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»Nach mir kommt keiner mehr«

aus DER SPIEGEL 41/1991

Je später der Abend, desto rosiger die Zukunft. Wenn »der Chef« im Jenaer Gästehaus des Carl-Zeiss-Konzerns vor Besuchern und potentiellen Geschäftspartnern zu vorgerückter Stunde Tausende von Quadratmetern freiräumt, Straßenzüge und Fabriken entstehen läßt, Styropormodelle hin und her schiebt, scheint die wirtschaftliche Blütezeit im Saale-Tal unmittelbar bevorzustehen.

Gegen den Optimismus von Zeiss-Vorstandschef Lothar Späth hat die Realität keine Chance. Zwar bekommen in diesen Tagen 15 000 Beschäftigte des ehemaligen VEB Carl Zeiss ihre Kündigung, werden ganze Betriebsteile aufgelöst oder ausgegliedert, Sozialeinrichtungen verschenkt oder verschleudert. Doch Späth macht es so wie einst, da er in Stuttgart regierte: Er verbreitet um sich Wirtschaftswunderstimmung.

Der gestürzte Landesfürst läßt allerdings keinen Zweifel daran, daß ihn dieser Führungsstil an seinem neuen Dienstsitz etwas schwerer fällt als in der Heimat: »Einen der schwierigsten Jobs in der deutschen Wirtschaft« habe ihm Parteifreund Helmut Kohl da aufgeschwatzt, sagt der Sanierer. Späth hatte den Vertrag auch erst unterschrieben, nachdem Bonn sein Sanierungskonzept fürstlich unterfüttert hatte: Mit insgesamt 3,6 Milliarden Mark finanziert die Treuhand das Abenteuer Zeiss-Ost.

Trotz der beispiellosen Zuschüsse ist das Ende offen. Allein 990 Millionen braucht der neue Vorstandsvorsitzende für die Ablösung von Altschulden. 800 Millionen verschlingen Abfindungen und Sozialpläne, 600 Millionen bekommt Zeiss-West für die Absichtserklärung, im Osten 2800 Arbeitsplätze erhalten zu wollen.

Obwohl er in nächtelangen Verhandlungen mit Treuhand, Geschäftsleitung und Betriebsrat tiefen Einblick in die katastrophale Lage des Unternehmens gewonnen habe, sei ihm nach den ersten Arbeitstagen am wuchtigen Schreibtisch im 9. Stock des Zeiss-Verwaltungsturms »erst mal schlecht geworden«, beschreibt der Vorstandschef seinen Einstieg in Jena.

Aber von Anfang an hat er den Späth rausgekehrt, wie ihn aus Stuttgart viele kennen, offen mit dem Gedanken kokettiert, »alles hinzuwerfen« - nur um ihn publikumswirksam zu verwerfen: »Der Späth«, sagt der Späth, »gibt nicht auf«, denn: »Nach mir kommt keiner mehr.« Solche Abgründe deutet der fröhliche Schwabe gern mal beim abendlichen Blick in den samtroten Trollinger an, mit dem ihn Freunde aus der Heimat regelmäßig versorgen. Ganz gemütlich macht er so deutlich, daß Widerspruch gegen seine Pläne zwecklos ist - seien sie auch grausam.

Grausamkeiten, da verfährt Späth nach der eisernen Sanierer-Regel, erfolgen gleich am Anfang: Nach seinem Konzept, mit dem er das Unternehmen zu einer mittelständischen Technologie-Holding umbauen will, wird der Konzern von einst 32 000 Beschäftigten auf rund 10 000 heruntergeschrumpft.

Nach zähen Verhandlungen mit der Führung von Zeiss-West in Oberkochen, die seit der Wende nichts unversucht gelassen hatte, die östliche Konkurrenz auf Null zu bringen (SPIEGEL 40/1990), wird in diesen Tagen die Jenoptik Carl Zeiss Jena GmbH gesplittet. Der Oberkochener Konzern übernimmt eine Carl Zeiss Jena GmbH als Tochterunternehmen, und eine Jenoptik kommt, unter Späths Regie, in den Besitz des Landes.

Zeiss-West sagte zu, sich bis auf weiteres mit 2800 Leuten auf das Stammgeschäft (Schwerpunkte: Mikroskopie und Feinmeßtechnik) zu beschränken.

Die Jenoptik soll sich nach den Plänen ihres Chefs künftig mit rund 1500 Beschäftigten der Produktion von Leiterplatten, Weltraumtechnik und Optoelektronik widmen, Forschungsaktivitäten bündeln, Beteiligungen an zukunftsorientierten, verwandten Industrieunternehmen suchen und schließlich den reichen Immobilienbesitz sanieren und vermarkten: ein Erfolgsrezept aus der schwäbischen Heimat, wo Späth schon einmal vorführte, daß High-Tech goldenen Boden hat.

Knapp 2000 Arbeitsplätze konnten bislang durch den Verkauf von Betriebsteilen an andere Unternehmen gesichert werden. Späth will versuchen, den Rest von rund 4000 Beschäftigten in den Beschäftigungsgesellschaften als »hochqualifiziertes Potential« im Lande zu halten, bis bessere Zeiten kommen. Bei jenen, die von Kündigungen verschont blieben, hat sich eine Art Wunderglaube an den Sanierer aus Baden-Württemberg verbreitet.

