Zur Ausgabe
Artikel 28 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Nachts ertönt der Todesmarsch

Unter dem Deckmantel einer politischen Organisation machen jugoslawische Banden kriminelle Geschäfte in der Bundesrepublik. Wohnungseinbrüche und Rauschgifthandel gehen auf das Konto der sogenannten Jugo-Mafia. Fahnder beklagen die »unzureichende Gesetzeslage« im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Wann immer Kripo-Ermittler beim Baustellen-Aushilfsfahrer Rade Caldovic, 39, in Offenbach, Kaiserstraße 130, vorsprechen, staunen sie über das edle Interieur seines Ankleidezimmers: »Jede Menge Anzüge aus Seide, Dutzende Maßschuhe, Hemden, Krawatten - alles vom Feinsten.«

Vor dem Haus parkt Caldovics schwarzer Mercedes 560 SEC mit Autotelefon. Kürzlich hat sich der Bauarbeiter das Prunkstück des jüngsten Automobilsalons, den neuen 500 SL (Preis: 125 400 Mark), bestellt und noch 60 000 Mark extra für vorzeitige Lieferung berappt. »Und das alles«, witzelt der Frankfurter Hauptkommissar Knut Stroh, »mit 1600 Mark Nettoverdienst im Monat auf einer Baustelle.«

Schein und Sein des Jugoslawen Caldovic wären schwer miteinander in Einklang zu bringen, wenn er nicht andere Geldquellen hätte. Frühere Knastbrüder nennen den schmuckbehangenen Edel-Mann »Cento«, weil er bei allerlei dunklen Geschäften Prozente verlange.

Caldovic selbst erklärt seinen Wohlstand so: »Ich kriege hin und wieder von Freunden Geld geschenkt.« Das freilich sei, glaubt Stroh zu wissen, »nur die halbe Wahrheit«. Unter Spielhöllen-Betreibern und anderen Rotlicht-Rittern kursiere ein Cento-Spruch, der nicht als Spaß zu verstehen sei: »Hör mal, du wolltest mir doch mal 10 000 Mark schenken.« Viele, vermuten die Fahnder, zahlen und schweigen - aus Angst.

Polizeiberichte über den protzigen Cento, der tagsüber angeblich Schutt fährt und der nachts in der Bar Kodeworte in ein drahtloses Telefon spricht, füllen in Kriminalämtern diverser Städte breite Aktenregale. Interpol und das Bundeskriminalamt (BKA) halten Caldovic für den »Paten« einer europaweit verzweigten Jugo-Mafia, die im Hehler-, Schmuggel- und Rauschgiftgeschäft operiert. Schutzgelderpressung, bei der es um Beträge zwischen 100 und 10 000 Mark pro Monat geht, zähle zur Alltagspraxis des Syndikats.

Im Kampf gegen Cento fühlen sich Kripo und Justiz allein gelassen. Für einen Haftbefehl gegen den mutmaßlichen »Schutzherrn balkanesker Ringvereine« (BKA) reichen die Beweise nicht aus. Zum gezielten Schlag gegen »organisierte Kriminalität«, klagt Ermittler Stroh, fehle das rechtliche Instrumentarium, daher sei »ein Mann wie Cento strafrechtlich nicht zu bekämpfen«.

Cento soll laut Kripo die Nachfolge des 1986 in Frankfurt erschossenen Boxers und Unterweltkönigs Ljubomir ("Ljubo") Magas angetreten haben (SPIEGEL 28/1987). Er gilt als Respektsperson in einem Clan, der im Rhein-Main-Gebiet, in Nordrhein-Westfalen und in Bayern wirkt. »20 bis 30 Top-Figuren« hat der Frankfurter Kriminalrat Hans Kraushaar »in diesem Milieu« registriert, in dem es seit 1984 zu 20 Morden und Mordversuchen gekommen sei.

Wenn dienstags vor der »Tennisbar« in Bad Homburg ein paar frisierte Mercedes 560 SEC parken, wissen die Observanten der »Soko Jugo«, daß die Konzernspitze tagt. Die Herren mit den Rolex-Uhren, der Kripo als Zuhälter oder Zocker bekannt, geben sich als politische Vereinigung aus: als »Ravna Gora« oder als »Serbische Volksverteidigung«.

