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FRANKREICH Na, sowas

Abhörlöcher fanden sich in den neuen Redaktionsräumen des »Canard enchainé«, doch abhören wollte angeblich niemand.
aus DER SPIEGEL 50/1973

Oh! Marcellin«, titelte »Le Canard enchainé« in Balkenlettern, »quelle Watergaffe!« -- was für ein Reinfall!

Wie Nixons Watergate-»Klempner« in Amerika, hatten Dunkelmänner in Frankreich -- angeblich aus dem Haus des Innenministers Marcellin -- versucht, die bedeutendste publizistische Opposition im Lande zu belauschen: das satirische Wochenblatt »Le Canard enchainé«, vor dem Frankreichs Regierungspolitiker mehr zittern als vor Brandreden von Oppositionspolitikern. Der »Canard« (Slang für »Zeitung") verriet und belegte per Photokopie, daß der damalige Premier Chaban-Delmas jahrelang praktisch keine Steuern zahlte, im »Canard« packte Ministerberater Aranda über Korruption in Regierungskreisen aus.

»Canard«-Journalisten glauben seit langem zu wissen, daß sie abgehört werden. Sympathisanten der Satiriker schickten Manuskripte der Abhörbänder an die Redaktion, der »Canard« druckte die Texte ab.

Die Horcher gingen daraufhin einen Schritt weiter und versuchten, Mikrophone in der Redaktion einzubauen. Die Gelegenheit schien günstig: Am 15. Dezember ziehen Verlag und Redaktion in die untersten drei Etagen des Hauses 173 der Rue Saint-Honor~ um. Ein Spezialistenteam war schon vorher unterwegs.

Am Montagabend vergangener Woche, kurz nach 22 Uhr, schlenderte »Canard«-Zeichner André Escaro nach einem Kinobesuch am künftigen Zeitungssitz vorbei zu seinem Auto. Im dritten Stock des Hauses 173 brannte Licht hinter dunklen Vorhängen. »Na, sowas«, staunte Escaro, »Handwerker, die noch so spät arbeiten.«

Mehr noch: Sie arbeiteten offensichtlich unter Schutz. Vor dem Haus wachte ein Uniformierter mit Walkie-Talkie, ein weiterer an einer nahen Ecke. Und im unbeleuchteten zweiten Stockwerk sah Escaro, wie Arbeiter mit Taschenlampen die Decke absuchten, der »Canard«-Mann ging hinauf.

Im dritten Stock klopfte er an. »Wer ist da?« fragte eine Stimme. Escaro: »Der 'Canard enchainé'.« Ein Zivilist öffnete, Escaro forschte: »Sie arbeiten noch in der Nacht?« »Ja«, antwortete der Zivilist, »am 15. müssen wir fertig sein, es ist für die Zentralheizung.«

Dem »Canard«-Zeichner war klar, daß etwas nicht stimmen konnte, denn die Zentralheizung funktionierte seit drei Wochen. Im Innenraum sah Escaro dann auch, daß drei Arbeiter Löcher gebohrt hatten, mit Kabeln hantierten und Walkie-Talkies trugen. Als keiner von ihnen angeben konnte, für welche Firma er arbeitete, verzog sich Escaro. Am Ausgang »hörte er aus dem Polizisten-Walkie: »Hallo, Nummer zwei, verfolgen Sie den Kerl, der da gerade »rausgeht.« Und: »Schnell weg hier.«

Als Escaro kurze Zeit darauf mit Kollegen zurückkam, waren in der Tat alle weg -- aber nicht ihre Spuren. Unter eiligst zugenagelten Bodenplatten und hinter frisch vergipsten Wandstellen fanden die »Canard«-Journalisten Bohrlöcher. Im künftigen Konferenzraum des zweiten Stocks stand unter den notdürftig verputzten Spionagekanälen noch der Arbeitsschemel.

Wie für Nixons Watergate will für Pompidous »Watergaffe« niemand verantwortlich sein: Im offiziellen Kommuniqué weiß das Marcellin-Amt von alledem nichts.

Rechtens ist der Abhörversuch sowenig wie die meisten der 1500 bis 5000 Telephongespräche, die in Frankreich täglich abgehört werden -- ein Vorgang, den eine Senatskommission unter Senator Marcilhacy vergebens zu klären suchte. Untere Postchargen verweigerten die Mitarbeit. Marcilhacy: »Das Übel ist schlimmer, als wir glauben?

Den »Canard enchainé« wertet die Mikrophon-Affäre weiter auf. Die Zeitung warb in ihrer neuesten Ausgabe: »Lesen Sie den 'Canard enchainé -- das meistgehörte Blatt Frankreichs.«

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