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INDIEN / SEPARATISMUS Nackte und Löwen

aus DER SPIEGEL 13/1966

Ein Heiliger mit wallendem Bart und blauem Turban machte Indiens mächtigste Frau schwach - und sie schenkte ihm einen neuen Staat.

Weil Fateh Singh, ein Sant (Heiliger) der Sikh-Sekte, gedroht hatte, er werde 14 Tage lang fasten und sich danach verbrennen, genehmigte Premierministerin Indira Gandhi vorletzte Woche die Gründung eines eigenen Sikh-Staates.

Indiras Vorgänger hatten diesen neuen Bundesstaat nicht gewollt. 1961 fastete sich der Sikh-Führer Tara Singh, 76, im goldenen Tempel von Amritsar fünf Wochen lang fast zu Tode, aber Nehru blieb hart. Selbst der sanfte Schastri ließ sich nicht einschüchtern, als der heilige Fateh Singh im vergangenen Herbst »eine unabreißbare Kette« von Selbstverbrennungen ankündigte.

Seit 1947, als Indien unabhängig wurde, fordern die im Unionsstaat Pandschab unter Hindus lebenden Sikhs ihr eigenes Stück indischer Erde. Grund: Die acht Millionen Sikh-Monotheisten fürchten, ihr Gott werde sich nicht gegen die Götter des Hinduismus, ihre Sprache nicht gegen das Hindi behaupten können. Denn die Hindus sind in der Überzahl.

Die Bundesregierung in Neu-Delhi widersetzte sich dem Drängen, obwohl die Sikhs eine Stütze der Union sind. Indiens Armee rekrutiert 20 Prozent ihrer Offiziere und Mannschaften aus der kriegerischen Sekte, deren Angehörige die stolze Bezeichnung »Singh« (Löwe) im Namen tragen.

Nehru und Schastri fürchteten, die leicht zerbrechliche Indische Union könnte sich in ihre Teile auflösen, wenn sie den Sikhs nachgäben und das Pandschab teilten. Andere Separatisten würden dann gleiche-Rechte fordern - und Separatisten hat Indien im Überfluß.

Auf dem Subkontinent gibt es 480 Millionen Menschen: sechs Völkerstämme, sieben Religionsgemeinschaften und 845 Sprachgruppen. Altüberlieferte Feindschaften bedrohen die Existenz der Union mehr als Hunger, China und Pakistan.

Die Staatsgründer Gandhi und Nehru hatten gehofft, der im Befreiungskrieg gegen die Engländer geweckte indische Nationalismus könne die Risse kitten. Aber die Inder wenden ihren einst auf Britannien konzentrierten Haß nun gegen sich selbst, vor allem gegen die hochmütigen Hindus.

Den ersten Ausbruchsversuch aus der Union- machten die mongoloiden Naga -Stämme in der von Bambus-Dschungeln überzogenen Bergprovinz- Assam im Nordosten. Diese Nagas (Nackte) waren früher Kopfjäger. Sie metzelten Männer, Frauen und Kinder anderer Stämme, weil sie glaubten, erbeutete Köpfe würden Äcker und Frauen fruchtbarer machen.

Sie wurden von amerikanischen Baptisten christianisiert und leben - 600 000 Menschen stark - von primitivem Ackerbau, ohne auch nur den Holzpflug zu kennen. In den Augen der Inder sind sie Parias.

1954 erhoben sich die Urwaldnackten gegen die Inder und zogen mit dem Kampflied »Vorwärts, christliche Soldaten« für die Unabhängigkeit ihres Landes in die Schlacht. Nehru führte gegen sie einen Vernichtungskrieg. Tausende der Rebellen wurden in Konzentrationslager gesperrt. Bis 1960 durfte kein ausländischer Korrespondent ins unterdrückte Nagaland einreisen, wo der Widerstand nicht erlosch.

Schließlich wurde der Regierung in Delhi klar, daß die Union - wenn überhaupt - nur durch eine Art gesteuerten Zerfall zu erhalten ist. 1960 hatte sie bereits den Zwei-Sprachen-Staat Bombay teilen müssen. 1961 entzog sie Nagaland der Administration des Bundesstaates Assam und erklärte es zum 16. autonomen Mitglied der Union.

Den Sikhs aber verweigerte Nehru auch weiterhin einen eigenen Staat.

Denn: Sie siedeln an der umstrittenen

Grenze von Kaschmir und Pakistan. Erst Nehrus Tochter gab jetzt nach: Die Sikh-Soldaten müssen bei Laune gehalten werden. Denn Indien erlebt derzeit seine schlimmste Krise.

In weiten Gebieten herrscht Hungersnot. Die Bewohner revoltieren gegen die Regierung. In Kalkutta stürmten fanatisierte Hungernde Postämter, Verwaltungsgebäude und Bahnhöfe - die Burgen der Obrigkeit.

In Assam brach ein neuer Aufstand los.

Diesmal waren es die Mizo-Stämme. Sie sind, wie die Nagas, Christen und bewohnen ein Gebiet von der Größe Hessens. Ende Februar plünderten Mizo -Rebellen die Amtsgebäude und trieben die Hindus in die Flucht. Schließlich brachte Indira Gandhis Entschluß, das Pandschab zu teilen, auch noch den bis dahin ruhigen Nordwesten in Aufruhr.

Rollkommandos der Hindus, die sich gegen die Umsiedlung wehren, lieferten den Sikhs in den Städten des Pandschab und in Neu-Delhi erbitterte Straßenschlachten.

In der Stadt Panipat wurden drei Funktionäre der regierenden Kongreß-Partei, die sich einem plündernden und sengenden Hindu-Mob entgegenstellten, bei lebendigem Leib verbrannt. Vor dem Parlament in Delhi explodierten Bomben. Insgesamt fanden bei Pandschab-Unruhen bisher zwölf Menschen den Tod.

Hindu-Führer bezichtigen die Premierministerin der »kläglichen Kapitulation vor dem Separatismus«. Zwei von ihnen wollen Indira Gandhi mit den Waffen der Sikhs niederzwingen: Falls die Teilung nicht rückgängig gemacht wird, wollen sie hungerstreiken - bis in den Tod.

Hunger-Ausschreitungen in Kalkutta: »Vorwärts, christliche Soldaten«

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