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»Muffig-erdig, wirklich gemein«

aus DER SPIEGEL 43/1977

Schon der Geruch, der aus dem soeben geöffneten Frischhalte-Beutel stieg, kam Hans Gottschalck, professioneller Kaffee-Tester einer Hamburger Großrösterei, verdächtig vor: »Muffig-erdig, erinnert irgendwie an Kartoffelkeller.«

Und nachdem er sich ein Täßchen aufgebrüht hatte, fand der Kaffee-Experte für die Geschmacksbeurteilung nur zwei Worte: »Wirklich gemein.«

Der Test galt einer Neuentwicklung des VEB Halle, dem Mischgetränk »Kaffee Mix«, den die SED-Führung der DDR-Bevölkerung verordnet hat, seit die Import-Preise für Kaffee in die Höhe geschossen sind. In der »Mischung aus erlesenem Röstkaffee und fein abgestimmten Kaffeesurrogaten« (Firmenwerbung) ist, wie Tester Gottschalck herausschmeckte, »tatsächlich Kaffee drin -- aber einer von der niederträchtigsten Sorte: ein Robusta aus Westafrika oder Indonesien«.

Bestätigt wurde der Befund durch eine chemische Analyse, die Professor Johannes Wurziger vom Hygienischen Institut in Hamburg für den SPIEGEL durchführte*. Der Professor stellte fest, daß aufgrund des Gehalts an Carbonsäurehydroxytryptamide »alterntige Robustas«

* Extrakimenge (4 g/100 ml im Filtrationsverfahren): 37,4 Prozent: Asche (bei 600 C): 2,8 Prozent: Kalium i -- d. Substanz: 1,0 Prozent; Chlorogensäure: 2.1 Prozent: Coffein: 0,72 Prozent.

verarbeitet wurden -- Bohnen, die früher verbrannt wurden und jetzt, in Zeiten des Kaffeemangeis, gerade noch als exportfähig gelten.

In der Bundesrepublik wird die Sorte Robusta, wenn überhaupt, allenfalls Billig-Kaffees in geringen Mengen zugesetzt. Für den Muckefuck haben die Robusta-Bohnen noch einen weiteren Vorteil: Ihr Coffein-Gehalt ist etwa doppelt so hoch wie bei den Arabicas, die von westdeutschen Röstereien verwendet werden, mithin läßt sich durch Robusta die Kaffee-Menge reduzieren.

Die Bremer Firma Jacobs, die ebenfalls ein Mischgetränk ("Jota Sport") herstellt und deshalb den DDR-Mix untersuchte, schätzt den Kaffee-Anteil auf etwa 40 Prozent; Fachmann Wurziger ermittelte einen Kaffee-Anteil von rund 50 Prozent, der aber, anders als der Werbe-Aufdruck verspricht, »nicht aus erlesenem Röstkaffee« bestehe. Die Mischung sei, so Wurziger, »nach hiesiger Auffassung auch kein hochveredeltes Produkt, wenn von den analytischen Daten ausgegangen wird, die für den Kaffeeanteil ermittelt wurden«.

Die Ersatzstoffe -- gemälzte Gerste -- hingegen findet Kaffeekenner Wurziger in Ordnung, die Surrogate seien in der Tat »vorzüglich abgestimmt«. Denn:,, Kaffee-Ersatzstoffe können die in der DDR blendend machen.«

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