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EXTREMISTEN Müssen sengeln

Militante Linke gehen mit spektakulären Aktionen gegen neonazistische Umtriebe vor. Verfassungsschützer befürchten eine Eskalation der Gewalt. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Gegen ungebetene Besucher ist das Haus des Rechtsanwalts Jürgen Rieger bestens gesichert. Infrarot-Sensoren im Garten, Fenster aus Panzerglas und elektronisch gesicherte Schlösser an den Türen machen das Heim in Itzehoe bei Hamburg nahezu uneinnehmbar. Eindringlinge müssen mit scharfen Schüssen rechnen. »Nur Selbstmörder«, behauptet Rieger, »betreten mein Grundstück unerlaubt.«

Der Verteidiger von Alt- und Neo-Nazis, der als Gastredner auf Veranstaltungen der »Nationaldemokratischen Partei Deutschlands« (NPD) rechte Gesinnung demonstriert, sieht sein Leben bedroht. Unlängst sprengten unbekannte Täter seinen geparkten Mercedes (Kennzeichen: IZ-SS 37) in die Luft.

Militante Linke hatten den Anschlag verübt. Solche Aktionen von links gegen rechts, haben Verfassungsschützer beobachtet, seien mittlerweile »eine kontinuierliche Angelegenheit« geworden. »Der rote Mob«, behauptet der ehemalige Vorsitzende der neofaschistischen »Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei« (FAP) im »Gau Rhein-Westfalen«, Heinz Schönstädt, »macht systematisch Jagd auf uns.«

Tatsächlich hat die Zahl der Gewaltaktionen drastisch zugenommen. Allein für das letzte Jahr weist der Verfassungsschutzbericht 21 militante Aktionen aus, vor allem »Brandanschläge gegen Objekte (Wohnungen, Versammlungsräume usw.), die von Rechtsextremisten benutzt werden« - fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Aktions-Motto: »Die rechten Ärsche müssen sengeln« (Flugblatt).

Gezündelt gegen Rechte wird bundesweit. Im hessischen Bierstadt legte eine Organisation »Rotfront« einen Molotow-Cocktail unter das Auto eines NPD-Funktionärs. Bei Göttingen drangen mehrere Täter in das Holzhaus des »Gau-Kassenwartes« der FAP ein und legten Feuer.

Mancherorts strafen gewalttätige Linke auch geschäftliche Kontakte zu rechten Organisationen mit Brandanschlägen ab, so geschehen im norddeutschen Elmshorn. Dort gingen bei einem Reiseunternehmer sieben Busse in Flammen auf, weil der Besitzer einen Fahrauftrag von einem »nationalsozialistischen Freundeskreis« angenommen hatte. Sachschaden: vier Millionen Mark.

Die drastisch gestiegene Kampfbereitschaft der Szene registrieren Beobachter des links- und rechtsextremen Spektrums wie der Hamburger Verfassungsschützer Christian Lochte »mit großer Besorgnis«. Sie befürchten eine »Eskalation der Gewalt«. Lochte: »Die Hemmschwelle gegen rechts ist gering und geht weiter runter.«

Die Revanche von rechts bleibt nicht aus. Mal steckten Neonazis ein Büro der

Kommunistischen Partei Deutschlands in Gelsenkrichen an, dann wieder legten rechte Aktivisten in einem Freizeitheim der Jugendorganisation »Falken« Feuer. Und in Hamburg stürmten im Juni rechte Fußballfans nach einem Europameisterschaftsspiel mit Brandbomben, Gaspistolen und Knüppeln gegen die autonome Trutzburg in der Hafenstraße an und lieferten sich mit den Bewohnern eine brutale Straßenschlacht.

Zimperlich sind Neonazis und Antifaschisten nie miteinander umgegangen. »Pöbeleien, Rempeleien und Raufereien«, berichten Rechtsradikale wie Rieger, seien schon immer »politischer Alltag« gewesen. Deutlich schärfer wurden die Auseinandersetzungen jedoch, als beide Lager vor einigen Jahren begannen, gewaltbereite Randgruppen der Jugendbewegung für sich zu rekrutieren. Punks und Autonome rückten mit Antifaschisten in eine Front, Skinheads machten sich für Rechtsextremisten stark.

Besonders die Brutalität der rechten Glatzköpfe mobilisierte linke Kämpfer. Je öfter Skinheads in Jugendheimen und Kneipen Ausländer zusammenknüppelten und je härter die Schlägertrupps der Neonazis bei Veranstaltungen auf Gegendemonstranten eindroschen, desto mehr gewann bei den Antifaschisten der militante Flügel an Einfluß. In Hamburg, wo sich Skins und Autonome aufreibende Schlachten geliefert hatten, schwenkten linke Krieger alsbald vom offenen Straßenkampf auf eine neue Taktik um.

