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KANZLER-NACHFOLGE Nach ihm die Sintflut

aus DER SPIEGEL 21/1959

Einige Äußerungen Konrad Adenauers aus den letzten Wochen gaben seinen christdemokratischen Parteifreunden Anlaß zu der Überlegung, ob es sich dabei um den Ausdruck altersbedingter Launenhaftigkeit handele oder um ein raffiniertes Stück psychologischer Kriegsführung des greisen Taktikers, um der CDU/CSU -Bundestagsfraktion seinen Willen aufzuzwingen. Aus des Kanzlers Urlaubsort Cadenabbia war die Nachricht nach Bonn gedrungen, daß Konrad Adenauer in stillen Stunden schon den ihm mühsam abgerungenen Entschluß bereue, sich als Kandidat für das Präsidentenamt aufstellen zu lassen.

Der erste, dem solch späte Einsicht offenbart wurde, war der Ia-Schreiber des Bundeskanzleramts, Staatssekretär Hans Globke. Der zweite war der außenpolitische Redakteur Albert Müller von Adenauers Hauspostille, der »Neuen Zürcher Zeitung«. Die letzten waren die verspäteten Cadenabbia-Fahrer Heinrich Krone und Hermann Höcherl, die Fraktionschefs.

Den Anstoß zu derart verdrießlichen Bemerkungen wie »... es würde mir um meinen Entschluß leid tun, wenn es mir nicht gelänge...« gaben vornehmlich die Schwierigkeiten, denen Konrad Adenauer in den Reihen seiner Partei und seiner Bundestagsfraktion bei dem Versuch begegnet, den Finanzminister Franz Etzel statt des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard zum Bundeskanzler wählen zu lassen.

Das sozialdemokratische »Hamburger Echo« notierte denn auch nicht ohne Schadenfreude, gestützt auf den ebenfalls der Opposition nahestehenden Parlamentarisch-Politischen Pressedienst: »Die Auseinandersetzungen um seine Nachfolge ... drohen in eine offene Kraftprobe Adenauers mit dem Bundeswirtschaftsminister Erhard auszuarten ... (Adenauer) drängt jetzt auf eine rasche Entscheidung, weil er davon die Aufrechterhaltung seiner Kandidatur zum Bundespräsidenten abhängig machen will.«

Selbst die - CDU-Konflikte gern übertünchende - »Frankfurter Allgemeine« mußte den Gewissensqualen des Kanzlers, ob sein Entschluß richtig gewesen sei, Raum geben, wenn sie diese ärgerliche Meldung auch sogleich mit dein Dementi versah: »Angebliche sozialdemokratische Mitteilungen, der Kanzler habe erklärt, wenn die Unionsfraktion nicht für die Wahl Etzels zu seinem Nachfolger eintrete, werde er es sich überlegen, ob er nicht auf seine Kandidatur für die Bundespräsidentenschaft verzichten müsse, bezeichnen zuständige Kreise in Bonn als gegenstandslos.«

Aber alle Beschwichtigungsmeldungen konnten nicht verbergen, daß der designierte Präsident Kummer wegen seiner Regierungsnachfolge hatte, wozu der Ärger, den Adenauer während seines Urlaubs wegen der Vorbereitungen für die Genfer Konferenz mit seinem Außenminister und mit dem Auswärtigen Amt gehabt hatte, noch wesentlich beitrug.

Konrad Adenauer hatte es besonders gefuchst, daß er über die Ergebnisse der Viermächte-Arbeitsgruppe, die alle Pläne für die Genfer Ministerkonferenz zu erstellen hatte, erst nachträglich informiert worden war. Als er dann auch noch feststellen mußte, daß sich seine Diplomaten allzuweit in das Feld der Konföderation und der verdünnten Zonen vorgewagt hatten, erkannte er zu seinem Schrecken, welche Dinge wohl passieren würden, wenn er erst das Amt des Kanzlers mit dem des Bundespräsidenten vertauscht habe - und ein Mann Kanzler sein würde, dessen außenpolitischen Vorstellungen Adenauer mit Greisen-Mißtrauen gegenübersteht.

