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STRAFJUSTIZ Musste er damit rechnen?

Die Mutter ist wegen Totschlags an drei Säuglingen rechtskräftig verurteilt. Jetzt schiebt sie die Schuld auf ihren Ex-Mann. Wie wird das Zwickauer Gericht entscheiden? Von Gisela Friedrichsen
aus DER SPIEGEL 24/2004

Wie man die Geschichte heute auch dreht und wendet: Sie reimt sich noch immer nicht. Das Monströse ist nicht verblasst, im Gegenteil. Und mit ihm sind auch die Schatten geblieben, die in diesem Fall auf der Justiz lasten.

Als Antje Sch., die in ihrer Ehe Krüger hieß, im März 2000 vor dem Landgericht Chemnitz in einer von ihrem Verteidiger verlesenen, gerade vier Sätze langen Erklärung zugab, die in der Anklage erhobenen Vorwürfe träfen »vollumfänglich« zu, erstarrten die Zuschauer im Gerichtssaal. Demnach stimmte es also, dass sie heimlich drei Kinder zu Hause geboren und getötet hatte, 1993, 1996 und 1999, dass sie die kleinen Leichen jeweils in Plastiktüten packte und in der Tiefkühltruhe versteckte. Dass sie die Kinder dort jahrelang bei sich behielt, zugedeckt mit Pizza und Spinat, bis die Polizei nach der letzten Geburt auf eine anonyme Anzeige hin ins Haus kam.

Die Ermittlungen gegen den Ehemann der Angeklagten und Vater der Kinder, Jens Krüger, führten nicht zu einer Anklage, da es keine Hinweise gab, dass er bei den Tötungshandlungen anwesend war. Gleichwohl bestand die Staatsanwaltschaft darauf, das dürre Geständnis der Frau mit der Formulierung »... wobei nicht ausgeschlossen wird, dass von diesen Taten auch ihr Ehemann etwas mitbekommen hat« anzureichern. Man hielt sich eine Hintertür offen. Denn wer glaubt schon einem Ehemann, der nicht gewusst haben will, dass seine Frau schwanger war? Und das gleich dreimal.

In der Chemnitzer Hauptverhandlung verweigerten damals beide Eheleute die Aussage, ihr gutes Recht. Die kurze Verhandlung fand größtenteils hinter den Kulissen statt. Auch das war nicht zu kritisieren, hatte die Justiz doch allen Grund, die Medien, die seit dem Bekanntwerden der Taten über Mühltroff, einem Ort von 2100 Einwohnern an der sächsisch-thüringischen Grenze, hereingebrochen waren wie Heuschreckenschwärme, nicht noch mit spektakulären Details zu füttern.

Ohne Öffentlichkeit, so der Eindruck, handelten und feilschten die Verfahrensbeteiligten in Rekordzeit um das Strafmaß wie auf einem Basar, es wurde geschoben und gepresst, bis eine für alle akzeptable Zahl herauskam: dreizehneinhalb Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags. Damit hatte man den bizarren Fall vom Tisch. Wahrheitsfindung? Aufklärung? Egal, Augen zu und durch.

Die Motive der Taten blieben im Dunkeln. Viele Fragen wurden nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Was hatte die Tragödie ausgelöst, was zu ihr beigetragen? Was hatte sich zwischen Antje Sch. und ihrem Mann, was hatte sich in der Familie verändert, dass zwei Kinder (geboren 1988 und 1990) dort scheinbar normal aufwachsen konnten, die folgenden aber umgebracht wurden? Das Geschwätz in Mühltroff, wo einige Leute Antje Sch. »ständig« oder in sechs Jahren »mindestens fünfmal« schwanger gesehen haben wollten und mutmaßten, sie verkaufe ihre Babys wohl nach Polen, taugte nicht zur Aufklärung des beispiellosen Verbrechens.

Inzwischen ist das Urteil rechtskräftig und die Ehe des Paares geschieden. Antje Sch. streitet erbittert mit ihrem Ex-Mann um das Sorgerecht für die Kinder. Im Gefängnis hat sie sich überdies mit einer lesbischen Mitgefangenen angefreundet, die sich in die Auseinandersetzungen kräftig einmischt, was eine leidliche Verständigung der früheren Eheleute nicht gerade fördert.