In Flugblättern und Anarcho-Heftchen propagierten sie, den Rechten »durch gezielte Angriffe auf ihre bekannten Treffpunkte, ihre Wohnungen, ihre Fahrzeuge und sie selbst« einzuheizen - im Wortsinne. Fortan fackelten in der Hansestadt mal Autos von Neonazis ab, dann wieder stand die Tür einer Gaststätte in Flammen, die als Treffpunkt der rechten »Deutschen Volksunion« galt. Im »Gau Hamburg«, klagte schon vor geraumer Zeit der Neonaziführer Michael Kühnen in dem internen Info-Blatt »Die innere Front«, gebe es »die radikalsten Gegner - härter und brutaler als irgendwo anders«.

Der Funken sprang auch auf andere Städte über. Bundesweit, schätzen Verfassungsschützer, sind derzeit bis zu 300 militante Antifaschisten aktiv, die vor dem Einsatz von Brandbomben und Sprengsätzen nicht zurückschrecken. Ein Verfassungsschützer: »Die gehen das professionell an.«

Die Erkenntnisse über die Attentäter sind denn auch eher dürftig, auf frischer Tat ertappt wurde bislang keiner. Rückschlüsse auf die Motivation lassen allenfalls die Bekennerschreiben zu. Doch darin geben die Aktivisten nicht viel mehr preis, als daß sie »faschistische Tendenzen in der Gesellschaft bekämpfen« und dabei selbst »zu einer Gefahr für das System« werden wollen.

Verantwortlich zeichnen fast immer Gruppen, die sich nach Opfern des Nationalsozialismus benannt haben, wie ein »Kommando Siegbert und Lotte Rotholz«, das in Niedersachsen aktiv ist. Mitunter aber sind die Schreiben auch nur schlicht mit »Rotfront« oder, wie in Elmshorn, mit »Militante Antifaschisten« unterschrieben. Im Norddeutschen wiederum zündelte eine »Gruppe: Das tut uns aber leid«.

Gemein ist den Trupps, daß sie bei der Wahl der Waffen wohlüberlegt vorgehen. »Die Mittel des Angriffs, Brandsätze, Glasbruch, Reifenstechen, Lackabbeizen, Buttersäure etc ...«, erklärten etwa norddeutsche »Militante Antifaschisten« in einem Bekennerschreiben zu einer Anschlagserie gegen Autos und Treffs von Neonazis, »sind von uns abgestuft worden, um Unbeteiligte nicht zu gefährden und Unterstützer der Faschisten nur zu warnen.« Typisch für militante Antifaschisten, so weiß Verfassungsschützer Lochte, sei denn auch, daß sie sich »auf Terrorakte mit demonstrativem Charakter beschränken«.

Geradezu Respekt zollen Kenner auch dem »hohen Organisationsgrad« der Szene. Die Hamburger »Antifaschistische Aktion«, zu der Verfassungsschützer etwa 50 Entschlossene rechnen, verfügt über einen eigenen »Beobachtungstrupp« und »spezielle Ermittlungsgruppen«. Über Top-Neonazis werden Personalakten angelegt, Lichtbild und Auto-Kennzeichen inklusive. Lochte: »Die spielen Verfassungsschutz und machen Selbstjustiz.«

Anregungen für Aktionen geben einschlägige Publikationen. In dem unregelmäßig erscheinenden Info über »Neofaschistische Aktivitäten und Widerstand in Hamburg« vermerken die Autonomen genau, wann und wo rechte Rädelsführer Ausländer angepöbelt und Flugblätter verteilt haben oder wer demnächst wo einen Vortrag hält. Manche »Antifa-Infos« enthalten regelrechte »Hitlisten«, die, sortiert nach Funktion und Vergehen, aufführen, welchen Neonazis demnächst Schläge oder Anschläge drohen. In Bochum schrieben linke Aktivisten rechte Anführer sogar per »Steckbrief« zur Fahndung aus.

Den mitunter generalstabsmäßig organisierten Aktionen der Antifaschisten wollen die Rechtsextremisten bald nicht mehr nur Rollkommandos gegen Szene-Treffs und Ausländer-Klubs entgegensetzen. Rechte Wortführer wie Rieger jedenfalls wollen vernommen haben, daß bei weiteren linken Aktionen »die Bereitschaft zum Gegenschlag wächst«. Rieger befürchtet: »Die Szene will den linken Terror durch Gegenterror brechen.«

Für diesen Fall rechnen Sicherheitsexperten mit dem Schlimmsten. Verfassungsschützer Lochte: »Dann wird's fürchterlich, denn die verbieten sich nichts.«

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