Doch der Kampf gegen die Erben Titos und gegen den Kommunismus auf dem Balkan ist nach Überzeugung der Kripo-Experten nur Tarnung. Dahinter steckten Gangster mit enormer krimineller Energie. Stroh: »Die klauen nicht mehr, die dealen nicht mehr, die ermorden nicht mehr - die lassen das alles machen.«

Nicht weniger als 1000 jugoslawische Wohnungseinbrecher, so schätzt die Frankfurter Kripo, pendeln allein im Rhein-Main-Gebiet ein und aus; 35 davon wurden in diesem Jahr verhaftet. Die Männer, im Milieu »Soldaten« genannt, reisen als Touristen ein und werden von Schleusern per Mietwagen in Villengebiete kutschiert.

An vorher ausgekundschafteten Objekten hebeln sie rückwärtige Türen und Fenster auf. Nicht nur Schmuckstücken, Schecks und Bargeld gilt ihr Interesse, sie stehlen auch Bügeleisen, Küchenmaschinen und Staubsauger.

Die Beute wird in Hehlerlagern gesammelt und sortiert. Bei dieser Gelegenheit kassieren die Leute von »Ravna Gora« ihren Anteil. Später geht die geklaute Ware am Zoll vorbei nach Jugoslawien, nicht selten zu staatlichen Handelsfirmen.

In München sprengte eine Sonderkommission einen Ring von 157 jugoslawischen Dieben und Hehlern, dem 13 Einbrüche, 162 Diebstähle und 333 Fälle von Hehlerei angelastet werden. Die Sore - oft bestellte Einzelstücke - kam aus der Schweiz und wurde in Bayern als »Sonderangebot zum halben Preis« verkauft. Ebenso florierte der Export aus Bayern in den Raum Zürich.

In Stuttgart zerschlug die Polizei kürzlich eine neunköpfige Jugoslawen-Gang, die Geldboten und Tankstellen ausraubte. Die Verhafteten sagten aus, sie seien von ihrem flüchtigen Boß mit einem Trick nach Stuttgart gelockt worden: »Man hat uns versprochen, den Antrag auf politisches Asyl zu unterstützen, und als wir hier waren, mußten wir bei den Raubtaten mitwirken.«

Auch eine bundesweite Serie von Überfällen und Geiselnahmen in Villen von Schmuckhändlern trägt die Handschrift von »Ravna Gora«-Leuten: Vier Gangster knebelten in Emmelshausen im Hunsrück ein Juweliersehepaar; sie prügelten den Tresorschlüssel heraus und rafften Pretiosen im Wert von gut zwei Millionen Mark zusammen.

Ein Fall aus dem Jahr 1987 in Hösbach bei Aschaffenburg erscheint womöglich in neuem Licht: Der Bundesgerichtshof (BGH) hob kürzlich das Urteil gegen den Juwelier Manfred Graf auf, der in einem Indizienprozeß des Totschlags an seiner schwangeren Frau Ursula bezichtigt worden war. Jetzt wird in Würzburg neu verhandelt. Das Landgericht Aschaffenburg habe die Hinweise * Im Juli 1988 im Frankfurter Polizeipräsidium mit Einbruchsopfern, die ihr von einer jugoslawischen Bande gestohlenes Eigentum identifizieren. auf zwei andere denkbare Täter nicht gebührend beachtet, entschied der BGH.

Es ging um den Bericht eines V-Mannes, der im Gasthaus zwei Jugoslawen belauscht hatte, wie sie den geplanten Überfall »auf eine Schwangere«, eine »lukrative Sache mit einem Juwelier«, beredeten. Es waren womöglich gedungene Killer, vermutet Ermittler Stroh. Er wundert sich darüber, daß Caldovic, der sich selten für Gedrucktes interessiert, ausgerechnet einen Zeitungsausschnitt aus der Welt über diesen Fall bei sich aufbewahrt und mit zwei Kreuzen versehen hat. Stroh: »Weiß Cento denn mehr als andere über die Sache?«

Jugoslawische Touristen werden nicht selten als Kuriere im Kokainhandel eingesetzt oder als illegale Arbeitskräfte auf Baustellen gelotst. 16 Firmen im Großraum München, so ist der Polizei seit langem bekannt, vermitteln rund 40 000 Schwarzarbeiter zu Stundenlöhnen von 40 Mark; davon werden gewöhnlich nur 10 Mark ausgezahlt.

