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Nachruf auf meinen Bruder

Als »Republik der Furcht« wurde der Irak unter Saddam Hussein beschrieben. Der Diktator hält sein Volk in Geiselhaft - und macht sich die Not der Menschen zunutze. Ein Bericht des Exil-Irakers Namo Aziz.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Aziz, 40, nicht verwandt mit dem irakischen Vizepremier Tarik Aziz, lebt seit 1981 in Deutschland. Er besucht regelmäßig die von der Uno eingerichtete Schutzzone im Nordirak.

Liebe Mutter: Seit meinem Verschwinden bin ich ein Gefangener Udais. Ich glaube nicht, daß Du mich wiedererkennen würdest. Sie haben mir die Knochen im Gesicht gebrochen. Eine Woche ist vergangen, seitdem sie mich zum letztenmal gefoltert haben. Aber ich bin glücklich, alles hinter mir zu haben. Ein zehnminütiges Gerichtsverfahren hat meinem Schmerz ein Ende bereitet. In 13 Tagen, am Dienstag um sieben Uhr abends, werden sie mich hinrichten. Es wäre für mich eine große Freude, Dich noch einmal zu sehen. Wenn Du nicht kommen kannst, sorge dafür, daß meine Leiche nach Suleimanija gebracht wird.«

Säuberlich gefaltet fand dieser Brief als Kassiber im Boden einer Streichholzschachtel seinen Weg hinaus aus dem Bagdader Gefängnis Abu Ghraib. Doch bis die Zeilen die Empfängerin erreichten, vergingen drei Monate - drei Monate, nach denen die im Brief beschriebene Zukunft schon lange Vergangenheit war.

Die Mutter stand beim Lesen vor vollendeten Tatsachen. Vier Jahre lang hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht als die Rückkehr ihres Sohnes, der 1994 in Bagdad wegen Widerstands gegen das Regime verhaftet worden war. Jetzt würde sie ihr Leben lang dankbar dafür sein, wenigstens seine Leiche zu bekommen.

So machte sie sich auf den Weg in die Hauptstadt. Im Krankenhaus der Justizvollzugsanstalt verlangte man von ihr eine Bescheinigung des Geheimdienstes. Sie wußte Bescheid, reine Routine, dachte sie und fuhr noch einmal zurück nach Suleimanija. Bestimmt wollten sie die Kugeln bezahlt haben, mit denen sie ihn getötet hatten. Das ist so üblich, man weiß es aus den Erzählungen anderer. Die Nachbarin riet ihr, vorsichtshalber das Geld für mindestens 30 Kugeln mitzunehmen.

Vor einigen Wochen erreichte mich der Anruf aus Suleimanija. Am Apparat meine Mutter: aufgelöst, kraftlos. Sie spricht in abgehackten Sätzen. Die Iraker hätten sie von einem Geheimdienstbüro zum nächsten geschickt, berichtet sie. Man habe sich geweigert, ihr die Leiche meines jüngsten Bruders zu übergeben. Aber sie wollte nicht lockerlassen. Jetzt habe sie sogar in der Zentrale des Geheimdienstes in Bagdad vorgesprochen. Dort zeigte man ihr ein Bild von mir in einer Zeitung. Sehen Sie, haben sie ihr gesagt, wie Namo Aziz in den deutschen Blättern unserem Führer und unserem Land schadet: »Er ist ein Spion der Amerikaner, Verräter dulden wir nicht auf diesem Boden.« Dann, so höre ich mit Mühe aus ihren Worten heraus, muß sie vor dem verantwortlichen Beamten zusammengebrochen sein, bevor sie auf die Straße gesetzt wurde.

Mein Bruder, wie ich in Halabdscha, im kurdischen Norden des Irak geboren, wurde 38 Jahre alt. Ein Stück bittere Realität aus dem Leben des irakischen Volkes, ein Stück konsequent verschwiegenen Alltags. Es ist ein Leben hinter den Kulissen, denn der Blick in die Häuser, der Zugang zu den Menschen ist Außenstehenden nicht möglich. Aber durch die von der Uno eingerichtete Schutzzone für die Kurden im Norden ist im Sicherheitspanzer des Saddam-Regimes ein winziges Schlupfloch entstanden, durch das die altbekannten, unterdrückten Wahrheiten nach außen dringen können.

