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DDR Nackt durchs Dorf

Mit der Verurteilung eines bei der Friedensarbeit engagierten Jugenddiakons in Halle wollten die DDR-Behörden ein Exempel statuieren. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Im sächsischen Halle trafen sich 120 Umweltschützer zur Fahrrad-Demonstration gegen die Luftverschmutzung. Auf dem Weg zu den Chemie-Werken Buna zeigten sie Transparente mit der Aufschrift »Umkehr zum Leben« und »Chemie ist schön - Chemie ist nützlich - ist das alles?«

Das war es nicht. Wie nützlich Chemie sein kann, führte die Hallenser Feuerwehr vor: Sie spritzte Schaum auf die Straße, um die Protest-Radler an der Weiterfahrt zu hindern. Bis vor die Werkstore kamen sie nicht mehr: Die meisten wurden noch innerhalb der Stadtgrenze abgefangen und zu Ordnungsstrafen zwischen 300 und 500 Mark verknackt.

Das hatten die Demonstranten erwartet. Vor der Aktion war die DDR-Staatssicherheit (Stasi) bei einigen Mitgliedern der Gruppe, darunter dem Jugenddiakon Lothar Rochau, aufgetaucht und hatte gedroht: »Das ist verboten, wir haben Sie gewarnt. Nicht, daß hinterher das Geheule groß ist.«

Erst Wochen später, Ende Juni, schlugen die Behörden richtig zu: Rochau, 31, wurde festgenommen und in die Untersuchungshaftanstalt, Am Kirchtor 20, gesperrt. Er habe, so warf ihm der Staatsanwalt des Bezirks vor, mit Jugendlichen in Halle Aktionen gegen die Umweltverschmutzung organisiert und die öffentliche Ordnung gefährdet.

Schon lange hatte die Stasi den unbequemen Kirchenmann auf der Rolle, er war überfällig: In Halle-Neustadt führte Rochau seit 1977 eine über 40 Anhänger starke Friedensgruppe an, die in der sächsischen Industriestadt mit vielerlei Aktivität von sich reden machte.

Im September vorigen Jahres war Rochau Vormann einer Demonstration von etwa 100 jungen Leuten, die weiße Friedenstauben auf ihren Jacken trugen. Zu Pfingsten 1983 versuchte der Zirkel, sich mit brennenden Kerzen und Transparenten ("Vertrauen wagen«, »Vertrauen statt Wahnsinn") in den offiziellen Friedensmarsch der »Freien Deutschen Jugend« (FDJ) zu mengen.

Für seine Gruppe hatte Rochau einen Aufruf verfaßt und sich darin auf ein starkes Wort des ersten DDR-Staatschefs Wilhelm Pieck berufen: »Wer in Deutschland noch einmal ein Gewehr anfaßt, dem soll der Arm abfallen.«

Schließlich wurde Rochau auch die Freundschaft mit dem 32 Jahre alten Hallenser Juristen Dietmar Funke zum Verhängnis, der sich an einer Unterschriftensammlung für einen Bittbrief an SED-Chef Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Kohl beteiligt hatte: 33 Ausreisewillige forderten darin, unter Berufung auf die KSZE-Schlußakte von Helsinki und die Menschenrechte, ihre Anträge müßten beschleunigt behandelt werden - Funke sitzt seit Mitte Juni ebenfalls im Gefängnis.

Aus alldem konstruierte die Justiz eine Anklage wegen staatsfeindlicher Hetze und ungesetzlicher Verbindungsaufnahme in den Westen. Der Diakon, so die dünne Beweisführung, habe die Adresse einer westlichen Zeitung weitergegeben und zwei kritische Schriften über Staat und Militär verbreitet - an insgesamt vier DDR-Bürger.

Die Behörden hatten sich den Protestanten zu einem günstigen Zeitpunkt geschnappt. Er stand nicht mehr unter dem Schutz der Kirche - die hatte Rochau gefeuert.