Als die Bosse solcher Firmen, dazu Vertreter der Sparten Hehlerei und Rauschgift, unlängst in einem Griechen-Lokal am Düsseldorfer Staufenplatz verabredet waren, wartete ein Spezialeinsatzkommando der Polizei auf sie. Termin und Ort hatte die Kripo erfahren, weil ein westfälischer Konferenzteilnehmer als Asylbewerber mit Aufenthaltsbeschränkung artig beim Ausländeramt um Reiseerlaubnis eingekommen war.

Per Telefonüberwachung war zu erfahren gewesen, welchem Zweck das Treffen diente: Die Teilnehmer wollten »die Operationsgebiete besser abgrenzen«, »über Gewinnanteile verhandeln« und »neue Projekte besprechen«, hörte die Polizei mit.

Offiziell lief die Veranstaltung als Tagung der »Serbischen Volksverteidigung«. Doch schon bei der Anreise der Teilnehmer machten die Polizeiobservanten lauter Caldovic-Vasallen aus: seinen Bruder Dragan, den alten Kumpanen »Cane« aus Luxemburg, Delegierte vom Hamburger Kiez und auch eine Münchner Abordnung, die bei der Anfahrt, vom Polizeifunk gewarnt, wieder abdrehte.

Die Herren hatten sich gerade zum Hirschragout niedergelassen, als Ordnungshüter zum Halali bliesen. Vor den Fenstern zuckten die Blitze von Blendschock-Granaten auf; Fensterscheiben splitterten. Mit Waffen im Anschlag stürmten Polizisten das Lokal.

Einer von zwei serbischen Wächtern, die, mit .357er Magnum-Revolvern bewaffnet, am Eingang dösten, sprang auf, riß einen Tisch um, verschanzte sich dahinter und zog die Waffe - »das Dickste«, so Einsatzleiter Dietmar Marten, »was es an Schießeisen gibt«.

Einer der überrumpelten Gäste rutschte ohnmächtig vom Stuhl. Unter den 21 Verhafteten war der »Ravna Gora«-Mann Zoran Vuksic, eine Art Zeugmeister der Großbande. In seinen Waffenarsenalen, die später entdeckt wurden, lagerten Maschinenpistolen, Revolver, Repetierflinten und einige hundert Schuß Munition.

Vuksic hatte in Wohnung und Garten Schmuck im Wert von einigen 100 000 Mark gehortet - alles Hehlerware, die er »von anderen Serben für eine Revolution in Jugoslawien bekommen« haben will: »Ich kenne die Leute, darf sie aber nicht nennen, die legen mich sonst um«, sagte er später in Düsseldorf vor Gericht. Sein Urteil: vier Jahre.

Bei der Suche nach Vuksics Hintermännern führt eine Spur zum Caldovic-Clan und zu einer heißen Kokain-Connection: Dragan Caldovic, 35, Centos jüngerer Bruder, soll unlängst mit acht Kilo Stoff im Wagen im Raum Hamburg beobachtet worden sein. Eine mit Serben und Bulgaren durchsetzte Camorra-Familie in Mailand beliefert nach BKA-Erkenntnissen ein Zwischenhändler-Netz von Serben in Frankfurt, Düsseldorf und Norddeutschland.

Das Vertriebsgeschäft der Milaneser mit Kriminellen aus Belgrad, die bei * Im Februar in Düsseldorf. »Ravna Gora« als Mitglieder geführt werden, floriert offenbar so reibungslos, daß in Depots im Frankfurter Raum Kommissionsware in Zentnerportionen liegt. Abrechnungen erwartet Mailand nicht gegen Cash, sondern nur im großen und nur im Halbjahresturnus.

