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Rinderwahn Nach unten gerechnet

Neue Hiobsbotschaft von der britischen BSE-Front: Die Seuche kann von infizierten Kühen auf die Kälber überspringen.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Sieben Jahre lang grasten mehr als 500 ausgesuchte Kühe auf mehreren Farmen in der schönen Grafschaft Yorkshire im Norden Englands. Unangetastet vom Schlachtmeister, reiften die staksigen Kälber zu kräftigen Rindviechern heran.

Das Kuhidyll war Teil eines wissenschaftlichen Großexperiments. Mit dem kostspieligen Feldversuch wollten Forscher von der Veterinärversuchsanstalt in Weybridge herausfinden, ob der Erreger des tödlichen Hirnschwamms BSE (bovine spongiforme Enzephalopathie) von der Kuh auf das Kalb überspringen kann.

Die Hälfte der Tiere in Yorkshire war von Kühen geboren worden, die wenige Monate nach dem Abkalben an BSE krepiert waren. Die andere Hälfte entstammte gesunden Tieren. Am 14. Juli brachen die Forscher den Versuch vorzeitig ab, die Tiere wurden getötet. Vorige Woche wurde das Ergebnis der Yorkshire-Studie bekannt - eine neue Hiobsbotschaft für die vom Rinderwahn zermürbten Briten.

In einer eilig einberufenen Pressekonferenz verkündete Agrarminister Douglas Hogg, was er wie die übrigen Kabinettsmitglieder seit Jahren beharrlich von sich gewiesen hatte: BSE sei nun doch »zu einem geringen Grad« übertragbar von der Kuh zum Kalb. Von den 273 Kälbern mit BSE-kranken Müttern, so gestand Hogg ein, haben sich 42 mit der Seuche infiziert.

Dieses Ergebnis ließ die Hoffnungen der britischen Fleischindustrie schwinden, BSE werde sich von selbst verflüchtigen, sobald die letzten »mad cows« gestorben sind und das Kraftfutter frei von Erregern ist. Die Seuche, so nehmen Experten jetzt an, wird wegen der Übertragung von Muttertieren auf Kälber lange Zeit in Großbritannien endemisch bleiben, wenn auch auf niedrigerem Niveau.

In Brüssel beraten Experten bereits über eine Ausweitung des im Juni beschlossenen Schlachtplans, wonach Großbritannien 130 000 BSE-gefährdete Rinder vernichten sollte. Die Aufhebung des weltweiten Embargos gegen das Briten-Beef rückt in weitere Ferne.

Doch schon suchen die Ministeriumsveterinäre den Schaden wieder kleinzureden. Auch BSE-infizierte Kühe, so erklärten sie, könnten noch etliche gesunde Nachkommen zur Welt bringen: In allen beobachteten Fällen seien die verseuchten Kälber erst in den letzten 13 Monaten vor Auftreten der BSE-Symptome beim Muttertier geboren worden. Auf diese Weise rechne sich, Hokuspokus, das Risiko einer Kälberinfektion von 10 Prozent auf 1 Prozent herunter.

Fachleute sind unterdes wenig überrascht von dem Ergebnis aus Yorkshire. Forscher vom Berliner Robert-Koch-Institut und namhafte Kollegen weltweit hatten seit Jahren vor einer möglichen »vertikalen« Übertragung gewarnt: Auch bei Schaf und Ziege springt der BSEähnliche Hirnschwamm-Erreger von den Muttertieren auf die Lämmer über - warum sollte er bei Rindern, die gleichfalls Wiederkäuer sind, darauf verzichten?

Die britischen Farmer werden sich ebenfalls kaum wundern. Bisher starben mehr als 140 000 ihrer Rinder an BSE, weil sie verseuchtes Futter aus Kadavermehl gefressen hatten. Als diese Ekelfütterung im Juli 1988 verboten wurde, kam die Seuche gleichwohl auf der Insel nicht zum Stillstand: Weitere 28 402 Rinder sind bis vorige Woche an BSE zugrunde gegangen, obwohl sie erst nach jenem Stichtag geboren wurden.

Zwar war dabei keineswegs immer die Übertragung vom Muttertier aufs Kalb im Spiel. Vielmehr gelangte kontaminiertes Futter aus den maroden britischen Kadaveranstalten auch nach 1988 noch in den Handel (SPIEGEL 24/1996). Die Tierkörperbeseitiger verfütterten die infektiösen Kadaver fortan an Hühner und Schafe und versäumten es, ihre Mahlschnecken von Charge zu Charge ausreichend zu reinigen. Solche Schlamperei erklärt einen Großteil der späteren BSE-Fälle - aber nicht alle.

Noch weiß niemand, welchen Weg der BSE-Erreger beim Sprung vom Muttertier auf das Kalb gewählt hat. Vier Möglichkeiten kommen in Betracht: Die Kälber infizieren sich

* schon als Embryos im Mutterleib über die Plazenta oder über den Uterus,

* über Blutkontakte bei der Geburt oder

* unmittelbar nach der Geburt über das »Kolostrum«, die kraftfutterartige Vormilch, die reichhaltiger ist an Eiweißen und Fetten als gewöhnliche Kuhmilch.

Diese Erkenntnis beunruhigt die Experten zutiefst: Die Yorkshire-Kälber können sich demnach nur über Material infiziert haben, das bislang in Tests als »nicht infektiös« bewertet wurde.

Der BSE-Erreger gilt in Mutterkuchen, Gebärmutter, Blut und Milch als nicht nachweisbar - Mäuse blieben auch dann gesund, wenn Forscher ihnen Proben davon direkt ins Gehirn spritzten. Auf derartige Versuche stützen die Forscher ihre Versicherung, der Genuß von Milch BSE-kranker Tiere oder von Blut (das auch im Muskelfleisch enthalten ist) sei für den Menschen nicht riskant. Der Zürcher Experte Charles Weissmann meldet Bedenken an: »Das Mäusemodell ist nicht empfindlich genug.«

Die Veterinäre aus Weybridge gingen bei ihrer Studie offenbar sorglos mit dem BSE-Problem um. Aus der Kontrollgruppe der 273 Kälber, die allesamt gesunde Mütter hatten, sind trotzdem 13 an Hirnschwamm erkrankt. Diese Tiere hatten sich über das Kraftfutter angesteckt.

Die Tierärzte hatten es versäumt, die Kälber mit Futter aus BSE-freien Ländern aufzupäppeln. Leichtfertig vertrauten sie auf die heimische Produktion.

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