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Terrorismus Nach zehn Stunden frei

aus DER SPIEGEL 48/1996

Im Minutentakt nestelte der Verfassungsschützer mit dem Decknamen »Hans Benz« an seinem Handy. Beamte des Bundeskriminalamtes nahmen ihre Posten ein und verschwanden wieder. Hinter der martialischen Sicherheitsschleuse, die den Bundesgerichtshof in der Karlsruher Herrenstraße gegen die Außenwelt abschottet, herrschte am vergangenen Freitag Nervosität.

Um Viertel nach neun war er endlich da: Christoph Seidler, 38, seit über zehn Jahren als angeblicher Top-Terrorist der »Roten Armee Fraktion« (RAF) gesucht, seit fünf Jahren als Mörder des Bankiers Alfred Herrhausen verdächtigt. Der Mann kam freiwillig, so wie er es Anfang November im SPIEGEL angekündigt hatte - und konnte gleich wieder gehen.

Nach fast zehnstündiger Verhandlung hob der Richter den Haftbefehl auf. Zwar gebe es weiter einen Tatverdacht, doch der sei nicht mehr dringend.

Seit Juni hatte Seidler die Aufhebung des Haftbefehls verlangt. Er sei kein Mitglied der RAF gewesen, und als das »Kommando Wolfgang Beer« am 30. November 1989 in Bad Homburg den Bankier zu Tode bombte, habe er sich unter dem Decknamen »Ali« im Libanon herumgeschlagen.

Seine Angaben wurden Anfang November auch von einer Deutschen bestätigt, die im libanesischen Bürgerkrieg unter dem Namen Chadia für die PFLP-Kämpfer die Verpflegung ausgab. »Ali« habe sie »im Oktober 1989« kennengelernt. Als Fahrer der in dem nahe gelegenen Ort Aitat stationierten Einheit habe er die Lebensmittel abgeholt - alle zwei Tage. »Ali« habe »seine Einheit jedenfalls zwischen Oktober und Dezember 1989 nicht verlassen«.

Die Bundesanwaltschaft wehrte sich bis zuletzt gegen die neuen Erkenntnisse. Ihr Kronzeuge Siegfried Nonne, der behauptet, er habe Seidler im Vorfeld des Herrhausen-Anschlags in seiner Wohnung beherbergt, sei zwar schwierig, aber im Kern glaubwürdig. Der frühere V-Mann des Verfassungsschutzes wird derzeit in einem psychiatrischen Krankenhaus stationär behandelt.

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