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Hören und Sehen MUSIKHÖREN - »Alles Spaß und gratis«

Sich Musik reinzuziehen aus dem streichholzschachtelgroßen MP3-Player, das ist der letzte Schrei - sowohl was Coolness als auch was das Geschäftsrisiko angeht. Erfahrungen eines Endverbrauchers mit seinem ersten Song, heruntergeladen aus den Weiten des Netzes. Von Thomas Tuma
aus DER SPIEGEL 12/2001

Wer alles zu wissen glaubt, muss S-Bahn fahren. Morgens vor Schulbeginn, wenn ein Baseballkappen-Trio dort »Overload« von den Sugababes summt, die auch noch nicht volljährig sind. Das Lied kommt aus einer silbernen Streichholzschachtel. Die Jungs reden über ihre letzte »Download«-Nacht. An der Tür lehnt ein Typ, der noch nicht ganz das Alter erreicht hat, dass ihm jemand den Behindertenplatz frei räumen müsste. Aber er könnte der Physiklehrer der Parallelklasse sein.

Der Typ bin ich. Die Streichholzschachtel ist ein MP3-Player. Die Jungs sind cool. Ich bin 36.

Theoretisch könnte ich der Vater der Sugababes sein. Praktisch ertappe ich mich neuerdings dabei, im Radio bei so genannten Oldie-Sendern hängen zu bleiben, die lieber Eric Burdon spielen. Bei dem ist schon mein eigener Physiklehrer stehen geblieben, der bestimmt auch noch viele Vinylplatten zu Hause hortet und liebevoll abstaubt.

Ich dagegen habe den ganzen Quatsch mitmachen müssen: von der Schallplatte zur Cassette zur CD. Von Beta zu VHS zu DVD. Von Pontius zu Pilatus, um irgendwelche Zugangssoftware downzuloaden, die an der USB-Schnittstelle meines Laptops ...

Ich habe für meine Freundin noch Tonbänder (!) aus dem Radio (!!) mitgeschnitten (!!!). Aber solche UKW-Erinnerungen wollen diese juvenilen Käsegesichter bestimmt nicht hören. Sie laufen an mir vorbei - in die Schule und in eine Zukunft, die nicht mehr meine ist, weil darin der eigentliche Hit Musik im MP3-Format ist.

Also Neustart. Rekalibrierung des eigenen Erfahrungsschatzes. Starte Installation! Es war einmal vor langer Zeit ein deutsches Fraunhofer-Institut, das ein Verfahren erfand, um Musik digital ganz klein zusammenzupressen. Dann merkten Leute wie der Amerikaner Shawn Fanning, dass man solche Dateien in der Internet-Ära wunderbar an der Musikindustrie vorbei in die Welt blasen konnte. Fannings Website heißt www.napster.com und begrüßt jeden fröhlich in der »größten Online-Gemeinde der Musikliebhaber«, in der alles »Spaß macht, einfach und gratis« sei.

Man sollte nur nicht den Fehler machen, vorher MP3-Testberichte in Fachmagazinen wie »c't« zu lesen. Es bringt einen spaßmäßig nicht unbedingt weiter, wenn man weiß, dass AMP Radio dank »proprietärer Millennium-Engine« »volle ISO-Unterstützung« bietet und »auch mit VBR-Dateien« zurechtkommt.

Bei Napster dagegen reichen selbst einem Idioten wie mir zwei, drei Klicks ... oder zehn ... na ja ... aber nach 30 ist man am Ziel. Bestimmt.

Einfach ein paar Fragen beantworten nach Wohnort (von Afghanistan bis Zimbabwe ist alles dabei) und Alter (es gibt auch eine Rubrik »12 und jünger") - und schon hab ich den Ärger, weil auch nach »Connection Speed« und »Proxy Server« gefragt wird. Hab ich denn einen? Ja, toll! Wenn das kein einfacher Gratis-Spaß ist! So endet der erste Kennen-lern-Tag.

Am zweiten lächelt mich bereits die kopfhörerbewehrte Katze des Napster-Logos auf dem Schreibtisch meines Computers an. So muss sich Kopernikus gefühlt haben, als er die Erde plötzlich um die Sonne kreisen sah. Jetzt also geht's in die weltweiten Archive mit Musik für lau. Volles Rohr, bis sich der Server wund scheuert.

Pech nur, dass es den Song von den Sugababes nicht einmal gibt, sondern in Hunderten von Kopien, die alle gemeinsam haben, dass sie nach etwa der Hälfte des Ladevorgangs verhungern. Einfach so. Irgendwo zwischen San Francisco und Hamburg. Im Datenstrom vertröpfelt.

3,8 Megabyte braucht dieses eine kleine Pop-Liedchen, aber vielleicht kapituliert meine Festplatte schon vor dem Titel »Overload«. Kann ja sein. Zweiter Versuch. Dritter. Kaffeetrinken. Aufs Klo gehen. Noch mal Kaffee trinken. Wie viele Jahre nähme ein »Ring des Nibelungen«-Download in Anspruch? Und wie viel würde das vermeintliche Gratisgeschäft dann wirklich kosten, wenn ich die Online-Gebühren mit einrechnete (demnächst Bayreuther Ticket-Hotline konsultieren!) ?

Entspann dich! Studier die Spitznamen derer, die der Allgemeinheit hier selbstlos bis anarchisch das Werk zur Verfügung stellten! Lieber die Version von »Prinzessin 07« nehmen statt die von »Trickattack« oder »lordfustfick«, deren Name schon nach Virenalarm klingt.

