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»Nacht! Kokain! Das ist Berlin!«

Schon einmal war Kokain in Deutschland eine Modedroge. Im Berlin der Goldenen Zwanziger galt das weiße Pulver als Elixier der lebensgierigen Avantgarde.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Die junge Prostituierte, die gegen halb ein Uhr nachts das Café an der Friedrichstraße betritt, hat ein auffallend bleiches Gesicht und melancholische Augen. Zitternd zieht sie ein Kokainbriefchen hervor, schnupft gierig eine Prise und wirft - erleichtert seufzend - den Kopf in den Nacken.

Eigentlich müsste der Herr am Nebentisch jetzt unruhig werden - doch Kommissar Leo Heller, Zivilfahnder der Berliner Kriminalpolizei, greift nicht ein. Stattdessen notiert er mitleidsvoll über das »arme Dirnchen« Vera: »Das bisschen Kokain soll sie hinwegtäuschen über all ihre Not.«

Berlin, 1924. Eine Metropole zwischen Glanz und Elend, zwischen Exzess und Depression. Eine Metropole im Kokainrausch: Ob im »Kakadu«, im »Esterhazy-Keller«, in der »Goldenen Spinne« oder der »Kolibri Bar« - die neue Droge war allgegenwärtig. Fasziniert klassifizierte der Berliner Arzt Ernst Noël die Klientel des Stoffs, der in der Szene »Zement«, »Koks« oder »Kakao« hieß: »Müßiggänger aus der literarischen und artistischen Boheme, Spieler, Sportinteressenten, Angehörige der eleganten und der proletarischen Prostitution, Schieber und Schleichhändler, Söldner, Filmstatisten, Kellner, Nachtportiers, Hotelpagen, Kuppler, Zuhälter«. Besonders in den elegantverruchten Lokalen des Westens, so Noël, sei die Prise aus der Kokainbüchse »kaum anders« als die Bestellung eines Glases Cognac.

Auch bei der Polizei erkannte man bald die Gefahr der Modedroge und empfahl »schärfstes Vorgehen gegenüber den Nachtbetrieben, in denen Nackttänze und Kokain die zerrütteten Nerven des Publikums anregen sollen.«

Die lebensgierige Avantgarde jener rasenden Zwischenkriegsjahre jedoch hatte in dem weißen Pulver ihr Elixier entdeckt. Und für Nachschub war bestens gesorgt: Die Sanitätsdepots des Heeres - Kokain wurde im Ersten Weltkrieg als lokales Betäubungsmittel verwendet - schienen schier unerschöpflich. »Garantiert reine Mercksche Ware« stand bei den Konsumenten besonders hoch im Kurs.

Ein Kaufmann schilderte 1922 die Wirkung des Stoffs schlicht als »überirdisches Gefühl«, während ein Zeichner zu Protokoll gab, nach dem Schnupfen stets Werke von Tolstoi oder Nietzsche lesen zu müssen. Ein Varieté-Girl dagegen verspürte im »Cocolores« - im Koksrausch - starke sexuelle Erregung und »Haltlosigkeit«.

Die Faszination des Rausches zog besonders Intellektuelle in ihren Bann: Klaus Mann durchstreifte die dämmrige Halbwelt der Kokainlokale und schrieb verzückt: »Die Romantik der Unterwelt war unwiderstehlich. Berlin enthusiasmierte mich durch seine schamlose Verruchtheit.« Carl Zuckmayer versuchte sich notgedrungen als Koksdealer vor dem Kaufhaus des Westens; der russische Dichter Andrej Bely schwärmte: »Nacht! Tauentzien! Kokain! / Das ist Berlin!«

Über allen aber schwebte, oft auf den Schwingen des Kokains, die Tänzerin Anita Berber. Eine Diva, halb Göttin, halb Hure, die, wie ein Kritiker schrieb, »das wilde Flackern und Brennen ihrer Generation« verkörperte. Mit mondänen Nacktdarbietungen wie den »Tänzen des Schreckens und des Grauens«, zahlreichen Affären, Skandalen und Rauschgiftexzessen wurde sie weltberühmt - und stürzte ins Bodenlose.

Im Juli 1928 wurde Anita Berber ins Berliner Bethanienhospital eingeliefert - 29-jährig, mit Schwindsucht und bis obenhin voll mit Kokain. Vier Monate später erschien in der »B.Z. am Mittag« ein kurzer Nachruf auf den Vamp: »Sicher ist diese lebenshungrige Frau, gefeiert und gehetzt, von dunklen Gewalten getrieben, an ihrem frühen Ende selbst mitschuldig gewesen.«

Mit der ersten prominenten Drogentoten beginnt langsam der Niedergang Kokain-Berlins. Doch auch die NaziZeit hatte ihre prominenten Kokser: Von Reichsmarschall Hermann Göring heißt es, dass er den »Schnee« bei seinen Jagdfliegern kennen - und schätzen - gelernt hatte. SVEN RÖBEL

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