Antje Sch. hat, wie die meisten Frauen, die eine oder mehrere solcher Taten begangen haben, nie ausdrücklich gesagt, warum sie es getan hat. Ob sie für sich selbst eine Erklärung hat? Immer wieder heißt es in solchen Fällen vor Gericht: Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen. Ich begreife es selbst nicht.

Wenn sie überhaupt jemals etwas sagte, verwickelte sich Antje Sch. in Widersprüche. Es reimt sich nichts. Von 1993 an bis zu ihrer Festnahme 1999 bestritt sie zum Beispiel vehement, schwanger zu sein, wenn sie auf ihren Leibesumfang angesprochen wurde. Ja, sie drohte sogar mit Anzeigen wegen Verleumdung. Auch innerhalb der Familie stritt sie die Schwangerschaften ab. Sie ging nicht zum Arzt, sie bereitete sich auf die Geburten nicht vor. Warum nicht?

Anlässlich eines Ermittlungsverfahrens, das die Schwester

von Jens Krüger schon 1993 in Gang gebracht hatte, sprach Antje Sch. von verstärkten Blutungen, bei denen »Batzen« abgegangen seien, die sie in der Toilette weggespült habe. Eine Fehlgeburt? Hätte ihr Mann das nicht glauben dürfen? Das Haus wurde von der Polizei durchsucht, sogar die Klärgrube hob man aus - von einem Säugling keine Spur. An die Tiefkühltruhe dachte niemand. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.

Sieben Jahre später, als nach ihrer Verurteilung weiter gegen Krüger ermittelt wurde, sagt sie plötzlich, er habe von den Schwangerschaften gewusst. Ein Jahr später, 2001, sagt sie: Er, nicht sie, habe die Kinder getötet. Wieder ein Jahr später, 2002, sagt sie, ihr Mann habe ihr das Kind jedes Mal aus dem Arm »gerissen«. Er war es, er, er, er. Er habe die Kinder getötet. Er habe sie in Tüten gepackt. Er habe sie in der Tiefkühltruhe versenkt. Er sei an allem schuld.

Ist das glaubhaft? Eine junge Mutter, die sich ihr Neugeborenes widerstandslos entreißen lässt, die das Töten zulässt, die dabei sogar zusieht, die anschließend wieder und wieder schwanger wird und heimlich genau dort gebiert, wo ihre Kinder umgebracht werden, die nichts sagt, nichts unternimmt, nirgends Schutz sucht (ihre Eltern wohnten im selben Ort), nicht Hilfe holt, die abstreitet und so fort?

Zu einer Schwangerschaft gehören immer zwei. Wenn ein Kind, aus welchen Gründen auch immer, als Katastrophe empfunden wird, wenn sich die werdende Mutter in einer Bedrängnis fühlt, aus der sie keinen anderen Ausweg zu finden meint als durch die Tötung des Kindes, ist es im Regelfall allein die Frau, die für die Tat geradezustehen hat. Sie wird beschuldigt, sie wird angeklagt, sie wird verurteilt, es kann bis zu Lebenslang sein.

Und die dazugehörigen Männer? Sie machen vor Gericht meist eine schlechte Figur, sind letztlich aber immer besser dran: Verantwortungslosigkeit, liebloses Verhalten, Rücksichtslosigkeit - mies, moralisch nicht in Ordnung, aber nicht strafbar.

Anders im Fall Krüger. Im September 2003 erhob die Staatsanwaltschaft Zwickau, an die der Fall von Chemnitz abgegeben worden war, erneut Anklage wegen dreifachen Totschlags - gegen Jens Krüger. Durchdrungen von der Überzeugung, nun endlich des richtigen Täters habhaft zu sein, scheint die Anklagebehörde zwar nicht zu sein. Doch was blieb ihr anderes übrig angesichts der Beschuldigungen von Antje Sch.?

