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Strafjustiz Nachruf auf eine Mordanklage

aus DER SPIEGEL 21/1996

Der Staatsanwalt, Jahrgang 1960, stellt sich gern mit »Dr. Trunk« vor. Gestatten - Dr. Stefan Trunk. Er war die Hoffnung der Behörde.

Seine Mordanklage, ein Griff nach den Sternen. Wie haben sie gefunkelt, diese schwarzen Sterne. Aufsehen in der Halbwelt, Respekt unter den Kleinganoven und den schwereren Kalibern, Bewunderung der Polizeireporter, nicht mehr nur der Alltagsfrust, an dem die Kollegen ergrauen: Trunk nahm Anlauf und schwang sich empor wie der Stabhochspringer Sergej Bubka auf 6,14 Meter im Freien.

Trunk fand doch schließlich, was zunächst gefehlt hatte: eine Quittung über den Kauf von Müllsäcken, einer Ytong-Säge, eines Spatens, einer Kreuzhacke und einer Beton-Gießkarre. Und dreier Paar Handschuhe. Kombiniere, sagte sich Nick Knatterton: Das Mordopfer ist in Säcke verpackt und einbetoniert worden. (Daß angestellte Bauarbeiter des von ihm Verdächtigten damals Ytong-Wände schlitzten, konnte man doch bitte so oder so oder andersrum sehen.)

Dann gab es den Jeep des Verdächtigten, in den ein Anonymus angeblich Buttersäure gegossen hatte. Das Fahrzeug war daraufhin gereinigt und die Innenausstattung entfernt worden. Kombiniere, murmelte Knatterton: Die Leiche ist in dem Jeep transportiert worden.

Mehr hatte der Staatsanwalt gegen Hans-Johann Hansen, 57, einen neureichen, schillernden Kaufmann aus Düsseldorf, nicht in der Hand, jedenfalls was den Mordvorwurf angeht. Nüchtern, ohne Eifer, hatte man eigentlich gar nichts in der Hand. Denn selbst Ytong-Säge, Gießkarre und Handschuhe konnten über einen kapitalen Mangel nicht hinwegtäuschen: Es gab keine Leiche. Trunk im Gerichtssaal entnervt, als seine Anklage ins Trudeln kam: »Ich kann sie mir doch nicht aus den Rippen schneiden.«

Am 12. Juli 1991 wurde der angeblich Ermordete, der damals 69 Jahre alte Otto-Erich Simon, letztmals gesehen. Seither gibt es von ihm kein Lebenszeichen mehr. Wäre er ein armer Schlucker gewesen, hätte sein Verschwinden vielleicht die Angehörigen beunruhigt. Für Jörg Wontorras TV-Sendung »Bitte melde Dich!« wäre es kein Fall gewesen.

Doch Simon besaß (oder besitzt!) zwei Grundstücke an der Düsseldorfer Königsallee, der »Kö«. Das ist allerbeste Lage überhaupt, die Immobilien gelten als Renditeobjekte erster Güte.

Simon, seit 40 Jahren geschieden, hatte (oder hat!) keine erbenden Nachkommen, nur einen Bruder, der ist Winzer an der Mosel. Simon galt als schrullig, geldgierig oder mißtrauisch, je nachdem, wie im Zoo der Immobilienhaie, Baulöwen, Pleitegeier und Bordsteinschwalben gerade geklatscht wurde.

Hansen verhandelte 1991 nachweislich mit Simon über den Verkauf der Liegenschaften Königsallee 76 und 78. Tolle Zahlen schwirrten in den Bistros beim Champagner. 80 Millionen? Ein Japaner soll schon 120 geboten haben. Was, 30? Für 30 verkauft der Alte nie.

Am 14. September 1991 schreibt Bild-Düsseldorf, Simon, der »komische Opa von der Kö«, sei mit 30 Millionen bar in die Berge verschwunden. Er habe an die Schweizer »Immobilien-Agentur Plan Contract AG im Kanton Glarus« verkauft. In einem braunen Reisekoffer »mit verstärkten Ecken« habe er die 45 Kilo schweren Scheine mitgenommen. »So verrückt sind die Träume der Männer. Mit 70 beginnt das Leben ...«, so Bild.

Die Ermittlungen der Polizei, die von Dezember 1991 an nach dem Vermißten suchte, ergaben, daß die Plan Contract nichts anderes als ein Briefkasten war und etwas mit Hansen zu tun hatte. Und daß die Unterschriften Simons unter den Verkaufspapieren - beglaubigt von einem Notariat in der Schweiz, in dem es zuging wie an einem Dortmunder Tresen, nachdem die Borussia die Deutsche Meisterschaft gewonnen hat - gefälscht waren.

Angenommen, Hansen war Betreiber und Nutznießer der Aktion: Dann wäre er problemlos als Urkundenfälscher anzuklagen und zu verurteilen gewesen. Vielleicht könnte man auch Betrug nachweisen. Für eine Verurteilung Hansens zu fünf, sechs Jahren Freiheitsstrafe reicht das allemal.

Warum gab sich die Staatsanwaltschaft damit nicht zufrieden, wenigstens vorerst? Sie spielte Lotto. Sie startete einen Versuchsballon. Schau'n mer amal.

Die 17. Große Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf mit dem Vorsitzenden Wolfgang Hoffs, 61, ließ die Mordanklage ohne Federlesen zu. Er ist ein Richter, dem das eigene Gefühl oft mehr sagt als beispielsweise die Strafprozeßordnung. Überdies redete Hansen - seit dem 29. Januar 1992 in Untersuchungshaft, das sind vier Jahre vier Monate - anfangs viel Krauses und Unsinniges. Das ist immer eine Hypothek vor einem Richter, dem die Unschuldsvermutung nicht gerade ein moralischer Anspruch ist.