Doch selbst, wo der Retter als Rausschmeißer auftritt, wie kürzlich bei der Schließung eines Betriebsteiles mit 3000 Beschäftigten in Gera, bleibt geharnischter Protest aus, werden nur ein paar kämpferische Parolen ("Vom Steuerbetrüger zum Arbeitsplatzkiller") hochgehalten. Kaum vorstellbar, daß noch vor Jahresfrist wütende Zeissianer auf Protestkundgebungen Gewalt androhten und Straßen blockierten.

Die Ruhe, mit der die Menschen im Saale-Tal Massenentlassungen, Schließungen und Abriß im einstigen Parade-Kombinat hinnehmen, entspringe wohl zum Teil, analysiert Späth, einer Resignation. Zum anderen Teil aber sieht der neue Chef erwartungsvolle Stille im Lande: das Vertrauen, »daß da beim Zeiss ein starker Mann sitzt«.

Tatsächlich schlägt ihm in Thüringen eine Mischung aus Ehrfurcht und Sympathie entgegen. Betriebsrat Burkhard Riese bescheinigt dem West-Import »Zuverlässigkeit, konstruktive Zusammenarbeit und ein hohes Maß an Kompromißbereitschaft«. Sein Kollege Manfred Schneider glaubt gar, daß »wir aufpassen müssen, um ihn unsere Sympathie nicht allzusehr spüren zu lassen«.

Jenas Stadtväter zeigen sich begeistert, wenn der Zeiss-Chef im Stadtrat sein Styropor-Modell von einem Geschäfts- und Gewerbezentrum »Saale-Park« erläutert und gleich noch die Hälfte der verrotteten Innenstadt in seine Bebauungspläne mit einbezieht.

Die Landesregierung gerät über die Späth-Pläne ins Schwärmen, nach denen ein neues High-Tech-Zentrum mit einer ganzen Reihe von renommierten Forschungsinstituten und modernster Industrie aus dem belasteten Boden wachsen soll. Der thüringische Wirtschaftsminister Hans-Jürgen Schultz (CDU) sieht aus den Trümmern der Kommandowirtschaft schon ein »europäisches Silicon Valley« erblühen.

Soviel Zuspruch läßt Späth zu alter Form auflaufen. Er jettet schon wieder wie früher durch die Welt, um Investoren zu keilen. Er sitzt aber auch, was er nie gern tat, im Büro, beißt sich durch Papier und hört bei stundenlangen Beratungen geduldig zu.

Niemand, der ihn hier mokant als »Cleverle« und »Schwertgosch« apostrophiert, der Schwabe gönnt sich seine Ein-Mann-Show als »Retter« und »Topmanager«. Selbst Details, die täglichen kleinen Katastrophen, so klagen seine Mitarbeiter, löse Lothar der Große persönlich.

Wunder zu tun liegt ihm. »Ich bin süchtig nach Jena«, sagt er, so wie auch das kleine Fähnlein vertrauter Mitarbeiter aus Stuttgart und die geleasten Manager einer Münchner Beratungsfirma süchtig seien nach der Herausforderung, im kaputten Teil Deutschlands den Aufschwung zu schaffen.

Immer noch verschreckt die völlig überforderte Verwaltung Thüringens manche der von Späth angeschleppten Einsteiger. Weil der Liegenschaftsdienst in Jena wegen Überlastung schlicht seine Büros geschlossen hatte, mußte Späth beispielsweise den Chef der US-Hotelgruppe Quality Inns überreden, den Vertrag über ein neues Hotel per Handschlag zu besiegeln.

Mit seiner Führungscrew wohnt Späth in den winzigen Zimmern des konzerneigenen Gästehauses, einem Backsteinbau am Rande der Stadt mit dem muffigen Charme der fünfziger Jahre. »Ein bißchen wie eine Pfadfindergemeinschaft«, findet Späth, sei das Team, das da zu Frühstück und Abendessen im Besprechungszimmer zusammensitzt. Auch mit vollem Mund diskutieren Lothars Pfadfinder über Jenoptik.

Zusätzlich zum Wochenende erlaubt sich der Stuttgarter einen Tag im Büro daheim: »Man muß einfach manchmal den Kopf freibekommen.« So pendelt er, »weil es dann am schnellsten geht«, nachts zwischen 23 und 3 Uhr zwischen Stuttgart und Jena. Verpflichtet hat er sich für fünf Jahre, kokettiert aber mit einem schnelleren Erfolg: »Je eher ich überflüssig werde, desto besser für das Unternehmen.«

So schnell wird das nicht gehen. Von Aufschwung zeigt sich im Saale-Tal bislang nicht die Spur. Bis zum Jahresende noch macht die Späth-Firma monatlich mindestens 40 Millionen Mark Verlust.

Damit schmilzt auch die aus dem Treuhand-Topf als Investitionsvolumen gedachte Summe von rund 200 Millionen beängstigend schnell dahin. Mit den Zeiss-Entlassungen wird die 100 000-Einwohner-Stadt dann unter der höchsten Arbeitslosenquote im Lande ächzen.

Wo so große Pleiten drohen, freut sich der Chef schon über die Lösung kleiner Problemchen: Bei der Aufzählung der gesicherten Arbeitsplätze vergißt der Vorstandschef nie die ehemals konzerneigene Sattlerei, für die ein Interessent gefunden werden konnte: »Sechs Arbeitsplätze gerettet.«

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