und Bankern.

Thomas Norweg, ein langjähriger Bekannter, schildert den Bauingenieur dagegen als »stets freundlich und liebenswürdig«. Norweg, heute in Diensten der Deutschen Bank, arbeitete bis Februar vergangenen Jahres für Schneider.

Sein früherer Arbeitgeber sei offensichtlich »sehr introvertiert«, sagt Norweg. Der Millionär nahm wenig am gesellschaftlichen Leben teil und pflegte keine Hobbys. Er ließ sich von den beiden Privatdetektiven Wilhelm Meurer und Klaus Stennei bewachen. Der Schneider habe allen Fremden mißtraut, sagt Bodyguard Meurer: »Wir waren so eine Art Soldaten für ihn.«

Ein gutes Ansehen verschaffte sich Schneider durch seine »gemeinnützige Stiftung« in Darmstadt. Vorstand, Beirat und Kuratorium waren gespickt mit prominenten Namen. Dazu zählten etwa Helmut Böhme, Präsident der TH Darmstadt, Hessens früherer Innenminister Gottfried Milde (CDU) oder der ehemalige hessische Finanzminister Ernst Welteke (SPD).

Die Stiftung hat reichlich Preise vergeben, etwa 100 000 Mark an Schneiders Studienfreund Jan Hedberg aus Florida. Daneben war die Stiftung »exklusive Plattform« für die Königsteiner Unternehmensgespräche, beispielsweise zu dem schönen Thema »Unternehmenskultur«. Die Moderation besorgte Stiftungs-Beirat und ZDF-Journalist Alexander Martens.

Schneider, der sein erstes Geld mit der Zucht von Dackeln verdiente, hat sich immer dagegen gewehrt, als Immobilienhändler bezeichnet zu werden. Er betonte seine Liebe zu historischen Gebäuden; er sei ein Investor.

Maurerlehre und Baustudium an der Technischen Hochschule Darmstadt verfestigten seine Neigung. Er sammelte Erfahrungen bei mehreren Baufirmen, ehe er sich 1981 selbständig machte.

Der Unternehmer Schneider investierte als erstes in Eigentumswohnungen, die er - teils mit dem Geld seiner Frau - kaufte und gewinnbringend wieder abstieß. Den Durchbruch im wirklich lohnenden Geschäft schaffte Schneider mit dem Erwerb des Frankfurter Fürstenhofes, eines denkmalgeschützten ehemaligen Hotels. Er kaufte den Fürstenhof für 45 Millionen, sanierte ihn für 200 Millionen und gab ihn schließlich für 450 Millionen an japanische Investoren ab.

Damit überzeugte er auch manche zweifelnde Banker: Die teure Sanierung von Altbauten schien doch zu lohnen.

»Wir machen nicht die schnelle Mark«, hatte der Bauingenieur und promovierte Betriebswirt immer wieder verkündet. Er kaufte die feinsten Immobilien, immer in bester Lage, um sie aufwendig zu sanieren - den Fürstenhof in Frankfurt, das Palais Bernheimer in München, das Fahning-Haus in Hamburg, Barthels Hof und die Mädler-Passage in Leipzig.

Geld spielte keine Rolle. Die Banken waren immer wieder bereit, einzelne Schneider-Objekte großzügig zu finanzieren, zu großzügig, wie sie nach der Pleite feststellten.

Schneider hatte sie immer wieder getäuscht: durch sein selbstsicheres, seriöses Auftreten, durch den Nachweis üppiger Festgeldkonten - und schließlich auch mit falschen Zahlen.

Auf gut sechs Milliarden Mark addierten sich schließlich die Schulden, die Schneider hinterließ, als er im März vergangenen Jahres zunächst spurlos verschwand. Er sei unschuldig, knurrte der Verdächtige, als er am Donnerstag in Handschellen abgeführt wurde. Der Beweis wird ihm schwerfallen.

Noch in der vergangenen Woche hatte Schneider versucht, mit Hilfe eines Tonbandes, das vom ZDF kommentarlos abgespult wurde, alle Schuld an dem Milliardendesaster seinen Bankiers aufzuladen: »Wir stehen als einzelnes Ehepaar«, so der weinerliche Flüchtling, »heute vor den Trümmern unseres persönlichen Vermögens.« Schuld sei daran vor allem die Deutsche Bank, die seine Vorschläge »nicht befolgt« habe.