Ein solches Vertrauenspotential bei der Camorra, glauben Frankfurter Rauschgiftfahnder, könne im Grunde nur einer haben - Cento Caldovic, der jahrelang in den Mailänder Rotlicht-Bezirken zu Hause war. Der Jugoslawe hatte dort in Diskotheken gejobbt und das Handwerk der Taschendiebe erlernt. Mal nannte er sich Giuliano Castagnola oder Andreas Zullo, mal Dusan Vucetic oder Miroslav Bulovan; mal schoben die Italiener den Paßfälscher ab, mal schickte die Frankfurter Kripo den Mann mit den vielen Aliasnamen in Handschellen nach Jugoslawien zurück.

Zusammen mit Komplize Ljubo Magas, dem Boxer, dem er 1974 auf dem Balkan zur Flucht aus einem Gefängnis verholfen hatte, etablierte Cento sich in den Zocker-Milieus von Mailand, Rotterdam und München. Ein bewaffneter Überfall auf einen illegalen Spielklub in München ("Seit dem letzten Ersten warte ich auf meine 20 Prozent") brachte Caldovic dreieinhalb Jahre Haft ein.

In halb Europa halten Kripo-Ermittler Cento für einen Killer. Zöllner in Göteborg fahndeten nach ihm, als im Hafen auf einen Beamten geschossen wurde. In einem Spielklub in den Niederlanden zog er nicht schnell genug und ging, getroffen von einer Rivalen-Kugel, in die Knie. Seit 1978, als ein Mitglied der »Montenegro Bande« in einem Wiener Cafe erschlagen wurde, ermittelt die österreichische Kripo gegen Caldovic wegen Mordverdachts.

In einem serbokroatischen Buch ("Ljuba Zemunac") schildert ein Augenzeuge den angeblichen Tathergang: »Ljuba und Jusa greifen ihn unter die Arme, heben ihn vom Tisch hoch, und Cento schlägt ihm mit einer Zwei-Liter-Flasche auf den Kopf. Krivokapic fällt tot um. Die Rache ist ausgeführt.«

Frankfurter Fahnder wie Stroh wundern sich, warum die Kollegen in Wien solchen Aussagen nicht konsequenter nachgehen und dem Flaschenschwinger nicht den Prozeß machen - der Fall ist noch nicht verjährt.

Oft genug haben auch deutsche Ermittler Schiffbruch erlitten: 37 Delikte wurden Cento Caldovic in Ermittlungsverfahren zur Last gelegt; nur ein einziges Mal - nach der Schutzgelderpressung im Münchner Spielklub - reichten die Beweise zu einer Verurteilung: Diesmal waren die Zeugen nicht umgefallen.

Jahrelang pendelte Caldovic zwischen Jugoslawien und der Bundesrepublik, ohne daß er an der Adria behelligt wurde. Mehrfach von der Bundesrepublik abgeschoben und ausgewiesen, zog es ihn immer wieder an den Main zurück.

Nachdem ihm das Ausländer-Bundesamt schon zweimal das Asyl verweigert hatte, klagte sich Caldovic durch alle Instanzen. Mit Anwaltswechseln und ähnlichen Tricks verzögerte er immer wieder das Verfahren. Derzeit steht der Fall beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof an, verhandelt wird nicht vor 1990. »Die Sache«, klagt Kriminalist Stroh, »geht jetzt ins 13. Jahr.«

Caldovic beruft sich auf seine Mitgliedschaft in dem Monarchisten-Klub »Ravna Gora«, der den früheren serbischen König Peter verehrt. Berufene und unberufene Vertrauensleute eines greisen Ex-Offiziers namens Djoko * In Ludwigsburg bei Stuttgart. Maric, dessen »Headquarter« bei den Kämpfen gegen Titos Partisanen auf dem Balkan-Berg Ravna lag und heute in Milwaukee, USA, zur Miete untergebracht ist, produzieren Schutzbriefe für jugoslawische Schwerkriminelle am laufenden Band. Bis zu 10 000 Mark kostet eine Bescheinigung von »Ravna Gora«, politisch verfolgt zu sein.

Schon 1983 erkannte das Ausländer-Bundesamt in Nürnberg, daß der Ex-Pilot Stevan Stipic, ein vielfach vorbestrafter Betrüger aus dem Clan, »im Besitz von Blankobriefbögen« sei, »die er nach Belieben ausfüllt«. Inzwischen, so meldete die Frankfurter Kripo dem BKA, gäben Centos Bruder Dragan Caldovic und der Boxer Miomir Soskic »die Mitgliedsausweise an die Kriminellen« aus.

