Zur Ausgabe
Artikel 46 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

München Ein Sieg der Partisanen in Nahost?

Mit dem Terror von München wollten die Palästina-Partisanen vor altem eine Entspannung im Nahen Osten verhindern: Sie fürchten, bei Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Araber-Staaten leer auszugehen. Nach den israelischen Vergeltungsschlägen solidarisierten sich die Araber -- wahrscheinlich nur vorübergehend.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Palästinenser feierten ihren Sieg. Der Anschlag auf Münchens Olympiade. der Tod der Geiseln und der Terroristen, so jubelten sie in Beirut, seien ein »hundertprozentiger Publicity-Erfolg« ... Eine Bombe im Weißen Haus, Maos Tod, ein Erdbeben in Paris -- nichts habe die Welt gleichermaßen schockieren können.

»Das war ein Signal. Der Kampf beginnt erst«, verkündete Guerilla-Führer Georges Habasch: »Die Aktion ist gelungen. Ich nenne sie einen Triumph Palästinas.«

Das Triumphgeschrei und der Siegerrausch im Angesicht des Massakers wirkten zynisch. Wie konnte ein Massaker, das weltweit Abscheu erregte und Millionen gegen die Fedajin aufbrachte, ein Triumph sein? Wie der Mord an wehrlosen Sportlern ein Erfolg? Wie konnte man ein Unternehmen gelungen nennen, von dem kein einziger Kämpfer zurückkehrte?

Doch für die radikalen Palästinenser war der Anschlag von München tatsächlich ein Erfolg: Sie verhinderten -- zumindest vorläufig -, was sie am meisten fürchten: daß sich die Dauerkrise im Nahen Osten allmählich entspannt.

Die Salven von München und Fürstenfeldbruck. die israelischen Gegenschlag-Bomben auf Ziele in Syrien und im Libanon beendeten -- vorerst -- eine Phase der ·schüchternen Annäherung. »Nach München«, so der Londoner »Daily Telegraph«, »liegt der Frieden wieder ein ganzes Stück ferner als noch vor ein paar Monaten.«

Die Hoffnungen auf einen Ausgleich im Nahen Osten waren im Juli aufgekommen, als Ägyptens Präsident Sadat Tausende sowjetischer Militärberater nach Hause schickte und gleichzeitig die Beziehungen zu Westeuropa zu verbessern versuchte.

Sadats Diplomaten, darunter »Al-Ahram«-Chefredakteur Heikal (der in München mit Willy Brandt zusammentraf), bedeuteten den westeuropäischen Regierungen, es sei auch in ihrem Interesse, nunmehr anstelle der Sowjets der ägyptischen Wirtschaft zu helfen und Kairos Vorstellungen von einer Friedensregelung im Nahen Osten zu unterstützen. Die diplomatische Offensive sollte -- nach den US-Wahlen -- in Amerika fortgesetzt werden.

Auf der anderen Seite zeigten sich auch die Israelis flexibler. Mosche Dajan, der bislang stets lieber kämpfen als vor einem endgültigen Frieden besetzte Araber-Gebiete zurückgeben wollte, sprach plötzlich von einem möglichen Teilrückzug seiner Truppen von der Sinai-Halbinsel, »als Kompromiß im ägyptisch-israelischen Konflikt, vorübergehend oder dauerhaft«.

Ein Gesprächsangebot von Golda Meir wies Ägyptens Sadat zwar zurück. Aber mit Hilfe der Presse und gezielter Indiskretionen kam es dennoch zu einem arabisch-israelischen Gedanken -- austausch.

Die Palästinenser-Führer beobachteten diese Entwicklung mit Unbehagen. Ein Verhandlungsfrieden, so mußten sie fürchten, würde möglicherweise den Arabern die von Israel besetzten Gebiete zurückgeben, nie aber den Palästinensern ihr Palästina.

»Um diesen Verrat an Palästina ein für allemal zu unterbinden«, so ein Funktionär des »Schwarzen September« in der Beiruter Wochenzeitschrift »Al-Sajad«, entschloß sich die radikale Guerilla-Truppe ihrerseits zur Offensive: Acht zum Kämpfen und Sterben entschlossene junge Palästinenser sprengten die Illusion vom olympischen Frieden -- und besserten zugleich bei den Brüdern im Nahen Osten ihr Ansehen auf: Vergessen war auf einmal, daß sich die Fedajin bei ihrem letzten großen Anschlag gegen Israel auf dem Tel-Aviv-Flughafen Led gedungener Japaner bedient hatten.

»Jetzt beschäftigt mich nicht mehr die Frage nach Frieden«, zürnte nach dem Massaker der zu den Tauben zählende israelische Außenminister Eban. »Jetzt geht es nur noch um die Ausrottung dieses Terrors.« Die israelische Zeitung »Jediot Aharonot« rief zum totalen Krieg: »Wir sind nicht untätig geblieben, als Nasser seine Armee an unserer Grenze zusammenzog. Warum sollten wir diesmal anders handeln?«

Die Rechnung der Guerillas, einen Ausgleich in Nahost zu verhindern. schien endgültig aufgegangen, als Golda Meirs Regierung den Rufen nach Rache folgte und die Luftwaffe tiefer ins Feindesland flog als je zuvor seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Flugzeuge bombardierten vermutete Guerilla-Unterkünfte in Syrien und im Libanon und schossen syrische Jäger ab. Ein Militärgericht in Lod verurteilte einen Handgranaten-Werfer. den Araber Jussif Mansur, 22, zum Tode. obwohl bei seinem Anschlag nur drei Personen verletzt worden waren.

Die israelischen Vergeltungsschläge erzeugten prompt den von den Palästinensern erstrebten Solidarisierungs-Effekt in der arabischen Welt. Photos von den bei Luftangriffen getöteten Frauen und Kindern zeigten neue, diesmal israelische Greuel und einten die Araber wenigstens in ihrer Empörung.

Marokkos König Hassan, der den Olympia-Überfall noch verurteilt hatte, verdammte nun die »brutale zionistische Aggression gegen libanesische Dör fer«. Ein anderer pro-westlicher Araber. Saudi-König Feisal, wunderte sich verbittert: »Die ganze Welt kritisierte die Araber nach München. Doch vom israelischen Bombenmord an über 300 unschuldigen Zivilisten in Syrien und im Libanon nimmt sie keine Notiz.« In Libyen empfingen Tausende die Särge mit den »heimgekehrten Helden«. In den Moscheen Ägyptens beteten die Frommen für die »Märtyrer« von München.

Doch die Freude der Fedajin über ihren vermeintlichen Erfolg ist möglicherweise nur von kurzer Dauer. Denn trotz aller Erregung. trotz arabisch-starker Worte wollen sich die Regierungen in Kairo und Tel Aviv langfristig nicht vom Entspannungskurs abbringen lassen: Ägyptens Außenminister Sajjad begann am Freitag eine Reise nach Westeuropa, wo er für die Vorstellungen seines Präsidenten von einem Verhandlungsfrieden im Nahen Osten werben will. Und Israels Golda Meir stellte klar, daß die Kampagne gegen die Terroristen »keineswegs das Ende unserer Friedenspolitik« bedeute.

Die Israelis schöpfen nach den Ereignissen von München sogar Hoffnung: »Die Guerillas«, so ein Regierungssprecher, »sind nun nicht mehr ein rein israelisches Problem. Jetzt haben wir begründete Hoffnung auf konkrete Hilfe von anderen Ländern.«

Zur Ausgabe
Artikel 46 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.