Zu allem Überfluß teilten ihm Besucher aus Bonn mit, daß die Vorliebe der CDU und besonders der CSU für den populären Stimmenfänger Ludwig Erhard trotz mancher sachlicher Bedenken eher noch wachse und es deshalb sehr schwerfallen würde, den Wunsch Adenauers zu erfüllen und Franz Etzel zu des Kanzlers Nachfolger zu machen. Adenauer wurde immer unmutiger und erging sich in düsteren Visionen über den bevorstehenden Untergang des Abendlandes und über die CDU nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt.

Meinte Konrad Adenauer: »Der Herr Erhard kann die nächsten Bundestagswahlen für die Partei besser als Wirtschaftsminister gewinnen. Wenn er Bundeskanzler wird, dann besteht viel eher die Gefahr, daß er sich bis 1961 Verbraucht hat. Und was soll dann werden, wenn die SPD einen so zugkräftigen Mann wie Willy Brandt in den Vordergrund stellt?«

Vor allem war es jedoch die Sorge um die Fortführung seiner Außenpolitik, die Konrad Adenauer bewogen hat, allen Widerständen zum Trotz zu versuchen, Erhard als Kanzlerkandidaten aus dem Feld zu schlagen. Wenn Konrad Adenauer auch von dem neuen amerikanischen Außenminister Herter bei dessen kürzlichem Besuch in Bonn einen guten Eindruck hatte ("Der Herter is ne ausjezeichneter Mann"), so ist der Kanzler dennoch fest entschlossen, in erster Linie auf die Karte der deutsch-französischen Allianz zu setzen und sich als Ersatz für die deutsche Einheit weiter um jene europäische Integration zu bemühen, die der große Charles de Gaulle erklärtermaßen nicht will.

So kam es ihm sehr zustatten, daß der französische Premierminister Debré sich in Bonn besorgt bei Adenauer erkundigte, wer wohl der neue Bundeskanzler werden würde, und dabei durchblicken ließ, daß die Franzosen die Wahl Etzels sehr begrüßen würden. Ludwig Erhard gilt nämlich in Paris wegen seiner Abneigung gegen die protektionistischen Vorschriften des Gemeinsamen Marktes und seiner Vorliebe für eine Freihandelszone als Feind Frankreichs und Freund Englands.

Seine amerikanischen Bekannten haben dagegen dem Bundeskanzler ziemlich unverblümt erklärt, daß nach ihrer Meinung Erhard der richtige Nachfolger sei. Der Wirtschaftsminister gilt in den Vereinigten Staaten als Erfolgsmensch, und nichts ist in Amerika so erfolgreich wie der Erfolg.

Doch Konrad Adenauer ließ sich weder durch die Wünsche der Amerikaner noch durch die Hoffnungen beirren, die viele christdemokratische Abgeordnete auf Ludwig Erhard gesetzt haben. Er eröffnete seinen Paladinen Krone und Höcherl, daß er alles daransetzen werde, um Ludwig Erhard zu bewegen, auf das Kanzleramt zu verzichten. Damit die Sache in der Fraktion auch glatt über die Bühne gehe, müsse Erhard dazu gebracht werden, selbst Etzel als Bundeskanzler vorzuschlagen.

Angesichts der Stimmung in Partei und Fraktion stellte Konrad Adenauer allerdings auch Erwägungen an, was werden solle, wenn Ludwig Erhard trotz seiner Bemühungen nicht zum Verzicht zu bewegen sei und von der Fraktionsmehrheit auf den Kandidatenschild gehoben würde. In diesem Falle, räsonierte Konrad Adenauer, müßten Politiker in das neue Kabinett Erhard eintreten, die gewillt seien, die Adenauersche Außenpolitik konsequent und energisch fortzuführen. »Es muß unbedingt verhindert werden, daß Erhard außenpolitischen Unsinn macht«, sagte der Kanzler.

CDU-Fraktionschef Krone hat den mißmutigen Kanzler gewarnt, daß alle Meldungen über eventuelle Absichten Adenauers, von der Präsidentschaftskandidatur zurückzutreten, das Vertrauen der westlichen Welt in seinen Nachfolger und in die Bundesregierung erschüttern würden. Man würde daraus den Schluß ziehen, daß der Kanzler eingesehen habe, nur er sei in der Lage, die bisherige Außenpolitik fortzusetzen. Und nach ihm käme die Sintflut.

Die Weltwoche, Zürich

Neue Kyffhäuser-Sag

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