Ähnlich eifrig bastelte der Exilserbe Jovan Svircev, der im westfälischen Soest eine Serben-Organisation »,Ravna-Gora-Stab' 501« ins Vereinsregister eintragen ließ, Persilscheine gegen Bares. Das Zirndorfer Bundesamt ist der Ansicht, daß auch diese Splittergruppe »nicht etwa die politischen Verhältnisse in Jugoslawien ändern will«, sondern »als reiner Zweckverband zur Asylerzwingung« fungiert.

Verwaltungsrichter, die solche Dokumente aus dem Morgenland oder Papiere des Fälscher-Profis Stipic zu bewerten haben, sind überfordert, weil ihnen kriminalistisches Know-how fehlt. Im Nürnberger Ausländeramt wundern sich die Sachbearbeiter von »Ravna Gora«-Fällen denn auch bei der Lektüre von Urteilen, »mit welch unfaßbarer Naivität die deutschen Behörden Schwerstkriminelle behandeln«.

»Schuld an der Situation« ist für den Münchner Kreisverwaltungsreferenten Hans-Peter Uhl »die völlig unzureichende Gesetzeslage«. Selbst wenn nach jahrelangen Prozessen geklärt ist, daß dem Antragsteller kein Asyl zusteht, kann er sich auf den Schutz des »kleinen Asyls« nach dem Ausländergesetz berufen. Uhl: »Selbst die Schlimmsten der Sparte Drogenhandel können wir derzeit kaum abschieben.«

Welche anderen Hürden die Polizei ebenfalls daran hindern, Männer wie Cento heim nach Belgrad zu schicken, schreibt der Frankfurter Kriminalist Stroh gelegentlich in »Berichten nach oben« nieder: Die um Amtshilfe gebetenen Herren von der Steuerfahndung wissen nichts über die Herkunft seiner horrenden Einkünfte.

Auch andere Ermittlungsmethoden greifen nicht mehr recht. So ist eine Telefonüberwachung der kriminellen Vereinigung, angeordnet vom Ermittlungsrichter, technisch fast nicht mehr möglich, seit die »Ravna Gora«-Spitzen drahtlos mittels mobiler Telefone kommunizieren. Zeugen, die reden wollen, hören nachts serbische Todesmärsche vor ihrem Haus. Stroh: »Sie vergessen dann plötzlich, was sie uns erzählen wollten.«

In Düsseldorf, wo Teile der »Ravna Gora«-Ermittlungen laufen, hat Staatsanwalt Gregor Steinforth »auf der Gegenseite« typisch sizilianische Praktiken ausgemacht: Aus unklarer Quelle kommen hohe Kautionen für Inhaftierte; Anwälte aus Belgrad fliegen ein und präparieren Angeklagte »im Auftrag Dritter«, über Hintergründe ihres Falls zu schweigen.

Schneisen in das Ermittlungs-Chaos könnte das BKA schlagen, wenn es einen umfassenden Ermittlungsauftrag vom Generalbundesanwalt bekäme. Polizeierkenntnisse über »Ravna Gora«-Filialen - etwa in München und Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf, Mailand und Amsterdam - werden bislang weder in Wiesbaden zusammengeführt noch zentral in einem der elf Landeskriminalämter nach neuen Fahndungsansätzen durchforstet.

Daß »politische Gründe« die Einführung einer Visumspflicht für Jugoslawen verhindern, können die Frontleute im Kampf gegen das organisierte Verbrechen »nicht nachvollziehen« (Stroh). Froh wären die lokalen Ermittler schon, wenn an jeder Grenzstation von verdächtigen Jugoslawen bei der Einreise Fingerabdrücke genommen würden. Wenn diese Daten bereits vor Ort mit denen des BKA und des Ausländer-Zentralregisters verglichen würden, könnten schon mehrfach Abgeschobene an der Grenze zurückgeschickt werden.

Ermittler Marten jedenfalls, der »Leute mit 28 verschiedenen Pässen« kennt, glaubt, der Fingertest würde Wunder wirken: »Wir hätten hier schlagartig 50 bis 60 Prozent weniger jugoslawische Kriminelle.«

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel