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INTERNET Nabel Europas

Die traditionelle Bankenstadt Frankfurt entwickelt sich zur deutschen Internet-Hauptstadt - die zentralen Netzknoten der Republik liegen am Main.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Name, Firma, Personalausweis, Unterschrift. Einchecken ist Pflicht. Button ans Jackett, und dann geht's los. Stahltür eins öffnet sich, ein Korridor mit weiteren schweren Türen tut sich auf. Im Raum dahinter erklingt nur das monotone Rauschen einer Belüftungsanlage, die das kostbare Innenleben schmaler grauer Schränke rund um die Uhr auf Betriebstemperatur hält.

Der Hochsicherheitstrakt im Osten Frankfurts beherbergt ein Herzstück der New Economy in Deutschland: Geräuschlos steuert der Deutsche Commercial Internet Exchange (DE-CIX) den gewaltig anschwellenden Internetverkehr der Republik. Ob elektronische Liebespost von Berlin nach Potsdam geht oder ob ein Kölner Chefkoch bei einem Berliner Kollegen nach digitalisierten Anregungen sucht - beinahe alle Datenpakete schnellen durch die Frankfurter Schaltzentrale, ehe sie am heimischen PC landen.

Die hessische Metropole, die bislang vor allem als hektisches Finanz- und Verkehrszentrum auffiel, entwickelt sich zielstrebig zur deutschen Internet-Hauptstadt. Während sich die Stadtoberen in Berlin, München oder Hamburg gern mit quirligen E-Commerce-Gründern und hippen Startups schmücken, machen die Frankfurter das harte Kabelgeschäft, das auch anderswo das Internet erst funktionieren lässt.

Neben dem DE-CIX, dem bundesweiten Datendrehkreuz, haben auch die zentrale Registrierungsstelle für deutsche Internetadressen sowie das internationale Netzmanagement-Zentrum der Deutschen Telekom in der Mainmetropole Quartier bezogen. Durch den Untergrund der Stadt schlängeln sich rund 700 Kilometer Glasfaserkabel - nirgends im Land ist das Netz dichter, sind kommerzielle Anschlüsse schneller zu haben als in Frankfurt. Auch das europäische Forschungsnetz (technisches Kürzel TEN-155), das 19 Länder verbindet, läuft vor allem am Main zusammen (siehe Grafik).

Der DE-CIX wickelt allein 85 Prozent des deutschen und damit 35 Prozent des europäischen Internetdatenverkehrs ab. Pro Sekunde verteilt die Rechenanlage 590 000 000 Bits - das entspricht etwa 37 000 Buchseiten. Harald Summa, Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft, der den Netzknoten betreibt, nennt als Grund für seine Standortwahl: »Frankfurt hat die beste Infrastruktur für Telekommunikation, die es in Deutschland gibt.«

Vor drei Jahren ist deshalb das Deutsche Network Information Center (Denic), die zentrale Registrierungsstelle für deutsche Internetadressen, von Karlsruhe nach Frankfurt umgezogen. »Die optimale Erreichbarkeit, die vorhandene Hardware und Infrastruktur wie beispielsweise der DE-CIX waren entscheidende Argumente«, sagt Denic-Geschäftsführerin Sabine Dolderer.

Denic fing 1997 in Frankfurt an - zur rechten Zeit. Im grassierenden Internetboom drängte es nicht nur Firmen, sondern auch immer mehr private User zum eigenen Auftritt im World Wide Web. Das persönliche Going-global mit Familienfotos, Kochrezepten und Reisetips bescherte dem Zweimannbetrieb rasantes Wachstum: Bis Ende dieses Jahres soll die Zahl der Mitarbeiter auf 45 steigen. Inzwischen verwaltet Denic in Frankfurt bereits mehr als drei Millionen virtuelle Adressen mit dem Kürzel ».de«. Monatlich kommen 200 000 neue hinzu.

Auch die Deutsche Telekom hat für ihr International Net Management Center, nach Angaben der Firma das modernste der Welt, den Standort Frankfurt gewählt. Der Rechengigant pixelt sein Innenleben auf eine 72 Quadratmeter große Bildwand, die rund um die Uhr den Betriebszustand des internationalen Netzes der Telekom anzeigt - Internetverbindungen inbegriffen. Grafiken, die aussehen wie Spinnennetze oder Kursverläufe an der Börse, bilden die Datenströme ab. An 35 Computerplätzen überwachen Mitarbeiter die Mega-Wand. Sind Linien und Knoten grün, ist alles in Ordnung. Wechselt die Farbe auf Rot, schlagen die Beobachter Alarm.

Der Sog Frankfurts auf die Internetwirtschaft macht nicht an nationalen Grenzen halt. Die Schweizer Firma DigiPlex mit Hauptsitz in Zürich drängt jetzt an den Main. DigiPlex ist ein großer europäischer Anbieter so genannter Netzwerkserverzentren, der seinen Betrieb auf 22 Standorte ausdehnen will.

Das größte dieser Zentren soll in Frankfurt entstehen. Noch in diesem Jahr will DigiPlex im Osten der Stadt 55 000 Quadratmeter für einen hochmodernen Maschinenpark zur Verfügung stellen, um Firmendaten aus ganz Deutschland umzuschlagen. Schließlich, sagt DigiPlex-Marketingchefin Anne-Monique Souyris, sei »Frankfurt der Nabel in der Glasfaserinfrastruktur Europas«.

BIANCA DUCHMANN, DIETMAR PIEPER

Bianca Duchmann
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