Nun hat sich der Diktator zu einer erneuten Machtdemonstration entschlossen. Der gewohnheitsmäßige Täter stellt sich als Opfer dar: Der Irak habe »tolerant, geduldig und diplomatisch« im Umgang mit der Weltgemeinschaft gehandelt. Deshalb sei es nur recht und billig, wenn Bagdad jetzt nicht nur die endgültige Aufhebung der Sanktionen, sondern auch die Entlassung des Chefs der Rüstungskontrolleure, des Australiers Richard Butler, verlange und ganz besonders die Umwandlung der Uno-Sonderkommission in eine »neutrale, professionelle und internationale« Organisation, die nicht länger ein Spionageinstrument Washingtons sein dürfe.

Wie gewohnt dient Saddam die Not des Volkes als wichtigstes Argument: Viele unschuldige Menschen drohten zu verhungern, Hilfe tue not. Seit Februar dieses Jahres herrscht jedoch eine neue Situation, für den Diktator wie auch für das Volk. Seit neun Monaten sollen die Erlöse aus dem von der Uno 1996 genehmigten, kontrollierten Ölverkauf die humanitären Auswirkungen der Sanktionen mildern. Das Programm lautet »Öl für Lebensmittel«.

Das Neue daran ist, daß die Bevölkerung zum erstenmal wirklich vom Ölexport profitiert - die Zuteilung von Lebensmitteln, der Wiederaufbau der medizinischen Versorgung, die Reparatur der Wasser- und Stromwerke, die Öffnung der Schulen kommen ihr zugute. Neu ist, daß die Mächtigen der regierenden Baath-Partei tatenlos zusehen müssen, wie die Uno die Verteilung der aus dem Ölverkauf gewonnenen Mittel kontrolliert. Das bedeutet, daß die Gelder nicht wie gewohnt in die Taschen einiger weniger fließen, sondern umgesetzt werden in monatliche Lebensmittelrationen: 9 Kilo Mehl, 2,5 Kilo Reis, 2 Kilo Zucker, 150 Gramm Tee, 150 Gramm Salz, 1 Kilo Speiseöl, 2,7 Kilo Baby-Milchpulver, 1 Kilo Hülsenfrüchte, Seife und Waschpulver. Seit September gibt es sogar Fleisch.

Aber Saddam will ein Ende des Embargos (und damit der Kontrolle) - dem Volk zuliebe. Derselbe Saddam, der im Krieg gegen Iran gesetzlich verfügte, daß damals 16 Millionen Menschen sich an den Kosten seines acht Jahre dauernden Feldzugs zu beteiligen hätten. Keiner konnte sich drücken. Mißfallen über die Forderungen zu äußern, kam einem Todesurteil gleich. Bezahlen mußte jeder. Wer kein Geld hatte, verkaufte sein Auto. Wer kein Auto hatte, verkaufte sein Vieh. Und wer auch das nicht besaß, verkaufte den Teppich - oft das einzige Ausstattungsstück in orientalischen Häusern. Selbst der Ehering einer 70jährigen Witwe wurde als Kriegsopfer gern entgegengenommen.

Vor einer Woche schrieb die Zeitung »Babel«, die von Udai, dem ältesten Sohn Saddam Husseins, herausgegeben wird: »Die Tätigkeit der Unscom-Inspekteure ist nicht neutral, sondern von Feindseligkeit geprägt. Sie wollen, daß das Embargo aufrechterhalten wird, damit das irakische Volk in Schmerz, Krankheit und Tod geführt wird.« Wie sein Vater stellt sich auch Udai gern vor sein Volk.

Schön wär's, wenn das Volk nicht genau wüßte, was für ein Unmensch Udai ist. Viele arabische Familien sind aus Bagdad nach Iran oder in den kurdischen Norden geflohen, aus Angst um ihre hübschen Töchter. Ungezählte Studentinnen sind von Udai und seinem Clan vergewaltigt worden, jeder hat davon gehört. Im eleganten Hauptstadtviertel Mansur, begleitet von einem gezähmten Tiger, ging Udai auf die Jagd und hielt Ausschau nach weiblicher Beute.

