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ITALIEN Näher bei Goebbels

Wer legte im Dezember 1969 die Bomben von Mailand? Nach einem Anarchisten wurden jetzt auch Rechtsradikale angeklagt.
aus DER SPIEGEL 37/1972

Vor dem Mailänder Justizpalast wuchteten Carabinieri zwei grüne. versiegelte Kisten aus einem Auto. Inhalt: neue Bände Dokumente über die (mutmaßlichen) faschistischen Drahtzieher der blutigen Attentate in Italiens »heißem Herbst« 1969, dazu Waffen und Sprengstoff aus rechten Verstecken.

Das brisante Beweismaterial, von Richter Giancarlo Stiz aus Treviso nach Mailand geschickt. blieb dort zunächst versiegelt liegen -- aus gut italienischem Grund: Die Justizinspektoren und Schreiber streikten gerade.

Schließlich wurde das Dossier von Staatsanwälten geöffnet und geprüft. »Die Herren«, so ein römischer Jurist, »hätten wohl auch lieber gestreikt. Denn an diesen Fall geht keiner gern ran.«

Ob gern oder ungern, der Untersuchungsrichter Gerardo d'Ambrosio kümmerte sich um den Faschisten-Fall. Wie vordem schon Stiz kam er zu der Überzeugung, daß auch das brutalste Attentat der italienischen Nachkriegsgeschichte auf das Konto rechter Ultras geht: die Bombenexplosion am 12. Dezember 1969 in der Mailänder Landwirtschaftsbank« bei der 16 Menschen ums Leben kamen und 86 verwundet wurden.

»Organisatoren« des Verbrechens sind laut d'Ambrosio zwei Ultras der Region Venetien:

* Franco Freda, 36, Rechtsbeistand aus Padua, Autor und Verleger nazistischer Schriften ("Hitler hatte recht"), Ex-Mitglied der neofaschistischen Partei MSI, sowie

* Giovanni Ventura, 28, Buchhändler und Verleger aus Treviso, Herausgeber des »nationalrevolutionären« Blättchens »Reaktion« und gleichfalls einst Kämpfer der MSI.

Die Anklage gegen das rechte Duo bestätigt einen Verdacht, den Italiens Linke schon seit 1969 äußern. Denn die Justizbehörden in Mailand und Rom hatten bei der Suche nach den Bombenlegern zunächst einseitig und hektisch die »pista rossa«, die rote Spur, verfolgt und vor allem gegen den anarchistischen Ex-Ballerino Pietro Valpreda ermittelt. Der »pista nera«, also der schwarzen faschistischen Spur, ging nur Richter Stiz in Treviso nach. 1971 kamen Freda und Ventura in U-Haft.

So wurde die Anklage in Mailand jetzt zu einem Fest der Selbstbestätigung für Italiener von halblinks bis ultralinks. »Die »neue« Untersuchung über die Dezember-Bomben«, frohlockte das prokummunistische römische Blatt »Paese Sera«, »nähert sich Schritt für Schritt der Wahrheit. Sie bestätigt den Eindruck aller Demokraten, das Muster des Blutbades war neofaschistisch.«

Die Antifaschisten sehen die Mailänder Bomben in engstem Zusammenhang mit anderen Gewalttaten der Reaktion bis hin zu dem Überfall am 20. August in Parma, wo neofaschistische Schläger einen roten Apo- Aktivisten erstachen. Die kommunstische »Unità": »Der faschistische Krebs. dieser Todfeind der italienischen Demokratie. muß ausgemerzt werden.«

Nicht nur Linke, sondern auch viele Bürger der liberalen Mitte monierten, daß die Justiz erst jetzt Anklage gegen rechte Bomber erhob. Gleichzeitig wächst das Mißtrauen in die Justiz -- weil jetzt sowohl gegen Ventura und Freda als auch gegen Valpreda und fünf andere Anarchisten Prozesse wegen desselben Verbrechens vorbereitet werden.

Die Verteidiger des seit 32 Monaten inhaftierten (und in der Haft schwer erkrankten) Valpreda forderten die Freilassung ihres Mandanten, denn es sei »absurd«, den Anarchisten weiter einzusperren, wenn man gleichzeitig »zwei Exponenten ganz anderer politischer Lager wegen der Bomben anklagt«.

Die veraltete italienische Justizmaschine macht Absurdes jedoch ohne weiteres möglich. So wird sich der Valpreda-Prozeß, den römische Richter »wie eine heiße Kartoffel« (so ein Anwalt) nach Mailand abschoben, jetzt wahrscheinlich noch weiter verzögern. Eine Koppelung der beiden Prozesse scheint aus Prozedurgründen kaum möglich.

Dabei ist die These, daß Linke und Rechte bombten, gar nicht so abwegig. Viele Kenner der italienischen Terror-Trupps mutmaßen: Die Faschisten haben die Anschläge zwar geplant, die Anarchisten aber durch einen Agent provocateur zur Ausführung der Tat angestachelt.

Als Verbindungsmann zwischen linken und rechten Ultras wirkte möglicherweise der Student Mario Merlino, einer der Mitangeklagten aus Valpredas Anarchistenkreis. Er unternahm 1968 eine Huldigungsfahrt zu den griechischen Obristen, ebenso wie der als Terrorist verdächtigte Pino Rauti (seit Mai MSI-Abgeordneter).

Noch im Herbst 1969 pendelte Merlino zwischen einem römischen Bakunin-Zirkel und paramilitärischen Camps der Faschisten. Männer wie Merlino, urteilte die Zeitschrift »Vie Nuove«. »stehen näher bei Goebbels als bei Bakunin«. In Büchern über Italiens Umstürzler heißen Pendler à la Merlino kurzweg Maofaschisten.

Für Italiens Durchschnittsbürger wird der Dschungel der Terrorgrüppchen immer unheimlicher, immer konfuser. Nicht einmal bei Freda und Ventura wissen sie genau, woran sie sind. Denn beide Ultras behaupten jetzt, eigentlich links zu stehen. So will Ventura -- der durch Tonbandaufzeichnungen eines Freundes schwer belastet wird -- für das kommunistische Rumänien gearbeitet haben,

Und Freda mußte zwar zugeben, 50 Zeitzünder (Marke Diehl ND 900) gekauft zu haben -- derselbe Zündertyp wurde beim Mailänder Bombenanschlag verwendet; doch Freda behauptet, das Terrorwerkzeug habe er einem Araber namens Hamid für den palästinensischen Kampf gegen Israel gegeben.

Der »Paese Sera« erkannte in solchen Phantasien »plumpe Verteidigungsmanöver«. Denn: Den beiden Angeklagten »steht das Wasser bis zum Hals«.

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