Im Januar erklärte die 1. Strafkammer des Landgerichts Zwickau, die über die Zulassung der Anklage zu entscheiden hatte, dass auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen (bei vermuteter Schwangerschaft und Tötungsabsicht der Ehefrau) in Betracht komme. Am 4. Mai begann der Prozess. Einziger »Beweis« für Krügers Täterschaft: die Angaben seiner Ex-Frau.

Und die sind von der klinischen Psychologin Ina Franke nach den Regeln, die der Bundesgerichtshof für aussagepsychologische Gutachten fordert, überprüft worden. Die junge Gutachterin fällt immer wieder durch intelligente Fragen auf. Was wird sie über Antje Sch. sagen? Bis dahin wird weiterverhandelt nach dem Motto: Sollte der Angeklagte die Kinder nicht umgebracht haben, so hätte er doch damit rechnen müssen, dass die Frau es tat. Eine Groteske.

Der Angeklagte wird von dem Münchner Rechtsanwalt Peter Weitzdörfer und dem Chemnitzer Marcel Börger verteidigt. Der Vorsitzende Richter Klaus Hartmann, mit 45 schon zum Vizepräsidenten des Landgerichts ernannt, war zur Zeit des Prozesses gegen Antje Sch. Stellvertreter des Leitenden Oberstaatsanwalts in Chemnitz - ein Mann auf der Karriereleiter also. Und nun sein erster großer Fall.

Weitzdörfer hat schon manchem Richter das Leben schwer gemacht, denn er verteidigt bedingungslos. Hätte der Angeklagte, fragt er, selbst wenn er zunächst eine Schwangerschaft vermutet hätte, auf den Gedanken kommen müssen, dass seine Frau das Kind nach der Geburt tötet? »Nur wenn er positiv weiß, dass sie töten wird, hat er die Pflicht, dies anzuzeigen, sonst macht er sich der Nicht-Anzeige eines geplanten Verbrechens schuldig«, so Weitzdörfer. »Es reicht nicht, dass er damit nur rechnen musste. Das wäre dann nur eine fahrlässige Unterlassung einer Anzeige, die höchstens mit einem Jahr Freiheitsstrafe belegt wird.« Kann es dann angehen, dass der Angeklagte, der nach Auffassung Weitzdörfers noch nicht einmal damit rechnen musste, mit einem Tötungsvorwurf belegt wird? Denn welcher Ehemann erwartet, dass seine Frau heimlich im Bad gebiert, die Kinder tötet und in die Tiefkühltruhe steckt?

Um die Tötungshandlungen zu verhindern, hätte er bei den Geburten anwesend sein müssen. War er anwesend? Krüger bestreitet es. Antje Sch. bestritt es bis vor kurzem auch. Einen Sachbeweis gibt es nicht. Vor Gericht als Zeugin befragt, verweigerte sie ausgerechnet an dieser Stelle die Aussage. Die Leute aus dem Ort, die über Wochen schon vom Gericht befragt werden, wissen auch nicht mehr, als dass die Antje halt immer wieder schwanger aussah und dann plötzlich nicht mehr.

So quält sich die Justiz-Maschinerie, einmal angeworfen, immer weiter. Am vergangenen Donnerstag wurde als Zeugin eine Mitarbeiterin des Landratsamts Vogtlandkreis, zuständig für Jugendwohlfahrt, angehört. Sie berichtete von einem anonymen Anruf am 19. Mai 1999, rund eine Woche vor der letzten Niederkunft: Antje sei schon wieder schwanger, habe die Anruferin gesagt, und nie sei ein Kind da.

Das Amt setzte sich am nächsten Tag mit der Polizei in Verbindung. Schwanger zu sein sei nicht strafbar, hieß es dort, man könne leider nichts machen, außer abzuwarten, ob ein Kind zur Welt komme und angemeldet werde.

Abwarten, was passiert. Weder Polizei noch Jugendamt, noch sonst eine Behörde konnten Antje in Schutzhaft nehmen. Einen Aufpasser auf sie hetzen, der ihr bis ins Bad folgt? Ging auch nicht. Was hätte der Angeklagte, ein einfacher Mann, tun sollen? »Wenn ich gewusst hätte, dass in der Tiefkühltruhe meine Kinder liegen, hätte ich zu Hause doch keinen Bissen mehr runterbekommen«, sagt er.

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