Während meines letzten Besuchs in der Heimat - im autonomen Kurdengebiet wohlgemerkt, nicht in Bagdad, dort hätte ich mein Leben verwirkt - erzählte mir ein befreundeter Journalist, was gängige Meinung in der Hauptstadt sei: Die schweren Schußverletzungen, die Udai vor fast zwei Jahren erlitt, seien gar nicht die Folge eines Attentats irakischer Oppositioneller gewesen. Nein, diesen Anschlag habe aus Verzweiflung eine Familie verübt, deren Tochter sich nach der Vergewaltigung durch Udai das Leben genommen habe.

Ob das nun stimmt oder nicht, Willkür gehört zum System, Rechtssicherheit ist ein Fremdwort im Irak. Wer nicht selbst zu einem der vielfältigen Geheimdienste gehört, befindet sich entweder schon als Verräter oder Spion in Haft, oder er gilt als potentieller Verräter, von Geheimdienstlern observiert und damit auf dem besten Weg, alsbald inhaftiert zu werden. Gefängnisse gibt es viele und doch nie genug. Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Tausende warten auf die Vollstreckung ihres Todesurteils.

Garanten dieses totalitären Kontrollsystems sind die Vertreter der Baath-Partei, die nach Blockwart-Muster jede Gasse kontrollieren, in Form eines Straßenrats, als Verantwortliche der Partei oder als Verantwortliche des Geheimdienstes. Nicht umsonst ist die DDR eines der Vorbilder für das irakische System gewesen.

Was wissenswert ist, entscheiden diese Aufpasser, und sie wissen alles: Wann ein Kind geboren wurde, wer wen wann besucht hat und aus welchem Grund. Auch die Demonstrationen, die im Fernsehen gezeigt werden, sind von ihnen organisiert. Da sehen wir Frauen, die den Tod ihrer an Unterernährung gestorbenen Kinder beklagen. Es sind Frauen aus der nahe gelegenen Zigarettenfabrik und den umliegenden Straßen. Es herrscht Demonstrationspflicht, und an diesem Tag war eben die Reihe an ihnen, das Ritual des Protestes zu inszenieren.

Zu diesen organisierten Demonstrationen werden gern ausländische Journalisten gebeten, so wie im März dieses Jahres, als 40 kleine Särge gezeigt wurden, angeblich mit Leichen von Kindern, die alle an einem Tag verhungert waren. Die Särge sollen alle leer gewesen sein, hat ein Freund mir gesagt. Niemand weiß es.

Was sich die irakische Bevölkerung wirklich wünscht, kann sie den fremden Beobachtern nicht zeigen. Sie hofft inständig, daß die Uno im Land bleibt, denn damit ist die weitere Versorgung mit Lebensmitteln garantiert. Und sie hofft, daß sie sich irgendwann nicht mehr unter der Peitsche Saddams ducken muß, daß sie der Geiselhaft des Tyrannen entkommt.

Die Uno macht sich etwas vor, wenn sie glaubt, mit 120 Kontrolleuren Saddams Griff nach Massenvernichtungswaffen zu unterbinden. Das Regime von Saddam will grundsätzlich keinen Frieden, weil es den Frieden als Bedrohung empfindet. Saddam und sein Familienclan der Takritis verstehen die Kunst, die wichtigste Stütze der Macht - das Militär - ruhig zu halten, indem sie die Armee ständig mit einem neuen Feind beschäftigen, Iran, den USA oder den Kurden.

Erst wenn die Uno versucht, sich zwischen die Bevölkerung und das Regime zu stellen, würde sie den Menschen eine gewisse Unabhängigkeit von der Willkür der Herrschenden geben. Wie lange also läßt die Uno mit sich spielen? Wie viele Provokationen darf ein Diktator sich leisten?

Das irakische Volk besteht nicht aus Saddam Hussein und seinen Hintermännern. Das Volk, das sind die Frauen, die für Demonstrationen mißbraucht werden; die Tausenden von Gefangenen, denen der Klang ihres Namens fremd geworden ist, weil so oft nur ihre Nummer gerufen wurde; und die Hingerichteten, deren Würde nur noch in den Tränen ihrer Mütter weiterlebt.

Namo Aziz
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