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Kindertheater Nackter Mann

Das populäre West-Berliner »Theater für Kinder im Reichskabarett« bangt um seinen Bestand. Der Schulsenator hat für das beispielhafte Schulspiel der Truppe kein Geld mehr.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Sibille, 10, fand den Fabrikbesitzer Cäsar Trumm »blöde« und riet, »seine Klamotten einfach nicht mehr zu kaufen«.

Uwe, 11, empfahl, die Wiedereinstellung der Arbeiterin Inge Murk beim Spielzeug-Hersteller Trumm einfach zu erzwingen: »Da dürfen eben alle Arbeiter nicht mehr hingehen.«

Gabi, 11, erzählte, ihr Vater komme abends »auch immer ganz schön verbiestert« aus der Fabrik -- genau wie Heini Murks Mutter in dem bislang 120mal gespielten Stück »Trummi kaputt« des West-Berliner »Theaters für Kinder«.

Solche Ansichten über das Arbeits- und Familienleben -- wie sie die Theaterleute in Besucher-Interviews zu hören bekamen -- werden West-Berliner Gören nicht lange mehr austauschen können; denn die aus dem renommierten West-Berliner »Reichskabarett« hervorgegangene Spiel-Schar, die ihnen derlei Erkenntnisse vermittelt, ist von finanzieller Auszehrung bedroht.

Bereits in den ersten beiden Monaten waren die vom Schulsenator Gerd Löffler (SPD) für dieses Jahr im Rahmen des Landesprogramms »Theater der Schulen« (Gesamtbudget 1972: 300 000 Mark) zugestandenen 15 000 Mark verbraucht. Und mehr Geld, so der zuständige Senatsdirektor und Chef der West-Berliner SPD-Linken Harry Ristock, sei für das Kinder-Kollektiv

* Szene aus »Trunimi kaputt«.

»nicht drin«. Ristock: »Wir sind in der Situation des nackten Mannes, dem man nicht in die Tasche fassen kann.«

Die Theater-Macher freilich -- neben der »Trummi«-Truppe noch das »Theater für junge Zuschauer« und die »Berliner Kammerspiele« -- fühlen sich gleichfalls ausgezogen. Wolfram Lindhorst, 32, vom »Theater für junge Zuschauer": »Früher oder später können wir alle zumachen.« Volker Ludwig, 34, vom »Theater für Kinder": »Eine skandalöse Situation.«

Skandalös findet Ludwig vor allem, daß durch die Bankrotterklärung des Schulsenators »unsere anerkannt wertvolle pädagogische Arbeit in den Arbeiterbezirken Neukölln, Wedding und Kreuzberg zunichte gemacht wird«. Denn während die beiden Konkurrenzbühnen mit dem »Räuber Hotzenplotz« ("Theater für junge Zuschauer") Gängiges spielen, ergreift das »Theater für Kinder« die Partei seiner kleinen Klienten und müht sich um Lösungsvorschläge für alltägliche Probleme -- vom Spielplatzmangel bis zum Ärger mit den Erwachsenen.

Die Subventionierung durch den Senator für Wissenschaft und Kunst aber reicht gerade hin, um im Theater selbst -- so Ludwig in einem Brief an Löffler -- »auch weiterhin vor den Bürgerkindern zu spielen, die für einen Theaterbesuch von ihren Eltern finanziell ausgestattet werden«. Im freien Verkauf fordert das Haus immerhin zwischen vier und sechs Mark pro Karte.

In den dritten bis sechsten Klassen von Grundschulen abseits der gutbürgerlichen Viertel aber fand Ludwigs Team das dankbarste Publikum -- beim Nachwuchs jener 85 Prozent der Bevölkerung, die nie ein Theater besuchen und deren Probleme auf der Bühne selten behandelt werden. 1,90 Mark pro Platz kommen für diese Aufführungen aus dem inzwischen aufgezehrten »Theater der Schulen«-Fonds; die Schüler leisten nur einen Eigenbeitrag von 2,30 Mark.

Auch viele jüngere Lehrer der Halbstadt werten das »Theater für Kinder«, das bereits dreimal mit dem »Brüder-Grimm-Preis« des Landes Berlin ausgezeichnet wurde, als wichtige pädagogische Institution. Für Lehrerin Hermine Aalken von der 15. Grundschule in Tempelhof waren es »zum erstenmal Stücke, die -- anders als in Märchen und Lesebüchern -- endlich Realität zeigen«. Und Kollegin Ursula Rockstroh aus Spandau fand, »unsere Schulen würden verarmen, wenn es dieses Theater nicht mehr gäbe«. Alle loben mit dem Weddinger Lehrer Wilfried Liebchen: »Da wird nicht mit dem Zeigefinger moralisiert, da wird Erkenntnis vermittelt.«

Ähnlich urteilt auch der West-Berliner Theaterwissenschaftler Professor Arno Paul, Mitarbeiter an den zukünftigen Vorschulprogrammen von ARD und ZDF. Für ihn sind die vom Ludwig-Kollektiv erarbeiteten Produktionen »solidarisches politisches Theater": Theater, das »die Dinge in brechtscher episierender Form vorführt« und dabei »das feed-back zwischen Publikum und Darstellern nutzt, wie Fernsehen es niemals könnte«.

Die Lobsprüche über die Kinder-Bühne, deren Stücke (etwa »Maximilian Pfeiferling« oder »Balle, Malle, Hupe und Artur") überall in Europa nachgespielt werden (SPIEGEL 11/1972) und die sich künftig »Grips -- Theater für Kinder« nennt, haben West-Berlins Senat bislang freilich nicht spendenwilliger gemacht. Die Verwaltungspädagogen beharren auf ihrem »Prinzip der freien Stückewahl« und subventionieren lieber das Kultur-Opfer des ohnehin privilegierten Primaners in Oper und Schauspiel.

Immerhin liegen schon jetzt für »Trummi kaputt« weitere zwanzig Voranmeldungen West-Berliner Grundschulen vor; und »diese Kinder« will der Theaterchef »natürlich nicht enttäuschen: Wir spielen eben weiter, bis wir pleite sind«.

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