Ein blauer Balken auf dem Schirm zeigt den »Progress«, der keine Fortschritte macht. Sechster Versuch. Siebter. Achter. Der Sonne zuschauen, wie sie blutrot versinkt. Den Wechsel der Jahreszeiten draußen vorm Bürofenster lieben lernen. Vielleicht doch das falsche Format gewählt? Immerhin sind die Kopien auch akribisch geordnet nach Charakteristika wie »Bitrate«, »Ping« oder »Linespeed«.

Eine Line Speed zum Pingpong aus chronischem Laden/Neustarten wäre vielleicht wirklich nicht schlecht. Strafbar mache ich mich mit dieser Geschichte wahrscheinlich eh schon. Ein US-Gericht verurteilte Napster, weil es so ziemlich alles an Urheberrechten verletze, was man eben so verletzen kann, wenn man jung ist und Spaß haben will für umsonst.

Ist Herr Fanning ein Verbrecher? Mach ich mich mitschuldig? Werden die minderjährigen Sugababes sich und ihren Eltern keine Yacht kaufen können, wenn ich ihre Musik klaue? Werde ich sie überhaupt irgendwann klauen können?

Mit einem Bein stehe ich im Knast, mit dem anderen in der Psychiatrie, weil auf dem Bildschirm gerade Versuch Nr. 10 startet, bis der Song dann doch irgendwann sorgsam konserviert in einem virtuellen Ordner auf meiner Festplatte liegt.

An dieser Stelle lernt der Laie allerdings den großen Unterschied zwischen Musik herunterladen und Musik hören. »Wo ist der Player zum Sound?«, fragt der Computer höflich. Ja, wo ist er, der Dosenöffner?

Überall, sagt die erstschlechteste Suchmaschine und schüttet Hunderte von Adressen aus zu allerhand Gratis-Soft- und Share- und Sonst-was-Ware. So beginnt irgendwann Tag drei: Downloaden, warten, installieren, warten, herumprobieren, warten, wegschmeißen, warten, downloaden, warten ... hören.

Hören?

Hören! Irgendwann nachts. Irgendwo aus den eingebauten Lautsprechern röchelt es:

Train comes I don't know its destination

It's a one-way ticket to a madman's situation.

Sie haben so Recht, die Sugababes, auch wenn sie auf meinem Computer ein bisschen klingen, als übergebe sich Jenny Elvers in einer Bahnhofs-Herrentoilette. Aber es klingt. Digital. Komprimiert. So muss sich Newton gefühlt haben, als er sein Gravitationsgesetz aufstellte. Ich schwebe. Ich übe Demut. Ich gelobe den Kauf eines tragbaren MP3-Players.

Der Verkäufer im mehrzweckhallengroßen Elektromarkt nickt verständnisvoll. Sein Regal zum Trend kann als übersichtlich bezeichnen, wer es mit den endlosen Reihen der PC, Walk- und Disc-Men in der Nachbarschaft vergleicht. Ist 'ne Nische, sagt der Verkäufer. Ganz klar. Alles noch zu schwierig mit dem ganzen Installationszauber. Zu teuer, weil die winzigen Chips 300 Mark kosten können. Zu ineffizient, weil die Abspielgeräte mitunter kaum mehr als eine halbe Stunde speichern und die besten gleich mit über 1000 Mark zu Buche schlagen (SPIEGEL-Spesenabteilung konsultieren?).

Weil die Dinger so schön klein sind, würden sie gern geklaut, sagt der Verkäufer fast stolz. Auch die Spitzenmodelle passen unter jedes Baseball-Mützchen. Als ich wieder zu Hause bin, schmeiße ich den streichholzschachtelkleinen Spieler (Modell: S-Bahn-Kid) aus Versehen fast weg, weil er zwischen Wegweiser-CD-Rom, mehreren Gebrauchsanweisungen und Ladegerät samt fettem Kabelstrang kaum auffällt. Dann nur noch Card Station SR54 über USB und unter »Preferences«... Installation. Neustart. MP3-Player anklicken. Napster ranholen. Rüberladen. Rumfrickeln (morgen EDV-Profi konsultieren!).

Bitte ein Bit. Wenigstens. Bittebittebitte! Und dann dröhnt es mir plötzlich durch kleine Ohrknöpfchen das Hirn voll. In Stereo. In digital. In allem.

So muss sich Edison bei seiner ersten Glühlampe gefühlt haben. Auch mein alter Physiklehrer würde strahlen. Und weil's so leicht war, gleich noch Madonnas »Don't Tell Me« in irgendeinem endlosen Remix und Eric Burdons »House of the Rising Sun«, das aber vorm Finale abreißt, weil der 16-MB-Speicherchip überquillt.

Am nächsten Tag sehe ich das S-Bahn-Trio wieder. Die Jungs reden über Advanced Audio Coding, das zwar nicht MP3-kompatibel sei, aber die Daten viel stärker komprimieren könne. Hoher Boah-geil-ey-Faktor. Meine Hand am MP3-Kistchen in der Manteltasche wird feucht.

Vier Tage. Zweieinhalb Songs. Man soll nicht meckern. Okay, es wäre weitaus spaßiger, einfacher und billiger gewesen, sich einfach die CD im Elektromarkt zu kaufen. Aber würde man das wollen, nach derart viel Neue-Welt-Eroberungs-Hochgefühl? Ehrlich gesagt: ja.

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