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AFFÄREN Mumie in Weißlack

Ein falscher Professor im Dienst des Senats hat das Geschäft mit Berliner Bären neu entdeckt - angeblich, um Künstler zu fördern. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Sabine Schneider, Geschäftsführerin des Berliner Hotels Arosa Apart, hat »das Vieh« hinter den Zigarettenautomaten im Frühstücksraum verbannt. Aber auch dort nimmt ihr »das Miststück noch zuviel Platz weg«. Ihre Forderung an die Lieferanten: »Die Jungs sollen

ihren Scheiß wieder abholen. »

Der Zorn der Hotel-Managerin gilt einem Bären aus Plastik, einer arg verfremdeten »künstlerischen« Darstellung des Berliner Wappentiers. Der Kauf dieses »Beitragswerks zur 750-Jahr-Feier« war Frau Schneider vom Bundesverband Junger Unternehmer (BJU) »dringendst empfohlen« worden.

Im voraus hatte sie 400 Mark überwiesen, um das Hotel mit dem Berlin-Symbol zu schmücken. »Lebensgroß« sollte der Bär sein und »standfest wie seine Verwandten in der Natur«, hatte der Prospekt versprochen. Statt dessen kam ein Gebilde, das aussieht wie ein rachitischer, in Weißlack mumifizierter Jungbär. Der »Tablett-Bär«, so sein Schöpfer, reckt eine Tatze, auf der sich gerade mal ein Blumentopf unterbringen läßt. »Wir bitten Sie«, schrieb die enttäuschte Hotel-Chefin an die Verkäufer, den Bären »abzuholen und die 400 Mark zurückzuerstatten«.

Daraus wird wohl nichts. Denn der Lieferant, die Firma »Bärlin ist überall«, ist derzeit nicht zahlungsfähig. Gegen ihren Gründer Peter Kliem, Leiter des Referats »Soziale Künstlerförderung« der Berliner Sozialbehörde, läuft ein behördeninternes Ermittlungsverfahren, und Berlin ist um eine Affäre reicher.

Das war auch gar nicht anders zu erwarten. Kliem wurde von christdemokratischen Parteifreunden, dem Sozialsenator Ulf Fink und dessen Staatssekretär Eberhard Müller-Steineck, vorletzten Februar ins Amt gehievt. Seitdem schreckt er die Berliner mit skurrilen Ideen zur kulturellen Verelendung der Mauerstadt.

Mal finanzierte er aus den spärlichen Senatsmitteln zur sozialen Künstlerförderung (Jahresetat: 2,3 Millionen Mark) den Tanz einer teuren Ballett-Gruppe mit einem Baukran. Dann wieder wandelte er auf den Spuren Christi und schlug vor, nächstes Jahr bei den »Kulturhauptstadt-Feiern« eine »Speisung der Zehntausend« zu veranstalten: Tausende »Stadtstreicher, Pflegefälle, Behinderte, Arbeitslose und dergleichen mehr« sollten an einer sieben Kilometer langen Tafel vor dem Brandenburger Tor abgefüttert werden.

Besonders verliebt hatte sich Kliem jedoch offenbar in das Berliner Wappentier. 750 künstlerisch gestaltete Bären aus Plastik wollte er herstellen lassen und an Mäzene aus der Geschäftswelt verkaufen. Die sollten sie von Kindern und Künstlern bemalen lassen, um die Stadt zu ihrem Jubiläum mit vielen Varianten des Symbols zu schmücken.

Kliem rechnete mit einem Überschuß von 200000 Mark aus dem Geschäft, der wieder der Förderung der Künste zugute kommen sollte. Deshalb begeisterte sich Anfang des Jahres auch der Bundesverband Junger Unternehmer schnell für den »Beitrag zum Subventionsabbau« und übernahm die Schirmherrschaft.

»Mehr Marktwirtschaft in die Kunst!« forderte BJU-Kreisvorsitzender Gert Hebert in seinem Brief an Vereinsfreunde und bat um Bestellungen zum Subskriptionspreis von 400 Mark pro Stück, noch bevor die Jubiläumsbären geboren waren. Staatssekretär Müller-Steineck verteidigte gegen Kritiker im Parlament das Bären-Projekt als »Paradebeispiel sozialer Künstlerförderung mit doppeltem sozialem Effekt«. Davon ist nichts übriggeblieben. Das »Kunstunternehmen«, mußte Hebert letzte Woche dem Senator Fink mitteilen, »ist offensichtlich gescheitert«. Er könne sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Kliem und ein Künstler »nur ein Geschäft machen wollten«.