Eine Dokumentation, 700 Blatt stark, soll das Versagen der Banker belegen. Schneiders Genfer Anwalt Francois Canonica verwahrt das Papier.

In vierzehn Punkten hatte Schneider auf dem Tonband sein trauriges Los als Schuldner im Würgegriff der Bank belegen wollen. Doch alle Punkte lassen nur den Schluß zu: Schneider hat entweder den Bezug zur Realität verloren - oder er biegt die Fakten, wie sie ihm passen.

»Der ist nicht ganz dicht«, kommentiert Gerhard Walter, der den größten Teil der Konkursmasse aus Schneiders Imperium verwaltet. Die Vorwürfe seien »erstunken und erlogen«. Die Deutsche Bank sprach von einer »bemerkenswerten Frechheit«.

In der Tat sind die Dinge etwas anders gelaufen, als Schneider behauptet. Sein Vermögen ist nicht deshalb in die Pleite gerutscht, weil die Banken ihm zuwenig Geld gegeben haben - es war zuviel.

Schon 1991 und 1992, so stellte Konkursverwalter Walter in seinem ersten Bericht fest, hätte Schneider Millionenverluste erwirtschaftet. Die Krise habe sich »schon vor Jahren entwickelt und konnte nur dadurch verdeckt werden, daß immer neue Kredite aufgenommen wurden«, um die Verluste abzudecken.

Es war eine Art Schneeballsystem. Schneider mußte immer wieder Millionen pumpen, um die Zinsen für das bereits geliehene Geld aufzubringen. Sein Geschäft brachte nicht genug ein, das Konzept war falsch: Seine Objekte, so der Konkursverwalter, habe der Frankfurter Sanierer zu teuer eingekauft, zu teuer saniert und zu teuer verwaltet.

Schneider hatte so seine Tricks, dieses System in Funktion zu halten. Er berechnete mehr Quadratmeter für seine Bauten, als wirklich vermietet werden konnten. Das Frankfurter Einkaufscenter »Les Facettes« beispielsweise sollte 20 000 Quadratmeter aufweisen; wie die Deutsche Bank später - zu spät - feststellte, waren es in Wahrheit nur 9000 Quadratmeter.

Das Einkaufscenter hatte Schneider für schätzungsweise 200 Millionen Mark errichtet. Die Deutsche Bank gab einen Kredit von 415 Millionen Mark.

Gern schob Schneider auch seine Immobilien von einer seiner Firmen in eine andere - und jedesmal wurde das Objekt teurer. So mehrte sich - auf dem Papier - sein Vermögen, und das machte ihn zu einem Schuldner, der das Vertrauen der Gläubiger wert war. »Les Facettes« stand schließlich mit 983 Millionen Mark in Schneiders Bilanz.

Nicht nur die größte deutsche Bank machte da bereitwillig mit. Für 19 Millionen kaufte Schneider Barthels Hof in Leipzig; an Sanierungskosten wurden 50 Millionen veranschlagt. Die Hypo-Bank gab 147 Millionen Mark Kredit.

Irgendwann zu Beginn vergangenen Jahres muß auch Schneider geahnt haben, daß seine Unternehmerstrategie nur begrenzte Zeit funktionieren kann. Im Frühjahr wandte er sich schließlich an die Deutsche Bank, seinen größten Gläubiger, dem er noch heute 1,2 Milliarden Mark schuldet.

In einem Brief an Ulrich Weiss, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, sorgte sich der Bauunternehmer, daß ein »ernsthafter Liquiditätsengpaß« drohen könne. Er erkannte einen »für mich nicht verständlichen schleichenden Prozeß, den ich ohne die aktive Hilfe der Banken befürchte langfristig nicht beherrschen zu können«.

Unter der Überschrift »Anträge« stellte der Milliarden-Schuldner dann seine Forderungen: Stundung der Zinsen auf zwei Jahre sowie ein »Überbrückungsdarlehen« von 80 Millionen Mark. Die Deutsche Bank sollte als Konsortialführerin für die Fertigstellung der Bauten sorgen.

Seine Ärzte hätten ihm geraten, so teilte Schneider abschließend mit, sich »von jedem Streß fernzuhalten«. Er dürfe sogar »zur Vermeidung von Aufregungen« seinen augenblicklichen Aufenthaltsort nicht bekanntgeben.

