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Nächste Wahl schon verloren?

Die SPD kann sich ihrer Wähler sicherer sein als die CDU/CSU. Die Anhänger der Opposition bieten ein vielfarbiges Meinungsbild. Je jünger die Bundesbürger sind, je besser ihre Schulbildung und je größer ihr Interesse für Politik ist, desto kritischer ist ihre Einstellung zur Bonner Opposition und zu deren Chef Helmut Kohl.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Als das Münchner Institut Infratest die Einstellung der Bundesbürger zu den Parteien ihrer Wahl erforschte, zeigte sich in einigen Punkten für die Wähler der CDU/CSU und für die Wähler der SPD das gleiche Bild.

80 von 100 Anhängern der Kanzlerpartei und 78 von 100 Anhängern der beiden Oppositionsparteien erklärten: »Mit der Partei, die ich beim letztenmal gewählt habe, bin ich zufrieden.«

Als jeder Befragte auf einer Skala von -5 bis +5 anzeigen sollte, wieviel er von seiner Partei hält, ergaben sich etwa gleiche Mittelwerte: Für die SPD-Anhänger steht die SPD bei + 3,2, für CDU/CSU-Anhänger die CDU bei + 3,0.

Und als danach gefragt wurde, ob »zur Zeit die SPD oder die CDU geschlossener wirkt«, zeigte sich Zufriedenheit hüben wie drüben. Jeweils eine Mehrheit meinte, die eigene Partei biete das bessere Bild.

Diese Ergebnisse brachte die Umfrage, die Infratest Anfang März im Auftrag des SPIEGEL durchführte. Die Zufriedenheit der CDU/CSU-Wähler mit ihren Parteien steht im Kontrast zu der Kritik, die seit der Bundestagswahl im Oktober 1976 nicht mehr verstummt ist und in den ersten Monaten des Jahres 1979 schärfer wurde als je zuvor.

Seit Anfang Januar die Kohl-Kritik des früheren CDU-Generalsekretärs und heutigen Kohl-Stellvertreters Kurt Biedenkopf publik wurde, spekulieren Leitartikler und führende Unionspolitiker immer häufiger und offener darüber, ob die nächsten Bundestagswahlen im Jahr 1980 schon heute verloren sind und wann sich die Unionsparteien wohl auf einen anderen Kanzlerkandidaten als Helmut Kohl einigen werden.

Kein Geringerer als CSU-Chef Franz Josef Strauß hat laut »Münchner Merkur« davon gesprochen, daß die C-Parteien für eine Reihe von Wahlen in der Opposition bleiben würden. Und sein Generalsekretär Edmund Stoiber versicherte letzte Woche jedem, der es hören wollte: »Die Union hat in der gegenwärtigen Formation wohl kaum eine Chance, die nächsten Bundestagswahlen zu gewinnen.

Aber nicht nur zu solchen Sprüchen steht die Zufriedenheit der CDU/CSU-Wähler im Widerspruch. Sie paßt auch nicht zu anderen Ergebnissen derselben SPIEGEL-Umfrage, über die in den beiden vorangegangenen Folgen berichtet wurde: Denn

nur 26 von 100 Befragten würden lieber Helmut Kohl als Helmut Schmidt im Kanzleramt sehen -- das sind weit weniger Bundesbürger, als die CDU/CSU Wähler hat; nur 14 von 100 Befragten sprachen sich für den CDU/CSU-Kandidaten Karl Carstens aus, als sie nach ihrem Votum bei einer Direktwahl des Bundespräsidenten und bei einer Alternative Scheel/Carstens gefragt wurden;

nur 23 von 100 Bundesbürgern glauben derzeit, daß die CDU/CSU eine Bundestagswahl gewinnen kann.

Aber vielleicht ist es um die CDU/CSU doch nicht so schlecht bestellt, wie diese Zahlen und die düsteren Prognosen einiger Unionspolitiker und vieler Kommentatoren vermuten lassen? Wenn doch ihre Anhänger zufrieden sind und wenn es doch die Oppositionsparteien laut Infratest derzeit bei einer Bundestagswahl auf 48 Prozent bringen würden -- ebensoviel, wie sie bei der letzten Wahl im Oktober 1976 vor dem Komma erreicht hatten (48,6 Prozent)?

Die Antwort findet sich in jenen Tabellen der Infratest-Untersuchung, in denen die Ansichten der tausend befragten Männer und Frauen zu jedem einzelnen Punkt je nach ihrer Parteipräferenz ausgewiesen sind.

Dort wird deutlich, daß die Unterschiede zwischen SPD- und Unionswählern viel gewichtiger sind als die gleiche Zufriedenheit, die sie mit ihren Parteien bekunden. Sie ist nur äußerer Schein.

Wonach sonst auch immer gefragt wurde, die große Mehrheit der SPD-Wähler stimmt mit ihrer Partei und mit der Regierung überein.

87 von 100 sind »sehr zufrieden« oder »zufrieden« mit den Leistungen der SPD/FDP-Regierung, 87 von 100 halten die Regierung Schmidt/Genscher für kompetenter als eine etwaige CDU/CSU-Regierung, wenn es um die »Sicherung des sozialen Friedens« geht.

86 von 100 SPD-Wählern geben Helmut Schmidt die Noten »sehr gut« und »gut«, wenn sie seine Leistungen als Regierungschef zensieren sollen, und sogar 92 von 100 würden sich für Schmidt und gegen Kohl entscheiden, wenn sie »den Bundeskanzler bestimmen könnten«. 79 von 100 sind überzeugt, daß SPD und FDP zur Zeit eine Bundestagswahl gewinnen würden.

