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SPANIEN Näher zum König

Der Urlaub des Regierungschefs brachte seine Helfer in Bedrängnis und schürt Zwietracht auf den Balearen.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Wenn sechs Millionen spanische Familien an den ersten beiden Augusttagen auf Autobahnen und Straßen drängen, darf auch der Ministerpräsident mit den Seinen nicht fehlen. Gern steuert José María Aznar dann selbst die schwarze Limousine auf den letzten Kilometern von der nächstgelegenen Militärbasis, in die er per Helikopter eingeschwebt ist, zu seinem Urlaubsziel.

Doch wohin sollte er dieses Jahr den Wagen, beladen mit Ehefrau Ana Botella, den drei Kindern und zwei Cockerspaniels, rollen lassen? Bis Mitte Juli suchten seine Helfer verzweifelt nach einem Urlaubsquartier, das den Ansprüchen des Señor Aznar gerecht würde. Die Last-Minute-Reservierung erwies sich als schwierig, da die strandnahen, verschwiegenen Luxus-Bleiben seit Monaten ausgebucht schienen.

Noch im vergangenen Sommer war alles so einfach: Die Aznars ruhten sich in Oropesa aus, einem nicht übertrieben mondänen Fischerdorf am Mittelmeer, 70 Kilometer nördlich von Valencia. Die Region ist überdies fest in Händen von Aznars konservativer Volkspartei.

Wohl nicht aus Zufall hatte Kachelfabrikant José Soriano 1996 dem nach 14 Jahren Sozialistenregierung frisch gewählten Ministerpräsidenten sein Haus zum ersten Mal als Sommerfrische kostenlos zur Verfügung gestellt - nicht ohne vorher ein wenig umzubauen: eine Klimaanlage wurde installiert, der Pool vergrößert, neue Sicherheitszäune riegelten das Anwesen vor zudringlichen Besuchern ab. In der idyllischen Siedlung Las Playetas verfügte die regierende Familie fortan über 600 Quadratmeter Ferienvilla, mit 14 Schlafzimmern, Bootsanleger und eigenem Strand.

Seither kehrten die Aznars Jahr für Jahr zurück ins Reich der Kacheldynastie Porcelanosa, die jährlich weit über eine Milliarde Mark umsetzt. Ana posierte vor Fotografen mit ihrer Kollektion von Pareos um die Hüften, José Mari, wie sie ihren Gatten liebevoll nennt, trat mit gegeltem Haar regelmäßig zu Paddle-Turnieren im örtlichen Tennisclub an.

Auch die Geschäfte des Kachelmanns Soriano florierten, und das sommerliche Ritual hätte sich noch einige Jahre wiederholen können, wenn der Herbergsvater des Premiers nicht plötzlich bei einem Autounfall verstorben wäre.

Der Tod des Gönners diente dem Kastilier als willkommener Vorwand, dem Sommerdomizil von Oropesa den Rücken zu kehren. Denn trotz aller Bequemlichkeit hatte es ihn stets gewurmt, dass jede Sommerferien die Residenz von König Juan Carlos auf Mallorca zum gesellschaftlichen Mittelpunkt aufstieg, während er an den Rand des öffentlichen Interesses rückte. Vergangenes Jahr musste er gar zusehen, wie der deutsche Kanzler Gerhard Schröder sich in des Königs Nähe sonnte und ihn, den Amtskollegen, mied. Wohl aber traf Schröder den neu gekürten Sozialistenchef José Luis Rodríguez Zapatero, der eigens auf die Insel kam.

In den Umkreis der königlichen Familie vorzudringen hatte sich der stolze Aznar bemüht, seit er an die Regierung gekommen war. Spöttisch kommentierten die spanischen Zeitungen seine Versuche, an den Weihnachtsfeiertagen die Pisten von König Juan Carlos und Königin Sofía im katalanischen Wintersportort Baqueira Beret zu kreuzen. Die Königsfamilie kam seither zu anderen Terminen in den Schnee.

Deshalb suchten Aznars Quartiermeister ein Haus auf Menorca, der kleineren

Schwesterinsel von Mallorca - noch in Sichtweite des urlaubenden Monarchen. Sie guckten das prächtige Anwesen eines verstorbenen Pharmaunternehmers aus, das von einer Stiftung verwaltet wird. Doch dessen Enkel wollten die Finca selbst als Feriendomizil nutzen.

Die schmähliche Abfuhr wurde ruchbar, und der Ministerpräsident sah sich weiteren Anfeindungen ausgesetzt. Denn Menorca ist seit jeher Tummelgebiet eher linker Politiker, Künstler und Intellektueller oder von katalanischen Nationalisten. Das Magazin »El Siglo« titelte zu Ferienbeginn: »Ein Eindringling auf Menorca.«

Warum, fragten die Inselbewohner, konnte Aznar nicht einfach auf einem Staatsgut auf dem Festland Urlaub machen wie seine Vorgänger? Der Sozialist Felipe González pflegte seinen Freund Helmut Kohl sogar selbst zu bekochen, wenn er im andalusischen Coto de Doñana auf Staatskosten neue Kräfte schöpfte. Zu viele Mücken hieß es aus Aznars Kreisen.

Menorca musste es sein. Auf dem Eiland, das ehemals zum Britischen Empire gehörte, möchte Aznar auch die Familie Tony Blair begrüßen. Rechtzeitig vor Übernahme der EU-Präsidentschaft zu Neujahr will er wenigstens einen politischen Verbündeten gewinnen. Und das ursprünglich gute Verhältnis zum britischen Premier war in letzter Zeit über den Streit um den Felsen Gibraltar abgekühlt.

Nun scheint der Sommer doch noch gerettet. Vorige Woche setzte Aznar seine Familie auf dem privaten menorquinischen Landgut Morell ab. Im 18. Jahrhundert nach britischem Vorbild erbaut, hat die »casa de lloc« zwar keinen Strand, doch einen bestechenden strategischen Vorteil.

Ganz in der Nähe liegt der Yachthafen von Fornells. Dorthin pflegt der König von Mallorca aus zu segeln, um die örtliche Spezialität, Hummersuppe, zu genießen. HELENE ZUBER

* Oben: auf Menorca 2001; unten: in Oropesa 1996.

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