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Briefe

Munter weiter privilegiert
aus DER SPIEGEL 39/2009

Munter weiter privilegiert

Nr. 37/2009, Sozialstaat: Wahlkampf gegen die Jungen

Dass es arme Rentner gibt, steht völlig außer Frage. Fest steht aber auch: Der arme Beschäftigte von heute ist der arme Rentner von morgen. Hier muss angesetzt werden, anstatt mit der Gießkanne eine Rentenerhöhung zu starten, die sowieso nur bei denen effektiv ist, die eh schon eine hohe Rente beziehen. Die zweite Möglichkeit wäre die Einführung einer Mindestrente, die sich durch eine straffe Deckelung, also eine Höchstrente, weitestgehend selbst finanziert. An dieser Stelle könnte man auch sehen, inwieweit die Rentner sich gegenseitig die Solidarität entgegenbringen, die sie von uns Jungen verlangen.

HENSTEDT-ULZBURG (SCHL.-HOLST.) MARTIN DANNER

Man sollte die ältere Generation nicht unterschätzen. Meine Schwiegermutter bezieht bereits Rente, und mein Vater muss auch nur noch ein paar Jahre darauf warten. Beide wissen aber ganz genau, wer die höheren Renten, mehr Sozialleistungen und das Ende der Reformen bezahlen wird. Nämlich meine Kinder und ich. Und was haben Oma und Opa von der schönsten Rentenerhöhung, wenn sie das Geld direkt an ihre Enkel durchleiten können, weil von Papas Brutto immer weniger Netto übrig bleibt?

RATINGEN (NRDRH.-WESTF.) ANDRÉ SIDAR

Da bereits ein Drittel der Rentenzahlungen aus Steuermitteln erfolgt, bedeutet dies, dass das Geld an anderer Stelle fehlt. Angesichts baufälliger Schulen und fehlender Kinderbetreuung ein Skandal. Das populistische Festhalten der politischen Kaste am Generationenvertrag wider besseres Wissen ist ein Betrug an den Jungen, der nur noch von der Feigheit der Regierenden übertroffen wird, die selbstverabschiedeten, korrigierenden Gesetze auch durchzusetzen. Unerträglich ist jedoch eine Scharfmacherin wie Ulrike Mascher, wenn sie von »unserem« Geld spricht. Das Geld gehört eben nicht den Rentnern, die vielleicht Ansprüche erworben, aber kein Kapital gebildet haben.

DORTMUND DR. MICHAEL WINTER

Die Altersgenossen von mir, die jetzt Rentner geworden sind, haben sich ihr Leben lang als die »glückliche und privilegierte Generation« betrachten können. Wir waren die bisher erste Generation, die nicht in einen Krieg ziehen musste. Das hatten unsere Eltern für uns erledigt, genauso wie sie für uns das Wirtschaftswunder schafften. Wir hatten freie und kostenlose Schulwahl, freien Zugang zur Universität. Wir konnten gegen unsere Eltern rebellieren und wurden als 68er auch noch berühmt; es gab jede Menge Jobs. Und »der Marsch durch die Institutionen« war meist auch erfolgreich. Doch jetzt sind wir alle plötzlich selbst Rentner und merken, dass erstmals unsere lebenslänglichen Privilegien schmelzen. Die größte Unverschämtheit ist es doch wohl, dass jetzt munter weiter privilegiert werden soll auf Kosten anderer Generationen: Ich schäme mich für dieses Parasitentum meiner Generation.

TAUFKIRCHEN (BAYERN) DIETMAR KALUSCHA

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