Die Botschaft war nicht mißzuverstehen. Der Brief an Weiss, den der Mainzer Rechtsanwalt Horst Schneider (nicht verwandt mit Jürgen) am 7. April in der Frankfurter Zentrale übergab, alarmierte den Vorstand der Deutschen Bank.

Noch im Februar hatten die Kreditexperten der Deutschen Bank keinen Verdacht geschöpft. Sie hielten Schneider in einem offenen Gespräch allerdings vor, er habe sich wie ein Großkonzern verschuldet. Sie baten ihren Schuldner um ein genaues Bild seiner Lage, Termin: Anfang April. Die Bank hatte bereits seit 1992 keine neuen Schneider-Objekte finanziert.

Ende März wurde Schneider an den Termin und seine Zusage erinnert. Das sei schwierig, erwiderte der - sein Buchhalter sei im Urlaub. Dann kam der Brief an Weiss, und die Bankiers wußten, daß sie ein Problem hatten.

Einen Tag später, an einem Freitag, erschienen sechs Experten aus der Abteilung Kreditrisikomanagement in Schneiders Zentrale, der Villa Andreae in Königstein. Übers Wochenende setzten sie, unter Mithilfe von Schneider-Leuten, die Teile eines Puzzles zusammen, das ihr Schuldner ihnen vorenthalten wollte.

Zum erstenmal wurden an diesem Wochenende alle wichtigen Zahlen addiert. Mehr als 50 Banken haben Schneider Geld geliehen, jeweils für bestimmte Objekte. In einer Liste faßten die angereisten Experten die Objekte zusammen, schrieben die Bausummen auf, die Kredite, die erwarteten Einnahmen.

Das Ergebnis war niederschmetternd: Schneider war mit 2,1 Milliarden Mark im Minus.

Ein krasser Fall bestärkte die Wochenend-Arbeiter in ihrem Verdacht, daß ihre Bank geleimt worden sei. Für das Schneider-Objekt »Les Facettes« in der Frankfurter Zeil hatte der Bauspekulant Mietverträge vorgelegt, die Einnahmen von 57,5 Millionen erwarten ließen. Jetzt stellte sich heraus, daß nicht einmal mit 10 Millionen zu rechnen sei. _(* Vor der Gläubigerversammlung im ) _(Amtsgericht Königstein am 17. Mai 1994. )

Schneider, davon ist die Deutsche Bank überzeugt, hat sowohl die Zahl der vermietbaren Quadratmeter als auch die Mieteinnahmen bei seinen Objekten oft zu hoch angesetzt. Er hat nach Ansicht der Bank gefälschte Mietverträge vorgelegt.

In der Woche nach dem Königsteiner Einsatz erstattete die Deutsche Bank Strafanzeige, die schließlich den Haftbefehl auslöste. Für die Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die Familien-Holding, wurde Konkursantrag gestellt.

Völlig übereilt und zu Unrecht sei das geschehen, klagte Schneider vergangene Woche im ZDF. Er habe einen schweren Schock erlitten und könne deshalb nun unmöglich nach Deutschland zurückkehren.

Übereilt war das keineswegs, was die Deutsche Bank schließlich unternahm. Allzu langmütig und nachlässig war sie vielmehr mit ihrem Großschuldner umgegangen. So hatten die Banker beispielsweise für das Objekt »Les Facettes« in Frankfurt ein Mieteneingangskonto verlangt. Sie ließen sich von Schneider mit der faulen Ausrede abspeisen, das ginge aus steuerlichen Gründen nicht.

Immer wieder hatte Schneider die Gläubiger mit seinen Festgeldkonten beeindruckt. Im Februar 1994 noch hatte er versichert, er wolle seine Liquidität von 580 Millionen Mark schon bald auf eine Milliarde erhöhen. Was kann einem Gläubiger, der einen so potenten Schuldner hat, schon passieren?

Das Tonband, das der geflüchtete Baulöwe vergangene Woche über den Genfer Anwalt Canonica dem ZDF zuspielte, sollte das Bild eines Mannes zeichnen, der nicht nur an sich und seine Familie denkt. Er sorgt sich um die Handwerker, die ihr Geld nicht bekommen, um die »kleinen Kreditnehmer gegenüber den allmächtigen Banken«, um die Städte, die er mit seinen Häusern verschönern wollte. Der Gedanke, daß seine Worte ihn als schamlosen Heuchler entlarven könnten, ist ihm offenbar nicht gekommen.

