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NACKT NUR IM SOMMER?

aus DER SPIEGEL 44/1970

In einem Erfahrungsbericht geht das antiautoritäre »Elternkollektiv der Kinderschule Frankfurt, dem auch die Soziologin Monika Seifert angehört. auf die Sexualerziehung ein. Dem Bericht, veröffentlicht in der kulturpolitischen Korrespondenz »Vorgänge«, sind die folgenden Auszüge entnommen:

Es ist eine Tatsache, daß keiner der Erwachsenen in unserer grundsätzlich sexual- und lustfeindlichen Gesellschaft ein ungestörtes Verhältnis zur Sexualität entwickeln konnte,

Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, wo das Besitz- und Eigentumsdenken sich auch in den herrschenden Ehe- und Familienvorstellungen reproduziert. In den bestehenden Zweierbeziehungen betrachten sich die beiden Partner weitgehend als wechselseitigen Besitz, was sich unter anderem in der Verpflichtung auf sexuelle Treue ausdrückt.

Wie können wir angesichts der eigenen Problematik eine positive Einstellung zur Sexualität auf die Kinder übertragen?

Selbstverständlich zeigt sich bei den an unserem Projekt engagierten Erwachsenen keine offene Sexualfeindlichkeit. Aber aufgrund unserer Erfahrung kann man sagen, daß das gestörte Verhältnis des Erwachsenen zur Sexualität sich auch der Lösung anderer Erziehungsprobleme in den Weg stellt.

Häufig sind z. B. auch bei aufgeklärten, progressiven Eltern unbewußte, verdrängte und damit irrationale sexuelle Ängste und nicht reale Befürchtungen um Gesundheit und Sicherheit der Kinder die Ursache dafür, daß man unter Hinweis auf eine Erkältungs- und Erkrankungsgefahr die Kinder davor warnt oder sie daran zu hindern sucht, sich die Kleidung auszuziehen und nackend zu spielen, wenn nicht gerade sommerliche Temperaturen herrschen, die ein solches Vorgehen »legitimieren

Grundsätzlich gehörte es von Anfang an zu unserem Erziehungskonzept, die kindliche Sexualität in ihren verschiedensten Äußerungsformen (Onanie; kindlicher Exhibitionismus; Voyeurismus; analerotische Tendenzen; sexuelle Spiele -- Vater, Mutter, Kind Doktorspiele usw.) nicht nur zur Kenntnis zu nehmen und zu dulden, sondern voll und ganz zu bejahen. Das Kind braucht hier noch mehr als bei allen anderen Aktivitäten (Spiel, Lernen, Essen usw.) die Bestätigung durch den Erwachsenen, die ihm ein Gefühl der Sicherheit gibt.

Hat eine positive Einstellung zur kindlichen Sexualität, die also auch die von den Genitalien der Kinder ausgehenden Lustempfindungen bejaht, zur Folge, daß sich das sexuelle Interesse früher oder später unmittelbar auf den Erwachsenen und evtl. auf dessen Genitalien richtet?

Man muß mit dieser Möglichkeit rechnen, denn wir haben in der Kinderschule verschiedentlich Ansätze dafür beobachten können, daß sich die sexuelle Wißbegier der Kinder, wenn sie durch keine Verbote gehemmt wird, auch auf den Erwachsenen erstreckt und daß die Kinder -- bisher allerdings mehr indirekt -- versuchen, Erwachsene in ihre gemeinsamen Spiele mit einzubeziehen

Auf die Frage, worauf es zurückzuführen ist, daß im Rahmen unserer Kinderschule bisher kein Fall von versuchter, direkter, zielgerichteter sexueller Aktivität eines Kindes mit einem Erwachsenen beobachtet wurde, können verschiedene Erklärungen gegeben werden.

Es ist möglich, daß die Kinder keinen Versuch machen, die Erwachsenen direkt als Sexualobjekt einzubeziehen, weil sie ihre sexuellen bzw. genitalen Bedürfnisse im Kinderkollektiv realitätsgerecht mit Gleichaltrigen befriedigen können. Andererseits -- da wir von den Schwierigkeiten der Erwachsenen wissen -- muß auch berücksichtigt werden, daß es die eigenen Hemmungen und Unsicherheiten der Erwachsenen sein können, die solchen Bedürfnissen der Kinder von vornherein Grenzen setzen, Dies würde bedeuten, daß die Kinder durch das unbewußte Reagieren der Erwachsenen ihre sexuelle Neugierde an diesem Punkt unterdrücken und sie über gewisse Ansätze zur Einbeziehung des Erwachsenen nicht hinausgehen.

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