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Großbritannien Nachts über den Fluß

Diebe und Einbrecher in Herrenhäusern: In ihrer Not vertrauen die adligen Besitzer auf eine Hot line.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Wenn Sir Thomas Ingilby, 38, sein Haupt zur Ruhe bettet, befürchtet er stets Telefonanrufe »mit ganz schlimmen Nachrichten, mitten in der Nacht«. Dabei muß sich der Herr auf Ripley Castle, einem 50-Zimmer-Schloß im Norden von Yorkshire, nicht um seine Gattin oder die vier properen Kinder sorgen. Auch die Erträge seiner Güter lassen kaum etwas zu wünschen übrig.

Den Schlaf rauben Sir Thomas Notrufe von anderen Schloßbesitzern, die von Einbrechern heimgesucht worden sind. Der hünenhafte Adlige betreibt Britanniens einzige Hot line für solche Notfälle: Ein telefonisches Alarmsystem warnt die Bewohner der oft einsam gelegenen Güter vor Einbrüchen, die in der Nachbarschaft verübt wurden.

Neben erster psychologischer Hilfestellung ("don't panic") erteilt Ingilby Ratschläge, damit bis zum Eintreffen der Polizei keine Spuren verwischt werden. Später hilft er beim Abwickeln der Versicherungsangelegenheiten; Kunsthändler informiert er über das entwendete Diebesgut.

Sir Thomas kennt die Grenzen des Notdienstes sehr wohl, den er dem blauen Blut anbietet. »Wir können die Gauner nicht schnappen, aber ihnen die Arbeit erheblich erschweren«, sagt er.

In Rundbriefen erfahren die über 500 Mitglieder der Hot line, darunter auch die Verantwortlichen in Museen und Klöstern, wie sie sich der Ganoven erwehren können. Gerade in den letzten Wochen hat Sir Thomas eine »bestürzende Zunahme« von Anrufern verzeichnet, die seine Kummer-Nummer anwählen: »Es sind wirklich schreckliche Zeiten. Unser Kulturerbe gerät in die falschen Hände. Wir werden bestohlen wie nie zuvor.«

Ende Mai hatten Unbekannte bei einem Einbruch auf Scone Palace im schottischen Perth Elfenbeinschnitzereien und Lackarbeiten aus dem 18. Jahrhundert im Wert von 1,25 Millionen Mark erbeutet. »Die Gegenstände sind unersetzlich«, klagt Schloßherr Lord Mansfield, »einige waren seit der Französischen Revolution in Familienbesitz.«

Kurz zuvor hatten Diebe das Herzogspaar von Roxburghe auf dessen Stammsitz Floor, ebenfalls in Schottland, heimgesucht. Mit einem Schlauchboot waren sie nachts über den Fluß Tweed gepaddelt und ins romantische Schloß eingedrungen. Beute: 30 Schnupftabakdosen aus dem 18. Jahrhundert und Faberge-Eier. Geschätzter Wert: über 350 000 Mark.

Kostbare Edelmetall-Eier aus der Werkstatt der zaristischen Hofjuweliere Faberge raubten Einbrecher im Mai auch aus Luton Hoo, einem Landsitz in der Grafschaft Bedfordshire. Andere, ebenso wertvolle Preziosen ließen die Einsteiger achtlos zurück. »Wir machen es den Dieben allzu leicht«, klagt Hotline-Erfinder Ingilby, »sie können sich ja tagsüber ansehen und aussuchen, was sie nachts klauen.«

Grund: Die meisten der britischen Schlösser und Herrenhäuser sind der Öffentlichkeit zugänglich. Diese Gastfreundschaft entspringt weniger dem Drang der noblen Eigentümer, ihren Besitz Fremden zu präsentieren, als vielmehr der profanen Aussicht, mit der Schaulust des interessierten Volkes staatliche Erleichterungen auszunützen.

Für den britischen Schloßherrn gilt: Nur wer an mindestens 28 Tagen pro Jahr Besuchern Zutritt gewährt, hat Anspruch auf einen kräftigen Nachlaß bei der Erbschaftsteuer. Auch Zuschüsse für den kostspieligen Erhalt der Anwesen sind dann gesichert. Ingilby: »Viele von uns müßten ohne Subventionen schon längst verkaufen.« Ripley Castle, seit 1320 Stammsitz der Ingilbys, wurde im letzten Jahr von 32 000 Schloßbewunderern besucht.

Der Gründer der Hot line ist bisher von Kunstraub-Banden verschont geblieben. Lediglich ein mittelalterliches Schwert sowie den speckigen Lederjanker eines frühen ritterlichen Vorfahren ließen Langfinger unter den Schloßgästen mitgehen. Beide Objekte waren gut versichert.

Wahrscheinlich, vermutet Sir Thomas, verdankt er sein bisheriges Glück weniger dem ausgeklügelten Alarmsystem als der Größe seiner Schätze. Das wertvollste Exponat seiner Sammlung ist eine Venusgestalt aus dem 17. Jahrhundert. Sie wiegt, in Marmor gemeißelt, knapp eine Tonne. Y

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