»Wir beanstanden sehr«, so Schneider, »daß Zahlungen so spät beziehungsweise bis heute immer noch nicht vollständig erfolgt sind.«

Ausgerechnet der: Schon 1991 wurde Schneider vom Landgericht Frankfurt bescheinigt, daß er auf rüde Art mit seinen Handwerkern umging. Er habe ihnen Klauseln diktiert, die »Teil eines betrügerischen Systems« seien, mit denen er sich »ungerechtfertigte Vermögensvorteile« verschaffen wollte.

Die von Schneider so heftig attackierte Deutsche Bank hat im übrigen, um nicht weiter Schaden an ihrem Image zu nehmen, Handwerkern ihre Leistungen bezahlt, insgesamt 70 Millionen Mark. Sie stellt die angefangenen Bauten fertig, wenn auch zum Teil anders als von Schneider geplant.

So wollte Schneider im Münchner Palais Bernheimer auf drei Ebenen Läden einrichten. Sie sollten über einen U-Bahn-Eingang zu erreichen sein. Nun wird es mehr Büros geben, weniger Läden, und die ebenerdig. Auch der Rolls-Royce-Shuttle zum Starnberger See (Rose auf dem Beifahrersitz), mit dem Schneider für zahlungskräftige Kundschaft im U-Bahn-Schacht sorgen wollte, fällt weg.

So beredt, wie der Florida-Flüchtling über die bösen Banker klagte, so zurückhaltend übergeht er, laut Tonband, die wichtige Frage nach den verschwundenen Millionen. »Ich hatte von unseren privaten Festgeldern 245 Millionen Mark auf ein unseren Hauptbanken zuvor benanntes Genfer Bankinstitut offiziell überwiesen«, so Schneider. Die Banken seien vorher informiert worden.

Die Geschichte war natürlich, wie so oft bei Schneider, ein bißchen anders. Sie läßt sehr eindeutig erkennen, daß Schneider erstens keineswegs nur zu einem Osterurlaub in die Toskana fahren wollte und daß er zweitens die 245 Millionen offensichtlich nicht zur Rettung seiner bedrohten Firmen einsetzen wollte.

Schon im Dezember 1993 hatte er begonnen, Millionen anzusammeln, um sie in kleinen Tranchen auf ein Konto bei einer Londoner Bank zu überweisen. Auf diesem Konto waren schließlich, als im April nach Schneiders Abgang die Rechercheure der Deutschen Bank in Königstein ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt fanden, in der Tat 245 Millionen Mark.

Die Banker, die ihrem Großgläubiger die Millionen nicht überlassen wollten, kamen auf eine naheliegende Idee: Das Geld sollte von Leuten nach Deutschland zurückgeholt werden, die dazu befugt waren.

Zwei Männer, die für Schneider tätig waren, hatten eine Generalvollmacht: sein Geschäftsführer Ralf Matthias Graf Lambsdorff und der Anwalt Horst Schneider. Doch der untergetauchte Firmenchef handelte, ehe einer von beiden aktiv werden konnte.

Erst entzog er seinem Geschäftsführer Lambsdorff die Vollmacht. Dann untersagte er dem Anwalt Schneider, der sich auf den Weg nach London machen wollte, über die 245 Millionen zu verfügen.

So gab es nur noch einen, der das Geld bewegen konnte: Jürgen Schneider selbst. Und der ging zielstrebig vor.

Wiederum in kleinen Tranchen schickte der geflüchtete Schuldenkönig seine Millionen auf Umwegen über mehrere Banken um die halbe Welt. Das Geld landete schließlich in der Schweiz.

Dort allerdings - alle Mühen waren vergebens - wurde es vom Konkursverwalter mit Arrest belegt. Es soll, wie ein Genfer Staatsanwalt am Freitag erklärte, demnächst nach Deutschland transferiert werden. Der Konkursverwalter schlägt die Millionen mit Vergnügen der Masse zu.

Trübe Aussichten für Schneider. Seine so mühsam gesammelten Millionen werden nur die Kopfquote für die Gläubiger erhöhen. Seine schönen Häuser werden andere fertigbauen. Und er selbst wird wohl für ein paar Jahre nicht mehr verreisen können.