Schon der künstlerische Teil des Unternehmens war ein Reinfall. Obwohl aus dem Sozialetat 15000 Mark Siegprämie ausgeschrieben waren, hatten nur zwölf Bildhauer ihre Bären-Entwürfe eingereicht. Keiner davon, befand eine Jury, war preiswürdig. Weil aber schon an die hundert Jungunternehmer bestellt und bezahlt hatten, mußte trotzdem ein Objekt her. »Unabhängig von der Jury-Entscheidung« fiel die Wahl der Sozialbehörde auf den »Sitzbären« des Designers Arndt von Diepenbroick. Das »backenzahnähnliche Gebilde« ("Berliner Morgenpost") präsentierte Kliem unter Verabreichung von Gummibärchen Anfang April im Bristol Hotel Kempinski der Öffentlichkeit.

Das Pressegespött focht Kliem und seinen Schützling Diepenbroick nicht an. Sie ließen den Sitzbären sogar noch Junge kriegen, den »Tablett-Bären«, sitzend, und das »Bärensofa«, zweisitzig. Zur Vermarktung der Objekte gründeten sie die »Bärlin ist überall«-Gesellschaft mit einem Konto auf den Namen des Senatsangestellten Kliem. Ausgestattet mit 40000 Mark von den Frühbestellern, gaben sie sodann je sechzig Stück der drei Kreationen in Duroplast bei der »Kunststoff-Karosseriebau u. Innovations GmbH & Co. KG« (KKI) in Berlin-Spandau in Auftrag.

Doch da geriet das Projekt ins Trudeln. Kliem mußte sich aufklären lassen, so KKI-Prokurist Adolf Hansen, »daß es beim Bärenmachen eher handwerklich zugeht, weil der so viele Rundungen hat«. Allein die Herstellung der Gußform

für den Sitzbären kostete weit über 20000 Mark, die Herstellung pro Stück dann noch mal 250 Mark. Damit war nur Verlust zu machen. Trotzdem gab Kliem den Auftrag für alle drei Versionen.

Von den 80000 Mark nur für die Formen konnte Kliem bisher zwar erst die Hälfte bezahlen. Doch KKI-Chef Claus-Peter Röhr, selbst BJU-Mitglied räumte »eine längerfristige Kreditlinie« ein. Schon 180 Bären ließ er seine Leute bisher backen - »einen mit Leder bezogen, der war für Kliem persönlich«.

Dem Künstlerförderer Kliem glitt das Unternehmen bald aus der Hand, weil er, so ein Mitarbeiter der Karossen-Schmiede, wohl »kaufmännisch beschränkt ist«. Dreißig Plastikbären waren Ende Juni erst ausgeliefert, da trat Kliem die Flucht nach vorn an und erhöhte den Auftrag auf 900 Stück. Gesamtkosten des Bären-Streichs nun: eine halbe Million Mark.

Ob der Bären-Berg im Hof der KKI überhaupt verkäuflich ist und jemals bezahlt wird, weiß derzeit niemand. Immerhin traf Kliem Anfang Juli die ersten Vorsichtsmaßnahmen. Seine »Bärlin«-Firma übertrug er kurzerhand dem Bären-Designer Diepenbroick. Die Geschäfte für das »Kunstunternehmen von Diepenbroick & Partner« laufen nun nicht mehr über die Berliner Sozialbehörde, sondern über Kliems Steuerberaterin Brigitte Radtke. Die verordnete zuallererst eine drastische Preiserhöhung. Bis zu 850 Mark pro Plaste-Tier sollen die Kunstmäzene nun zahlen, »Preise in Leder bezogen auf Anfrage«.

Von alldem erfuhr BJU-Schirmherr Hebert erst »nach mehrmaligem Nachhaken in einer Krisensitzung« Mitte Juli. Als er dann noch feststellen mußte, daß die »Bärliner Möbel« neuerdings im Foyer einer Geschäftsbank für 888 Mark feilgeboten werden, ohne den »Hintergrund erkennen zu lassen«, kündigte er dem Senat »maßlos enttäuscht« die unternehmerische Schirmherrschaft.

»Unter Hochdruck«, gab nun auch die Sprecherin von Senator Fink letzte Woche zu, ermittele jetzt die Behörde gegen ihren Künstlerförderer, insbesondere wegen seines »gewerblichen Sonderkontos, von dem uns bis vor zwei Wochen nichts bekannt war«. Einziges Ergebnis bisher, so die Fink-Sprecherin: »Das Bären-Projekt ist ein Verlustgeschäft.«

Vielleicht fällt den Sozialbeamten auch noch der andere Bär auf, den Kliem ihnen aufgebunden hat: sein Professoren-Titel. Mit »Prof.« schmückte er seine vielen Briefköpfe als Senatsangestellter, Eigentümer der Filmfirma »PK Mediaplan« und Kunstförderer. Doch das Gelehrten-Kürzel stammt aus dem Jahr 1980, als Kliem von der Stuttgarter Fachhochschule für Druck zum Professor auf Probe berufen wurde. Mit Schreiben vom 12. Januar 1982 teilte ihm die Verwaltung mit, der professorale Vorspann sei nun nichtig - wenn Kliem nicht einen neuen Antrag stelle. Das Papier wurde von Kliem nie eingereicht.

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