Am 1. Februar 1994 begann dann der Prozeß, der nach 131 Verhandlungstagen (nicht mitgezählt die Sitzungen und Zusammenkünfte außerhalb der Hauptverhandlung) am Montag voriger Woche mit einer vorläufigen Einstellung zu Ende ging. Ergebnis null.

Es gab kaum einen Sitzungstag, an dem nicht Zeugen gehört wurden. Den absurdesten Gerüchten wurde nachgegangen. Die Staatsanwaltschaft rackerte erbittert.

An manchen Tagen kam Farbe ins Verfahren, weiß Gott. Die rothaarige Lady Jane, die immer sagte: »Der Herr Doktor Trunk, der weiß das alles.« Autoschieber, Zuhälter, Anwälte, Prostituierte, alles was dazugehört. Ein Leichenspürhund soll mal mit dem Schwanz gewedelt haben. Ein Knastbruder behauptete, Hansen habe ihm den Mord gestanden. Dann stellte sich heraus, daß derselbe Zeuge als anonymer Hinweisgeber behauptet hatte, Simon sei von einem gewissen »Attar« im Schwimmbad einer Kempener Großdiskothek verbrannt worden.

Das von Anfang an ungegliederte Verfahren kam immer mehr ins Schlingern. Hansen wurde depressiv, er stand nicht mehr auf, er wurde haft- und verhandlungsunfähig.

Im März 1995 war ein Vorgesetzter Trunks bereit, auf den Haftbefehl wegen Mordes zu verzichten. Trunk seinerseits hoffte, Hansen werde dann Betrug und Urkundenfälschung gestehen. Eine Strafe, um die acht Jahre, hätte seiner Auffassung nach sofort vollstreckt werden können. Staatsanwalt Trunk gehört der Abteilung Organisierte Kriminalität an, da sind solche Vereinbarungen nicht ungewöhnlich. Anders beim Schwurgericht und gar bei einem unbeirrbaren Vorsitzenden namens Hoffs. Von da an wurde dieses Thema nicht mehr erwähnt.

Um den Prozeß zu retten, sagte die Staatsanwaltschaft: Der Angeklagte simuliert. Oder - seine Verhandlungsunfähigkeit ist selbst verschuldet. Unter dieser Voraussetzung könne auch in seiner Abwesenheit verhandelt werden.

Mehrere Fachärzte versuchten sich über die Jahre vergebens an Hansens Genesung. Ein Jahr lang befindet sich der Kranke inzwischen in der Psychiatrie, ein Jahr lang wurde in seiner Abwesenheit verhandelt. Jeden kurzzeitigen Erfolg machten die Nachrichten aus dem Sitzungssaal zunichte. Und der wiederholt und bis zuletzt gehörte Psychiater Professor Norbert Leygraf, Essen, spricht jetzt von einem »chronifiziert-fluktuierenden Krankheitsverlauf«.

Daß das Gericht nach mehr als zwei Jahren Verhandlungsdauer nun ein Einsehen hatte, mag noch einen anderen Grund haben. Hansens Verteidiger Rüdiger Deckers und der Strafrechtsprofessor Klaus Bernsmann, die kunst- und sachgerecht herausgearbeitet hatten, daß eine betrügerische Manipulation nicht zwingend den Schluß auf Mord zuläßt, zogen im Herbst 1995 den Frankfurter Rechtsanwalt Hans-Joachim Weider hinzu.

Dieser beschäftigte sich mit den notariellen Sachfragen bezüglich der Kaufverträge zwischen Hansen und dem verschwundenen Simon; er überprüfte mit unbefangenem Blick ihre Konstruktion und Abwicklung - und kam zu dem Ergebnis, daß die Abläufe zwanglos erklärbar sind aus einem Vertrag mit einem lebenden Simon, der am Vollzug beteiligt sein muß. Aus den anschließenden Aktivitäten Hansens sei allenfalls auf ein plötzlich eingetretenes, nicht geplantes Ereignis zu schließen. (Die Staatsanwaltschaft hatte behauptet, bereits durch die Vorverträge schimmere die Mordabsicht hindurch.)

Die letzte Bastion fiel schließlich, als die Verteidigung ankündigte, der Vorsitzende des Gutachterausschusses für die Grundstücksbewertung der Landeshauptstadt Düsseldorf werde bekunden, daß ein Kaufpreis von 30 Millionen für die Anwesen Kö 76 und 78 bei wirtschaftlicher Kalkulation ein akzeptabler Preis gewesen sei ("Für 30 Mio hätte der Alte nie verkauft« war also Geschwätz).

Das Legalitätsprinzip verlangt von der Staatsanwaltschaft, jedem Verdacht auf eine strafbare Handlung nachzugehen. Es erlegt ihr aber nicht auf anzuklagen, und das aufs schärfste, wenn nichts mit hinreichender Wahrscheinlichkeit anzuklagen ist. In der vergangenen Woche hat sie Beschwerde gegen die vorläufige Einstellung des Verfahrens eingelegt. Der Generalstaatsanwalt ist ihr beigetreten.

Gleich wie das Oberlandesgericht entscheiden wird: ohne Ermordeten kein Mörder. Übrigens gilt der verschwundene Simon nach dem Verschollenheitsgesetz erst 2002 als tot.

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