Die Bundesregierung wird von den Amerikanern die Auslieferung des Ehepaars Schneider verlangen. Bei Verurteilung wegen betrügerischen Bankrotts, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung muß der Bauspekulant mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen. Claudia Schneider-Granzow wird billiger davonkommen: Ihr wird nur die Beteiligung an dem Transfer der 245 Millionen vorgeworfen.

So könnte die Posse mit der gerechten Strafe für die Bösen und einem Happy-End für die Gerechten enden. Doch einen Preis zahlen nicht nur die Schneiders.

Die Banken haben den Schein der Unfehlbarkeit, der sie bisweilen umgibt, verloren. Ein schlitzohriger Bauspekulant hat sie bloßgestellt. Sie mußten lernen, daß es lohnt, bei großen Krediten auch mal die Baustelle zu besichtigen. Einige Angestellte der Deutschen Bank hat der Lernprozeß den Job gekostet. Die Abteilung Kreditrisikomanagement wurde durch ausgebuffte Immobilienexperten verstärkt.

Ein paar Journalisten haben sich auch blamiert. Die phantasievolle Suche nach dem flüchtigen Baulöwen war nicht immer eine Suche nach der Wahrheit.

Nur die tüchtigen Leute vom BKA und vom FBI dürfen sich zufrieden über ihren Erfolg zurücklehnen. Und natürlich Konkursverwalter Walter: Ein Mann, der mehrere hundert Millionen Masse gerecht verteilen soll, hat ausgesorgt: Er selbst bekommt etliche Millionen als Honorar ab.

Das Ehepaar Schneider wartete in Miami am Freitag vergangener Woche, 13 Uhr Ortszeit, inmitten von acht anderen Häftlingen und vier Sitze voneinander getrennt, auf den Haftrichter. Beide trugen die ortsübliche Gefängnistracht - hellblaues Sporthemd, dunkelblaue Hose.

Vor Jürgen Schneider hatte Luigi Poletti Platz genommen. Sie seien 36 Stunden nicht mehr in den Betten gewesen, klagte der Pleitier, »die haben uns hier festgehalten«. Er habe deswegen, trotz des Dolmetschers, Schwierigkeiten, dem Verfahren zu folgen.

Das dauerte denn auch nur wenige Minuten. »Bis auf weiteres Auslieferungshaft ohne Kaution«, beschied der Richter die beiden Deutschen. Zum nächsten Termin am Mittwoch dieser Woche müssen sie ihren Wahlanwalt aus Genf einfliegen lassen, andernfalls stelle ihnen der Staat einen Pflichtverteidiger, lautete der Spruch.

Dem Italiener Poletti, der auch nach Deutschland ausgewiesen werden soll, wurde bereits ein öffentlicher Rechtsbeistand zugeordnet. Bis zum 21. Juni muß er 1000 Dollar als Anteil an den Gerichtskosten hinterlegen, sonst, drohte der Richter, »müssen Sie Ihren Anwalt selbst bezahlen«.

Die beiden Schneiders, hinter sich zwei US-Marshals, machten von ihrem Recht zur Aussageverweigerung Gebrauch. Den Anklagevorwurf des Betrugs und der Urkundenfälschung, so Schneider auf die Frage des Richters, »verstehe ich zwar, aber ich akzeptiere ihn nicht«.

Wann sich das Trio einem deutschen Richter stellen muß, steht noch nicht fest. Bundesankläger Steven Tyrrel rechnet »mit mindestens drei Monaten, wenn das Auslieferungsbegehren angefochten wird«.

Wer aber sollte das tun? Von deutschen BKA-Beamten habe er erfahren, so Tyrrel, daß »die Schneiders so schnell wie möglich nach Deutschland wollen«. Auf einmal. Y

Er sei unschuldig, knurrte Schneider noch in Handschellen

Schneider hatte sich wie ein Großkonzern verschuldet

Bis auf weiteres Auslieferungshaft ohne Kaution

[Grafiktext]

Zeitungs- u. Zeitschriftenberichte über Aufenthaltsorte Schneiders

Ausgewählte Immobilien-Investitionen Schneiders

Weitere Wirtschaftsflüchtlinge

[GrafiktextEnde]

* Vor der Gläubigerversammlung im Amtsgericht Königstein am 17. Mai1994.

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