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VERKEHR / AUTOBAHNEN Nach Schweizer Art

aus DER SPIEGEL 43/1968

Im hellgrünen Opel Rekord fegte der Wiesbadener Oberregierungsrat Dieter Felke, 36, während seines Jahresurlaubs auf Testfahrt über Schweizer Autobahnen zwischen Lausanne Genf und Vierwaldstätter See. Felke nach zehntägiger Observation der eidgenössischen Schnellstraßen: »Das klappt ja phantastisch.«

Die Urlaubserfahrungen des Straßenverkehrs-Referenten im Wiesbadener Verkehrsministerium sollen jetzt auch Autobahnfahrern in der Bundesrepublik zu einem neuen Fahrgefühl verhelfen:

Nach Schweizer Art, aber auch nach holländischem Vorbild führt Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister Rudi Arndt, 41 ("Dynamit-Rudi"), am Donnerstag dieser Woche auf einem 15-Kilometer-Abschnitt der Autobahn Wiesbaden-Frankfurt versuchsweise sogenannte Richtsatzgeschwindigkeiten ein: Blaue Schilder am Straßenrand signalisieren dem Autofahrer, Tempo 80 bis 130 oder Tempo 70 bis 110 zu fahren -- Empfehlungen, keine Gebote.

So wird das Über- oder Unterschreiten der auf den Schildern angegebenen Geschwindigkeitslimits auch nicht bestraft. Die Tafeln raten dem Autofahrer lediglich, wie er den nächsten Streckenabschnitt am besten passieren sollte -- nicht zu schnell, aber vor allem auch nicht zu langsam.

Denn im Interesse eines einheitlichen Verkehrsflusses sorgt sich Sozialdemokrat Arndt mehr um die Autobahnkriecher als um die Raser: »Wir werden es uns bald einfach nicht mehr leisten können, jeden Sonntagsfahrer nach eigenem Ermessen gemütlich über solche Straßen trödeln zu lassen. Durch die Fahrempfehlungen aber werde dem biederen Langsamfahrer klargemacht, daß er auf dieser Strecke kein Einschlaftempo vorlegen darf.«

In der Schweiz jedenfalls machte die Einführung der Richtsatzgeschwindigkeiten im Jahre 1965 tatsächlich müde Fahrer munter. Bereits 1967 vermerkte die eidgenössische Polizei in einem Erfahrungsbericht, »daß im unteren Bereich eher etwas schneller gefahren wurde«.

Auch stieg die Verkehrsdisziplin. Die Gebotsschilder wie Geschwindigkeitsbegrenzungen an den Schweizer Autobahnen waren nur von 73 Prozent der Autofahrer beachtet worden. Die anstelle der Gebotstafeln aufgestellten Geschwindigkeitsempfehlungen werden dagegen von 80 Prozent aller Kraftfahrer beherzigt.

Solche Erfahrungen ermunterten Hessens Verkehrsminister, die Richtsatzgeschwindigkeiten auch für Deutsche zu empfehlen -- zunächst auf der Probestrecke Wiesbaden-Frankfurt: Mindestens 30 000 Fahrzeuge passieren täglich beide Fahrbahnen der oft verstopften und unfallträchtigen Rhein-Main-Städteverbindung.

Und im selben Maße, wie die Hessen den Schilderwald mit neuen Verkehrszeichen aufforsten. holzen sie herkömmliche Hinweis-, Warn- oder Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder ab.

Freilich fand Minister Arndts Neuerung bislang nicht den ungeteilten Beifall der deutschen Verkehrs-Experten.

Zwar sprach sich der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Polizeichefs der Bundesrepublik, Frankfurts Polizeipräsident Dr. Gerhard Littmann, für die Richtsatzgeschwindigkeit aus: »Das legt dem Kraftfahrer die volle Verantwortung für sein Handeln auf.«

Zwar will auch der Automobilclub von Deutschland (AvD) die neue Regelung »nicht vorher verdammen«, denn, so AvD-Sprecher Michael Briechle: »Wir könnten uns vorstellen, daß sie auf Kurzstrecken eine brauchbare Lösung bringt.«

Doch der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) die größte Automobilistenvereinigung der Bundesrepublik, »lehnt Richtsatzgeschwindigkeiten nach wie vor ab«. Aus ihnen läßt sich nach Rechtsanwalt Alexander Gontard, Hausjurist der Münchner ADAC-Zentrale, »kein zuverlässiger Anhaltspunkt entnehmen, welche Geschwindigkeit tatsächlich in Anbetracht der wechselnden Verkehrssituationen, Witterung, Sichtverhältnisse und Konstitution des Fahrers zu verantworten ist«.

Auch sei zu befürchten, daß nach Unfällen »eine dem deutschen Strafrecht fremde und auch rechtswidrige Schuldvermutung Platz greift, wenn der betroffene Autofahrer die Richtsatzgeschwindigkeit über- oder unterschritten hatte«.

* Letzte Woche probeweise an der Autobahn Wiesbaden-Frankfurt aufgestellt.

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