Mit den Oberhirten lag der Diakon im Streit: Sein Projekt der sogenannten offenen Jugendarbeit, der Seelsorge für _(Zu Beginn einer Friedensdemonstration am ) _(1. September 1982 in Halle. )

Problem-Zöglinge, stieß auf Kritik. Die Kirchenleitung warf Rochau vor, er sei ein Fanatiker und habe sich seine Gruppe hörig gemacht. Schon seit einem Jahr hatte der Zirkel keine eigenen Versammlungsräume mehr. Ein Mitglied der Gruppe: »Der Rochau ist eben nicht so diplomatisch wie die anderen Kirchenleute. Wenn dem eine Idee gefällt, dann sagt er, los, das wird gemacht.«

Offenbar war es nicht nur der Mangel an Diplomatie, der den Oberhirten, die als Kirchenmänner im Sozialismus mit dem Staat zurechtkommen müssen, an Rochau mißfiel. Jugendprojekte wurden, wegen wachsender Konflikte mit den Behörden, auch anderswo zurückgestutzt. Und in Rochaus Gruppe ging es bisweilen recht munter zu.

Eine kirchliche Mitarbeiterin berichtete über die Nachwirkungen eines Wochenendes von Rochau-Anhängern in einem mecklenburgischen Ort: »Die Dörfler sind heute noch verstört. Die Gäste haben das Altartuch mit Essen beschmutzt, sind nackt durchs Dorf gelaufen, besoffen irgendwo umgefallen und liegengeblieben und haben auf dem Dorfplatz gebumst. Der Pastor hatte große Mühe, die Volkspolizei vom Eingreifen abzuhalten.«

Dennoch gab die protestantische Kirche ihr Schäflein nicht auf: Das Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen forderte per Rundbrief dazu auf, den Häftling Rochau »in die Fürbitte einzubeziehen«. Rochaus Gruppe verhandelt inzwischen mit der Hallenser Kirche über ihre Integration. Und in seinem Prozeß vor dem Bezirksgericht Halle erhielt der Diakon Rechtsbeistand von Kirchenanwalt Wolfgang Schnur.

Die Kirchenleitung hatte offenbar eingesehen, daß Rochaus Rausschmiß ein Fehler war: Damit seien, so die Kritik von der Basis, die Behörden geradezu ermuntert worden, sich den Jugenddiakon zu greifen. Die Oberhirten verteidigten sich, sie hätten Rochau vor seiner Verhaftung angeboten, er könne sich als Betreuer in ein Heim für Behinderte versetzen lassen, er sei daher die ganze Zeit Mitarbeiter der Kirche gewesen.

Die DDR-Behörden aber, die schon den harten Kern der Jenaer Friedensgemeinschaft zerschlagen haben, wollten offenbar nun auch in Halle ein Exempel statuieren: Am Freitag vorletzter Woche wurde Rochau zu drei Jahren, sein Freund Dietmar Funke zu viereinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Zwei weitere Angeklagte waren bereits einige Wochen zuvor mit eindreiviertel Jahren Gefängnis bestraft worden. Und am 31. August nahmen die Behörden die 37 Jahre alte Bibliotheksassistentin Kathrin Eigenfeld fest, die mit Rochau zusammenarbeitete. Sie hatte sich an der Fahrrad-Demonstration zu den Buna-Werken und einer Aktion »Fasten für den Frieden« beteiligt.

Die Kirche hielt sich bisher mit Kritik an dem harten Vorgehen zurück, Rochau hat Berufung eingelegt. Synodale des »Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR« argumentierten vorige Woche in Potsdam, man greife nicht in ein schwebendes Verfahren ein.

Sie haben Grund zur Vorsicht. Zwar hat der Staat den Protestanten dieses Jahr Leine gelassen. Nun aber, so fürchten sie, soll mit dem Rochau-Urteil ein Zeichen gesetzt werden: daß es mit dem Ende des Luther-Jahres auch aus ist mit der Nachsicht der SED.

Der Verdacht scheint begründet. Vor drei Wochen forderte Ex-Kanzler Helmut Schmidt bei seiner DDR-Visite von Erich Honecker mehr Toleranz gegenüber der Friedensbewegung und sprach den Fall Rochau an. Doch der SED-Chef beschied den Besucher kühl: Da sei nichts zu machen, der Diakon habe schließlich gegen Gesetze verstoßen.

Zu Beginn einer Friedensdemonstration am 1. September 1982 in Halle.

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