Selten nur melden die Meinungsforscher eine solche geradezu familiäre Eintracht unter den Wählern einer Partei. Höchst unterschiedlich ist hingegen das Meinungsbild' das die CDU/CSU-Wähler bieten (siehe Graphiken).

Zwar billigen Mehrheiten zwischen 73 und 82 Prozent den Unionsparteien die größere Kompetenz zu, wenn es um Sachfragen wie »Sicherung der Renten« oder »Kampf gegen Terrorismus« geht. Nicht ganz so groß ist die Mehrheit, wenn nach dem sozialen Frieden. einer neuen Energiekrise oder der »Vertretung unseres Landes im -Ausland« gefragt wird. Hier halten starke Minderheiten der CDU/CSU-Wähler die Regierung Schmidt/Genscher für besser geeignet als die Schatten-Alternative Kohl/Strauß.

Aber nicht nur eine Minderheit, sondern sogar die Mehrheit der CDU/ CSU-Wähler denkt anders als die Oppositionsführer, wenn es um die Regierung geht.

Kaum eine Rede hält Kohl, in der er nicht darauf verweist, wie notwendig ein Machtwechsel in Bonn sei und wie schlecht die Bundesrepublik regiert werde. Aber die meisten CDU/CSU-Wähler (56 Prozent) erklären sich mit der jetzigen Regierung zufrieden, und fast jeder zweite Wähler der Opposition (47 Prozent) stellt dem Regierungschef Schmidt sogar die Noten »sehr gut« oder »gut« aus.

Neben der starken Regierung ist es die Schwäche der Opposition, die einen großen Teil der Unionswähler irritiert. Wann immer nach Personen gefragt wird, bezweifeln viele CDU/CSU-Anhänger, daß die Parteien ihrer Wahl die bessere Alternative bieten.

Nur für jeden zweiten CDU/CSU-Wähler (54 Prozent) wäre Kohl ein besserer Kanzler als Schmidt, und sogar nur jeder vierte (27 Prozent) wünscht sich Carstens ins Präsidentenamt.

Nicht die Auskünfte, sie seien mit ihrer Partei zufrieden, sondern die Antworten auf eine andere Frage zeigen, wie schlecht es um die Stimmung der Unionswähler steht:

Daß die CDU/CSU derzeit eine Bundestagswahl gewinnen könnte, glaubt von denen, die sie wählen, nur jeder dritte (36 Prozent).

Um das Wählerpotential genauer zu analysieren, teilte Infratest die Bundesbürger nach deren eigenen Angaben über die Verbundenheit mit der Partei ihrer Wahl in drei Gruppen:

Die ersten bezeichnen sich selbst als »überzeugte Anhänger«, die zweiten gaben nur an, welche Partei sie wählen würden, die dritten schließlich offenbarten erst bei einer Nachfrage ihre politische Einstellung. Kurzbezeichnungen für die drei Gruppen: »Kernwähler«, »Normalwähler«, »Distanzwähler«.

Je stärker die drei Gruppen in ihren Ansichten übereinstimmen, desto sicherer kann sich die Partei ihres Wählerpotentials sein.

Eindeutiges Ergebnis der SPIEGEL-Umfrage: Bei SPD-Wählern macht es nur einen geringen Unterschied, zu welcher der drei Gruppen sie gehören. Bei Unionswählern hingegen sind die Differenzen beträchtlich. Beispiel:

* Daß die »Bewältigung einer neuen Energiekrise« einer CDU/CSU-Regierung besser gelingen würde als der SPD/FDP-Regierung, meinen 79 Prozent der »Kernwähler« der Union, aber nur 62 Prozent ihrer »Normalwähler« und sogar nur 49 Prozent ihrer »Distanzwähler«. Die SPD/FDP-Regierung erklären hingegen 87 Prozent der »Kernwähler« der SPD, auch 77 Prozent ihrer »Normalwähler« und ebenfalls 64 Prozent ihrer »Distanzwähler« für kompetent.

Aber nicht nur die starken Meinungsunterschiede unter ihren eigenen Wählern müssen die CDU/CSU beunruhigen. Auch einige andere Daten der Umfrage sind Anzeichen dafür, daß sich die Volksmeinung über die Opposition noch verschlechtern kann.

Denn je jünger, je besser gebildet und je stärker an Politik interessiert die Bundesbürger sind, desto stärker wirken sie als Multiplikatoren, die ihre Ansicht verbreiten. Und gerade solche Meinungsmacher haben häufiger als andere Bundesbürger eine kritische Einstellung zur Opposition.

Es ist derzeit kein Ereignis abzusehen, das zu einem Stimmungsumschwung zugunsten der CDU/CSU führen könnte. Spekulationen einiger Leitartikler, der Fernseh-Auftritt Kohls in Holland vor aggressiven Gegnern, die Erkrankung Genschers oder die Scheidung Brandts könnten dazu beitragen, sind wirklichkeitsfremd. Solche Fakten verändern die Wählerpotentiale nur hinter dem Komma.

Und es zeichnet sich auch kein Personalwechsel an der Spitze der Union ab, der ihr die für einen Wahlsieg fehlenden Prozente einbringen würde. Kein CDU-Politiker (vom CSU-Chef Strauß ganz zu schweigen) ist so populär, daß er als Ersatzmann für Kohl eindeutig besser taugte als die anderen.

Nur für Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg sind die Daten ein wenig günstiger.

Aber an ihn denkt womöglich vom Abend des 29. April an niemand mehr als Alternative für Kohl.

An diesem Tag wird in Schleswig-Holstein gewählt. Wenn dort die CDU nur 25 000 Stimmen weniger erhält als vor vier Jahren, muß Stoltenberg die Regierungsbank räumen.

Und wer in Kiel verliert, dem wird niemand glauben, daß er in Bonn siegen könnte.

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