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ENGLAND / BEVAN Nackt im Saal

aus DER SPIEGEL 42/1957

Als die konservative Regierung Großbritanniens vor einigen Monaten beschloß, eine eigene Wasserstoffbombe zu erproben, forderte der Rebell Aneurin Bevan, der Führer des linken Flügels der Labour-Opposition, die Gewerkschaften auf, den Kampf gegen jene gewaltige Waffe »in die Straßen unserer Städte zu tragen«.

Noch Anfang Juni wetterte Bevan: »Wir sind jetzt in der Lage, die größte aller Wasserstoffbomben loszulassen. Wir geben als eine sogenannte christliche Nation unser Geld aus, um einer unbekannten Zahl von Menschen im Laufe der nächsten 20 oder 30 Jahre den Tod durch eine schreckliche Krankheit zu bringen. Wenn das unser Mittel ist, unsere Lebensart zu verteidigen, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, ob eine solche Lebensart wert ist, verteidigt zu werden.«

Wie schnell sich die Anschauungen der Politiker über eine verteidigungswerte Lebensart ändern können, wenn sie die Chance der Machtergreifung spüren, bewies Bevan auf dem inzwischen beendeten Labour-Kongreß in Brighton. Seine vollblutsozialistischen Anhänger hatten dem Parteitag eine Resolution vorgelegt, die eine zukünftige Labour-Regierung, deren Außenminister Bevan sein würde, nicht nur verpflichten sollte, die Erprobung und Fabrikation nuklearer Waffen einzustellen, sondern auch die Anwendung solcher Waffen in einem möglichen Krieg zu verbieten.

Durch die rauchgeschwängerte Sporthalle von Brighton gellten Zwischenrufe, wie »Schande«, »Verrat« und »Du hast dich verkauft«, als - wie die »Neue Zürcher Zeitung« berichtete - »der blühende, weißhaarige Bevan mit der roten Rose im Knopfloch den versammelten Rittern des Sentiments mit derart realistischen, unverhüllt machtpolitischen Überlegungen zu Leibe rückte, als ob er heute schon Außenminister Ihrer Majestät wäre«.

Als »Gefühlskrampf« fegte der einstige Wasserstoffbomben-Gegner Bevan brutal alle gegen die Bombe gerichteten Argumente beiseite. Wenn England die H-Bombe behalte, so argumentierte er, könne ein sozialistischer Außenminister »einen Einfluß auf die Politik der USA und der Sowjet-Union« ausüben; seine Diplomatie könne mäßigend wirken.

Die Annahme der Resolution hingegen, so sprach Bevan zum Entsetzen der Bevaniten, würde bedeuten, »daß Sie den englischen Außenminister nackt in den Konferenzsaal schicken«. Wenn England auf die H-Bombe verzichte, würden alle kleinen Staaten hier oder dort Unterschlupf suchen, die einen bei Rußland, die anderen bei Amerika. Eine solche »Polarisation« müsse jedoch die Gefahr eines dritten Weltkrieges heraufbeschwören.

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