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NAHER OSTEN / ÖLSTREIT Nachzahlung erbeten

aus DER SPIEGEL 52/1966

Neun Wochen lang handelte Syriens Regierung mit der internationalen Ölfirma Iraq Petroleum Company (IPC) um mehr Geld. Dann scharte Ölminister Assad Takla Beamte und Militärs um sich und drehte - vergangenen Montag - im syrischen Ölhafen Banias der IPC eigenhändig den Hahn zu.

Takla beschuldigte die »Imperialisten der IPC« öffentlich, sie weigerten sich, »bei der syrischen Staatskasse ihre Schulden zu begleichen«. Am Abend strahlte Radio Damaskus erstmals einen schnell komponierten Kampfgesang aus, der mit den Zeilen endet: »Arabisches Öl gehört den Arabern, ist Eigentum der arabischen Nation.«

Nach der Eintragung im Handelsregister indes gehört die 1040 Kilometer lange Wüsten-Pipeline samt Inhalt noch den Gesellschaftern der IPC, vor allem der British Petroleum Company, der Royal Dutch/Shell sowie der staatlich kontrollierten Compagnie Francaise des Pétroles. Durch die Rohre werden jährlich 45 Millionen Tonnen Erdöl von den irakischen Ölfeldern bei Kirkuk zu den Mittelmeer-Häfen Banias und Tripoli gepumpt.

Seit elf Jahren zahlt die nahöstliche Tochter der großen Konzerne jährlich 110 Millionen-Mark Lizenz- und »Protektionsgelder« (Ölminister Takla) für die Röhre; die IPC finanziert damit ein Fünftel der syrischen Staatsausgaben.

Der linksradikalen Regierung in Damaskus jedoch war die Gebühr nicht mehr hoch genug. Kabinettschef Dr. Jussif S'aijin verlangte im August ab sofort die doppelte jährliche Gebühr. Und da der syrische Premier den 1955 mit der bürgerlichen Regierung Ghassi geschlossenen Pipeline-Vertrag nicht anerkennt, forderte er für die vergangenen elf Jahre 480 Millionen Mark Nachzahlung. Die IPC lehnte ab.

Daraufhin drohte S'aijin, die Ölrohre zu sprengen. Als das nichts half, beschlagnahmten bewaffnete Einheiten die IPC-Zentrale in Damaskus und legten die Pipeline still.

Die Gesellschafter der IPC wollen sich von Damaskus nicht erpressen lassen. Sie prüfen, ob sie die jährlich 45 Millionen Tonnen Erdöl nicht aus den Ölfeldern in Kuwait und Abu Dhabi am Persischen Golf beziehen könnten. Schon nach der Suez-Krise 1956 drosselte die IPC ihre Ölförderung in Kirkuk von 80 auf 45 Millionen Tonnen jährlich.

Ein ähnlicher Schachzug wäre vor allem für Syriens Nachbarstaat Irak fatal. Die Hälfte des irakischen Volkseinkommens stammt aus der Erdölindustrie, der Etat wird sogar zu 70 Prozent mit Ölgeldern der IPC finanziert.

Iraks Premierminister Nadschi Talib mahnte denn auch seinen radikalen Kollegen in Damaskus: »Wir unterstützen die gerechten Forderungen Syriens. Die Interessen des Irak aber dürfen in keiner Weise angetastet werden.«

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